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Oberstleutnant Seymore rieb mit Daumen und Zeigefinger seine Nase. Er war aus dem Konzept geraten.»Sollen wir das Kindermädchen Deutschlands werden?«fragte er dann.

«Nein, aber bis zum Erwachsensein eines neuen Volkes der Vormund.«

«1: 0!«sagte Braddock zufrieden.

«Bin ich Politikerin? Ich bin Arzt und sehe nur die Welt des grenzenlosen Leids. Dieses Leid muß gelindert werden. Das ist die Ur-pflicht eines Christen und Menschen. Wer dazu die Kosten trägt, welche rechtlichen Folgen sich daraus ergeben, das interessiert mich nicht. Ich verlange nur, daß das Leid und das Elend dieser Verstümmelten gelindert und behoben werden, soweit es möglich ist.«

«Das letzte Wort war das wichtigste, Madam. «Oberstleutnant Seymore nickte heftig.»Soweit es möglich ist. Die Möglichkeiten sind erschöpft.«

«Und das sagt das große, reiche Amerika!«

«2: 0!«stellte Braddock genüßlich fest.»Sie kommen nicht über die Runden, Seymore. Miß Doktor hat erbarmungslose Schläge auf

den Solarplexus.«

Seymore lachte gezwungen.»Das Hauptquartier wird zu entscheiden haben, nicht wir. Können wir das Lazarett besichtigen, Madam? Zunächst darf ich Ihnen einige der Herren vorstellen. Kollegen aus Rochester und Cincinnati, Chirurgen und Gesichtsplastiker.«

Er stellte vier Offiziere vor, Namen, die Lisa sofort wieder vergaß. Wichtig war nur, daß es Gesichtschirurgen waren, Fachleute, die ihre Arbeit beurteilen konnten und die wußten, was es für den unglücklichen Patienten bedeutet, ein halb angefangenes Gesicht aus der Hand zu geben und solche Menschen unbehandelt sich selbst zu überlassen.

«Also gehen wir«, sagte Lisa. Sie suchte unter den vielen Aktenstücken eine große Mappe, in der alle Krankenblätter abgeheftet waren. Famulus Baumann, Dr. Vohrer und Dr. Stenton kamen gerade vom OP zurück, aus dem der letzte Operierte hinausgerollt wurde.»Kommen Sie, Baumann, schleppen Sie mir mal die ganzen Krankengeschichten nach«, rief Dr. Mainetti ihm zu.»Die Herren wollen unsere Schäfchen auf die Privatweiden treiben.«

«Solarplexus«, sagte Braddock laut.»Man muß hart im Nehmen sein, meine Herren. Aber kann man es einer solchen Frau übelnehmen?«

Der Ausruf Lisas pflanzte sich in Sekundenschnelle fort. Er flog durch das Lazarett, von Stube zu Stube, und wo er hinkam, wirkte er wie ein Blitzschlag, der das Dach über dem Kopf wegreißt. Auch in die Stube 14 brüllte ein Mann aus dem Nebenraum:»Zehn Amis kommen für die Entlassung!«

Und auch die Stube 14 saß zunächst wie gelähmt da.

Es war eine lange Schlange, die sich nun durch die Zimmer wand: zehn Offiziere, drei Ärzte, Schwestern und Sanitäter. Von Bett zu Bett — und jedesmal las Lisa Mainetti die zusammengefaßte Diagnose und die bisherigen Maßnahmen vor. Die vier Chirurgen aus Amerika ließen sich Verbände abwickeln, tasteten rauhe vernarbte Gesichter ab, neue, im Werden begriffene Nasen, wulstige Lippen und einheilende neue Unterkiefer, dicke Rollappen und große Hautplatten.

Es war ein Aufmarsch des Grauens und ein Flehen um Hilfe. Major Braddock ging stumm neben Lisa her. Zum erstenmal sah er das Lazarett in seiner ganzen schrecklichen Wirklichkeit. Sechs Stunden wälzte sich die braun-weiße Schlange von Zimmer zu Zimmer. Namen wurden genannt, kurze Notizen gemacht, auf Fieberkurven rote oder grüne Winkel gezeichnet, von denen man nur wußte, daß einer davon den Vermerk für die Entlassung bedeutete. Ob es grün war oder rot, das wußten nur die vier untersuchenden amerikanischen Ärzte.

In Zimmer B/14 hielt sich Major Braddock länger auf.»Der berühmteste Raum des Schlosses, meine Herren«, sagte er zu den 10 Offizieren.»Wenn irgend etwas Ungewöhnliches geschieht, sicher geht es von diesem Zimmer aus! Ich vermute, daß auch die Zauberei von hier ausging.«

Christian Oster verhielt sich still. Er stand neben seinem Bett und verzog nicht um einen Millimeter sein Gesicht. Auch als Braddock willkürlich einen Schrank öffnete — es war der von Paul Zwerch —, standen die sechs wie die Säulen. In dem Spind lagen auf der Wäsche vier Dosen amerikanischer Herkunft, fünf Fruchtstangen, drei Flachpackungen Nescafe, zwei Packungen Chesterfield und drei Päckchen Keks.

