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Man sah Oster an, daß er begann, sich wohl zu fühlen. Er räumte seinen Spind ein und pickte mit einer Heftzwecke ein Foto an die Innentür. Eine pausbäckige, braunlockige, junge Frau, mit einem Grübchen in der linken Wange.

«Jeschmack hat der Junge«, sagte der Berliner, der zusah.

«Meine Frau«, sagte Oster stolz.

«Jratuliere! Bei der isses aba ooch schwer, nachts zu schlafen, wat?«

Oster lachte und schlug dem Berliner auf die Schulter.

«Ihr seid wirklich ein toller Verein«, rief er.»Jungs, tragt mir nicht nach, daß ich vorhin so.«

«Schon vergessen!«sagte Walter Hertz.

Am Abend zauberte Christian Oster. Er holte dem Wastl eine Mark aus der schiefen Nase und dem Berliner drei Hosenknöpfe aus den Ohren. Eine Herz-Zehn, die im Kartenspiel fehlte, hatte Erich Schwabe in den Socken, und Fritz Adam sah verblüfft, daß in seiner Brieftasche die Armbanduhr von Walter Hertz lag.

«Det is ne Wucht!«schrie der Berliner.»Damit hau'n wir den Amis die halbe Verpflegung aus 'n Rippen!«

Major Braddock erschien überraschend im Lazarett. Er hatte sich nicht, wie bisher, telefonisch angemeldet. Plötzlich fuhren vier Jeeps durch die Hauptwache in den Park und hielten vor dem Eingang von Block B. Zehn in dicke Mäntel mit Pelzkragen vermummte Männer stie-gen aus und klopften sich den Schnee ab, traten in die Halle und zogen sich die mit Lammfell gefütterten Wintermützen vom Kopf. Dr. Lisa Mainetti, die gerade operierte, wurde von Baumann benachrichtigt, der einen Frischoperierten auf sein Zimmer gerollt hatte.

«Ich operiere«, sagte Dr. Mainetti schroff.»Er soll sich anmelden.«

«Es sind zehn Mann, Frau Doktor. Alles Offiziere.«

«Und wenn es hundert Offiziere sind. Ich kann die Operation nicht unterbrechen. Sagen sie das dem Major!«

Famulus Baumann kam nicht mehr dazu, das auszurichten. Brad-dock öffnete die Tür des OP und steckte den Kopf in den Saal.»Miß Doktor!«rief er in die Stille hinein.

«Verdammt!«Lisa Mainetti drehte sich wütend herum.»Sie sehen doch, daß ich operiere! Gehen Sie 'raus, aber möglichst schnell. Sie sind nicht steril!«

«Das wäre meiner Frau auch nicht recht«, sagte Major Braddock gut gelaunt und schloß die Tür. Auf dem Flur hob er die Schultern und schüttelte den Kopf.»Meine Herren, es wird gerade ein Gesicht gemacht. Gehen wir so lange zu Potkins und warten dort. Dieses Weib geht mit dem Skalpell auf uns los, wenn wir sie jetzt herausholen!«

«Ich habe schon allerhand von ihr gehört. «Ein langer, schlaksiger Offizier im Range eines Oberstleutnants sah neugierig auf die geschlossene OP-Tür.

«Allerhand ist viel zu wenig. Na, Sie werden sie kennenlernen. Eine Löwin, die Junge säugt, ist ein Schoßhund dagegen.«

«Sie soll hübsch sein.«

«Eine klassische Römerin.«

«Und dann so ungebändigt?«

«Als sei sie aus dem Vulkan geschleudert worden. Kommen Sie, meine Herren, bei Potkins können wir uns aufwärmen. Der Junge hat immer was im Schrank stehen.«

Sie gingen schnell von Block B zu Block A, wo die Verwaltung des Schlosses untergebracht war und Leutnant Potkins an der Seite eines deutschen Oberzahlmeisters die bürokratischen Geschicke des

Lazarettes überwachte.

Nach einer Stunde war Lisa Mainetti endlich soweit, Major Braddock und die anderen Offiziere im Chefzimmer empfangen zu können. Der lange, schlaksige Oberstleutnant stand in sichtbarer Bewunderung herum. Es schien ihm ein großes Rätsel zu sein, daß eine Frau wie Lisa an einem Operationstisch stehen konnte und Knochenspäne aus Schienbeinen und Hüften meißelte oder Rippenknorpel abschälte.

«Sie haben ja einen wahren Aufmarsch veranstaltet, Major«, sagte Dr. Mainetti und sah die zehn Offiziere der Reihe nach kritisch an.»Mir scheint, es ist etwas sehr Offizielles.«

«Zwei Dinge sind es, die mich zu Ihnen führen. «Braddock reichte Zigaretten herum und ließ sein Feuerzeug kreisen.»Zunächst etwas Internes, was nur meinen Befehlsbereich angeht. Wissen Sie, daß meine Schloßwache und von ihr ausgehend auch meine MP ein neues Hobby hat? Alles zaubert!«

«Was tun sie?«fragte Lisa verblüfft.

