Bill Rondey nickte. Seine hellen, blauen Augen waren plötzlich wäßrig. Er nahm seinen Block und schrieb mit großen Buchstaben:
«I like you all together! — Ich mag euch alle zusammen.«
Dann wurde er von zwei riesigen Negern hinausgetragen, und er winkte mit beiden Armen zurück, bis er um die Biegung im Treppenhaus verschwand.
Am nächsten Tag brachte Leutnant Potkins, der >Kommandeur< des Lazaretts, einen Stapel Post zu Dr. Mainetti. Major Braddock hatte ihn vom Postamt Bernegg heraufschaffen lassen, nachdem die Briefe, zum Teil schon drei Wochen alt, die Zensur seiner Schreibstu-be passiert hatten. Auch ein Telegramm war dabei. Es war erst vor zwei Tagen aufgegeben worden und hatte einen abenteuerlichen Weg hinter sich. Über Frankfurt, Darmstadt, Aschaffenburg nach Würzburg und von dort mit anderen Postsachen nach Bernegg.
Lisa Mainetti betrachtete es staunend. Ein Telegramm zu dieser Zeit war seltener als ein Brillant. Entweder war die Weiterleitung ein Irrtum oder ein unsagbarer Glücksfall.
Dr. Mainetti las den Text und zögerte. Soll man es weitergeben? dachte sie. Ist es nicht noch zu früh? Wird Major Braddock es überhaupt erlauben? Aber dann schien es ihr, als sei es nicht recht, das Telegramm zu vernichten und alles in der Stille abzuwenden. Sie faltete das Papier wieder zusammen und ging zu Stube B/14.
Die Männer saßen beim Skat.»Die Hosen 'runter! Ich hab 'n Null-ouvert!«brüllte der Berliner gerade, als Lisa eintrat. Es saß noch in den Knochen, daß Adam >Achtung< rief, und die Spieler die Karten hinwarfen und aufsprangen.
«Kinder, laßt doch den Blödsinn!«sagte Lisa Mainetti. Sie wedelte mit dem Papier und blickte sich um.»Ein Telegramm für Erich Schwabe.«
«Für mich? Ein Telegramm?«Schwabe kam um den Tisch herum. Das Knochengerüst mit dem Periost war gut eingeheilt. In den nächsten Tagen wollten Rusch und Lisa mit der Hautdeckung beginnen. Noch immer sah das Gesicht schrecklich aus, aber es hatte wieder einen vorspringenden Teil, es war keine glatte Fläche mehr.
Mit beiden Händen griff Schwabe zu und faltete das Papier auseinander. Dann begann er zu zittern, riß die Arme hoch, drehte sich im Kreise, umarmte Dr. Mainetti und tanzte im Zimmer herum.
«Sie kommt!«jubelte er.»Frau Doktor, Jungs, sie kommt! Meine Uschi kommt hierher! Sie ist schon unterwegs! Meine Frau kommt, meine Frau. «Er ließ das Telegramm fallen und streckte beide Arme zu Lisa aus, als versinke er in einem rasenden Strudel.»Frau Doktor«, rief er,»Sie müssen mir jetzt einen schönen Verband machen, einen richtig schönen Verband, mit breiten Leukoplaststreifen, damit sie nicht so viel sieht. Mein Gott!«Er setzte sich auf sein
Bett und legte die Hände vor das zerstörte Gesicht.»Sie kommt.«
Der Berliner kratzte sich den Kopf.»Det is schön, Erich«, sagte er langsam.»Aba — ob die Amis se 'reinlassen? Wir sind doch ooch bloß Kriegsjefangene.«
Kapitel 11
Erich Schwabe ließ die Hände sinken.»Sie werden Uschi nicht zu _mir lassen«, wiederholte er leis.»Natürlich, wir sind ja jetzt Gefangene.«
«Det is ja der Mist!«Der Berliner hieb mit der Faust auf den Tisch.»Doppelt bestraft ham se uns! Keene Fresse mehr und keene Freiheit. Ick jloobe, Jerechtigkeit is bloß noch 'n Wort im Lexikon!«
«Was soll ich machen, Frau Doktor!«Es war ein kläglicher Schrei, der aus Schwabe herausbrach. Bitte, hilf mir, bedeutete die Frage. Nur Sie wissen jetzt Rat, nur Sie allein. Dr. Mainetti verstand ihn. Und als sie seine Augen sah, diese entsetzten, bettelnden Augen, nickte sie ihm zu und klopfte ihm auf den gebeugten Rücken.
«Ich werde mit Major Braddock sprechen«, sagte sie.»Vielleicht läßt er Ihre Frau zu Ihnen.«
«Vielleicht«, stammelte Schwabe.
«Es wird natürlich nur im Beisein eines amerikanischen Soldaten möglich sein, wenn überhaupt.«
«Wie im Zuchthaus!«schrie der Berliner.»Sprecherlaubnis mit 'n Wachtmeester im Rücken. Kinder, wer's noch nicht kann — hier kann-ste 's Kotzen lernen!«
«Schließlich haben wir den Krieg verloren, Jungs«, sagte Dr. Mainetti laut. Der Wastl Feininger hob abwehrend und kopfschüttelnd beide Arme.
