Adams, daß Schwäne bis zu 100 Jahre alt würden und die beiden vielleicht schon fünfzig Jahre alt wären, was bedeutete, daß der Wastl auch eine Schuhsohle kauen könnte, hielt ihn davon ab, seinen Mordgedanken auszuführen.
Vielleicht ist Rusch Weihnachten wieder hier, dachte Lisa Mainetti. Dann könnten wir heiraten, und wenn man uns hier nicht mehr braucht, könnten wir eine Praxis aufmachen. Eine Praxis? Wovon?
Sie ging zu Baumann und unterrichtete ihn, daß Bloch entlassen würde. Dann betrat sie das Zimmer 14 und nickte Kaspar Bloch zu, der gerade einen herrlichen Grand ausspielte.
«Es ist soweit. Packen Sie alle Sachen. Sie werden abgeholt.«
«Abgeholt?«fragte statt Bloch der Berliner.»Wieso denn, Frau Doktor?«
«Kaspar ist der erste, der wegkommt. Entlassung.«
«Was? Entlassung?«rief Bloch und sprang auf. In seiner Erregung warf er den Tisch dabei um. Auch die anderen sprangen auf und stolperten über die Tischbeine in der Mitte des Zimmers.
«Ja, Ihr Vater wartet unten in Bernegg.«
«Es geht nach Haus! Nach Haus, Jungs!«schrie Kaspar Bloch. Er stürzte zu seinem Spind, riß die Tür auf und warf alles auf das Bett und den Boden.
«Professor muß man sein«, sagte der Berliner.»Die Söhne der Witwen kommen zuletzt, wat?«
«Und… und wir, Frau Doktor?«fragte der Wastl gedehnt.»Mei Hof braucht mi. Die Wintersaat muaß i — Sakramentnoamoi!«Er wandte sich um und ging ans Fenster. Nur an seinem breiten Rücken und dem dicken Stiernacken sah man, daß er weinte. Der Wastl weinte. Man wußte gar nicht, daß er es konnte, man hatte es für unmöglich gehalten.
Lisa Mainetti biß sich auf die Unterlippe. Ihr taten die anderen Männer leid. Sie wollten ein neues Gesicht, aber stärker als alles, was sie außerhalb der schützenden Mauern von Schloß Bernegg erwarten mochte, war ihr Drang zu den Müttern und zu den Frauen, jene Kraft eines wiedergewonnenen Lebens, die ihnen die ersten Begegnungen und das Bewußtsein der erhaltenen Liebe gaben.
«Auch ihr kommt dran«, sagte Lisa Mainetti.»Aber erst legt ihr euch noch auf den Tisch. Schwabe machen wir neue Lippen und einen schönen Stirnlappen. Hertz, Ihnen richten wir das Auge. Feininger, bei Ihnen müssen wir die linke Wange polstern. Bei Ihnen, Zwerch, müssen wir die dicken Wulstnarben wegtrennen, und Sie, Adam, bekommen mindestens noch fünf Hauttransplantationen. Und erst dann gebe ich euch frei.«
«Prost Mahlzeit«, sagte der Berliner.»Jehn wir also wieda Skat kloppen!«
Adam und Schwabe halfen Kaspar Bloch beim Packen. Es war nicht viel, was er mitnahm. Das meiste verschenkte er an seine Kameraden.»Was brauch' ich die Klamotten noch?«sagte er.»Rock und Hose, das ist alles. Und wenn ich zu Hause bin, fliegt die Uniform in den Ofen. Ich glaube, ich habe noch nie so selig ein Feuer betrachtet wie das, was dann kommen wird.«
Baumann erschien im Zimmer 14.»Fertig?«rief er.»Die Amis sind schon da.«
Noch einmal drückte Kaspar Bloch die Hände seiner Stubengenossen. Es wurde ihm plötzlich schwer zu gehen, trotz der seligen Freude, die ihn durchrann.
«Auf Wiedersehen!«sagte er zu jedem.»Jungs, das ist kein leeres Wort. Wir sehen uns wieder. Wir bleiben immer in Verbindung, ja? Wir wollen uns nie mehr aus den Augen verlieren, ganz gleich, wo jeder von uns stecken wird. Und wenn irgend etwas ist, wenn einer Hilfe braucht — wir helfen ihm, wir sechs zusammen. «Er stockte und wischte sich über die Augen.»Und ich dank' euch für alles, Jungs.«
«Hau ab!«schrie der Berliner.»Soll ick ooch noch heulen?«
«Macht's gut. Und seht zu, daß alles so wird, wie wir es uns zusammen gedacht haben. «Er drehte sich um zu Lisa Mainetti und streckte ihr die Hand hin. Aber bevor sie sie ergreifen konnte, stürzte er vor und legte den Kopf auf ihre Schulter.
