«Professor Rusch — und Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Müssen Sie nicht selbst darüber lachen, Major?«
«Nicht mehr! Es liegen konkrete Aussagen und Angaben vor.«
«Von wem denn, um Himmels willen!«rief Rusch.
«Von Dr. Urban.«
Lisa und Rusch sahen sich lange an. Sie wußten in diesem Augenblick, daß jedes weitere Wort umsonst gesprochen wäre. Nur eine gründliche Rehabilitierung konnte die Unschuld Ruschs ergeben. Aber diese Rehabilitierung konnte Monate dauern.
«So ein verdammtes Schwein!«sagte Lisa leise.
«Das ist er!«Major Braddock winkte Rusch, sich für das Mitkommen fertigzumachen.»Es ändert aber nichts, daß wir alles nachprüfen müssen. Wir haben unsere Befehle.«
«Natürlich, natürlich. «Professor Rusch zog seinen weißen Arztkittel aus. Er nahm seinen Offiziersrock mit dem leuchtenden POW auf dem Rücken, warf ihn über, und Lisa knöpfte ihn mit zitternden Fingern zu.»Was muß ich mitnehmen, Major!«
«Das Nötigste. Was man so braucht.«
«Wie lange wird es dauern?«
Braddock hob die Schultern.»Wir haben einige tausend Fälle nachzuprüfen. Vielleicht ein Jahr.«
«Ein Jahr?«stammelte Lisa Mainetti.
«Auch das wird vorbeigehen. «Rusch zögerte. Dann nahm er Lisas Gesicht zwischen seine Hände und küßte sie innig. Braddock drehte sich um und scharrte mit den Schuhspitzen.»Ich weiß, daß du auf mich wartest, Lisa«, sagte Rusch leise.
Sie nickte in seinen Händen, und zum erstenmal sah er, daß sie schwarze Augen hatte und daß sie weinen konnte, ohne das Gesicht zu verziehen.
«Ich warte auf dich, Walter«, flüsterte sie.»Es ist mir jetzt, als habe ich auf dich mein ganzes bisheriges Leben gewartet. Paß auf dich auf, ja, und komm gesund zurück!«
Braddock drehte sich wieder um.»Er wird nach Darmstadt kommen«, sagte er.»Beste Nazigesellschaft! Jeden Tag müssen wir die politischen Camps vergrößern.«
Rusch packte einen kleinen Koffer. Noch einmal küßte er Lisa Mai-netti, dann riß er sich los aus ihren umklammernden Armen und ging Major Braddock nach, der schon über den Flur stampfte. Drei riesige MP-Männer folgten Rusch, die Maschinenpistole im Anschlag.
Aus den Türen der Krankenzimmer sahen die Gesichtsverletzten und starrten dem seltsamen Zug nach. In der OP-Tür standen die Ärzte und Schwestern, der Famulus Baumann und die Oberschwester.»Das ist doch ein idiotischer Irrtum!«rief Dr. Vohrer.
«Auf Wiedersehen, Jungs!«rief Professor Rusch mit bebender Stimme.»Auf Wiedersehen. Ich komme ja zurück.«
«Wenn jetzt och noch die Amis verrückt werd'n — wat bleibt denn da von der Welt noch übrich?«schrie der Berliner.
Major Braddock senkte den Kopf. Wie ein wütender Stier rannte er aus dem Lazarett. Professor Rusch stieg in den zweiten Jeep, zwei Maschinenpistolenläufe in seinem Rücken. Er sah sich nicht einmal um, als er in rasender Fahrt abfuhr. Er hielt seinen Kopf sehr gerade, und seine weißen Haare flatterten wild im Wind.
Das Lazarett war verwaist. Allen kam es so vor, auch wenn Dr. Mainetti nun die ärztliche Leitung übernahm und zusammen mit dem amerikanischen Arzt Dr. Red Stenton, diesem stillen, wortkargen Chirurgen aus New Orleans, die laufenden Operationen durchführte. Er war ein guter Allgemeinchirurg, aber von der Wiederherstellung eines Gesichtes verstand er wenig. Er legte die Rollappen an und meißelte die Knochenspäne aus den Schienbeinen, aber die eigentliche Formung des Gesichtes, diese Feinarbeit mit größtem Fingerspitzengefühl, machte Dr. Mainetti allein und ließ Dr. Stenton nur assistieren.
James Braddock kam jetzt dreimal wöchentlich. Er saß im Chefzimmer herum und starrte gegen die Wände, trank seinen Whisky und kaute seinen Gummi und kam sich ungerecht behandelt vor, weil ihn Lisa nie ansprach, ja nicht einmal beachtete. Ob er im Zimmer saß oder nicht — Braddock hatte das Gefühl, daß er überhaupt nicht vorhanden war.
