«Was soll ich denn ohne Sie bei Uschi«, stammelte Schwabe.»Sie — Sie wollten ihr doch vorher sagen, wie ich aussehe. Ich kann doch nicht so ohne weiteres.«
«Sie werden es können, Erich«, sagte Dr. Mainetti. Güte und Aufmunterung waren in ihrer Stimme.»Packen Sie das neue Leben mit beiden Händen, und lassen Sie es nicht mehr los. Haben Sie Mut, und wenn es der Mut der Verzweiflung ist. Für eine ehrliche Liebe darf es einfach kein Unmöglich geben.«
Schwabe nickte stumm. Er schluckte ein paarmal, dann drehte er sich um und ging vor den beiden MP-Riesen die Treppe hinunter. Ein schmaler, nach vorn gebeugter Mann mit dem weißen, leuchtenden POW auf dem Rücken. Es sah so aus, als sei es eine schwere Last, die er trug.
«Jetzt fahren sie ab«, sagte Walter Hertz, der oben am Fenster stand.»Mensch, haben die ein Tempo drauf.«
Fritz Adam saß auf seinem Bett und sah vor sich auf den Boden.»Vielleicht ist es dumm, Jungs«, sagte er langsam, aber deutlich,»und vielleicht lacht ihr darüber. Aber wir sollten jetzt für unseren Erich beten.«
Und niemand lachte.
Major Braddock saß in seinem Sessel und hatte die Beine bequem auf den Tisch gelegt. Er rauchte und trank seinen geliebten Whisky. Vor ihm hockte auf einem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet, das staubige Kopftuch noch um die Haare geschlungen, Ursula Schwa-be und sah an Braddock vorbei auf ein Hitlerbild, das noch immer an der Wand des zu einem Büro umgestalteten Schulraums hing. Amerikanische Soldaten hatten unter Hitlers Kinn einen Vollbart gemalt und eine Brille um seine starr blickenden Augen gezeichnet. Jetzt war er lächerlich.
Vor Ursula stand ein Glas mit Whisky und eine aufgerissene Packung Zigaretten. Sogar eine Tafel Schokolade hatte Braddock hingelegt und eine Schachtel Butterkekse. Ursula hatte nichts angerührt. Die Angst engte ihr den Magen ein und legte eine eiserne Klammer um ihre Kehle.
«Haben Sie schon ein Zimmer?«fragte James Braddock. Über die Schuhspitzen warf er einen Blick auf die schmale, blonde Frau. Ursula schüttelte den Kopf.
«Nein, ich bin doch eben erst gekommen. Ich weiß überhaupt nicht…«
«Natürlich. «Major Braddock zerdrückte seine süßlich duftende Zigarette.»Es wird auch schwer sein, etwas zu finden. In den Hotels wohnen meine Offiziere. Ich kann sie schlecht wegen eines deutschen POW hinauswerfen. Aber wir werden schon etwas frei machen. Ich schicke zwei von meinen Jungs los, die sollen ein Privatzimmer suchen. «James Braddock nahm die Füße vom Tisch und dachte an etwas Bestimmtes. Es war ihm plötzlich eingefallen, und sein Gesicht wurde von einem väterlichen Lächeln überstrahlt.»Natürlich, das ist es. Wir fahren zusammen hin. «Seine Hand winkte flink durch die Luft.»Alles o.k., Mrs. Schwabe, wir haben ein Zimmer!«
«Sie erlauben mir also, daß ich meinen Mann sehe?«fragte Ursula schüchtern.»Darf ich ihn auch sprechen? Nur ein paar Worte? Ich will ihm nur die Grüße von seiner Mutter bestellen. Und — und sagen will ich ihm, daß ich ihn liebe. Darf ich das, Herr Major?«
«Warten Sie ab«, antwortete Braddock und grinste freudig.»Es wird sich alles finden. Sie haben Ihren Mann noch nicht gesehen, seit. «Wie sagt man das nur, dachte er. Es soll nicht so rauh klingen. Ursula senkte den Kopf.
«Ich weiß, wie er aussieht. Mutter hat es mir erzählt. Es ist mir egal. Ich will nur bei ihm sein. Ich — ich habe Angst in Köln.«
James Braddock sah zur Seite aus dem Fenster. Der Jeep mit den beiden MP-Männern und dem in sich zusammengesunkenen Erich Schwabe raste auf den Schulhof und bremste quietschend. Einer der Militärpolizisten stieß Schwabe gegen die Schulter.
«Go on, boy!«
Mit steifen Beinen kletterte Schwabe aus dem Jeep. Seine Arme hingen schlaff an seinem Körper herunter. Sein verbundener, verpflasterter Kopf bewegte sich hin und her, der Blick glitt über das Schulgebäude, über das wehende Sternenbanner, über die in Reihe aufgefahrenen grünen Wagen, über die Schulturnhalle, die jetzt zur Messe umgestaltet war und aus der ein herrlicher Duft von gebratenen Hühnern wehte.