«Frau Doktor«, stammelte er.»Sie waren wie eine Mutter zu mir. Sie haben mir geholfen, Sie haben mich geschützt und versteckt.
Ich kann Ihnen nie, nie danken.«
Lisa Mainetti streichelte Bloch über die wirren Haare.»Bleiben Sie ein guter Mensch, Kaspar«, sagte sie leise. Ihre Stimme schwankte.»Das ist mehr als alles andere. Und wenn Sie mir danken wollen — helfen Sie mit, daß Professor Rusch frei kommt. Dann bin ich ewig in Ihrer Schuld.«
«Ich verspreche es Ihnen, Frau Doktor. Ich verspreche es Ihnen. «Kaspar hob den Kopf.»Und wenn ich diesen Urban jemals in meinem Leben wieder treffe.«
«Warum, Kaspar?«Lisa schüttelte den Kopf.»Jede Rache ist im Grund billig. «Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und sah ihm lange in die tränengefüllten Augen.»Ich kann Ihnen nur Gottes Segen wünschen, Kaspar«, sagte sie leise.»Und nun gehen Sie. Jede Minute der Freiheit ist kostbar.«
Mit langen Schritten rannte Kaspar Bloch vor Baumann die Treppe hinunter zur Eingangshalle. Als er draußen vor der Hauptwache in den Jeep stieg, flog ein Gejohle zu ihm hin. Oben in den Fenstern der Stube 14 hingen die Zurückgebliebenen und winkten mit Handtüchern und Bettlaken.
Auch die MP-Soldaten winkten grinsend hinauf. Dann jagte der Jeep die Straße hinab nach Bernegg und verschwand zwischen den Bäumen.
«Der erste von uns«, sagte Fritz Adam leise.»Ob wir den jemals wiedersehen?«
Kapitel 14
Schneller als erwartet, kam der Winter. Eines Morgens sah der Berliner aus dem Fenster, und über dem Land, über Park und Schloß, über Hügel und Feldern lag eine Schneedecke. Es schneite in dicken
Flocken, träge und langsam.
«Wieder 'n Jahr um«, sagte er und ließ das Fenster offen.»Ick krie-je imma Traurigkeit ins Gemüt, wenn ick Schnee sehe.«
Unten vor der Hauptwache, an der Anfahrt zum Eingang, schaufelten zwei Negersoldaten den Schnee weg und streuten Salz auf die in der Nacht gefrorene Unterschicht. Ab und zu blieben sie stehen, schlugen die Arme gegen den Körper und stampften auf und ab.
«Onkel Toms Hütte friert«, stellte der Berliner fest.»Vom Baumwollfeld ins kalte Germany — Jungs, da könnte man wat draus machen. Ick jehe zu ihnen und sag': Boys, nix frieren, rin in de warme Wache. Ick und meine friends, wir schaufeln. Aba nur jejen Camel und ham and eggs. Is det 'n Jedanke?«
Die Stube 14 nickte geschlossen. Die 700 Kalorien pro Tag ließen die Mägen knurren. Zwar schaffte Dora Graff einiges heran — sie bekam es von den Soldaten, die sie seit Monaten bestechen wollten, mit ihnen nach Bernegg zu fahren und ein wenig Holliday zu machen — aber auch das versiegte, als man einsah, daß Dora nicht zu bewegen war, für Schokolade und blütenweißes Brot zu einem >Fräu-lein< zu werden. Auch Fritz Adam war sauer. Er sagte einmaclass="underline" »Lieber laß uns verhungern, Dora, als das! Ich will nicht, daß du ständig von diesen Kerlen belästigt wirst!«
Der Berliner war gleich nach dem Waschen und dem Kaffeetrinken losgezogen und verhandelte bereits im Park mit einem Neger, der dort mit einem Schneeschieber keuchend den Weg freischob.
«Hello, sonny boy«, sagte Paul Zwerch und war verwundert, daß der Soldat die Augen rollte und den runden, schwarzen Kopf wie zum Angriff senkte.»Nix schipp-schipp, understand? Nix frieren. Ich — I schipp very well!«
Der Negersoldat stützte sich auf den Stiel des Schneebrettes und starrte den Berliner mit seinen weißen Augäpfeln wortlos an. Paul Zwerch seufzte.
«Bist'n Dussel, my boy! Paß mal auf. I — ich snow weg. Zehn Camel. «Er hob alle zehn Finger hoch.»And one Dose ham and eggs. Kapiert?«