«Ich kann doch nichts dafür!«sagte er einmal, als Lisa Mainetti über Dr. Stenton mit Braddock sprach und auf diesem Umweg, obgleich sie alle zusammen in einem Zimmer standen, neues Verbandsmaterial bestellte.»Ich habe nur meine Pflicht getan!«
«Es war Ihre Pflicht, die Haltlosigkeit dieser Beschuldigungen einzusehen«, sagte Lisa bitter.
«Man hat mich im Generalkommando nicht um meine Ansicht gefragt, sondern mir einen Auftrag erteilt!«
«Die gleiche Sturheit wie bei den Preußen!«
«Sie ist in allen Armeen zu Hause, Miß Doktor. Ein selbständig denkender Soldat ist ein Kuriosum!«
«Die Beschuldigungen eines solchen Schweines wie Dr. Urban zu glauben!«rief Lisa aufgebracht.
«Es wird sich alles herausstellen.«
«Natürlich — aber ein Jahr hat Professor Rusch verloren!«
«Wenn die Deutschen nicht mehr verlieren als nur ein Jahr, sind sie ein glückliches Volk!«Braddock setzte seine Mütze auf.»Ihre Nation hat den Krieg verloren, Madam. Man sollte das nach vier Monaten nicht schon vergessen haben!«
«Danke für den Nachhilfeunterricht, Major.«
Sie ließ Braddock mit Dr. Stenton im Chefraum zurück und ging auf ihr Zimmer.
Mitte September kam wieder ein Sack voll Post nach Bernegg. Famulus Baumann verteilte sie unter Bewachung von Leutnant Pot-kins. Die gesamte Stube B/14 war diesmal dabei. Der Wastl bekam einen Brief aus Berchtesgaden, Ursula Schwabe hatte geschrieben, eine Tante von Fritz Adam, die Mutter von Kaspar Bloch aus Flensburg. Und dann rief Baumann die Namen von zwei Menschen auf, für die ein Brief, ein dünnes, fleckiges Kuvert mit vielen Leitvermerken, eine Seligkeit, ein Taumel des Glückes bedeutete:
Paul Zwerch, der Berliner, hielt seinen Brief in der Hand, und er heulte und zeigte Baumann den Absender und begriff es nicht.
«Meine Mutter, Junge, meine Mutter. In Braunschweig is se jetzt, 'raus aus Berlin. Keen Russe kann ihr wat wollen. Se lebt — Baumann, du stures Rindvieh — se lebt!«
Der zweite Glückliche war Walter Hertz. Petra hatte geschrieben. Ein schmales, rosa Kuvert hielt er in den Fingern und las immer wieder seinen Namen, den Ihre Hand geschrieben hatte. Woher der Brief kam, wußte er noch gar nicht, was in ihm stand, hatte er noch nicht gelesen. Es war ein Brief von ihr — nach den langen Mona-ten verzehrenden Wartens.»Sie hat mich nicht vergessen«, stotterte er, und sein schiefes Gesicht wurde noch formloser.»Ich habe es gewußt, Jungs, ich habe es gefühlt, sie denkt an mich!«
Dann war Ruhe in der Stube. Die Sechs saßen auf ihren Betten und lasen ihre Briefe. Erich Schwabe wischte sich immer wieder über die Augen und zerwühlte sich mit der linken Hand die Haare.»Das — das sollte nicht sein«, sagte er.»Meine arme Uschi. «Er ließ den Brief auf das Bett flattern und stierte vor sich auf das Kissen.»Was mach' ich denn jetzt?«dachte er laut.»Was kann ich denn jetzt bloß machen?«
Fritz Adam, auf dem Nebentisch, beugte sich herüber.»Was ist denn wieder los, Erich?«fragte er leise.
«Uschi bekommt ein Kind!«
«Mensch, freu dich doch! Nun ist doch überhaupt alles kein Problem mehr.«
Schwabe schüttelte langsam den Kopf.»Wer sorgt denn für sie, gerade jetzt, in diesem Zustand. Sie haben doch nichts zu essen, Fritz. Keiner ist da, der ihnen etwas extra besorgen könnte. Jetzt braucht Uschi doch Obst und Fett und Gemüse. Und das Kind braucht es doch auch. Wenn ich jetzt zu Hause wäre, ja, da wäre das anders. Als Glaser kann ich arbeiten, kann ich tauschen, kann ich hintenherum was kriegen. Und nun sitze ich hier. Nicht mal bei der Geburt bin ich dabei. Wir haben uns immer so sehr auf das erste Kind gefreut, Fritz.«
Der Wastl, auf seinem Bett, räusperte sich laut.»Flüchtlinge aus Dresden hab' i kriagt«, sagte er.»An Professor der Zoologie. Jetzt will der mei Hühner kreuzen und veredeln! Aba vun an Neger schreibt's nix, die Resi. Sakrament!«
«Sie ist in Mannheim. Ganz allein ist sie da«, sagte Walter Hertz.»Ihr Vater ist in München. In einer Kantine der US-Airforce arbeitet sie. Wenn's geht, will sie mir ein Paket schicken.«