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«Ja, Herr Major.«»Sie wissen, daß Sie Kriegsgefangener sind?«

«Ja, Herr Major. «Schwabes Stimme brach. Sein Gesicht zuckte. Braddock sah zur Seite. Einen Whisky, dachte er. Himmel, jetzt einen Whisky. Ich habe ihn noch nie nötiger gebraucht.

«Sie haben den Krieg nicht gewollt, ich habe ihn nicht gewollt. Sie haben ihn verloren, wir haben ihn gewonnen. Das ist ein beliebtes Spiel mit Millionen von Menschen, und merkwürdigerweise machen die Menschen mit. Vielleicht ist es Massenidiotie, ich weiß es nicht. Ich mache ja auch mit.«

«Meine Frau, Herr Major.«, stammelte Schwabe.

«Dr. Mainetti wird Ihnen alles weitere sagen. Kommen Sie mal mit. «Braddock trat auf den Flur hinaus, und Schwabe folgte ihm. Mit dem Fuß trat Braddock die Tür zu. Sie waren allein auf dem Gang. Lisa war im Zimmer geblieben.

«Schwabe«, sagte Braddock und schluckte.»Wie alt sind Sie?«

«Bald 27 Jahre, Herr Major.«

«Sie könnten fast mein Sohn sein. «Braddock nestelte an den Knöpfen seiner Uniform.»Ich kann nicht sagen: Sie haben ein ehrliches Gesicht.«

«Nein, gewiß nicht, das kann man nicht mehr sagen«, stotterte Schwabe.

«Aber Ihre Augen sehe ich, Schwabe. Es sind für mich jetzt keine deutschen Augen mehr, sondern einfach die Augen eines Menschen. Sie verstehen mich?«

«Ja, Herr Major«, sagte Schwabe leise.

«Ich werde erlauben, daß Sie Ihre Frau sehen.«

«Herr Major. «Durch Schwabes Körper lief ein Zittern.»Ich. ich.«

«Sie können das Lazarett verlassen. Urlaub auf Ehrenwort. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Schwabe! Einen Tag — vom Nachmittag bis zum nächsten Morgen um 10 Uhr.«

Braddock streckte seine Hand hin. Schwabes Hand tastete vor und lag bebend in Braddocks Fingern.

«Mein Ehrenwort, Herr Major«, stammelte er.»Mein Ehrenwort. ich.«

Dann brach er zusammen. Sein Kopf sank auf die Schulter des amerikanischen Majors, er weinte haltlos. Steif und unbeweglich stand Major Braddock, mit hängenden Armen und versteinertem Gesicht. Aber er wehrte ihn nicht ab. Er blieb so stehen und ließ den deutschen Soldaten an seiner Schulter weinen.

Es könnte mein Sohn sein, dachte er nur. Mein Gott, wenn Percy kein Gesicht mehr hätte.

Drei Tage brauchte Ursula, um nach Bernegg zu kommen.

Auf den Puffern eines Güterzuges fuhr sie bis Hanau. Dahinter hörten die Schienen auf. Sie waren von Bomben zerfetzt und nur eingleisig wieder aufmontiert worden. Zu Fuß ging sie weiter, über die staubige Landstraße aufWaldwegen. Amerikanische Lastwagen donnerten an ihr vorbei, riesige Ungetüme, die sie mit Lehm und Staub bedeckten und deren Luftdruck sie in den Straßengraben preßte.

Sie biß die Zähne zusammen, hakte die Daumen in die Träger des Rucksacks, den sie auf der Schulter trug, und stemmte sich gegen die Müdigkeit, die von den Füßen her über die Beine und den Leib bis an ihr Herz kroch.

Wie mit Mehl bestäubt, kam sie am Abend des ersten Tages in ein Dorf. Die unversehrten Häuser sahen sauber aus, in den Gärten blühten Blumen. Tulpen und Narzissen, weißer und roter Flieder mit dicken Dolden, Rotdorn und Lupinen.

Wie schön das ist, dachte sie trotz ihrer bleiernen Müdigkeit. Tulpen und weißer Flieder — das war mein Hochzeitsstrauß. Ich habe ihn aufgehoben und die Blumen getrocknet. Und dann verbrannten sie, in einer Oktobernacht, in der es viertausend Tote gab. Und jetzt blüht es wieder. Und wie stark der Flieder riecht. In unseren Trümmern blüht es auch. Butterblumen, Brennesseln, Disteln und wilde Möhre. Keiner weiß, wo es herkam, plötzlich waren die grünen Flecke zwischen den Ruinen.

Hinter dem Fenster des Hauses, vor dessen Garten sie stand, sah sie zwei Köpfe. Eng zusammengesteckt blickten sie durch die Gar-dine und beobachteten sie.

Ob sie ein Bett haben, dachte Ursula. Oder nur ein Sofa? Und ein wenig Kaffee?