«I net! I hob net ang'fangn! G'holt ham's mi, von heut auf mor-gen!«
«Ich werde alles versuchen, Schwabe. «Lisa Mainetti legte ihre Hand unter Schwabes Kinn und hob sein verstümmeltes Gesicht mit dem neuen Nasenknochengerüst empor. In seinen Augen sammelten sich die Tränen und rannen lautlos durch die Narbengräben zum Mund.»Sie sind doch ein Mann, Schwabe, und keine Heulsuse!«sagte sie grob.»Es wird sich schon eine Möglichkeit finden. Schon vorher flennen — Himmel, was seid ihr bloß für große Kinder!«
Schwabe schluckte und legte beide Hände auf sein Gesicht, um die Tränen zu verdecken. Er lächelte sogar, sein wild vernarbtes Gesicht mit dem lippenlosen Mund wurde zu einer schrecklich grinsenden Fratze.
«Einen Ton haben Sie, Frau Doktor.«, sagte er mit mühsam fester Stimme.
«Na ja, den versteht ihr wenigstens! Soll ich mit euch heulen? Das wäre ein schöner Gesangverein. So, und nun legen Sie sich lang und bleiben Sie liegen. Baumann wird Sie nachher zum Verbinden abholen. Und daß mir das Gesicht trocken ist! Wie sieht denn so ein nasser Verband aus?«
«Ich danke Ihnen, Frau Doktor«, sagte Schwabe leise.»Ich werde Ihnen ewig danken!«
«Sie reden schon wieder Dummheiten, Schwabe! An Ihre Frau sollten Sie jetzt denken und was Sie ihr sagen wollen, wenn sie zum erstenmal vor Ihnen steht und Sie sieht. Das ist nicht einfach.«
«Ich habe mir das alles schon überlegt, Frau Doktor. Seit Monaten schon jedes Wort.«
«Und was wollen Sie sagen?«
«Nicht viel. Nur: >Da bin ich, Uschi.<«
«Typisch Mann!«Dr. Mainetti knüpfte ihren weißen Arztkittel zu.»Hier bin ich — und damit ist alles in Ordnung!«
«Was soll man denn sonst sagen?«
«Etwas Liebes, etwas Tröstendes.«
«Jawohl!«Dr. Mainetti wandte sich an die anderen, die stumm herumstanden.»Ihr müßt euch endlich abgewöhnen, zu denken, daß man euch trösten muß! Eure Frauen und Mütter brauchen Trost, wenn sie euch so sehen.«
«Ooch det noch!«sagte Paul Zwerch, der Berliner.»Und wer hat mir jetröstet?«
«Ich!«Lisa sah den Berliner ernst an, und der Junge senkte den Kopf und scharrte mit den Fußspitzen über den Boden.»Soll ich erzählen, wie's war, als man Sie einlieferte, lieber Zwerch? Aus dem Fenster wollten Sie sich stürzen, und später haben Sie mich zwei Tage lang angefleht, Ihnen eine Überdosis Morphium zu geben, damit det Unjeheuer von Mensch weg ist! Na, und jetzt? Wer hat im Block B die größte Schnauze?«
Der Berliner nickte schwach.»Sie sin 'ne dufte Frau«, sagte er leise.»Ick danke Ihnen. Jehn wir also hin und trösten die Ursula.«
«Und Sie werden vorher mit ihr sprechen, nicht wahr, Frau Doktor?«rief Schwabe ihr durch die offene Tür nach, als Lisa das Zimmer schon verlassen hatte. Vom Flur her nickte sie ihm zu.
«Natürlich, Schwabe! Wenn Sie vor Ihrer Frau stehen, kriegen Sie ja doch kein Wort heraus.«
Die Tür klappte zu. Schwabe legte die Hände unter seinen Kopf und sah hinüber zu seinen Stubengenossen.
«Woher Sie das bloß weiß?«sagte er.
Major Braddock sah erstaunt auf das Whiskyglas, das vor ihm auf dem Tisch stand. Es war leer, und niemand machte Anstalten, es zu füllen. Professor Rusch saß hinter seinem Schreibtisch. Man sah ihm an, daß er es als unangenehm empfand, was Lisa Mainetti hier, ohne ihn zu fragen, arrangiert hatte. Sie stand neben Braddock, an den Schreibtisch gelehnt, und sie hatte den Arztkittel mit einem hellen, luftigen Sommerkleid vertauscht.
Damned, dachte James Braddock. Sie ist ja eine Frau, und was für eine! Sie hat einen schlanken, schönen Körper, lange, gerade Beine und einen Kopf wie eine Römerin. Und jünger sieht sie plötzlich aus — sie ist von jener Unbestimmbarkeit, die einen Mann reizt,