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Baumann nickte, nachdem er die Zeilen gelesen hatte.

«Bestimmt«, sagte er.»War 'ne Arbeit, schon vorher, mit dem Brustlappen. Stell dir vor, wir hätten dir die Brustwarze mit verpflanzt. Junge, das wär 'n Wonnepickel geworden.«

Die anderen im Zimmer brüllten begeistert. Der Bann, der jedesmal über die anderen fiel, wenn ein Frischoperierter aus dem OP zurückkam, war gebrochen.

Die nächsten sind wir, dachten sie. Und wie werden wir einmal aussehen?

Nach dem Mittagessen kamen Kaspar Bloch und Walter Hertz ins Schloß zurück. Sie hatten jeder eine große Schachtel Keks bei sich und eine Büchse Schinken mit Ei.

Der Berliner sah die beiden verwundert an, als sie glückstrahlend ins Zimmer marschierten und ihre Schätze auf den Tisch legten.

«Ich meld' mir ooch zur Arbeit!«rief der Berliner sofort.

«Was gibt es Neues, Jungs?«fragte Schwabe.»Seit einer Woche keine Post mehr. Habt ihr was gesehen von Post?«

«Mein Vater ist gekommen«, sagte Bloch und wischte sich über die Augen.

«Und Petra ist auch da«, rief Walter Hertz.

«Du jrüne Neune! Und die hat dir so in de Oojen jekuckt? Ohne Verband?«Der Berliner sah Hertz entsetzt an.»Det arme Mädchen.«

Erich Schwabe legte Bloch und Hertz die Arme um die Schultern. Er wußte, was es bedeutete, so unendlich glücklich von Bernegg zurückzukommen.»Ich freue mich mit euch, Jungs«, sagte er.»Sieht das Leben nicht gleich anders aus?«

Kaspar Bloch zog seine Uniformjacke aus und warf sie auf sein Bett. Das leuchtend weiße POW kam nach oben zu liegen. Bloch zeigte auf das Zeichen.

«Das ist auch bald vorbei!«sagte er.

«Was hoaßt dös?«brüllte der Wastl.

«Mein Vater hat lange mit Major Braddock gesprochen. Es ist so etwas im Gange, daß wir noch vor Weihnachten entlassen werden. Vor allem die schwersten Fälle.«

«Det is vielleicht 'ne Scheiße!«sagte der Berliner.»Je vernünftiger de Fresse, um so länger in Gefangenschaft! Ick werd' mir weigern, det se weiter an mir operieren!«

Fritz Adam tippte an die Stirn.»Nun überlegt doch mal, Kinder. Gut, ihr werdet entlassen, es geht nach Hause. Und dann? Wollt ihr denn immer und ewig so wie jetzt herumlaufen? Lieber ein Jahr länger hier und ein halbwegs vernünftiges Gesicht, als.«

«Det kann ooch nur der sajen!«schrie der Berliner.»Der hat sein Mäuschen im Stall. Die Dora bleibt, wo er ist. Aba uns kneifen se janz schön in den Hintern. Det Jesicht ham se mir wegjeschossen — alles andere ist normal!«

«Wenn man euch hierbehält, gibt's alles umsonst: Verpflegung, ein Bett, die Operationen und Medikamente. Seid ihr entlassen, müßt ihr alles selbst bezahlen. Und das kostet ein Vermögen!«

«Det is' 'ne schiefe Rechnung. «Der Berliner hob die rechte Hand hoch und zählte an den Fingern ab.»Ick mache dir 'ne andere Mühle. Wat du Verpflegung nennst, ist'n Dreck. 700 Kalorien, die hab1 ick früher nebenbei jeschluckt. Und is det etwa 'n Bett, wo ick allein drin liege? Und Operationen und Medikamente — wofür jibt's denn Krankenkassen? Ick hab' doch mein Jesicht nicht uff'ner Kirmes jelassen! Ick hab' es für'n Staat jeopfert, un nu soll der ooch dafür zahlen.«

«Er wird's nicht tun, Paul. «Fritz Adam schüttelte heftig den Kopf.»Welcher Staat denn? Den du verklagen könntest, der ist bankrott, kaputt. Der existiert gar nicht mehr. Aber solange wir hier im Lazarett sind, sorgt man für uns.«

«Weihnachten zu Haus«, sagte Walter Hertz. Er saß auf dem Bett und hielt ein kleines Bild in der Hand. Ein verknittertes Paßfoto. Das leicht lächelnde Gesicht eines jungen Mädchens mit großen, ernsten Augen.»Ich kann als Elektriker allerhand verdienen, meint ihr nicht auch, Kumpels? Wir wollen heiraten, wenn ich 'rauskomme. Petras Vater ist jetzt auch ein armes Schwein wie ich. Im Gegenteil, ich kann arbeiten und er nicht.«

Erich Schwabe ging nachdenklich zu seinem Spind und holte den letzten Brief Ursulas heraus. Er las ihn noch einmal, und er empfand den großen Zwiespalt, der sich in ihnen allen auf tat. Solange Krieg war, war das Lazarett ihre schöne, sichere Heimat gewesen. Nun war das Sterben abgeblasen worden, und man konnte zurück in die wirkliche Heimat. Die Mutter wartete und die Frau, das Leben ging weiter und wühlte sich aus den Ruinen. Aber ihre Gesichter waren nur halbfertig, und mit dem Schritt hinaus in die Freiheit schlüge das Tor eines erträglichen menschlichen Aussehens hinter ihnen zu. Vorläufig vielleicht nur — aber wer wußte jetzt schon, wie lange es dau-ern würde, bis wieder in mühsamer Kleinarbeit ein Teil des Gesichts nach dem anderen neu geformt wurde. Und gab es dann noch einen Professor Rusch und eine Lisa Mainetti?