«Zaubern. Simsalabim. Ganz verrückt sind die Kerle. Bei einem Training mit Eiern sind neununddreißig zerbrochen.«

«Sie sehen mich erschüttert, Major. «Lisas Stimme war voll Spott.»Ihre Leute trainieren Zauberkunststückchen mit Eiern. Und um sie herum hungern Frauen und Kinder. Man sollte nach einer anderen Richtung hin zaubern.«

Braddock wandte sich an die anderen Offiziere.»Hab' ich es nicht gesagt: eine Löwin!«Er ging hin und her und umkreiste Lisa wie ein Jagdhund, der eine Beute gestellt hat.»Doch davon später. Ich weiß, daß diese Zauberei von hier kommt. Aus dem Lazarett.«

«Wir haben keine Eier.«

Braddock blieb mit einem Ruck stehen.»Miß Doktor, Ihre Schlagfertigkeit ist entwaffnend. Irgend jemand bringt meinen Jungs diese Tricks bei und kassiert dafür ganze Berge von Lebensmitteln.«

«Ach so. «Lisa lachte laut. Eine Bande sind sie doch, meine Jungs, dachte sie mit mütterlichem Wohlwollen. Muß man sie nicht bewundern? Sie haben kein Gesicht mehr. Aber sie beginnen wieder, das Leben zu lieben. Man könnte sie alle umarmen und an sich drük-ken.»Bei 700 Kalorien pro Tag ist das eine Art Selbstschutz, Major.«

«Gut, gut. Wir reden noch darüber. Diese Herren«, Braddocks Hand machte eine Bewegung zu den Offizieren hin,»bilden eine Kommission. Das Hauptquartier in Heidelberg hat sie geschickt, und sie haben die Aufgabe, eine Lazarettbegehung durchzuführen.«

Dr. Mainetti nickte den Offizieren freundlich zu.»Warum nicht? Im Louvre werden die Gemälde besichtigt, in Hamburg die Dirnenstraßen. Hier sind es die Fratzen des Krieges. Darf ich den Museumsführer machen?«

Major Braddock schnaubte laut durch die Nase.»Miß Doktor, mir ist es ein Rätsel, warum ich mich überhaupt mit Ihnen unterhalte. Diese Herren sind eine Kommission, die eine Liste über die ersten Entlassungen anfertigen soll. Man will die Lazarette zuerst räumen, und zwar nach der Schwere der Verwundungen. Alle Amputierten, alle Verletzten, die arbeitsunfähig sind, werden zuerst entlassen.«

Dr. Mainetti sah die Offiziere halb erfreut und halb besorgt an.»Das mag für normale Verwundungen richtig sein, meine Herren«, sagte sie laut.»Ein Gesichtsverletzter erfüllt unter Umständen alle diese Bedingungen, aber man wird ihm mit einer Entlassung keinen Gefallen erweisen. Er muß immer wieder nachoperiert werden, es müssen Verpflanzungen gemacht werden. Narbenaustrennungen, Transplantationen. Wer soll das tun, wenn man diese Leute entläßt? Eine Entlassung aus dem Lazarett wäre in solchen Fällen nur eine neuerliche und vollkommen ungerechtfertigte Bestrafung.«

«Diese Frau ist mit nichts zufrieden!«rief Major Braddock.»Habe ich es nicht gesagt, meine Herren? Immer schwimmt bei ihr ein Haar in der Suppe. Nun wollen wir die POWs entlassen — und schon ist's wieder falsch.«

«Geben Sie den Soldaten den Status von Zivilpersonen, aber lassen Sie sie auf dem Schloß, Major.«

«Das muß das Hauptquartier entscheiden. Und wer soll die Kosten tragen?«»Es wird ja wohl irgendeine verantwortliche Stelle geben. Ich nehme an, Sie haben Übergangsgesetze erlassen. Ich habe mich nie darum gekümmert, ich habe nur operiert und neue Gesichter gemacht. Aber es ist doch unmöglich, daß man einen Mann wie etwa Schwabe — Sie kennen ihn ja, Major — nach Köln entläßt und sagt: So, du kannst wieder essen und kauen, schlucken und hören, sehen und fühlen — das genügt. Hau ab und sieh zu, wie du durchs Leben kommst.«

«Warum geht das nicht, Madam?«fragte der lange Oberstleutnant.

«Weil wir eine menschliche Verpflichtung haben, diesen grausam Verstümmelten gegenüber.«

«Wir, Madam? Hat Amerika den Krieg verloren?«

«Es hat den Krieg gewonnen, um uns die wahre Humanität zu bringen, oder irre ich mich da?«

«Was sage ich? Was sage ich?«rief Braddock fast entzückt.»Jetzt gehen Sie k.o., lieber Seymore.«