Jeder wußte, daß es eine leere Drohung war. Man lachte, man grölte. Jemand schrie:»Wenn du nicht abpfeifst, leg' ich dich auf die Schienen und pfeif für dich!«Er erntete lauten Beifall. Der Bahnbeamte schwieg und rannte bis zur Lok, begleitet vom Gejohle der Menge.
Der Zug fährt gleich, dachte Ursula. Ein Zug nach Würzburg. Ich muß mit — so oder so! Wenn ich bis Würzburg laufen muß, brauche ich ja eine Woche.
Sie kletterte auf einen Puffer, und als man sie dort hinunterwerfen wollte, schrie sie grelclass="underline" »Laßt mich! Ich will aufs Dach. Ich muß nach Würzburg. Ich muß zu meinem Mann!«
«So 'n Druck, Mädchen?«rief jemand. Und plötzlich lachten alle und hoben Ursula auf das Wagendach. Dort saßen schon einige Männer und hielten sich an den Entlüftungshauben fest.
«Vom Dach 'runter!«brüllte der Bahnbeamte und drohte mit der grünroten Kelle.
«Leck mich am Arsch!«schrie einer der Männer zurück.
Dann fuhr der Zug endlich an, langsam, träge, überladen und vorsichtig, um die Menschen nicht von den Trittbrettern, Puffern und Dächern zu wehen.
Fünf Stunden brauchte er von Aschaffenburg bis Würzburg, fünf Stunden lag Ursula in der prallen Sonne, an eine Entlüftung festgeklammert. Der schwarze Qualm der Lok strich über sie und rußte ihr Gesicht und das Kleid ein, legte sich auf den Gaumen und nahm ihr fast den Atem. Aber sie kam in Würzburg an, und es war ihr, als spüre sie schon die Nähe Erichs, so wie man das Meer schon von weitem riecht, ohne es zu sehen.
Die zweite Nacht schlief sie in einem der kleinen Weingerätehäuschen in einem Weinberg bei Sommershausen. Sie wusch sich an einer Pumpe und stieg dann zur Straße hinab, über die in langen Kolonnen die grünen Transporter der Amerikaner brummten.
Heute werde ich in Bernegg sein, dachte sie glücklich. Auch wenn ich zu Fuß gehen muß — ich werde es erreichen. Und ich werde Erich sehen und ihm alles sagen. Alles. Auch das mit Karlheinz Petsch. Und er wird mich verstehen, denn ich will ihn ja lieben, so wie er ist. Ganz gleich, wie sein Gesicht auch jetzt aussieht.
Und sie redete sich ein, daß es nicht schwer sein würde. Immer wieder sagte sie es sich. Und trotzdem wuchs ihre Angst, je näher sie Bernegg kam.
Das letzte Stück fuhr sie auf dem Leiterwagen eines Bauern aus Bernegg.»Zum Lazarett wollen Sie?«fragte er und musterte verstohlen die kleine blonde Frau.»Waren Sie schon mal dort?«
«Ja. Einmal.«
«Dann ist's ja nichts Neues. Und nun wollen Sie wieder da 'rauf?«
«Ja.«
«Einen besuchen?«
«Ja.«
«Den Bräutigam?«
«Meinen Mann.«
«Das wird nicht gehen.«
Ursula fuhr zusammen.»Warum nicht?«stammelte sie.
«Da kommt doch keiner 'rein. Das sind doch Kriegsgefangene.«
«Aber sie haben doch kein Gesicht mehr!«
«Trotzdem sind's Gefangene.«
Ursula umklammerte das Gestänge des Wagens. Ihre Stimme war ganz klein und kläglich.»An wen muß ich mich denn wenden?«
«So 'n Major ist da. Wohnt in der Schule. Ein sturer Bursche.«
Ursula nickte stumm. Und wieder kam die Angst, und sie wuchs und wuchs mit jedem Räderknarren und wurde riesengroß wie ein Felsblock, der auf ihr Herz fiel.
Dann sah sie Schloß Bernegg auf dem Hügel liegen. Es glänzte in der Abendsonne wie eine Märchenburg.
Ein verwunschenes Schloß für gesichtslose Wesen.
Seit dem Brief Petra Wolfachs wartete Walter Hertz geduldig jeden Tag auf ein neues Zeichen dieser aussichtslosen Liebe.
Manchmal stand er stundenlang am Fenster und sah nach Bernegg hinab. Dort steht sie jetzt und sieht zu mir hinauf, dachte er. Vielleicht hat sie mir geschrieben, viele Briefe, und sie liegen dort unten bei den Amerikanern, und sie geben sie nicht weiter. Oder sie ist gar nicht mehr in Bernegg, geflüchtet mit den Eltern, als die Panzerspitzen von Würzburg her kamen. War Hubert Wolfach nicht Fabrikant von Kriegsmaterial? Zubringerindustrie, wie man das nannte. Was er herstellte, wußte Hertz nicht, aber es mußten feinmechanische Geräte sein. Damals, am Kamin bei dem Glas Rotwein, hatte Hubert Wolfach gesagt:»Wenn ich nicht will, schießen die mit der Flak um die Ecke. Gezielt wird nur mit Wolfach!«Und er hatte gelacht, denn er sah es als einen köstlichen Witz an.
