«Mein Vater liegt in Münster im Lazarett. Kurz vor Kriegsende ist er noch verwundet worden, am Bein. «Kaspar Bloch schüttelte den Kopf.»Sie haben meinen Vater einfach abgeholt und in eine Uniform gesteckt. Und eine Panzerfaust haben sie ihm gegeben. Er hat noch nie eine Panzerfaust in der Hand gehabt. Bevor er damit etwas anstellen konnte, wurde er verwundet. Mehr weiß Mutter auch nicht. «Kaspar Bloch sah sich um. Überall blickten ihn glückliche Augen an.»Aber er lebt, das ist die Hauptsache.«
«Mir is, als ob ick Weihnachten hätte«, sagte der Berliner leise.»Und ick hab' 'n Stück von 'n Engelflüjeln erwischt!«
In ihrem Zimmer saß Lisa Mainetti ebenfalls in einen Brief versunken und durch das Fenster in die Weite des Landes blickend. Professor Rusch hatte geschrieben. Aus dem Lager Darmstadt. Man hatte ihn mit Dr. Urban zusammengeführt und die beiden Männer einander gegenübergestellt. Und Dr. Urban hatte alles, was er gegen Rusch vorbrachte, alle Lügen, beschworen.»Meine Lage ist nicht rosig«, schrieb Rusch ehrlich.»Man wird natürlich alles nachprüfen. Aber wenn die Akten verbrannt oder vernichtet sind, wenn es keine Gegenbeweise gegen diesen gemeinen Eid gibt, kann ich einer der Letzten sein, der Darmstadt verläßt.«
Lisa Mainetti faltete den Brief zusammen. Natürlich, dachte sie. Urban beschwört alles. Er hat nichts mehr zu verlieren. Was macht ihm noch ein Meineid aus? Jetzt kann er die Rache nehmen, die ich ihm immer aus den Händen schlagen konnte. Und was die Nazis nicht konnten, unternehmen jetzt die Amerikaner — die Vernichtung eines Mannes, der nur die Wahrheit denkt. Zu späten Handlangern Hitlers werden sie. Und sie ahnen es nicht!
Sie ging hinüber zum Chefzimmer und rief Major Braddock an. Er war sofort am Apparat, als habe er schon auf den Anruf gewartet.
«Professor Rusch hat geschrieben«, sagte sie. Braddocks Stimme war gleichgültig.
«Ich weiß. Ich habe mir erlaubt, diesen Brief zu öffnen.«
«Natürlich. Sie sind ja auch der Sieger!«sagte Lisa giftig.
«Professor Rusch wird nicht lange in Darmstadt bleiben«, sagte Brad-dock.»Diese Stelle seines Briefes ist ein Fehlgedanke.«
In Lisas Brust zuckte es schmerzhaft.»Woher — woher wollen Sie das wissen, Major?«fragte sie atemlos.
«Aus einigen Berichten, Madam! Kennen Sie Wernher v. Braun?«
«Nie gehört.«
«Ein Genie. Er konstruierte für die Deutschen die V 1 und die V
2 mit. Ein Fachmann für Raketen und Weltraumträume. Er ist auf dem Wege nach den USA! Er wird bei uns arbeiten, für uns. Mit Möglichkeiten, die er sich nie hat träumen lassen in seinem kleinen Peenemünde.«
«Was hat das mit Professor Rusch zu tun?«
«Professor Rusch steht als Fachmann für Gesichtsplastiken auf ebenso einsamer Höhe wie dieser Wernher v. Braun auf dem Gebiet der Raketentechnik. Es wäre nur logisch, wenn mein Land auch diesen Fachmann gebrauchen könnte.«
«Das sind Phantastereien, Major Braddock!«
«Ich habe es schon kurz nach dem Einmarsch angedeutet, erinnern Sie sich?«
Lisa nickte stumm. Natürlich erinnerte sie sich an dieses Gespräch. Rusch hatte schon damals an diese Möglichkeit geglaubt, und wollte zusagen, wenn sie ihn nicht heiraten würde. Nun war alles verändert, Rusch würde Deutschland nie verlassen.
«Er wird ein Angebot nicht annehmen«, sagte Lisa fest.
«Dann wäre er ein dummer Mensch, Miß Doktor! Warum sollte er es nicht?«
«Er weiß, daß er hier gebraucht wird! Wir haben den Krieg verloren, jawohl. Aber es wird auch wieder einen Aufbau geben. Man kann ein 70-Millionen-Volk nicht von der Landkarte löschen. Und darum müssen Männer hierbleiben, die dem blutenden Volke wieder die Wunden verbinden.«
«Dieser verdammte deutsche Nationalismus!«schrie Braddock. Dann klirrte es in der Leitung. Es war, als ob Braddock das Telefon vom Tisch geschlagen hätte.