Sie ging zur Tür und drückte auf die Klingel. Sie hörte den Klang, aber im Hause blieb alles still. Niemand kam, keiner öffnete. Aber sie sind doch da, dachte Ursula, ihre Köpfe waren doch hinter der Gardine. Sie schellte wieder und wartete.

Sie wollen nicht, dachte Ursula und ging die Straße weiter durch das Dorf. Sie machen nicht auf, sie haben Angst, ich würde betteln — um ein paar Kartoffeln, um eine Möhre, um eine Steckrübe. Natürlich müssen sie das denken, denn ich habe ja einen Rucksack auf der Schulter.

Sie läutete beim nächsten Haus, beim übernächsten, beim dritten und vierten. Niemand öffnete ihr, als seien die Häuser ausgestorben, so still war es in ihnen. Nur die Gardinen bewegten sich, und Köpfe zuckten zurück, wenn sie genauer hinsah.

«Ich habe zu essen bei mir!«schrie Ursula beim nächsten Haus.»Nur ein Dach überm Kopf will ich! Schlafen! Nichts weiter. Ich will ja nicht euer Essen!«

Sie schrie gegen taube Wände, säuberlich gefugte Ziegel und weißgestrichene Türen, gegen die sich versteckenden Köpfe und die kalten, abweisenden Augen.

«Ich will nur schlafen! Ich will doch nicht betteln! Ich habe zu essen bei mir!«

Schließlich übernachtete sie in einer Scheune, auf einem Ballen fauligen Strohs. Sie war zu müde, um sich zu ekeln, nicht einmal den Geruch der Fäulnis nahm ihre Nase auf. Sie sank einfach um und warf sich auf die Seite, den Rucksack noch auf dem Rücken.

Am Morgen des zweiten Tages nahm sie ein Milchauto mit. Es brachte einige verbeulte Zinkkannen zu einer Sammelstelle, wo die Milch an Kinder und Krankenhäuser verteilt wurde.

«Nach Bernegg wollen Sie?«fragte der Fahrer.»Das ist noch ein gutes Stück. Den Main hinauf bis Würzburg und dann durch die Hügel.«

«Wenn noch ein paar so freundlich sind wie Sie«, sagte Ursula,»kann ich morgen da sein.«

«Ich geb' Ihnen einen guten Rat. «Der Milchfahrer zeigte auf eine amerikanische Militärkolonne, die sie überholte.»Die da, die müssen Sie anhalten! Wenn sie einzeln fahren. Und wenn ein Neger am Steuer sitzt — na, der nimmt Sie bestimmt mit. So blond wie Sie sind! Nur müssen Sie aufpassen, daß die nicht betrunken sind, dann wird's gefährlich. Ohne Schnaps sind die Neger wie Kinder. Die schenken Ihnen sogar Schokolade und Kekse!«

«Danke«, sagte Ursula und schüttelte den Kopf.»Ich werde zu Fuß gehen, das ist sicherer.«

Der Milchfahrer hob die Schultern. Über tiefe Schlaglöcher klapperte der Wagen durch den heißen Tag. Hinten klirrten die Milchkannen und quietschte eine ungeschmierte Achse.

«Wer so blond ist wie Sie, kann jetzt reich werden«, sagte der Fahrer.»Ist ja doch alles im Eimer, Mädchen. Und wenn man dadurch weiterleben kann!«

Von Aschaffenburg fuhr wieder ein Zug nach Würzburg. Es war sogar ein Personenzug, mit uralten Dritter-Klasse-Wagen und zerbrochenen Scheiben. An deren Stelle hatte man Pappe oder Drahtglas in die Rahmen genagelt. Ein Platz war in dem Zug nicht mehr zu haben, auf den Trittbrettern hingen die Menschen wie Trauben und waren bereit, jeden wegzutreten, der noch aufsteigen wollte. Ein Bahnbeamter rannte den Zug entlang und brüllte:»'runter von den Trittbrettern und Puffern! 'runter! Es ist verboten!«

Niemand hörte auf ihn. Sie ließen ihn laufen und schreien. Es war gewiß, daß man ihn zerreißen würde, wenn er den Versuch unternehmen sollte, mit Gewalt die Trittbretter zu räumen. Eine geballte Masse Roheit und Blutdurst hing an dem Zug. Mit höchster Grausamkeit würde man den Platz verteidigen, den man erkämpft hatte — einen Platz, um nach Würzburg zu kommen.

Ursula stand vor dem Zug und starrte in die finsteren Gesichter. Kein Mitleid war darin, nur das kalte Ich, das brutale Eigenleben. Sie machte einen zagen Versuch, auf ein Trittbrett zu steigen und sich am Fensterrahmen festzuklammern. Zwei Fäuste stießen sie vor die Brust und auf den Bahnsteig zurück.»Hau doch ab, du Miststück!«schrie jemand.»Lach dir lieber 'n blöden Ami an!«

«Der Zug fährt gleich ab!«rief der hilflose Bahnbeamte.»Die Trittbretter und Puffer räumen! Ich lasse den Zug nicht eher abfahren!«