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die Reife einer Frau festzustellen.

«Hier bin ich also«, sagte Braddock und schielte wieder auf das leere Whiskyglas.»Ich konnte nicht widerstehen, sofort Ihrer Bitte nachzukommen, Miß Mainetti. «Er legte seine Hand um das Glas, es wirkte aufreizend auf ihn durch seine Leere. Dr. Mainetti lächelte und tippte Braddock auf den Handrücken.

«Sie vermissen Whisky, Major?«

«Ein leeres Glas irritiert mich immer. Warum steht es hier?«

«Ihretwegen. Ich nehme an, daß Sie eine Flasche bei sich haben. Wenn Sie nichts dagegen haben, hole ich für den Chef und mich auch noch ein Glas.«

James Braddock starrte Lisa entgeistert an. Dann lachte er schallend, zog aus der Tasche eine flache Flasche und stellte sie auf den Schreibtisch.»Diese Erpressung sollten Sie sich patentieren lassen!«rief er.»Verdammt, ich muß nach Germany kommen, um so eine Frau kennenzulernen.«

Lisa Mainetti hielt Braddock ihr und Ruschs Glas hin. Sie schien ausgelassen fröhlich zu sein, ebensosehr sehr wie Professor Rusch stumm und sichtlich mißgelaunt war.

«Es ist eben doch etwas dran an dem Begriff >Made in Germa-ny<!«rief sie. Braddock vergoß vor Lachen seinen Whisky, er lief Lisa über die Hand und den Unterarm.

«Ein Teufelsweib!«rief er.

«Ich finde, du benimmst dich ein wenig frivol«, sagte Professor Rusch. Seine Stimme war dunkel und gepreßt. In Lisa Mainetti sprang eine heiße Welle hoch und durchspülte ihren Körper. Er ist eifersüchtig, dachte sie. Professor Rusch ist eifersüchtig auf einen amerikanischen Major. Der Gedanke und dieses Gefühl machten sie noch glücklicher. Sie stieß mit James Braddock an und trank einen langen Schluck des goldgelben Whiskys. Rusch nippte nur, unlustig, mit verkniffenem Gesicht, trotzig wie ein Junge, dem Spielzeug weggenommen wurde.

«War's nur der Whisky?«fragte Braddock, als er sein Glas geleert hatte. Dr. Mainetti lachte und setzte sich auf den Schreibtisch.

«Ich habe Sie immer für einen besonders klugen Mann gehalten, Major«, sagte sie.»Aber was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, ist kein Versuch, Gesetze, Bestimmungen, Befehle oder was Sie sonst von Washington haben, zu verwässern oder vergessen zu lassen. Es ist nichts anderes als ein simpler Appell an Ihr Herz, weiter nichts! Ich rufe Ihr Herz, Major, Ihre Menschlichkeit.«

«Das klingt geheimnisvoll, Miß Mainetti. «Braddock lehnte sich im Sessel zurück und betrachtete eingehend Lisas Knie.»Wollen Sie mehr Kalorien für das Lazarett? Völlig unmöglich! Deutschland hat den Krieg verloren. Und nun werden die Deutschen hungern müssen, bis ihnen die Knochen erweichen. Ich kann es nicht ändern.«

Lisa Mainetti beugte sich vor. Braddock sah im Ausschnitt ihres Kleides den Brustansatz, und sein Blick wurde irritiert.»Ich kann nicht beurteilen, ob Sie nicht in der Lage sind, zwei oder drei Kartons Lebensmittel mehr zu besorgen«, sagte sie.»Obgleich ich weiß, daß in Bernegg die Köche Ihrer Truppenkantinen jeden Tag Fett pfannenweise auf die Erde kippen und nicht gegessene gebratene Hühner vergraben.«

«Befehl, Miß Mainetti! No fraternisation!«

Braddock hob bedauernd beide Hände und goß neuen Whisky ein.

«Ich weiß. «Lisa wartete, bis Braddock wieder einen langen Zug genommen hatte.»Aber es geht nicht um Essen, Major.«

«Nicht? Haben die Deutschen denn noch wichtigere Probleme?«

«Ich habe sie, Major. Ich persönlich.«

Braddock nickte verständnisvoll.»Verstehe. Ich soll Ihnen eine Garnitur aus Nylon kommen lassen?«

Einen Augenblick war selbst Lisa Mainetti verblüfft. Professor Rusch schnaufte durch die Nase und sah Lisa böse an. Aber dann lachte sie laut und bog sich in den Hüften. Braddock stellte verwundert und ein wenig beleidigt sein Glas wieder auf den Tisch zurück.

«Warum finden Sie das so lächerlich?«fragte er laut. Jetzt werde ich ihr weh tun, dachte er zufrieden. Ihren Stolz werde ich k.o. schlagen.»Für einen Nylonschlüpfer kann man die Moral der deutschen Frau kaufen!«sagte er grob.

