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«Die paßt wie nach Maß gemacht!«rief Petsch aus dem Keller.»Nur das Schloß geht nicht. Aber 'n Schloß kriegen wir auch noch!«

«Jag ihn weg, Mutter«, stammelte Ursula. Ihre Augen waren schrek-kensweit.»Bitte, bitte.«

Frau Schwabe nickte und stieg in den Keller.

Karlheinz Petsch saß auf einem Stuhl und hatte sich eine Zigarette angezündet. Es war eine süßliche Virginiazigarette. Fünf Stück davon genügten den Amerikanern, um dafür ein deutsches Mädchen zu kaufen. Frau Schwabe wedelte mit der Hand durch die Luft, um den Rauch zu vertreiben, der zu ihr hinzog. Petsch wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

«Tja, Muttchen — da bin ich wieder«, sagte er. Es war eine lahme Rede. In Frau Schwabes Augen las er genau, was sie dachte und was sie ihm gleich sagen würde. Er kam dem zuvor, indem er sich erhob und die Zigarette auf dem Betonboden zertrat. Die Kippe schob er mit der Schuhspitze zum Ofen.

«Ich wußte nicht, wohin, Muttchen. Meine Heimat ist von den Iwans besetzt, Verwandte habe ich nicht mehr, ich habe eigentlich nichts auf der Welt als mich selbst. Ja, und die Erinnerung an Ursula. Das war's. Das hat mich nach Köln getrieben. Gehste hin und fragste höflich, ob du bleiben kannst, habe ich mir gedacht. Und nützlich kann-ste dich machen, habe ich mir gedacht. Ein Mann kann mehr organisieren als zwei Frauen. Organisieren haben wir schließlich gelernt beim Barras, Muttchen!«

«Nennen Sie mich nicht immer Muttchen!«sagte Frau Schwabe streng. Was sie Karlheinz Petsch entgegenschleudern wollte, war hinfällig geworden. Er hatte kein Zuhause mehr, keine Eltern, keine Geschwister, niemanden mehr. Er war zum Strandgut geworden, das die letzten Wellen des Krieges zu ihnen getrieben hatten.

«Wie stellen Sie sich das vor?«fragte sie.

«Wie man sich das so denkt. Ich werde mir einen Nebenkeller ausbauen, und Sie oder Ursula kochen für mich. Das ist alles, was Sie zu tun brauchen. Alles andere mache ich. Ich besorge zu essen, ich beschaffe für euch, was ich kann. Und ich baue das Haus wieder auf.«

«Das Haus?«

«Aber ja! Ich bin doch Maurer und Putzer! Wir werden die Steine schön abklopfen, Wasser gibt's wieder, Sand und Zement werd' ich organisieren. Und Sie sollen sehen, wie schnell wir das Parterre wieder hochgezogen haben! Wenn andere noch in den Bunkern hok-ken, haben Sie schon eine Luxuswohnung! Und als Maurer, Muttchen, da kommt man überall 'ran, da kriegt man alles, was man braucht. Ich bin doch jetzt der wichtigste Mann.«

«Und… und wenn mein Sohn zurückkommt? Jetzt kommt er be-stimmt zurück!«

«Dann geb' ich ihm die Hand und sage: >Guten Tag, Kumpel! Ich hab' mich 'was um deine Frauen gekümmert. Los, die Ärmel hoch und angepackt. Du setzt den Mörtel um, ich mauere.<«

«Und Ursula?«

«Tja«, Karlheinz Petsch hob die Schultern.»Das muß nun Ursula allein wissen. Ich bin immer für sie da.«

«Sie weiß es schon. Sie wartet auf ihren Mann!«

«So sicher bin ich da nicht. Hat sie überhaupt schon einen Gesichtsverletzten gesehen?«

«Ja. Zufällig.«

«Zufällig sehen ist etwas anderes als ein ganzes Leben mit einem solchen Mann zusammenleben. Man kann sich das einmal oder zweimal ansehen. Aber immer? Tag und Nacht? Und man weiß nie: Wird's wirklich anders? Oder bleibt er so?«

Frau Schwabe trat aus dem Eingang. Ihr verhärmtes, vom Hunger gezeichnetes Gesicht zuckte.