Bestimmt sind sie geflohen, dachte Walter Hertz. Irgend etwas hätte ich sonst längst gehört von Petra. Und dann half er sich über seine Enttäuschung und seinen leisen inneren Schmerz hinweg mit dem ständigen Vorsagen: Es wäre doch nichts geworden, Walter Hertz! Es war nur eine Episode, ein Erlebnis am Rande des Kriegs, ein flüchtiger Anhauch des Glücks, weiter nichts. Was hat ein Mensch wie du, ein Mensch mit einer eingedrückten Gesichtshälfte, zu suchen in der Welt dieser Menschen, die bis dahin nichts gekannt hatten als Reichtum und Zufriedenheit? Es gibt da keinen Platz für dich.
Fritz Adam und Schwester Dora Graff lebten wie ein glückliches Brautpaar. Sie gingen im Schloßpark spazieren, saßen am Teich und verloren sich in Zukunftsplänen.
«Ich werde weiterstudieren«, sagte Adam.»Woher ich das Geld nehme, weiß ich noch nicht. Aber es wird sich schon etwas finden. Man kann Nachhilfeunterricht geben, ich bin ein guter Mathematiker. Oder ich kann in den Semesterferien in einer Fabrik arbeiten.«
«Es wird in Deutschland keine Fabrik mehr geben, Liebster. «Dora Graff strich ihm zärtlich über das verbrannte Gesicht.»Aber Krankenhäuser gibt es immer. Ich werde eine Stelle als Schwester annehmen. Eine Doppelstelle — in dem einen Haus als Tagesschwester, in einem anderen als Nachtschwester.«
«Und wann willst du schlafen!«
«Zwischendurch. Ein paar Stunden genügen.«
«Das lasse ich nie und nimmer zu. Es wird schon eine Möglichkeit geben, daß ich mir die Semestergelder verdienen kann.«
«Und die Zimmermiete? Essen und Trinken?«
«Und wenn ich nachts Trümmer wegräume«, sagte Adam verbissen.
«Auch das geht nicht. Um 22 Uhr ist Sperrstunde.«
«Es wird nicht immer so bleiben.«
«Wissen wir es? In Bernegg stehen die Frauen für 100 Gramm Margarine ab morgens 4 Uhr an. Und nebenan in der Schule haben die Amerikaner gestern einen ganzen Kessel mit flüssigem Fett in eine Grube geschüttet. Einen ganzen Kessel, der für Bernegg zwei Tage Paradies bedeutet hätte. Pommes frites hatten sie gemacht. Und als sie das Fett wegschütteten, standen am Zaun des Schulhofs über dreißig Frauen und starrten stumm auf die fettige Grube.«
«Sie haben ihren Befehl«, sagte Fritz Adam langsam.»Ich weiß, daß die Kinder in Polen Regenwürmer sammelten und sie rösteten, solchen Hunger hatten sie. Und wir hatten die Lager voll und nahmen aus den Scheunen der polnischen Bauern das Letzte heraus. «Er legte den Kopf in Dora Graffs Schoß und starrte hinauf in den blauen Frühlingshimmel.»Es gibt kein größeres Untier als den losgelassenen Menschen.«
Dora Graff schwieg. Sie hatte vor einigen Tagen mit Professor Rusch und Dr. Mainetti gesprochen. Sie hatte erzählt, daß Fritz Adam und sie heiraten wollen, gleich, nachdem die sinnlose Ehe Adams geschieden sein würde. Professor Rusch hatte ihr versprochen, für eine gute Schwesternstelle zu sorgen.»Wenn man mich weiterarbeiten läßt«, hatte er gesagt,»nehme ich Sie mit, Dora. Sie können sich darauf verlassen. «Das war ein großer Trost und eine Hoffnung für die Zukunft.
«Wir werden es schaffen, Fritz«, sagte sie und küßte seine Stirn.»Alles fängt ja wieder von vorn an, es geht allen gleich.«
Der Wastl Feininger hatte andere Sorgen. Sein Hof bei Berchtesgaden war unzerstört. Was noch an Schweinen und Großvieh üb-riggeblieben war, wußte er nicht. Aber zu hungern brauchte die Resi nicht. Da war der Garten, da waren die Obstbäume, und auch wenn sie allein war auf dem Hof, konnte sie immer noch so viel Getreide anbauen, daß es zum Mehlreiben und zum Brotbacken reichte. Und tauschen konnte man natürlich. Für den Wastl waren allein die strammen Neger eine innere Plage.