Auf Stube B/14 jagten sich die Mutmaßungen.
«Det is klar wie Wurstbrühe«, sagte der Berliner.»Kaspar wird entlassen, und der Walter kriegt eenen hinjepfeffert, weil er der Petra 'n Kind jemacht hat.«
«Blödsinn!«schrie Walter Hertz.»Das hätte sie im letzten Brief geschrieben.«
«Und dann heißt es ausdrücklich: Ohne Gepäck. «Fritz Adam schüttelt den Kopf.»Das ist was Neues. Wenn das hier ein KZ wäre. Jungs, bei der SS hieß >ohne Gepäck<…«
Walter Hertz wurde blaß.»Mein Vater war Kreisobmann in der Arbeitsfront«, sagte er leise.
«Quatsch!«Erich Schwabe winkte ab.»Da gibt es ganz andere braune Tiere. Wer weiß, was die Amis wollen. Vielleicht nur eine Auskunft. Die Brüder machen ja alles so spannend.«
«Ick bleib' dabei, det es um Alimente jeht«, sagte der Berliner.
Man kam zu keiner Übereinstimmung der Vermutungen. Als die Jeeps abfuhren, hingen die Zurückgebliebenen von Stube 14 in den Fenstern und winkten. Die neueste Auslegung des Falles stammte von Wastl Feininger.
«Leut«, hatte er gesagt,»dös is doch klar, Walter und Kaspar sein die G'sündesten von uns. Arbeiten müassens.«
Man war geneigt, diese Ansicht einstimmig als die einzig richtige hinzunehmen.
Die Jeeps rasten in einem Halbkreis in den Schulhof von Bernegg und hielten vor dem Eingang. Major Braddock kam aus dem Tor, mit finsterer Miene und in schlechtester Laune. Er sah den beiden POWs ohne Gesicht entgegen und überlegte, wie er mit einem Satz, mit einem Wort nur bitterste Galle über sie ausgießen konnte. Aber je näher sie kamen, diese erbarmungswürdigen Fratzen des Krieges, um so mehr schämte sich Braddock vor der eigenen Unbeherrschtheit. Schließlich schob er nur seine Mütze in den Nacken und steckte die Hände in die Hosentaschen.
«Wer ist Kaspar Bloch?«fragte er rauh.
«Hier. «Das Wort entfuhr Bloch unwillkürlich, und erst, als Hertz ihn von hinten in den Rücken stieß, wurde Bloch blaß und starrte Braddock erwartungsvoll an. Über zwei Jahre hatte er meisterhaft und ohne den geringsten Fehler den Tauben gespielt, sogar Dr. Urban hatte ihn nicht überführen können. Jetzt aber, durch diese plötzliche Frage überrumpelt, gab er Antwort und bewies, daß er hören konnte.
«Rindvieh«, murmelte Hertz hinter ihm. Bloch senkte den Kopf. Gebe Gott, daß er nicht weiß, daß ich taub zu sein habe, dachte er. Eigentlich ist es unmöglich, daß Braddock alle Krankengeschichten auswendig kennt. Aber er wird sich an dieses» Hier!«erinnern, wenn einmal die Krankenpapiere wegen Entlassungen durchgekämmt werden und hinter dem Namen Bloch >taub< steht.
«Dann sind Sie Walter Hertz?«fragte Braddock. Er betrachtete das unverbundene, schiefe, eingedrückte, von Narben und Nähten übersäte Gesicht, das hängende Auge und die weggerissene Braue. Ist es nicht ein Wunder, dachte er, daß dieser arme Mensch von einem Mädchen wie dieser Petra Wolfach geliebt wird? Man kann es auch unverständlich nennen. Aber hinter der Mauer in meinem Rücken wartet sie in einer Schulklasse, und um diesen Walter Hertz zu sehen, hat sie eine Verhaftung riskiert, Verhöre, Einweisung in ein Lager.
«Mitkommen«, sagte Braddock.»Sie in Klasse 1, Bloch — und Sie in Klasse 2, Hertz. Eine halbe Stunde — mehr geht beim besten Willen nicht.«
Bloch und Hertz sahen sich verwundert an. Sie verstanden Brad-dock nicht.»Was soll das?«flüsterte Hertz.»Soll'n wir die Klassen schrubben? Das fängt ja gut an.«
«Wenn sie uns dafür etwas extra zu fressen geben, putz' ich die ganze Schule, Mensch.«
Braddock drehte sich um und ging in die Schule zurück. Die MP-Männer lehnten an ihren Jeeps und rauchten. Für sie war die Sache erledigt. Bloch knöpfte sich den Rock auf.
