«Na, Mädchen?«sagte er und reckte den muskulösen Oberkörper.»Das ist nett, daß du mich doch noch kennst.«
«Wie stellst du dir das vor?«fragte Ursula laut.
«Was heißt vorstellen? Ich warte — und arbeite dabei. Nächsten Mo-nat bekomme ich Zement, woher, wird nicht verraten. Und dann geht's los, Kleine. Erst die Umfassungsmauern, dann die Zwischenwände. Ich hab' mir gedacht, vier Zimmer reichen fürs erste, was? Nur mit dem Dachdeckermaterial, da klappt's noch nicht so richtig. Da muß ich mir erst die Verbindung suchen.«
«In drei Monaten etwa wird Erich zurückkommen!«log Ursula.
Karlheinz Petsch nickte eifrig.»Um so besser! 'n tüchtiger Glaser ist was wert! Um so schneller geht's mit der neuen Wohnung. Ein Maurer und ein Glaser — Mädchen, wenn wir nicht in Kürze alles haben, was wir brauchen, will ich wie Göring Meyer heißen!«
«Und worauf willst du warten?«fragte Ursula heiser vor Angst.
«Auf das, was wird!«Karlheinz Petsch legte seinen Hammer und den Flachmeißel hin.»Du liebst deinen Mann, ich weiß es, Uschi. Was zwischen uns war — Schwamm darüber. Ist ja auch lange her. Aber ich sprech' auch nicht mehr darüber. Du kannst's vergessen, ich tu's nicht. Heute zum letztenmal, Ehrenwort! Aber ich weiß, daß es nicht gut gehen wird, Uschi, nicht auf die Dauer. Jetzt hast du noch Mitleid mit dem Erich, und du redest dir ein, daß du ihn mehr liebst als früher — ja, wink nicht ab, laß mich weitersprechen. Diese ganze große Liebe, die du jetzt spürst, ist nur Mitleid, nur Selbstbetrug, ist wie eine Morphiumspritze, die du täglich nimmst, um dir was vorgaukeln zu lassen. Aber wenn der Erich zu Hause ist, und wenn du täglich, stündlich, jede Minute um ihn bist, und wenn die andern weggucken, wenn er kommt, und die Kinder ihm nachlaufen — und Kinder sind so grausam, Uschi —, das ist wie ein steter Tropfen, Uschi, das höhlt dich aus. Und eines Tages bist du fix und fertig und kannst nicht mehr. «Petsch sah sie groß an.»Darauf warte ich. Auf diesen Tag, dann nehm' ich dich zu mir, damit du nicht völlig zusammenklappst.«
«Such dir eine andere Frau!«schrie Ursula wild.»Du hast ja Auswahl genug. Sie laufen dir ja den Keller ein.«
Petsch schüttelte langsam den Kopf.»Das sind Weiber«, sagte er mit tiefer Verachtung in der Stimme.»So etwas wirft man weg wie einen faulen Apfel, von dem man ein Stückchen abgebissen hat. Aber dich liebe ich, Uschi. Ich kann nun mal nichts dafür. Und wenn ich mich geirrt habe, dann habe ich eben Pech gehabt!«
«Du hast dich geirrt! Ich kann es dir schon jetzt sagen. Du brauchst nicht zu warten. Ich liebe Erich, und ich bleibe bei ihm — ganz gleich, was noch kommt!«rief Ursula.
Karlheinz Petsch drückte bedächtig den Daumen auf die heiße Asche in seiner Pfeife und preßte den brennenden Tabak etwas zusammen. Dabei sah er von unten her Ursula nachdenklich und fast mitleidig an.
«Du weißt gar nicht, was kommt, nicht wahr?«sagte er langsam.»Du hast dir gar keine Gedanken darüber gemacht, was? Der Erich kommt nach Hause, und alles ist wieder gut. Mädchen, wenn das so einfach wäre. Das ist ganz anders! Das fängt schon damit an, daß wir den Krieg verloren haben. Solange Krieg war und erst recht, wenn wir den Krieg gewonnen hätten, war es mit dem Erich eine sichere Sache. Er bliebe im Lazarett, er würde operiert, man machte ihm eine neue Nase, neue Ohren, neue Lippen, neue Backen und was weiß ich, was ihm alles fehlt. Und wenn er dann wieder leidlich vernünftig ausgesehen hätte, hätte man ihn entlassen und gesagt: >Nun mach deine Arbeit weiter, Erich Schwabe.< Aber das ist doch alles vorbei, Mädchen! Jetzt wird er aus dem Lazarett 'rausgeworfen, sobald er wieder essen kann — meinetwegen macht man ihm auch noch die Nase. Aber dann ist Schluß! Wie kommen die Amis dazu, dem Erich Schwabe jahrelange kosmetische Operationen zu bezahlen? Er wird als normaler Kriegsgefangener eines Tages — vielleicht schon vorzeitig — entlassen, und dann ist er da! Ohne Gesicht! Essen kann er, sich die Nase putzen kann er auch wieder — und das ist alles! Kein Schwein wird sich um ihn kümmern, denn er ist ja — wie's so schön heißt — funktionsfähig! Und 'ne Rente wird man ihm in die Hand drücken, für die er sechs Ami-Zigaretten kaufen kann. Und jede Operation an seinem Gesicht, jede Narbe, die er wegnehmen läßt, jede neue Verpflanzung, einfach alles, was über dem >funkti-onsfähig< liegt, muß er aus eigener Tasche bezahlen. Das kostet Tausende — und hat er die, Mädchen? Was ist also los, wenn der Erich
kommt? Er wird jahrelang ohne Gesicht 'rumlaufen, denn dafür bekommt er ja seine Rente. Und keiner, keiner wird sich um ihn kümmern.«
Ursula biß die Lippen zusammen. Sie starrte Karlheinz Petsch stumm an, wandte sich dann um und rannte durch die Ruinen davon.
