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«Sanitäter!«brüllte Schwabe. Er trug Ursula zu Braddocks Schreibtisch und legte sie darauf wie auf einen OP-Tisch, mitten auf die Papiere und Akten. Dann rannte er zur Tür und riß sie auf.»Sanitäter!«schrie er grell.»Hilfe! Hilfe!«

Braddock raste den Flur entlang zum Schulraum. Die beiden MP-Männer folgten ihm. Schwabe kniete schon wieder neben Ursula. Er hatte ihr die Bluse aufgerissen und massierte wie wild ihre kleine Brust, bewegte ihre Arme auf und nieder und rief immer wieder ihren Namen, mit einer kindlich schrillen, in der Angst zerreißenden Stimme.

Major Braddock ergriff Schwabe am Kragen und stieß ihn zur Seite. Er taumelte gegen einen Stuhl, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.

«Sie stirbt!«schrie er grell.

«Blödsinn!«Braddock legte Ursulas Kopf auf seinen Unterarm. Mit der Linken holte er seine Whiskyflasche, entkorkte sie mit den Zähnen und setzte die Flasche an Ursulas farblose Lippen. Die beiden MP-Männer klopften mit geübten Griffen, als handele es sich um einen bewußtlosen Kameraden, den nackten Oberkörper und massierten den Hals, bis Ursula Schluckbewegungen machte und der scharfe Alkohol in den schlaffen Körper rann.

James Braddock sah zu dem noch immer auf der Erde sitzenden Schwabe.»Tut mir leid, boy«, sagte er.»Aber nun werden Sie eine betrunkene Frau wiedersehen. Hat auch seine Vorteile, gerade in Ihrem Fall.«

Nach einigen Schlucken kehrte die Farbe in Ursulas Gesicht zurück. Braddock setzte die Flasche ab. Er knöpfte die Bluse über Ursulas Brust wieder zu, hob den schmalen Körper vom Schreibtisch und setzte ihn in den Sessel. Dort schlug Ursula wieder die Augen auf. Sie waren groß und glänzend und kreisten unkontrolliert in den Augenhöhlen.

«Groggy!«sagte Major Braddock sachverständig.»Hatte sicherlich nichts im Magen. Na, denn los, boys!«

«Wohin?«fragte Schwabe. Er hielt die schwankende Ursula fest und drückte ihren Kopf gegen seine Brust.

«Das werden Sie sehen. Wir machen eine kleine Fahrt.«

Mit dem Jeep fuhren sie aus Bernegg hinaus, die Hügelstraße entlang. Nach einigen Biegungen sah man auf einer Erhebung ein großes, stolzes Haus stehen, eine Villa im Jugendstil mit einem säulenverzierten Eingang.

«Da ist's!«sagte Braddock und zeigte auf die Wolfachsche Villa.»Die haben Platz genug.«

Der Jeep ratterte den steilen Weg hinauf und hielt vor der Terrasse. Die dicken, schmiedeeisernen Gittertore vor dem Eingang waren geschlossen. Vor allen Fenstern waren die Jalousien heruntergelassen. Das Haus war verlassen.

«Es geht um Höheres als um Gesetze!«sagte Braddock.»Macht auf, boys!«

Die beiden MP-Männer zerschlugen mit den Kolben ihrer Maschinenpistolen eine der Holzjalousien und das dahinter liegende Fenster. Sie kletterten in die verlassene Villa und öffneten von innen eine der Fenstertüren zur Terrasse. Major Braddock trat ein. Zufrieden sah er sich in dem großen, elegant eingerichteten Salon um.

«Ich wollte euch nur ein Zimmer geben, aber so ist es auch gut! Echte Teppiche, ein Flügel, tiefe Sessel. Ich wette, ihr werdet sogar Daunenbetten finden. «Er klopfte Schwabe auf die Schulter und nickte ihm zu.»Morgen früh um 10 Uhr holen wir dich wieder ab, boy. Nutz die Zeit!«

Er nickte den beiden Riesen zu, und über die Terrasse entfernten sie sich wieder. Kurz darauf hörte Schwabe das Aufheulen des Jeepmotors und das sich entfernende Geräusch der wild mahlenden Räder.

Sie waren allein, in einer fremden, gewaltsam aufgebrochenen Villa, ein Kriegsgefangener ohne Gesicht und eine schwankende, betrunkene Frau. Seine Frau.

«Uschi«, sagte er.»Uschi. «Er kniete vor ihr, und sie saß in einem der Kaminsessel und lächelte ihn an.

«Mir ist so komisch, Liebling. «Sie hob die rechte Hand und tippte mit dem Zeigefinger Schwabe auf die verbundene, neue Nasenwurzel.»Ein ganz buntes Gesicht hast du, ganz bunt, wie im Zirkus. Da… das sieht lustig aus.«

«Uschi«, stammelte Schwabe.»Uschi.«

«Uschilein ist müde.«, sagte sie mit einem Schmollmündchen.»Komm. bring Uschilein ins Bett.«

Und Erich Schwabe nahm seine Frau auf die Arme und trug sie durch das fremde Haus, bis er ein Schlafzimmer fand, darin ein Doppelbett mit weichen Daunensteppdecken und weißen Fellen auf dem Boden.