«Na, denn man los, Walter«, sagte er.»Das kennen wir doch: Dreck gleichmäßig verteilen und dann einen Eimer Wasser über alles. Die können uns doch nicht.«
Walter Hertz nickte und lächelte.»Während der Ausbildung mußte ich mal mit 'ner Zahnbürste den Boden der Stube schrubben, und dann kam der UvD und legte ein Brot mit der Butter nach unten auf den Boden und zählte die dranklebenden Staubkörner. «Er sah an der Schulfassade entlang, und plötzlich war es, als habe er einen Schlag in den Nacken bekommen, er kippte nach vorn, hielt sich an Kaspar Bloch fest und krallte die Finger in dessen Oberarm.
«Verrückt, was?«schrie Bloch und wollte Hertz abschütteln.
Hinter einem Fenster war ein Mädchenkopf zurückgezuckt. Den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Walter Hertz hatte ihn noch gesehen, das Erkennen war ein völliger Zusammenbruch.
«Petra!«schrie Hertz auf.
Bloch sah auf die Fenster. Sie waren staubig, ungeputzt, fast schon blind.
«Du Vollidiot!«sagte Bloch und schlug Hertz auf die sich festkrallenden Finger.»Los, komm 'rein.«
Hertz hielt sich an Bloch fest, als habe er Angst, umzufallen. Sein Körper zitterte wild und zuckte im Rhythmus des Herzschlags.
«Petra ist da. Dort, in der Klasse. Ich habe sie gesehen!«Hertz hielt Bloch fest, der in die Schule wollte.»Kaspar, ich bin nicht verrückt, sie ist da. Und ich habe keinen Verband im Gesicht!«
«Mach kein Theater!«Bloch zog Hertz mit sich fort.»Deinen Koller kannste beim Schrubben austoben.«
Walter Hertz riß sein Taschentuch aus der Hose und preßte es gegen seine eingedrückte Gesichtshälfte und das hängende Auge. Er stolperte neben Bloch her in die Schule, stieß mit den Füßen gegeneinander und wäre ein paarmal hingestürzt, wenn Bloch ihn nicht am Rock festgehalten hätte.
«Da, Klasse 2, du Hornochse«, sagte Bloch.»Hoffentlich haben die einen vernünftigen Besen da. Ich werde mir mal meine Klasse 1 ansehen.«
Walter Hertz zögerte. Dann richtete er sich auf, legte das Taschentuch über sein Gesicht, drückte es mit der flachen Hand an und stieß mit der linken Hand die Tür zur Klasse auf.
«Petra!«schrie er.»Petra!«
Fast im gleichen Augenblick ertönte in seinem Rücken, von der Tür der Klasse 1, ebenfalls ein Aufschrei.
«Vater! Vater!«
Dann klappten die Türen zu, und es war vollkommene Stille in den Räumen.
Major Braddock saß am Telefon und sprach mit Dr. Lisa Mainetti.
«Professor Bloch ist soeben hier aufgekreuzt«, sagte er fast gleichgültig. Er hörte, wie oben auf dem Schloß Dr. Mainetti tief Atem holte.
«Bloch? Mein Gott, darum haben Sie Kaspar Bloch heruntergeholt?«
«Yes.«
«Und Walter Hertz? Major, sagen Sie nur noch, seine kleine Petra ist auch da?«»Genau das ist sie. Das liebe Kriegsverbrechertöchterlein von Bernegg.«
«Warum haben Sie das nicht gesagt? Ich hätte Walter Hertz erst verbunden und.«
«Warum immer die Menschen belügen und betrügen. Die Kleine soll ruhig sehen, wie er aussieht. Ein Fegefeuer ist doch dazu da, zu reinigen.«
Lisa Mainetti setzte sich.»Ich werde aus Ihnen nicht klug, Major. Einmal sind Sie eine befehlausführende Maschine, ein Roboter ohne Eigenleben. Und dann entdecke ich in Ihnen wieder einen fabelhaften Menschen.«
Braddock wölbte die Unterlippe vor.»Wir alle haben einen Januskopf, Miß Doktor. Das liegt in der menschlichen Struktur. Im übrigen habe ich einige Aussagen von Professor Bloch über Professor Rusch zu Protokoll genommen und an das Hauptquartier weitergegeben.«
«Was sagte Bloch über Ruschs Verhaftung?«
Braddock zögerte. Dann antwortete er unwillig:»Er war erstaunt.«
Lisa lächelte still. Sie kannte Bloch. Er hatte nie mit seiner Meinung zurückgehalten, früher nicht bei den Nazis, und er würde es heute auch nicht tun. Sie ahnte, was Bloch gesagt hatte, und es machte sie fast fröhlich, einen Menschen zu wissen, der auf der Seite Ruschs stand und erhaben war über allen Verdacht der Schönfärberei oder der Unobjektivität.