Das POW auf seinem Rücken leuchtete grell. Er nahm das alte Militärschiffchen vom Kopf, und seine blonden Haare fielen über den Verband und wehten im Wind über die sorgfältig mit Mull geschützte neue Nase.
Major Braddock setzte seine Mütze auf und erhob sich. Auch Ursula schnellte vom Stuhl hoch. Aber dann schwankte sie, hielt sich an der Tischkante fest und schloß die Augen.
«Wenn Sie schlapp machen, schaff ich ihn wieder weg!«sagte Braddock absichtlich grob. Ursula richtete sich auf und zwang sich, nicht zu zittern.»Wenn Sie ihn aber lieb umarmen, mein Kind — ich lasse ihn Ihnen auf meine Verantwortung ungestört bis morgen früh 10 Uhr.«
«Bi…bis morgen früh?«Ursula starrte ihn ungläubig an.
«Jawohl. Eine ganze Nacht.«
«Eine Nacht!«Es war wie ein unterdrückter Schrei.
Major Braddock trank noch schnell seinen Whisky aus. Sein Hals brannte, als er Ursula so stehen sah, überwältigt von einem Schicksal, das nicht einmal als Ahnung in ihr lebendig gewesen war.
Im Flur der Schule hörten sie jetzt Schritte.»Da ist er«, sagte Brad-dock überflüssigerweise.»Ich komme in zehn Minuten wieder, und
dann fahren wir los.«
Die Tür wurde aufgerissen. Einer der MP-Riesen schob Erich Schwabe in das Schulzimmer. Major Braddock zeigte mit dem Daumen auf Ursula. Mit dem Rücken zur Tür stand sie, die Fäuste vor dem Mund und die Zähne in die Fäuste gegraben.
Erich Schwabe blieb an der Tür stehen. Uschi, dachte er, meine kleine Uschi. Das Schiffchen fiel ihm aus der Hand, sein lippenloser Mund verzerrte sich, er wollte etwas sagen, nur ein Wort: Uschi. Aber es kam kein Laut aus seiner Kehle, nicht einmal ein Röcheln oder ein Stammeln. Es war ein lautloser Schrei, der tief unten in der Kehle bereits erstickte.
«Er ist da«, sagte Major Braddock heiser.»Schön sieht er nicht aus, aber stumm ist er bestimmt nicht.«
Dann ging er hinaus, schloß die Tür hinter sich und winkte die beiden MP-Riesen weg, die draußen Wache hielten.»Der läuft nicht weg«, sagte er, zündete sich eine Zigarette an und ging auf dem Flur hin und her, die Hände auf dem Rücken und mit gesenktem Kopf.
Erich Schwabe stand noch immer an der Tür. Sein Blick glitt über die schmale Gestalt mit den unordentlichen, verstaubten blonden Locken, den verblichenen Socken und den dicken Schuhen, die gar nicht zu den kleinen Füßen und den schlanken Fesseln paßten. Einen grauen, fleckigen Wollrock hatte sie an und eine blaue Baum-wollbluse, übersät mit Rußflecken.
«Uschi«, sagte Schwabe leise.»Uschi, dreh dich um.«
Durch Ursulas Körper rann es eiskalt. Sie hörte die Worte, aber es war nicht Erichs Stimme. Es war eine dumpfe, kehlige, fremde Stimme. Eine Stimme, die wie durch einen verstopften Trichter sprach, ohne Schwingungen, ohne Klang.
«Uschi«, sagte Schwabe noch einmal, ganz leise.
Mit einem Aufschrei drehte sie sich um. Nur eine Sekunde lang sah sie den verbundenen Kopf, das kreuz und quer mit Leukoplaststreifen verklebte Gesicht, einen flachen, verharschten Mund. und seine Augen sah sie, blau, wie sie immer gewesen waren, und seine Haare lagen über der verbundenen Stirn, blond und wirr wie immer, so ungebändigt, daß er früher, an Sonntagen, wenn sie zum Tanzen gingen, Pomade darüberstreichen mußte, damit sie hielten.
Wie das Aufblitzen eines Lichts in einem dunklen Raum war das alles, ein zuckendes Erkennen und Begreifen. Dann warf sie die Arme vor und stürzte auf ihn zu, und sie schrie» Erich! Erich!«und fiel gegen ihn, umklammerte ihn und tastete nach seinem Kopf. Verbände, Leukoplast, narbige Haut.»O mein Erich!«schrie sie wieder, und dann zog sie den Kopf herunter und küßte den lippenlosen Mund und spürte, wie die Narben gegen ihre Lippen drückten und wie nichts da war, keine Wärme, keine Weichheit, nichts, nichts.
«Ich liebe dich, Erich!«schrie sie.»Nun bin ich bei dir und bleibe bei dir. Immer… immer… immer. «Und dann wurde ihr Körper schlaff, ihr Kopf sank von Schwabes Mund weg und fiel gegen seinen Hals. Sie hing in seinen Armen, ohnmächtig und in der Ohnmacht verzweifelt nach Luft ringend, als ersticke sie.