Es war schön, nach Haus zu kommen.
Eine Schwester des Roten Kreuzes weckte ihn aus seinen Gedanken. Sie tippte ihn auf die Schulter.»Wollen Sie eine Tasse heißen Kaffee? Kommen Sie mit in die Baracke.«
Schwabe schüttelte den Kopf.»Danke, Schwester, danke. Aber mein
Zug kommt ja gleich.«
«Die haben immer Verspätungen. Mindestens 20 Minuten. Sie sehen ganz erfroren aus. Kommen Sie mit und wärmen Sie sich auf.«
«Danke, Schwester.«
Erich Schwabe nahm sein Gepäck auf und ging der Rotkreuzschwester nach zu einer Baracke am Ende des Bahnsteigs. Deutsches Rotes Kreuz, stand auf einem Schild neben der Tür. Caritas. Evangelisches Hilfswerk.
Ein überheizter, großer, schmaler Raum. Bankreihen an den Holzwänden. Schwestern an rohen Tischen. Ein Herd mit einem Aluminiumkessel voller Malzkaffee. Blechbecher und Steinguttassen, auf denen noch stand >Deutsche Arbeitsfront — KdF<. Auf den Bänken andere Landser und frierende Zivilisten. Sie beachteten Schwabe nicht. - Sie schlürften ihren heißen Kaffee und waren dankbar für die Wärme, die sie langsam und wohltuend durchdrang.
Schwabe erhielt seinen Becher und trank ihn in kleinen Schlucken leer. Der Wechsel von harter Kälte zu überhöhter Wärme und auch der heiße Kaffee trieben ihm Schweiß aus den Poren. Er stand wieder von der Bank auf und lächelte der Schwester dankbar zu.
«Es tut mir leid, Schwester«, sagte Schwabe.»Ich muß wieder 'raus. Ich schwitze sonst die Verbände durch, und das ist nicht gut. Nachher gefriert das alles, und meine Haut ist noch so empfindlich. Sie verstehen.«
Dann stand er wieder draußen auf dem zugigen Bahnsteig in der Kälte und dem Wind, der den Schnee über die Wartenden trieb. Mit dem Rücken stemmte er sich gegen den Windzug und drückte das Gesicht wieder tief in den Mantel.
Endlich lief der Zug aus München ein. Erich Schwabe sah die Wagen entlang. Sie waren überfüllt. In den Gängen und Vorräumen standen die Menschen eingekeilt. Niemand stieg aus, als habe jeder Angst, seinen Platz zu verlieren. Schwabe lief die Wagen entlang, riß die Türen auf, versuchte einzusteigen. Die Menschen quollen ihm entgegen, eine feindliche Masse, die ihn zurückdrängte.
«Lassen Sie mich doch 'rein«, rief Schwabe.»Ein Mann wird doch noch 'reingehen.«
«Besetzt«, schrie man ihm entgegen und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Was ist schon ein entlassener Mensch ohne Gesicht.
Schwabe rannte den ganzen Zug entlang. Überall warf man ihm die Türen zu. In einigen Wagen hielt man sie von innen fest, wenn er sie aufreißen wollte, und grinste ihn durch das Fenster an.
«Saubande«, schrie Schwabe.»Ihr Schweine!«
Dann gab er es auf. Mit schlaffen Armen stand er im wirbelnden Schnee auf dem Bahnsteig und starrte hoffnungslos den Zug entlang. Es war der letzte, der nächste fuhr erst am nächsten Morgen um 7 Uhr, und er würde genauso überfüllt sein.
Die erste Begegnung mit dem Leben. In Schwabe stiegen Ekel und Verachtung hoch. Er wandte sich ab und wollte gehen.
Da ergriff ihn jemand von hinten am Ärmel.»Kommen Sie«, sagte die Rotkreuzschwester von vorhin.»Es gibt hier ein Abteil für Schwerverletzte. Kommen Sie, ich mache Ihnen schon noch einen Platz frei.«
Es war wie ein Wunder, daß Schwabe wirklich in dem reservierten, aber ebenfalls von nicht wankenden Menschen überfüllten Abteil einen Platz bekam. Fast mit Gewalt und nur mit der Drohung, die Polizei und die amerikanische MP zu holen, räumte die kleine, energische Schwester einen Platz.
«Gute Fahrt«, rief sie und sprang aus dem anfahrenden Zug.
Um Schwabe stand eine riesige Mauer schweigender, feindlicher Menschen. Sie starrte ihn hohlwangig an wie ein hungriges Untier.
«Das ist richtig«, sagte jemand aus der Mauer.»Erst immer durchhalten, bis alles im Eimer ist, und jetzt noch Sonderrechte beanspruchen.«
Schwabe schwieg. Er senkte nur den Kopf.
Das sind die Menschen, mit denen ich nun leben muß, dachte er. Das sind Deutsche, die einen Krieg verloren haben.
