«Genügt es, um Rusch freizulassen?«fragte sie gespannt.
«Wohl kaum. Aber es kann die Nachprüfungen abkürzen.«
«Wie kann man bloß einem solchen Schwein wie Dr. Urban glauben? Einem Denunzianten, der selbst.«
Braddock klopfte gegen die Sprechmuschel, um Lisa zu unterbrechen.
«Ein altes Spiel, Miß Doktor. Kain erschlug Abel, und Jakob betrog Esau. Und waren doch alle Gottes Kinder.«
«Mögen Sie nicht Isaak sein!«sagte Lisa und hängte ein.
Major Braddock trank ein großes Glas Whisky.»Phantastisch«, sagte er,»wie in der Bibel alles stimmt.«
Während in der Schule in Bernegg vier glückliche Menschen nebeneinander saßen, bereitete Dr. Mainetti im OP 1 eine neue Operation vor. Sie hatte Dr. Red Stenton und Dr. Vohrer die Röntgenbilder gegeben, und während sie die Aufnahmen betrachteten und in Schulenglisch und holprigem Deutsch sich zu unterhalten versuchten, saß Dr. Mainetti in ihrem Zimmer und studierte noch einmal die Operationsmethode, die sie bei dieser Transplantation anwenden wollte. Sie hatte sie oft bei Professor Rusch gesehen, aber nie selbständig und allein ausgeführt: die von Rusch entdeckte Methode des >Verlötens< von Knochen zur Vermeidung von Pseudoarthrosen.
Nun war Lisa allein auf sich gestellt. Niemand konnte ihr helfen. Dr. Vohrer war ein guter Zahnarzt und Kieferorthopäde, Dr. Stenton ein Allgemeinchirurg. Die Operationen Ruschs lagen nun ganz allein in Dr. Mainettis Händen, und keiner war da, der ihr die große Verantwortung, die sich daraus für sie ergab, abnehmen konnte.
Es war der Gefreite Christian Oster, der in diesen Minuten von Famulus Baumann für die Intubationsnarkose vorbereitet wurde. 24 Operationen hatten sein Gesicht leidlich wieder in eine menschliche Form gebracht. Zuletzt hatte Rusch, kurz vor seinem Abtransport in das Lager Darmstadt, einen Weichteillappen aus der Brusthaut formiert und eingepflanzt. Es war gut verheilt. Nun war es nötig, eine Knochentransplantation aus der Hüfte vorzunehmen und diesen Knochenspan als neuen Unterkiefer einzusetzen.
Christian Oster lag bereits narkotisiert und operationsbereit auf dem Tisch, als Lisa Mainetti in den OP kam und sich wusch. Dr. Vohrer machte ihm noch eine SEE-Injektion, eine große Erleichterung für die Äthernarkose, bei der dann weniger Äther gebraucht wird. Oster war rasiert, jodiert und atmete ruhig durch den Schlauch. Dr. Sten-ton kontrollierte den Puls, den Bauchdeckenreflex, es war alles normal. Er war ein wenig aufgeregt, man sah es an seinen unruhigen Augen, denn es war die erste große Gesichtsoperation, die er als Assistent Nr. 1 machte, der Platz, auf dem sonst Lisa stand, wenn Professor Rusch operierte.
Dr. Mainetti trat an den Tisch heran. Die Oberschwester klapperte mit den Instrumenten. Sie kannte die Griffe im voraus, sie war oft die einzige gewesen, die mit Ruschs Schnelligkeit mitkam und sich nicht irritieren ließ. Sie sprach wenig, und ihr schmales Gesicht unter der weißen Haube der Ursulinerinnen war immer ernst und fast maskenhaft.
«Alles o.k., Doc?«fragte Dr. Mainetti. Dr. Stenton nickte.
«O.k., Madam.«
Lisa machte den ersten Schnitt, von einem Kieferwinkel zum anderen. Stenton klemmte die Gefäße ab und setzte Catgutligaturen. Famulus Baumann kontrollierte und regulierte unter Aufsicht Dr. Vohrers die Narkose. Schnell, an die einzelnen Handgriffe Ruschs denkend und sie wie einen Film vor dem inneren Auge abspielend, schuf Lisa ein Wundbett für die Aufnahme des Knochenspans aus der Hüfte. Die noch stehenden Stümpfe des Unterkiefers wurden präpariert, damit sie genau im Wundbett lagen. Mit einer Fräse glättete Lisa alle Unebenheiten. Mit größter Vorsicht und Sorgfalt führte sie den elektrischen Bohrer, der die Fräse trug, es war eine ungeheure Feinarbeit, denn bei der kleinsten falschen Haltung des Bohrers konnte die Fräse abgleiten, ins Wundbett geraten und dort nach der Mundhöhle zu ein Loch reißen.
