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«Sieht zehn Jahre jünger aus!«sagte der Berliner, als Schwabe in der Stube stand und seinen Rock auszog.»Wat det ausmacht, Kinder!«

«Und träumen wird a!«rief der Wastl.»A Gaudi wird's, wenn wir ihn im Schlaf ausfragen!«

«Laß die blöden Hunde quatschen!«sagte Fritz Adam.»Und be-halt's für dich. Das kann dir niemand nehmen.«

Walter Hertz nahm Schwabe zur Seite. Die Augen in seinem schiefen Gesicht waren voller Erwartung.

«Hast du was gehört von Petra, Kumpel?«

«Petra, Nee.«

«Petra Wolfach. Kann ja sein, daß irgendwo der Name gefallen ist. Hast du nichts gehört?«

«Nein. «Erich Schwabe schüttelte den Kopf.»Ich hätte fragen können, ich weiß, Walter. Aber ich habe nicht daran gedacht. Ich habe nur meine Frau gesehen. Es war so kurz. Du mußt das verstehen, Junge. Ich habe an nichts anderes gedacht.«

«Schon gut, Erich. «Walter Hertz nickte ein paarmal.»Wenn sie noch in Bernegg wäre — bestimmt hätte sie etwas von sich hören lassen. Ganz bestimmt.«

«Das glaube ich auch.«

Gegen Mittag kam Dr. Mainetti zur Visite. Sie gab Schwabe die Hand, aber sie fragte nichts. Sie sah seine glänzenden Augen und nickte ihm zu.»Übermorgen machen wir einen wunderschönen Rollappen für die neue Nase«, sagte sie.»Hier von der Brust, entlang des Sternums nehmen wir ihn. «Sie tippte Schwabe auf die Brust.»Da Sie keine Frau sind, macht so eine Narbe auf der Brust ja nichts aus.«

«Das kann man nie sagen«, antwortete Schwabe fröhlich.»Da legt Uschi oft ihren Kopf drauf.«

Lisa Mainetti lachte.»Ihnen geht es gut, was?«sagte sie, und die Freude machte auch sie glücklich. Er hat es geschafft, dachte sie. Er hat das innere Grauen überwunden.»Dann muß sich Ihre Uschi eben auf die linke Brustseite legen. Platz genug ist immer noch da.«

«Jawoll, Frau Doktor!«rief er.

Es war ihm, als sei die ganze Welt auf Hochglanz poliert.

Wieder brauchte Ursula fast drei Tage, bis sie an einem späten Nachmittag in Köln vor der amerikanischen Pontonbrücke stand und langsam über die schwankenden Stege ging. Niemand sah sie an. Sie war schmutzig, verrußt, verstaubt, die verklebten Haare lagen um ihren Kopf, als seien sie ein nasses Fell.

Sie ging durch die zerstörte Stadt, durch diesen Riesenwald von Trümmern und Ruinen, durch einen neuen Mond mit Kratern und bizarren Felsen, in denen die Menschen wie Maulwürfe wühlten,

Steine schichteten, Schutt wegschaufelten und aus angekohlten Balken neue Zimmergerüste bauten.

Wie es sich gleicht, dachte Ursula. Ein zerstörtes Gesicht und eine zerstörte Stadt. Und an beiden wird neu gebaut.

In den Trümmern des Hauses Horst-Wessel-Straße 4 — das Straßenschild war jetzt abmontiert und jemand hatte mit Farbe auf ein Stück Blech >Rathenaustraße< geschrieben — saß der Maurer Karlheinz Petsch und klopfte Ziegelsteine sauber. Einen großen Berg hatte er schon neben sich liegen, schön geschichtet. Sie reichten bereits für zwei Mauern eines neuen Zimmers.

«Guten Tag, Mädchen!«rief Petsch und winkte mit dem Hammer und einem Flachmeißel.»Geh 'runter zu Muttern! Ich habe euch zwei Pfund Pferdefleisch mitgebracht — für 'n zünftigen Sauerbraten!«

Ursula senkte den Kopf und antwortete nicht. Dann rannte sie wie gehetzt die Kellertreppe hinunter, und schon auf den ersten Stufen roch sie deutlich den im Brattopf schmorenden leckeren Braten.

Mitte September — das Leben hatte sich etwas normalisiert, die Stadtsteuerämter arbeiteten wieder, und die Verwaltung war notdürftig aufgebaut und konnte sich um kommunale Dinge kümmern, um Lebensmittelbeschaffung, um Aufräumungsarbeiten, um Bereitstellung von Notquartieren und Ausgabe der Renten — fuhr Major James Braddock wieder einmal vor dem Schloß vor. Er kam fast jede Woche, um zu kontrollieren, ob alles vorhanden sei und keine Klagen vorlägen, denn die Besatzungstruppen hatten Verwaltung und Versorgung der Lazarette voll übernommen.