Mit zitternden Fingern entkleidete er Uschi und deckte sie zu. Dann saß er neben ihr und hielt die Hände, als müsse er sie in den Schlaf singen.

«Komm, Liebling«, lächelte Ursula und dehnte sich und rückte zur Seite.»Komm zu deinem Uschilein. «Ihre trunkenen Finger glitten über Schwabes Gesicht.»Und nimm die Maske ab, ja? Komm doch!«

«Mein Gott«, stammelte Schwabe.»O hilf, mein Gott. «Er fiel neben Ursula auf das Bett, vergrub das zerstörte Gesicht in die Kissen und weinte und krallte die Hände in das Bett und biß in das

Kissen in wilder, zerstörerischer Verzweiflung.

Kapitel 12

In der Nacht wachte Erich Schwabe plötzlich auf durch das Gefühl, es sei Licht im Zimmer. Er hielt die Augen geschlossen, nur durch einen Lidspalt beobachtete er, was um ihn geschah. Ursula hatte die Nachttischlampe angeknipst und sie mit einem Tuch verdunkelt. Sie saß im Bett neben ihm, mit zerwühltem Haar, aber ihre Trunkenheit war verflogen, sie hatte jetzt klare Augen und saß ruhig, ohne zu schwanken, neben Schwabe. Sie hatte die Hände flach auf die Steppdecke gelegt und sah ihren Mann an. Stumm, mit einem starren Blick, der wie festgesaugt war an dem Kreuz und Quer der rosa Leukoplaststreifen.

Schwabe bemühte sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen, wie es ein Schlafender tut. Sein Herz begann wild zu zucken, der Hals wurde trocken, und bis in die Zehenspitzen hinein rieselte ein merkwürdiges, unerträgliches Kribbeln. Ruhig, dachte er verzweifelt, ruhig bleiben. Jetzt sieht sie mich richtig, und sie ist allein, sie braucht sich nicht zu verstellen, und niemand redet ihr gütig zu und versucht, mit Worten zu trösten, wo nicht zu trösten ist. Jetzt steht sie vor ihrer Entscheidung, jetzt weiß sie, wie das weitere Leben mit dem Glasergesellen Erich Schwabe aussehen wird, dem Mann, an dem sie nur noch die Augen und die Haare erkennt.

Ursula sah ihn noch immer an, stumm, unbeweglich, wie eine Puppe aus Wachs. Nur das Heben und Senken ihrer kleinen Brust bewies, daß Leben in diesem weißen, nackten Körper war.

Das ist Erich, dachte sie. Mein Mann Erich. Er hat den Krieg überlebt und sein Gesicht dabei geopfert. Und ich habe ihn betrogen, zwei Tage und zwei Nächte lang. Betrogen aus Angst vor der Ein-samkeit, aus Verzweiflung, aus Gier nach Wärme und Glück, aus Sehnsucht nach ein wenig Vergessen. Er könnte es nie begreifen, wenn ich es ihm sagte. Sie würden für immer zwischen uns bleiben, diese zwei Tage Selbstbetrug.

Sie zwang sich, sich tiefer über das verbundene und verpflasterte Gesicht zu beugen. Wie es unter den Verbänden aussah, konnte sie ahnen, wenn sie den Mund betrachtete. Wie ein Ungeheuer muß er aussehen, dachte sie und zog die nackten Schultern zusammen. Die Menschen werden zur Seite blicken, ein Kinderschreck wird er werden, ein herumgehender Alptraum: mein Mann Erich Schwabe.

Sie hob die Hand, und ganz sacht, damit er nicht aufwache, fuhr sie mit den Fingerspitzen über das verbundene Gesicht. Sie tastete über die neue Nase, über den lippenlosen, durch wulstige Narben fast verhornten Mund, über die abgehobelte Kinnspitze, und dann zurück über die Stirn, zu den abgerissenen Ohren, die Dr. Mainet-ti wieder angenäht hatte, aber die noch gerichtet und durch Knorpeleinpflanzungen wieder geformt werden mußten.

Rund um den Kopf strichen ihre zarten Finger, so wie ein Blinder seine Welt abtastet und damit in seinem Inneren ein Bild seines Lebensraumes schafft.

Als ihre Hand von seinem Kinn abwärts über seine Brust glitt, zuckten Schwabes Hände hoch und hielten Ursulas Finger fest. Wie Eisenklammern legten sie sich um sie. Ursula zuckte mit einem leisen Schrei zurück. Schwabe drehte den Kopf zu ihr, zur abgeschirmten Lampe, in das unbarmherzige Licht.