Er führte seine Idee im Alleingang aus, sich bewußt, daß die anderen ihn für blöd halten würden. Mit einer Bettpfanne in der Hand, als habe man ihn zur Unterstützung gerufen, pilgerte er zu den drei ausgeräumten Zimmern, in denen die drei amerikanischen Gesichtsverletzten allein lagen. Neben Dr. Red Stenton kümmerte sich noch Dora Graff und natürlich Dr. Mainetti um sie.
Feininger hatte Glück. Im ersten Zimmer war niemand. Der amerikanische Soldat lag allein. Man hatte ihm die Trachealkanüle wieder entfernt und den Luftröhrenschnitt vernäht. Er atmete wieder durch den Mund und durch zwei Plastikröhrchen, die seine Nasenlöcher offenhielten. Bei jedem Atemzug rasselte und pfiff es.
«Bye-bye!«sagte der Wastl und setzte sich an das Bett. Er hatte dieses Wort von den Negern aufgeschnappt und glaubte irrtümlich, daß es eine Begrüßung sei. Der amerikanische Verwundete nickte schwach. Er hatte helle, blaue Augen und kurzgeschorene, blonde Haare, die jetzt wie Stoppeln den Kopf überwucherten.
«Langweilig, was?«fragte der Wastl. Er stellte die Bettpfanne auf den Boden, um sie als Alibi sofort hochzureißen, wenn jemand das Zimmer betreten sollte. Ich setz' ihn sogar drauf, ob er will oder nicht. Sagen kann er ja nichts, dachte er.
Da kann gar nichts passieren.
«Nix Lust?«fragte er und machte vor den Augen des Amerikaners die Bewegung von Kartenmischen und Aufspielen.»Skat! 17 und 4! Mauscheln! Herzblättchen! 66! Doppelkopp! Sakrament, kennt's ihr koa G'spül?«
Der amerikanische Gesichtsverletzte schien zu verstehen. Er hob die Hände und zuckte mit den Schultern. Wastl Feininger atmete auf. Er nahm den Block Papier, auf dem der Verletzte seine Wünsche aufschrieb, und malte in dicken, klobigen Buchstaben:
«Nr. B/14.«
Er reichte das Blatt hin und tippte auf die Zahl.
«Dös bin i!«sagte er.»I!«Er zeigte auf sich. Dann bückte er sich, nahm die Bettpfanne und nickte dem Amerikaner zu.»Bye-bye!«sagte er wieder freundlich grinsend und verließ zufrieden das Zimmer.
Der Erfolg war verblüffend. Er stürzte Dr. Stenton in einen Gewissenskonflikt, der ihn zwang, bei Major Braddock anzurufen. Brad-dock kam sofort hinauf zum Schloß.
«Wem gehört diese Schrift?«fragte er und zeigte das Blatt Papier mit der Zahl B/14 zuerst Professor Rusch, dann Dr. Mainetti.»Der Kerl, der das geschrieben hat, bringt meine Verwundeten durcheinander. Sergeant Rondey verlangt — und er ist nicht davon abzubringen
— auf Zimmer B/14 verlegt zu werden. Er tobt, weil er nicht mehr allein sein will.«
Dr. Mainetti gab Braddock den Zettel zurück.»Für Verletzte, wie unsere Fälle es sind, ist es immer eine große psychologische Hilfe, in der Gemeinschaft mit Gleichleidenden zu leben. Einzelzimmer fordern zu sehr zum Nachdenken heraus und verstärken nur noch das Gefühl, ausgestoßen zu sein.«
«Das leuchtet ein!«Braddock rannte erregt hin und her.»Aber es ist unmöglich! Ein Sergeant der US Army auf einem Zimmer mit deutschen POWs! Das ist völlig ausgeschlossen! Wenn das bekannt würde!«
«Aus diesem Hause sind noch nie Geheimnisse getragen worden, Major. Es ist eine Welt für sich — die abgeschlossene Welt der Gesichtslosen. Hier gelten ganz andere Gesetze als draußen, viel bes-sere.«
Major James Braddock steckte die Hände in die Hosentaschen.»Wer hat diesen Zettel geschrieben?«
«Das wird sich nie feststellen lassen«, sagte Professor Rusch.
«Schweinerei!«Braddock blieb vor Rusch stehen.»Was soll ich tun?«
«Legen Sie Ihren Sergeanten Rondey auf Zimmer 14.«
«Diesen billigen Rat konnte ich mir selbst geben!«
Wütend rannte Braddock hinaus. Zwei Stunden verhandelten Braddock, Leutnant Potkins und Dr. Stenton mit dem Verwundeten. Es wurden Seiten vollgeschrieben und harte Worte gebrüllt. Sergeant Rondey wollte weg. Heraus aus der Einsamkeit. Er wollte Karten spielen.
«Ich liebe die Deutschen nicht«, schrieb er auf seinen Block,»aber es sind Menschen.«
Endlich gab Braddock seufzend nach, nachdem er durch Handschlag Leutnant Potkins und Dr. Stenton zum Schweigen verpflichtet hatte.