Der Besuch an diesem Septembertag aber war außerplanmäßig und streng dienstlich. Zwei Jeeps mit MP begleiteten Braddock, und diese stämmigen Burschen mit den weißen Helmen nahmen Posten im Flur vor dem Chefarztzimmer, als Braddock den Block B betrat.

Dr. Mainetti, die aus dem Chefzimmer wollte, um dem Major entgegenzugehen, wurde mit dem Lauf einer Maschinenpistole zurückgehalten. Man stieß sie ihr vor die Brust.

«No!«sagte der Posten hart.

«Sind ihre Leute verrückt geworden, Major?«rief Lisa Braddock entgegen, der den Flur entlang kam.»Geht der Krieg weiter?«

«Er ist gar nicht zu Ende gegangen, Miß Mainetti!«sagte Braddock knapp. Daß er sie Miß Mainetti statt Miß Doktor nannte, war ein Zeichen, daß James Braddock jetzt nichts anderes mehr war als ein Offizier der Siegermacht. Eine Uniform mit einem Befehl.

Er trat an Dr. Mainetti vorbei ins Chefzimmer, winkte, die Tür zu schließen, und sah Professor Rusch ernst an, der einige Röntgenplatten aus der Hand legte und sich erhob.

«So ernst, Major?«fragte er.»Wer ist Ihnen über die Leber gelaufen?«

«Sie, Professor!«

Dr. Mainetti schüttelte den Kopf.»Ich weiß nicht, Walter, was plötzlich los ist. Draußen sperrt MP alles ab, stößt mich mit dem Gewehr vor die Brust, der Major ist sauer wie eine unreife Zitrone. Wir haben hier doch keinen Föhn, der alles verrückt macht!«

Professor Rusch kam um seinen Schreibtisch herum. Er streckte Braddock die Hand entgegen, zog sie aber schnell zurück, als er merkte, daß der Major sie kühl übersah.

«Darf ich fragen — «, Professor Rusch sah auf den kleinen Offizier herab.

«Wir haben ihn verhaftet, Professor«, sagte Braddock laut.»Er hielt sich in Frankfurt auf. Peter Weller nannte er sich jetzt, er hatte sogar einen Paß auf diesen Namen. Aber nach sechs Stunden Verhör gab er es zu.«

«Wer?«fragten Rusch und Lisa fast gleichzeitig.

«Dr. Urban!«Braddock sah von Dr. Mainetti zu dem Chefarzt.»Er wurde erwischt, als er aus der US-Heeresapotheke Morphin stehlen wollte.«

«Kein Irrtum. Er ist es!«sagte Lisa hart.

«Natürlich ist er es!«James Braddock wandte sich wieder Professor Rusch zu.»Und der Junge hat ausgepackt! Warum haben Sie mir verschwiegen, Professor, daß Sie ein alter Parteigenosse sind?«

Rusch sah verblüfft Lisa Mainetti an.»Was soll ich sein? Ein al-ter PG? Ausgerechnet ich?«

«Sie haben sogar das Goldene Parteiabzeichen! Als Spezialist für Gesichtsverstümmelungen waren Sie Mitglied einer Kommission, die unheilbare Fälle für die Euthanasie vorschlug.«

«Aber das ist doch Wahnsinn!«rief Lisa Mainetti.»Wer hat diesen Irrsinn erzählt?«

Major Braddock winkte ab.»Es ist uns bekannt, daß Sie, Professor Rusch, viermal bei der Dienststelle v. Unruh angerufen und um eine Auskämmkommission gebeten haben. Gott sei Dank ohne Erfolg!«

«Die sind wirklich verrückt, Walter!«sagte Dr. Mainetti.»Gerade du, der sich gegen Oberst Mayrat stemmte, der.«

Major Braddock hob die Schultern.»Die Beschuldigungen sind in den Akten! Wir haben die Pflicht, sie nachzuprüfen. Ich muß Sie bitten, mitzukommen, Professor!«

«Verhaftet?«fragte Rusch leise. Sein Gesicht war fahl.

«Wieso? Sie sind Kriegsgefangener. Sie werden nur verlegt! In ein Lager, wo man Sie verhören muß und die Wahrheit feststellen wird.«

«Ich kann die Wahrheit beschwören, Major!«rief Lisa Mainetti.»Alles ist eine Lüge, ist haltloser Blödsinn! Kein Mann hat so für seine Verwundeten gesorgt wie Professor Rusch. Wie seine Söhne hat er sie geliebt und.«

Braddock wedelte mit beiden Händen durch die Luft.

«Keine romantischen Erzählungen, Miß Mainetti. Wir drehen keinen Hollywoodfilm, sondern es geht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«