«Sie sprechen von meinem Sohn!«sagte sie kalt.»Gehen Sie.«

«Da hört doch alles auf!«Karlheinz Petsch nahm seine karierte Mütze und stülpte sie über die verschwitzten Haare.»Jedem ist heute das Hemd näher als die Hose. Und Sie denken zehn Jahre weiter. Ich könnte mich ja auch hinsetzen und sagen: >So, jetzt wartest du, bis der Iwan wieder aus deiner Stadt 'raus ist.< Einmal muß er ja gehen. Mensch, wo kämen wir da hin? Weitergehen muß es, rundlaufen muß der Motor, sonst wird er sauer! Was ihr macht, ist Blödsinn. Im Keller hocken und sagen: >Es wird schon werden.<«

«Bitte, gehen Sie«, sagte Frau Schwabe eisig.»Wir brauchen Ihre Lebensphilosophie nicht. Wir wissen, was wir tun werden, wenn Erich zurückkommt.«

«Heulen werdet ihr, Kohldampf zu dritt schieben und auf'n Wunder warten! Es gibt aber in Deutschland keine Wunder mehr. Das letzte war, daß wir noch leben!«

Er trappte die Treppe hinauf, die Hände in den Taschen, die Schultern nach vorn gedrückt. Oben am angeschlagenen Hauseingang lehn-te noch immer Ursula und wartete. Als sie Petsch aus dem Keller steigen sah, lief sie ein paar Schritte weiter in die Trümmerberge hinein. Karlheinz Petsch blieb stehen.

«Bin ich ein Wolf?«schrie er zu der zitternden Uschi hinüber.»Ich schlage mich durch Russen, Engländer und Amerikaner durch, um euch 'ne Freude zu machen, und ihr behandelt mich wie ein Stück Dreck!«Er holte tief Atem, griff in die ausgebeulten Taschen seiner Hose und zerrte eine flache Schachtel mit Schoka-Cola hervor, wie sie die Flieger als Sonderverpflegung erhalten hatten. Er legte die Blechdose auf den stehengebliebenen Sockel einer einstigen Zwischenwand und winkte mit dem Kopf.»Hol sie dir. Seit drei Monaten schleppe ich sie mit 'rum. Die bringste der Uschi mit, hab' ich gedacht. Wann hat die zum letztenmal Schokolade gesehen. «Er zögerte, wartete auf eine Antwort, aber als Ursula schwieg, hob er wieder die Schultern.»Also dann nicht, Mädchen. Ich ziehe drei Keller weiter ein. Hab' ihn schon angeguckt, er ist trocken und groß. Und wennste mich brauchst, ich bin immer da. Nicht nur jetzt. Auch wenn der Erich wiederkommt!«

Ursula wartete, bis Karlheinz Petsch über die Trümmer kletterte und hinter den Schuttbergen verschwand. Dann rannte sie zurück zum Keller, an der Schokolade vorbei, und stolperte die Treppe hinab.

Frau Schwabe saß mit versteinertem Gesicht auf ihrem Bett. Das Bild Erichs hielt sie in den Händen und starrte sein lachendes, jugendfröhliches Gesicht an.

«Ich fahre nach Bernegg«, schluchzte Ursula.»Ich fahre morgen schon nach Bernegg, Mutter. Ich… ich will hier nicht mehr bleiben.«

«Es ist gut«, sagte Frau Schwabe und starrte weiter auf das Bild.»Fahr du nur. Es kann dir nur gut tun. Und Erich auch!«

In der Nacht stand Ursula auf und schlich nach draußen. Sie holte die Schokolade.

Die Rechnung Wastl Feiningers mit dem Sergeanten Bill Rondey ging nicht auf. Sie erwies sich als ausgesprochener Fehlschlag. Rondey bekam wegen seines zertrümmerten Kiefers nur flüssige Nahrung, genau abgemessen. Für die Stube B/14 blieb da nichts übrig, ganz davon abgesehen, daß diese Ernährung nicht in der Geschmacksrichtung lag, die man erhofft hatte. Man hatte an Speck und Eier gedacht, an Marmelade, Schmalz und Keks, an Schokolade, Fruchtstangen und Nescafe, an Schinken, Käse und Hühnchen, die tiefgefroren kistenweise direkt aus Amerika in Bernegg ankamen.

«Blöde Hunde sind wir!«sagte der Berliner.»Det müßten wir doch von uns kennen! Wie lange haben wir gebraucht, bis det erste feste Essen kam? Als ob bei 'nem Ami die Visage schneller heilt!«

Der einzige Gewinn war die Fotosammlung. Aber sie stillte nicht den Hunger, im Gegenteil, sie machte hungrig, wenn auch anders. Zwei Wochen nach der Kapitulation holte man Bill Rondey ab. Er sollte nach Amerika geflogen werden, in ein amerikanisches Spezialkrankenhaus für Gesichtsverletzte, nach San Diego.

«Mach's gut, Junge!«sagte der Berliner, als Rondey auf der Trage lag. Sie drückten ihm alle die Hand und gaben ihm ein Geschenk mit. Es war wieder ein Glasmosaik, das Erich Schwabe aus bemalten Glasscherben gebastelt hatte. Ein Bild von der kleinen Schloßkapelle, mit dem hohen Wald dahinter und dem blinkenden Wasserspiegel des Teichs. Unter dem Bild standen alle Namen der Insassen von Stube B/14.

«A souvenir for you, Bill!«sagte Fritz Adam in seinem holprigen Schulenglisch.