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«Eine 1938er Brauneberger Juffer Auslese«, sagte er.»Es ist die letzte Flasche aus meinem Keller. Für den heutigen Tag habe ich sie aufgehoben. Er mußte ja einmal kommen.«

Mit dem Korkenzieher an seinem Taschenmesser öffnete er die Flasche und goß den Wein in die Gläser, aus denen sie damals den Whisky getrunken hatten.

«Nun ist der Krieg vorbei, Lisa«, sagte er feierlich.»Wir haben ihn überlebt. Laß uns das weitere Leben gemeinsam durchstehen.«

«Ein neuer Antrag, Walter?«Lisa legte beide Hände um ihr Glas.

«Ja. Vielleicht der letzte.«

Das Glas in Lisa Mainettis Hand zitterte plötzlich.

«Warum der letzte?«fragte sie stockend.

«Wenn du nein sagst, hält mich nichts mehr in Deutschland. Ich weiß es von Major Braddock. Sie werden mit einem Angebot kommen. Bald. Es gibt Ausnahmen im allgemeinen Deutschenhaß. In mir sieht man eine solche Ausnahme. Ich werde zusagen, wenn du nein sagst.«

«Eine Erpressung, Walter?«

«Man kann Liebe nicht erpressen. «Professor Rusch lehnte sich zurück.»An deiner Antwort werde ich sehen, ob ich in einer Illusion gelebt habe, ob alles wirklich nur eine Liebe war, die der Krieg gebiert und der Frieden erwürgt. Wir kennen uns über zwei Jahre — wir sollten uns keine solchen Erklärungen mehr zu machen brauchen.«

Lisa Mainetti hob ihr Glas und trank.

«Es ist gut, Walter«, sagte sie danach.»Wir können nicht anders.«

«Was?«Ruschs Stimme wurde atemlos.»Ja — oder nein!«

«Ja.«

«Lisa!«Rusch sprang auf. Er warf sein volles Glas mit dem köstlichen Wein an die Wand und riß Dr. Mainetti aus dem Sessel empor.»Lisa! Ich glaube, ich habe als einziger den Krieg gewonnen!«

In den beiden Fenstern des Zimmers B/14 hingen Schwabe, Adam, der Berliner und Feininger, Kaspar Bloch und Walter Hertz. Sergeant Rondey wurde von ihnen gestützt. Er hatte zwar noch strengste Bettruhe, aber das Siegesfest seiner Landsleute sollte er miterleben und mithören. Auch Kaspar Bloch hörte wieder, aber nur im Rahmen seiner Stube und bei Dr. Lisa Mainetti. Sonst spielte er die Rolle des Tauben weiter, gewarnt durch einen Vorfall im Block C. Dort hatten die Amerikaner alle gehfähigen Kranken der Inneren Abteilung als Gefangene mitgenommen. Nur die Bettlägerigen und die Leute auf den Isolierstationen blieben zurück.

«Bleib taub, Kaspar!«hatte Fritz Adam geraten, der durch Dora Graff schnellstens über alle Maßnahmen der Amerikaner unterrichtet wurde.

«Hört das denn nie auf. «schrie Bloch.»Mein Gott, ich will nach zwei Jahren endlich ein vernünftiger Mensch sein!«

Aber er spielte weiter und fiel weder Dr. Stenton noch Major Brad-dock auf.

In Bernegg schossen sie noch immer. Die Panzer vor dem Schloß schwiegen. Die Wolken des Pulverdampfes zogen träge durch die Büsche und durch den Park. Der Wastl schnupperte wie ein Kaninchen.

«Dös werden wir jetzt nie mehr riechen!«sagte er.»Gott sei's gedankt. Wir Deitschen schiaßen nie mehr!«

Und die Glocken läuteten dazu aus allen Tälern.

Mit dem Ende des Kriegs begann, fast über Nacht, der Aufbau. Wie ein Heer Ameisen sich über den zerstörten Bau stürzt und Hälm-chen und Hölzchen und Tannennadeln zusammenträgt, so wimmelte es in den Trümmern der Städte von tätigen Menschen.

Eine Hilfspolizei mit weißen, gestempelten Armbinden wurde eingesetzt, erste Ausweise wurden ausgestellt, Bürgermeister wurden ernannt, die bisherigen Beamten blieben bis zur kommenden >Durch-leuchtung< im Amt, soweit sie nicht besonders stark belastet waren, was sich anhand der überall sofort beschlagnahmten Parteilisten feststellen ließ.

Auch in Köln standen die Frauen und die alten Männer auf den Straßen, räumten die Fahrbahnen frei, warfen die Trümmer in ausgebrannten Häusern zu Haufen zusammen, zogen Lichtleitungen, flickten die Wasserrohre und bargen die letzten Toten aus den Kellern, die freigeschaufelt wurden.