Dr. Mainettis Lachen brach ab. Plötzlich war sie wieder ernst und fast unnahbar steif. Als sei sie in ihren weißen Kittel geschlüpft, dachte Braddock. Sie ist wie ein Chamäleon. Blitzschnell wechselt sie Stimmung und Aussehen. Ein phantastisches Weib.

«Es ist traurig, Major«, sagte Lisa,»daß Sie in Deutschland nur diese Frauen kennengelernt haben. Um einen Nylonschlüpfer zu bekommen, bitte ich Sie nicht ins Lazarett. Da wär' ich zu ihnen nach Bernegg gekommen, nach Einbruch der Dunkelheit.«

«Sorry«, sagte Braddock etwas verlegen.»Was also wollen Sie von mir? Wo soll mein Herz sprechen?«

«Ein Verwundeter von uns, einer der ganz schwer Gesichtsverletzten, der bestimmt noch fünf Jahre braucht, um wieder wie ein halbwegs ansehbarer Mensch zu wirken, bekommt Besuch von seiner Frau.«

James Braddock erhob sich sofort. Sein Gesicht wurde dienstlich und undurchdringlich.»Nicht erlaubt!«sagte er hart.

«Genau das habe ich erwartet, Major. Hier spricht der Soldat, hier kommandiert der Sieger: Nicht erlaubt! Auch die Verwundeten sind POWs!«

«Ich habe noch keine anderen Befehle erhalten, Miß.«

«Eben darum geht es. Ich möchte keinen Befehl umgehen. Ich rufe Ihr Herz, Major!«

«Was Sie verlangen, ist gegen jede Instruktion!«James Braddock begann, in dem großen Chefzimmer hin und her zu laufen.»Sie haben hier über 200 Gesichtsverletzte! Wenn jeder seine Frau oder seine Mutter oder seine Braut kommen ließe! Das ist ja vollkommener Irrsinn! Ein Gefangenenlager — auch ein Gefangenenlazarett — ist doch kein gemütliches Kaffeekränzchen oder kein riesiges Ehebett!«

«Es handelt sich um eine Frau, Major. Sie ist schon unterwegs. Sie schlägt sich von Köln bis nach Bernegg durch, auf der Straße per Anhalter, mit Güterzügen, auf Zugdächern oder Trittbrettern. Zum erstenmal will sie ihren Mann sehen, den sie zum letztenmal geküßt hat, als er mit blonden Haaren und einem lachenden Gesicht vom Urlaub zurückfuhr. Und nun wird sie ihn wiedersehen — ein glattgeschabtes Gesicht ohne Lippen, ohne Nase, mit abgerissenen Ohren und vernarbten und verkrusteten Wangen — eine Fratze nur, Major Braddock. Und sie kommt über Hunderte von Kilometern, um dieser Fratze ihre Liebe zu sagen. - Rührt das nicht an Ihr Herz, Major? Sind da nicht alle Befehle nur noch leeres Papier? Können Sie da sagen: >Nicht erlaubt!<, ohne sich vor sich selbst zu schämen?«

James Braddock stand am Fenster, mit dem Rücken zu Lisa und Professor Rusch. Seine Finger trommelten gegen die Scheibe, ein rasender, monotoner Rhythmus.

«Ich möchte den Mann sehen«, sagte Braddock rauh. Er drehte sich um und ging rasch an Lisa Mainetti vorbei aus dem Zimmer.

«Ich gratuliere«, sagte Professor Rusch dumpf.

Mit wirbelnden Beinen folgte Lisa dem Major, sie holte ihn auf dem Treppenhaus ein und hielt ihn am Ärmel fest.

«Zimmer 14, Major«, sagte sie atemlos.

Braddock blieb stehen.»Da lag doch Sergeant Rondey!«

«Ja, dieses Zimmer ist es. Erich Schwabe heißt der Mann. Wenn Sie ins Zimmer kommen und alle ansehen, werden Sie sofort wissen, wen ich meine.«

Braddock ging den Flur entlang, Lisa folgte ihm. Der Major riß die Tür von Zimmer 14 auf. Fritz Adam schrie» Achtung!«und gleich hinterher:»Good day, Major!«Die sechs Mann standen stramm, sogar Kaspar Bloch, der eigentlich das» Achtung «nicht hören durfte.

Braddocks Blick fiel sofort auf Schwabe. Das ist er, dachte er, und er spürte, wie eine leichte Gänsehaut über seinen Rücken lief. Zu ihm kommt eine Frau, dachte er weiter, und diese Frau will und soll ihn lieben. Dieses Gesicht, das aussieht wie eine uralte, verwitterte, rissige wurmstichige Holzplatte. O Gott, wenn es wirklich diese Frau gibt. Man sollte sie verwöhnen mit allen Herrlichkeiten, die unsere Welt bereithält.

«Sie sind Erich Schwabe?«fragte Braddock mit ausgetrocknetem Hals. In Schwabes Augen sprang ein Funke Angst. Er trat einen Schritt vor und nahm stramme Haltung an.