Karlheinz Petsch, der Maurer und ehemalige Fliegerfeldwebel, hatte sich einen Keller in der neubenannten Rathenaustraße fast feudal ausgebaut. Er hauste dort wie ein kleiner Fürst, beneidet und umschmeichelt von allen, von den Frauen versteckt oder offen mit Angeboten überhäuft, die er je nach Laune wie auf einem orientalischen Markt aushandelte: Ein Pfund Speck hat den Wert von zwei Nächten, zwei Koteletts bedeuten zwei Stunden und zwei Pfund Hülsenfrüchte — na ja, man ist ja nicht kleinlich.
An Ursula Schwabe trat er mit solchen Angeboten nicht heran. Im Gegenteil, aus einer unerklärlichen Dankbarkeit und fast hündischen Anhänglichkeit heraus schaffte er alles heran, was Frau Schwabe und Ursula brauchten. In seiner Freizeit saß er in den Trümmern des Hauses Nr. 4 und klopfte Steine, schichtete Balken und Bretter und planierte die Kellerdecke, um Platz für das Aufsetzen der neuen Wohnungswände zu bekommen.
«Er soll gehen!«hatte Ursula in den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr aus Bernegg geschrien.»Ich will ihn nicht mehr sehen. Warum jagst du ihn nicht fort?«
Frau Schwabe hatte die Schultern gehoben. Sie war dünn und eingefallen und ging neuerdings etwas nach vorn gebeugt. Sie hungerte, man sah es ihr an, und sie hatte fast alle ihre Kraft verbraucht in den Monaten vor dem Einmarsch der Amerikaner in Köln und bis zum Waffenstillstand. Nun war sie nur noch eine alte, gebeugte Frau, die Hunger hatte. Er hatte ihren eisernen Willen zerfressen, ihre Vitalität, ihre mütterliche Autorität. Es war ein körperlicher Zusammenbruch, von dem es kein Aufrichten mehr gab.
«Ich kann ihm nicht verbieten, nebenan zu wohnen«, sagte sie schwach.»Und wenn er die Steine abklopft — laß ihn doch!«
«Du weißt, warum er es tut!«rief Ursula verzweifelt.
«Es liegt nur an dir!«Frau Schwabe schälte Kartoffeln. Sie schabte sie ab, damit nicht zuviel mit der Schale verlorenging.»Wenn du Erich liebst, ist es gleichgültig, ob dieser Mann da draußen Steine für uns klopft. Die Liebe schützt dich vor allem! Und außerdem baut er unser Haus wieder auf.«
«Und eines Tages wird er die Rechnung vorlegen«, sagte Ursula dumpf.»Und du weißt, was er dann verlangt!«»Dummheit! Er weiß, daß es sinnlos ist. Ich habe lange mit ihm gesprochen. Er ist nur dankbar.«
«Dankbar wofür?«
Frau Schwabe schwieg. Sie dachte daran, wie sie nach dem Weihnachtsbesuch bei Erich nach Köln zurückkam, unverhofft und früher. Damals hatte sie einen Augenblick die wilde Lust verspürt, ihre Schwiegertochter zu töten, einfach zu töten mit einem Küchenmesser, mit einem Kessel kochenden Wassers, mit einem großen Stein. Sie hatte Erich verraten, mit einem anderen Mann betrogen, sie hatte diesen armen, um Liebe flehenden Menschen ohne Gesicht aus ihrem Herzen verjagt. Aber dann war in Frau Schwabe dieses Gefühl des Tötenmüssens verflogen. Etwas wie Mitschuld hatte sie verspürt, die Strafe für ihren Egoismus, ihrem Sohn Erich in der größten Not alles sein zu wollen, Mutter, Frau, Zukunft und die ganze Liebe.
«Wir haben uns gegenseitig versprochen, nie mehr darüber zu reden«, sagte Frau Schwabe ernst.»Erich wird es nie erfahren.«
«Ich werde es ihm erzählen, wenn er wieder zu Hause ist.«
«Aber warum denn?«
«Ich will nicht mit dieser Lüge im Herzen mit ihm weiterleben. Und darum muß dieser Petsch weg. Ich will ihn nicht mehr sehen, ich will an nichts, an gar nichts mehr erinnert werden.«
Frau Schwabe hob hilflos die Arme.»Wir können ihm nur verbieten, nicht mehr in unser Haus zu kommen.«
Drei Tage nach diesem Gespräch ging Ursula zu Karlheinz Petsch hinaus in die Trümmer. Er saß wieder in den Ruinen des Schwab-schen Hauses, klopfte Ziegelsteine sauber und stapelte sie. Es war ein heißer Abend, staubig und windstill, und Petsch saß zwischen den zerborstenen Mauern mit nacktem Oberkörper, eine alte Feldmütze über den verschwitzten Haaren, zwischen den Zähnen eine dicke Pfeife, in der er besten amerikanischen goldgelben Tabak rauchte.