Am Abend fuhr man Rondey durch die Tür des Zimmers 14. Sein Bett war aufgeschlagen, die Insassen der Stube 14 hockten auf ihren Stühlen — es war ein ebenso feierlicher Augenblick wie bei der Überreichung eines Weihnachtsgeschenkes.
«Bye-bye!«sagte der Wastl wieder, als Rondey in seinem Bett lag und mit einem Winken und einem glücklichen Leuchten seiner hellen, blauen Augen die deutschen Gesichtsverletzten begrüßte.»Die Kuh ist da.«
«Wieso Kuh?«fragte der Berliner.
«Ja, seid's ihr denn blöd! In vier Wochen frißt er wieder. Aber so-vüll, wie der kriagt, kann er gor net fressen! Und wos übrigbleibt, bleibt, ihr Deppen — a Melkkuh is der doch, ihr Deppen, ihr damischen!«
Die Männer der Stube 14 schwiegen andächtig und sahen zu Sergeant Rondey hinüber. Ein herrliches Ei war ihnen ins Nest gelegt worden. Wenn es ausschlüpfte, hatten alle etwas davon. Es gab zu essen, es gab zu rauchen, es gab Pakete aus Amerika, und es gab et-was, was den Berliner und den Wastl vom Stuhl riß, als sie es beim Auspacken aus dem Kleidersack Rondeys zogen: eine Kollektion Fotos nackter Frauen.
«Sakrakruzidonnerwetter!«brüllte der Wastl.»Jetzt san 700 Kalorien noch zuvüll!«
Der Selbstmord Hitlers, die Eroberung der letzten deutschen Städte, wen kümmerte es noch auf Schloß Bernegg. Nur als Berlin von der Roten Armee überflutet wurde, saß der Berliner auf seinem Bett in der Ecke und weinte. Man verstand diesen Schmerz, niemand redete ihm zu oder versuchte, ihn zu trösten, weil es sinnlos war. Allein saß er da, mit dem Gesicht zur Wand, und schluchzte. Auch Sergeant Rondey schien zu wissen, was diese Stunde im Leben dieses Mannes bedeutete. Er winkte Fritz Adam zu sich, kramte in seinem Brotbeutel herum und holte eine Büchse Erdbeermarmelade heraus. Er zeigte auf den Berliner und gab die Büchse Adam. Leise, als störe er damit, legte Adam die Marmeladendose neben den Berliner auf das Bett. Der sah es nicht. Mit geschlossenen Augen hockte er auf der Bettkante, ein kleiner, armer Mensch, dem man nun alles genommen hatte: die Heimat, die Mutter — und sein Gesicht.
Was kann ein Mensch noch mehr verlieren?
Es war der einzige Tag, dessen Ereignisse noch unter die Haut gingen. Was dann kam, war so weit fort und von so geringem Interesse, daß auf Schloß Bernegg erst der Tag wieder beachtet wurde, an dem die deutsche Wehrmacht bedingungslos kapitulierte. Am 9. Mai 1945 um 0.01 Uhr war der Krieg zu Ende. Von den noch erhaltenen Kirchtürmen klangen die übriggebliebenen Glocken. In der Kapelle von Schloß Bernegg hing wieder der Glöckner mit dem halben Gesicht am Seil, und der dünne, scheppernde Klang wehte über den frühlingsgrünen Park hin.
Ein ausgeblutetes Volk sank in die Knie.
Es hatte dreieinviertel Millionen Wehrmachtstote.
1,6 Millionen Wehrmachtsvermißte.
Über eine halbe Million getötete Zivilisten.
Über zwei Millionen Kriegsbeschädigte.
1,2 Millionen Kriegerwitwen.
1,4 Millionen Halbwaisen.
60.000 Vollwaisen.
Es war die blutigste Lehre seiner Geschichte.
Dr. Lisa Mainetti saß im verdunkelten Zimmer Professor Ruschs in einem der Sessel und hörte das Ende des braunen Deutschlands im Radio. Von der Hauptwache herüber klang Grölen und Gesang. Unten in Bernegg wurde Salut geschossen. Vom Tor des Schlosses antworteten die amerikanischen Wachmannschaften. Sie hielten die Maschinenpistolen in den Nachthimmel und feuerten ihre Magazine leer. Dann begannen auch die beiden Panzer zu schießen. Sie zielten in den Wald neben der Schloßmauer, und bei jeder Explosion, bei jedem Zusammenkrachen der hohen Fichten erhob sich ein Johlen und ein Geschrei:»Happy victory!«
Professor Rusch stand auf und ging in der Dunkelheit zu seinem Bücherschrank. Aus dem unteren Regal räumte er alle Bücher aus, dicke, hohe medizinische Werke, die seit Jahren dort standen und verstaubten. Hinter der Bücherreihe war noch Platz bis zur Rückwand des Schranks. Dort lag, in Packpapier eingewickelt, eine Flasche Wein. Professor Rusch entfernte das Papier und kam zu Lisa Mainetti zurück.