Und wieder stieg es bitter in seinem Hals auf. Enttäuschung, Verachtung, Ekel.
Es war spätabends, als der Zug im Kölner Hauptbahnhof einlief.
Erich Schwabe stand am Fenster und preßte das leukoplastverklebte Gesicht gegen die schmutzige, gefrorene Scheibe. Der Bahnsteig war leer. Nur einige Beamte liefen herum, trübe Birnen brannten in notdürftigen Lampen. Die Türme des Doms ragten in den dunklen, kalten Winterhimmel.
Köln, dachte Schwabe ergriffen. Mein Köln. Meine Heimat. Nun bin ich für immer zu Haus. Polen, Frankreich, Rußland, an allen Fronten habe ich gekämpft. Über sechs Jahre in Uniform. Sechsmal 365 Tage habe ich neben dem Tod geschlafen. Kameraden starben an meiner Seite oder in meinen Armen. Und nun ist alles vorbei, endgültig vorbei. Es ist Frieden.
Der Zug hielt mit einem Ruck. Schwabe blieb am Fenster stehen und starrte hinaus. Die Menschen hasteten aus den Wagen, über den Bahnsteig, wurden von den beiden Ausgängen verschluckt, als zöge es sie hinab in die Unterwelt. Schwabe wartete, bis alle das Abteil verlassen hatten, bis er allein im Wagen war. Erst dann stieg er langsam aus und blieb allein und einsam auf dem eisigen Bahnsteig stehen.
Ursula war nicht da. Und auch seine Mutter war nicht gekommen. Er sah auf seine alte Armbanduhr. Natürlich, über eine halbe Stunde Verspätung. Sie hatten sicherlich gefroren und waren in einen Wartesaal gegangen, sich aufzuwärmen. Nun mußten sie gleich eine der Treppen herauflaufen, winkend und vor Freude weinend. Und er würde die Arme ausbreiten, Mutter und Ursula an sich drücken, sie selig umarmen und voller Freude sagen:»Da bin ich.«
Erich Schwabe blieb auf dem Bahnsteig stehen und wartete. Der Zug hinter ihm fuhr wieder weg, zum Abstellgleis. Zwei Bahnarbeiter, mit Pfeifen zwischen den Lippen und langstieligen Hämmern in der Hand, kamen an ihm vorbei.
«Hier geht keiner mehr weg, Kumpel«, sagte einer im Vorbeigehen.»Der da«, er zeigte auf die Schlußlichter des ausfahrenden Zuges,»ist gerade angekommen und fährt erst morgen früh.«
Schwabe nickte.»Danke«, sagte er etwas bedrückt.
Und blieb stehen und wartete weiter.
Nach einer halben Stunde hob er sein Gepäck auf und warf es über die Schulter. Es war ihm unerklärlich, warum Ursula und Mutter nicht gekommen waren. Er suchte einen Grund und fand ihn nicht. Vielleicht war Mutter krank — dann konnte Uschi kommen. Oder Uschi ging es nicht gut wegen des Kindes — dann hätte Mutter kommen können. Oder war etwas geschehen? War etwas mit Ursula? Mit dem Kind? Vielleicht lag sie im Krankenhaus.
Erich Schwabe begann zu laufen. Er hetzte die Treppen hinunter, zeigte an der Sperre seinen Fahrtausweis, rannte weiter durch die zerstörte Bahnhofshalle, hinaus auf den weiten Domplatz, über den früher Hunderte von Tauben geflattert waren. Dort blieb er stehen, und Wehmut ergriff ihn, als er sich umsah. Die Hohe Straße eine Trümmerwüste, die Komödienstraße ein Wall von Ruinen, das Deichmannhaus ausgebrannt, der linke Turm des Domes über dem Fundament aufgerissen. Wohin man sah, nur ausgebrannte oder zerfetzte Häuser. Eine tote Stadt.
Dann ging er weiter, durch die von Schutt geräumten, einsamen Straßen, durch ein neues Pompeji, ein Gräberfeld mit den monumentalen Kreuzen stehengebliebener Hauswände und Kamine. Er stand am Ring, und seine Erinnerung umkreiste die Stätten seiner Kindheit: das Hohenstaufenbad, die Humboldtstraße, wo einst das Gymnasium stand, das er bis zur Quarta besuchte, um dann doch in die Glaserlehre einzutreten. Er ging langsam durch die Grünanlagen des ehemaligen Horst-Wessel-Platzes, jetzt Rathenauplatz, und sah die Stellen, wo er sich als Kind in den Büschen versteckt oder in einem Sandkasten gespielt hatte. Jetzt war es ein aufgerissener Platz mit Baumstümpfen, und die fensterlosen, ausgebrannten Riesenhöhlen der Synagoge glotzten ihn feindlich an.