Sie wußte, daß er recht hatte, und dieses Wissen war so grausam, daß sie vor sich selbst flüchten wollte und vor der unterdrückten Frage: Kann ich das wirklich aushalten — ein ganzes Leben lang?
Als er hörte, daß sie ein Kind bekam, hob Karlheinz Petsch nur die Schultern. Die erste Mauer stand bereits, die Nachbarn beneideten die Schwabes wie nach einem Millionengewinn.
«Ich habe das erwartet, Mädchen«, sagte Petsch.»Aber das ändert nichts. Ich nehme das Kind auch mit zu mir.«
«Jetzt kann mich überhaupt nichts mehr von Erich trennen!«rief Ursula.
«Abwarten!«
«Da gibt es nichts zu warten. Es wäre besser, du zögest in eine andere Gegend. Köln ist groß genug.«
«Du kennst die Menschen nicht, Uschi. Im Augenblick bist du noch die kleine, arme Frau, deren Mann schwerverwundet in Gefangenschaft ist. Aber wenn er zurückkommt, ändert sich das.«
«Was soll sich ändern?«
«Alles, Mädchen. Dann ist das Mitleid weg! Dann heißt es nicht: Die arme Frau muß mit solch einem Krüppel leben. Nein, es wird heißen: Die Schwabe ist verrückt! Ist noch so jung und könnte was aus sich machen! Wenn so eine Verstümmelung kein Scheidungsgrund ist — das wird man sagen!«
«Ich werde jeden um die Ohren schlagen, der so etwas zu mir sagt!«
«Ihr werdet isoliert sein. Man wird euch aus dem Wege gehen. Das grausamste aller Tiere ist der Mensch, Uschi! Und wenn es Deutschland jemals wieder gut gehen sollte, ist's ganz aus! Dann seid ihr Abschaum, ein Überbleibsel des Kriegs und der Vergangenheit, an die niemand mehr erinnert werden will! Man wird euch ein Almosen
geben und irgendwo in die dunkle Ecke stellen, damit der neue Glanz nicht ein Fleckchen des vergessenen Vorlebens bekommt.«
«Du bist ein Menschenverächter, weiter nichts!«sagte Ursula gepreßt.
Karlheinz Petsch nickte.»Warte es ab«, sagte er.»Man kann gar nicht so schlecht denken, wie der Mensch ist. Und am schlimmsten ist der satte Mensch! Warte es nur ab. «Er legte seine Hand auf Ursulas Arm, aber sie schüttelte ihn ab, als ekle sie die Berührung.»Darum bleibe ich auch in deiner Nähe«, sagte Petsch leise.»Du bist mir zu schade, um in dieser Mühle zermahlen zu werden.«
Zwei Besucher standen in der großen Halle der Wolfach-Villa auf dem Hügel, in die Major James Braddock als Kommandant des Gebiets Bernegg gezogen war. Offiziere des Sicherheitsdienstes hatten das Haus vor einigen Tagen vom Keller bis zum Dach untersucht und alle vorhandenen Papiere mitgenommen. Braddock erfuhr, daß der Besitzer der Villa, der Fabrikant Hubert Wolfach, auf einer Liste der Kriegsverbrecher stand. Er hatte mit seinen Werken geholfen, den Krieg zu verlängern, hatte Bombenzünder und Granatzünder hergestellt.
Der eine der beiden Besucher, die heute hier warteten, war ein alter, weißhaariger Mann in einem geflickten, schmutzigen Anzug, der um den ausgemergelten Körper schlotterte, als habe er die Kleidung auf seiner Wanderschaft nach Bernegg von einer Vogelscheuche genommen. Nun setzte sich der alte Mann in einen der Gobelinsessel, bewunderte die Gemälde, die an den Wänden in schweren Goldrahmen hingen und registrierte vor sich hinlächelnd den starken Kontrast zwischen alten Meistern und vier uniformierten Negern, die gummikauend um einen runden Tisch in der Halle saßen und Karten spielten.