«Aha«, sagte Major Braddock laut.

«Ick bin 'n sparsamer Mensch, Herr Major!«warf der Berliner ein.»Außerdem hab' ick 'n Durchfall.«

«Weil Sie zuviel fressen. «Braddock räumte den Spind aus und legte alles auf die Bettdecke.»Woher?«

«Abjehungert, Herr Major.«

«Können Sie zaubern?«

«Det war' schön!«

«Machen Sie mir mal den Eiertrick vor.«

«Eier?«Der Berliner sah sich zu den anderen um.»Jungs, wer weiß, wie 'n Ei aussieht? Ick hab's vajessen.«

Die Stube 14 stand stumm und stramm neben den Betten. Nur der Wastl konnte den Mund nicht halten und seufzte laut.

«Eier«, sagte er wie verzückt.

«Sie sind doch der Blöde, der mich mit Heil Hitler begrüßte, nicht wahr?«fuhr Braddock zu Feininger herum. Der Wastl nickte eifrig.

«Dös war a Gaudi, wos?«

«Den entlassen wir sofort«, sagte Braddock und zeigte auf Feininger.

Den Wastl überlief ein Zittern. Aber er beherrschte sich und sah nur flehend zu Lisa Mainetti hinüber. Diese blinzelte ihm zu, beruhigend, wie einem Kind, zu dem man sagt: Nun weine nicht, mein Kleines, es wird ja alles wieder gut.

Entlassen, dachte der Wastl und schluckte krampfhaft. Weihnachten zu Hause, bei der Resi, bei den Kindern, bei den Kühen und den Feldern, im verschneiten Garten, am warmen Kachelofen, in dem die Bratäpfel bruzzeln. Und die Resi kocht Leberknödel mit Kraut, und hinterher gibt's a Maß Bier. Kruzinoamoi, dann weiß man, daß man wieder in der Heimat ist, zu Haus, im Frieden.

Und mit dem Gesicht, das würde schon werden. Die Resi kannte es — und die Kühe kümmern sich nicht darum. Und die Kinder würden sich dran gewöhnen. Wieder in der Heimat.

Erst am späten Abend war die Kommission so weit, die Untersuchungen auszuwerten. Es zeigte sich, daß von 200 Gesichtsverletzten 160 entlassen werden konnten. Die gesamte Stube B/14 war darunter. Auch Erich Schwabe.

«Er ist zwar am schlimmsten dran«, sagte einer der Ärzte aus Cincinnati,»aber er kann in ambulanter Behandlung weiter betreut werden. Ein strenger Lazarettaufenthalt ist nicht nötig. «Er sah zu Dr. Mainetti hoch, die am Fenster stand, die Arme über der Brust gekreuzt. Sie hatte bisher noch nichts gesagt, sondern stumm die Arbeit der amerikanischen Kommission beobachtet.»Wie ist es denn nun in diesen Fällen eigentlich mit der psychischen Lage der Verletzten?«

«Nett, daß Sie auch daran denken«, sagte Lisa bitter.»Ich dachte, Sie denken nur an die Funktionsherstellung. Das habe ich nämlich schon einmal erlebt — vor tausend Jahren.«

«Es geht wieder los«, rief Braddock gespannt.»Die neuen Fighter in den Ring!«

«Wer hat von den zur Entlassung Vorgesehenen noch seelische Hemmungen?«fragte der amerikanische Arzt.

«Alle.«

«Wieso?«

«Ich mache Ihnen den Vorschlag, sich von einer Hobelmaschine das Gesicht weghobeln zu lassen. Dann sprechen wir erneut darüber, wieso das so ist.«

Der Arzt aus Cincinnati räusperte sich und blätterte in seinen Notizen.»Natürlich wird es zu häuslichen Schwierigkeiten kommen«, sagte er gedehnt.»Aber alle Verletzten sehen so aus, daß sie als erträglich bezeichnet werden können.«

«Für einen Arzt — ja. Wir messen mit anderen Maßstäben. Wenn wir sagen: Das Gesicht ist wieder in Ordnung, sehen wir es mit dem Blick des Mediziners. Für die Frau oder Mutter sieht der Verletzte aber noch immer wie ein Ungeheuer aus. Und auch er empfindet es so. Er weiß, wie er früher aussah.«

«Es war eben Krieg, Kollegin.«

«Zu dumm, daß wir das immer vergessen.«

«Hupp — Solarplexus!«sagte Braddock fröhlich.

«Sie glauben, daß es Schwierigkeiten geben wird, wenn wir sie entlassen?«