Sie schreibt, daß ein Maurer ihnen hilft, die Steine abzuklopfen für den Wohnungsaufbau, dachte Schwabe. Wie nötig wäre ich jetzt in Köln. Ein Glaser, und dann, wenn das Kind kommt. Wer sorgt für Ursula und das Kleine? Sie werden hungern müssen und sich stundenlang anstellen, um eine Sonderzuteilung zu bekommen. Und wenn es nur ein Beutelchen Maisgrieß oder Maismehl ist, diese neueste Ernährungswelle der Sieger. Oder zwei Kellen voll Rosinensuppe in den Volksküchen. Oder rote Rüben, aus denen man allerlei machen konnte, Marmelade und Kompott, Gemüse und süßsaure Suppen, Brotaufstrich und zusammen mit Maismehl sogar einen Kuchen.

«Vielleicht wird alles anders, Kinder«, sagte Schwabe in die gedankenvolle Stille hinein.»Warum sich jetzt den Kopf zerbrechen? Bis Weihnachten ist noch Zeit — und außerdem ist's ja bloß ein Gerücht!«

Zwei Wochen lang sprach man nicht mehr darüber. Es war fast, als habe man es vergessen. Aber dann kam es wie eine Explosion über die Stube B/14 und mit ihr über den ganzen Block B des Lazarettes.

Major Braddock rief an einem Morgen ganz unerwartet wieder Lisa Mainetti an.

«Miß Doktor«, sagte er wohlwollend.»Machen Sie diesen Kaspar Bloch bereit. Er wird abgeholt.«

«Wieder Besuch vom Vater?«

«Nein. Fertigmachen mit Gepäck. Er wird entlassen.«

«Was wird er?«fragte Lisa ungläubig.

«Entlassen. Er wird Zivilist. Das Hauptquartier hat es angeordnet. Name und Schicksal Professor Blochs rechtfertigen eine Ausnahme.«

«Und… und die anderen, Major?«

«Müssen warten. «Braddock klopfte mit einem Bleistift auf den Schreibtisch.»Es wird nicht mehr lange dauern, Miß Doktor. Wir heben dann den Status der Kriegsgefangenschaft auf, und Schloß Bernegg wird Spezialklinik für Gesichtplastik. Das geht allerdings erst dann, wenn wir einen Kostenträger dafür gefunden haben. Bis jetzt tragen wir es ja, weil die Patienten Gefangene sind. Nach ihrer Entlassung aber sind es Zivilpersonen, und die gehen uns nichts an.«

«Das kann ja ein lustiger Zustand werden, Major.«

«Sie leben eben in einem falschen Land, Miß Doktor.«

«Wollen Sie nun auch mir ein Angebot für die USA machen?«

«Wir werden es müssen. Professor Rusch hat verlauten lassen, daß er Sie heiraten wird. Stimmt das?«

«Es stimmt. «Lisas Herz schlug bis zum Hals.»Wann hat er das gesagt? Was wissen Sie von Rusch, Major?«

«Beim letzten Verhör. Dies zu Frage eins. Und wie es ihm geht? Gut. Er ist im Lagerlazarett tätig und zieht ehemaligen Nazigrößen die Zähne. Ist das nicht ein herrlicher Witz?«

«Ihr Humor war immer hintergründig, Major.«

«Im übrigen läuft die Untersuchung auf Hochtouren. Dr. Urban hat man weggebracht aus Darmstadt, in eine Heilanstalt. Er wurde tobsüchtig, weil er kein Morphium mehr bekam.«

«Und man glaubt ihm noch immer?«

«Kaum, Miß Doktor. Aber die politischen Untersuchungen werden nicht von Soldaten, sondern von Beamten gemacht. Und wo Beamte arbeiten, gibt es Akten. Und wo Akten vollgeschrieben werden, steht die Zeit still. Die Beamten in der ganzen Welt sind da wie eineiige Zwillinge.«

Braddock lachte, aber Lisa stimmte in seine Fröhlichkeit nicht ein. Sie legte den Hörer auf und starrte aus dem Fenster in den fast kahl gewordenen Schloßpark. Die Bäume hatten die Blätter abgeworfen, der erste kalte Wind schüttelte die letzten bunten Flecken von den Ästen, und auf dem Teich schwammen traurig und eng zusammen die beiden Schwäne in der Nähe des Ufers, als wollten sie aus dem kalten Wasser herausgeholt werden. Daß sie noch lebten, verdankten sie Fritz Adam. Der Wastl Feininger hatte etwa um Mitte Juli herum den Gedanken gehabt, die Schwäne zu einem Gebüsch zu lok-ken und als Kalorienaufbesserung zu verwerten. Nur die Behauptung