Auch in der ehemaligen Horst-Wessel-Straße begann das Aufräumen. Ursula und Frau Schwabe waren mit einer Handkarre, die ihnen die Nachbarin für zwei Pfund Kartoffeln und eine Wochenzuteilung Butter geliehen hatte, von Straße zu Straße gezogen, von einem ausgebrannten Haus zum anderen, waren in verlassene Keller geklettert und hatten verschüttete Hinterhöfe durchforscht.

Sie suchten eine Tür.

Bei einem der letzten Angriffe auf Köln war eine Luftmine in die Trümmer der gegenüberliegenden Straßenseite gekracht. Der Luftdruck hatte die Kellertür gesprengt und die beiden Frauen gegen die Wand geschleudert. Dort hatten sie mehrere Stunden lang bewußtlos gelegen, mit Mörtel und Staub bedeckt, grau gepudert, wie die Bombenleichen, die noch überall lagen. Es war ein alltäglicher Anblick geworden, und die Nachbarn, die nach dem Angriff in den Schwabe-Keller sahen, nickten nur und gingen wieder.

«Lungenriß!«sagte einer.»Isch jeh zur Ortsjrupp und hol da Papiersack.«

Ein Sarg war ein Märchen aus einem Bilderbuch, eine pietätvolle Erinnerung geworden. In Säcken aus präpariertem Papier wurden die Bombenleichen in Reihen- oder Massengräbern verscharrt.

Aber Ursula und Frau Schwabe hatten den Luftdruck bis auf einige Beulen am Körper überlebt. Als dann die Amerikaner einrückten, waren sie drei Tage lang nicht aus dem Keller herausgekommen, aus Angst, ein Neger könne sie anfallen. Erst als die Kampftruppen weiterzogen und die Besatzungssoldaten kamen, als Köln zur Nachschubdrehscheibe wurde und die Bäckereien pro Kopf 100 Gramm glitschiges Brot ausgaben, wagten sie sich hervor und stellten sich mit in die lange Reihe der Wartenden — von 4 Uhr morgens, sich alle zwei Stunden ablösend, bis sie um 11 Uhr ihre 200 Gramm bekamen.

Nun war der Krieg zu Ende. Eine neue Tür war notwendig. Dreimal waren Trümmerfledderer in den Keller gekommen. Nur der Hilfeschrei der beiden Frauen hatte sie verjagt.

Am Abend hatten sie endlich eine schöne, feste Tür gefunden. Sie hing im Türrahmen eines bis zum ersten Stockwerk ausgebrannten Hauses und hatte früher einen Korridor vom Treppenhaus getrennt. Sogar der Schlüssel steckte noch im Schloß. Zwar war sie etwas angesengt und verwittert, aber es war eine gute, dicke, feste Eichentür.

Ursula und Frau Schwabe bauten sie aus. Sie hieben mit Hämmern den Rahmen auseinander, luden die Tür auf den Handkarren und schoben ihren Schatz ächzend und keuchend zurück zur Horst-Wes-sel-Straße. Sie hieß noch so, obwohl man die noch vorhandenen Straßenschilder sofort beim Einmarsch abmontiert hatte. Aber einen neuen Namen hatte man der Straße noch nicht gegeben.

Als sie vor dem Hause Nr. 4 ankamen und die schwere Tür von der Karre hoben, saß auf der Kellertreppe ein Mann. Er trug einen zerschlissenen graublauen Anzug, eine karierte Sportmütze und plumpe >Knobelbecher<, über die er die Hosenbeine gezogen hatte. Er sprang auf, als er die beiden Frauen kommen hörte, und tauchte aus dem Kellereingang auf, als sie die Tür auf die Straße hoben.

«Der liebe Junge ist wieder da!«rief der Mann, riß seine Mütze vom Kopf und schwenkte sie durch den Maiabend.

Die Tür glitt aus den Händen Ursula Schwabes.

«Karlheinz.«, stammelte sie.»Karlheinz Petsch.«

Frau Hedwig Schwabe biß die Zähne zusammen. Sie stemmte sich gegen die Tür, damit die Karre nicht umschlug.

«Fassen Sie an!«rief sie.»Wenn Sie schon 'mal da sind!«

Und Karlheinz Pesch, der ehemalige Feldwebel der Luftwaffe, spuckte in die Hände, sagte» Hauruck!«, bückte sich etwas, ließ sich die schwere Tür auf die Schulter schieben und trug sie die Kellertreppe hinunter.

«Er ist zurückgekommen«, stotterte Ursula. Sie lehnte sich gegen die Reste des Hauseinganges.»Er muß weg, Mutter. Er muß sofort weg. Du mußt ihm sagen, daß Erich jeden Tag kommen kann. Du mußt ihn hinauswerfen. Sofort, hörst du, Mutter. Sofort!«