Das würde bedeuten, daß alle Arbeit umsonst gewesen war, denn die Sterilität könnte nicht gewahrt werden. Die Schleimhaut der Mundhöhle ist voller Bakterien und nicht steril zu halten.
Lisas Fräse glättete die Kieferstümpfe und schliff die im Laufe der Monate neu gebildeten Knochenbälkchen an. Es war nötig, an das Mark heranzukommen, um die Kallusbildung zu aktivieren, die zum Zusammenwachsen der beiden Knochenteile — des Kieferrestes und des Transplantates — dringend notwendig ist. Ein Einheilen ist sonst unmöglich.
Dr. Vohrer hatte während dieser Millimeterarbeit am Kiefer schon den Hüftschnitt gelegt. Er war 18 Zentimeter lang, der Hüftknochen lag frei, und Dr. Stenton maß mit einem Zirkel die Ausdehnung ab, die der Span haben sollte.
Lisa Mainetti winkte. Der Knochenmeißel wurde gereicht.
«Lassen Sie mich das machen«, sagte Dr. Vohrer.»Das ist Männersache, Lisa.«
Dr. Mainetti schüttelte den Kopf. Sie beugte sich tiefer, die Hitze des OP-Scheinwerfers verbrannte ihr den Nacken, und dann hämmerte sie den Span ab. Es war vollkommen still im OP, nur das Klopfen schwirrte durch den heißen Raum. Da-dam da-dam da-dam. Fünfzig, sechzigmal, das gleiche eintönige Geräusch, in einem fast einschläfernden Rhythmus.
Dann war der Span abgelöst, wurde vorsichtig herausgehoben und von Lisa zweimal angebrochen, um die Kinnwinkel zu formen. Sten-ton hielt den Span in seinen leicht bebenden Fingern. Noch einmal untersuchte Lisa das Wundbett, ob nichts vergessen war. Dann nickte sie und Stenton gab ihr den gebrochenen Span. Auf den Millimeter genau paßte er, als Lisa ihn zwischen die beiden Kieferstümpfe einsetzte.
Stenton atmete auf.»Wonderful!«sagte er leise.
Lisa sah ihn nicht an. Jetzt kam jene Phase der Operation, die Rusch sich erarbeitet hatte. Das Verlöten. Oft kommt es vor, daß die Enden des eingepflanzten Spans und die Kieferastreste nur eine schwache Kallusbildung hatten und nicht zusammenwuchsen: die gefürchtete Pseudoarthrose, also die Bildung einer Art beweglichen Gelenks an einer falschen Stelle. Umfangreiche Nachoperationen wurden dann notwendig, und manchmal war es unmöglich, überhaupt noch Transplantationen vorzunehmen.
«Löffel!«sagte Lisa laut. Die Operationsschwester hatte ihn bereits in der Hand und reichte ihn an.
Lisa begann, wie es Rusch immer getan hatte, das Knochenmark der Hüfte auszulöffeln und zwischen die beiden Enden von Span und Kiefer zu >schmieren<. Wie das feine Vergipsen einer Mauerlücke war das. Als Lisa sich zurückbeugte, waren die Knochenenden nicht mehr sichtbar. Es war eine glatte Fläche geworden.
Dr. Stenton nickte stumm. Auch wenn er wenig davon verstand, leuchtete ihm die an sich primitive Methode ein. Dr. Mainetti hatte ihm erzählt, daß es seit drei Jahren, solange sie mit Professor Rusch zusammenarbeitete, nach der Transplantation mit dieser Methode keine Pseudoarthrosen mehr gegeben habe.
Dr. Vohrer und Lisa stellten den neuen Unterkiefer ruhig, er wurde sozusagen verschnürt, die Wunde wurde mit Silberdraht verschlossen und der Kopf >steif< verbunden, so daß er kaum drehbar war: Eine Gipsmanschette wurde angelegt. Unterdessen vernähte Sten-ton die Hüftwunde, legte einen Schlauch ein und klammerte die Epidermis. Dann entfernte Famulus Baumann den Tubus und injizierte Weckmittel. Noch während der Gefreite Christian Oster mit seinem neuen Kiefer, der ihm das vollständige Aussehen eines Menschen wiedergab, aus der Narkose erwachte, wurde er in sein Zimmer weggerollt, und Baumann blieb bei ihm, bis er wieder völlig zu sich kam und bei Bewußtsein war.
«Na also«, sagte er zu Oster, der stocksteif im Bett lag, unbeweglich durch seine Gipsmanschette.»Das hätten wir. Nur Boxer darfs-te später nicht werden.«
Christian Oster blinzelte mit den Augen. Sprechen konnte er ja nicht. Er machte die Bewegung des Schreibens, und Baumann hielt ihm einen Block hin und gab ihm einen Bleistift.
«Boxer nicht«, schrieb Oster.»Aber dich trete ich bei Gelegenheit noch mal in den Hintern. Ist das Kinn wirklich in Ordnung? Junge, was wird sich meine Frau freuen.«