Dann sah er sein Haus. Das Haus Nr. 4. Die Fassadenmauer stand noch, drei Meter hoch. Hinter ihr waren die Trümmer weggeschafft, und zwei neue Mauern strebten in den kalten Nachthimmel.
Da begann er wieder zu laufen, rannte durch die Straße, stolperte über Steine und Balken und erreichte keuchend und mit schmerzendem Gesicht den Eingang zum Keller.
Ursula, Mutter, dachte er stöhnend. Ich bin da. Ich bin da.
An der gefrorenen, nassen Wand Halt suchend, tastete er sich die dunkle Kellertreppe hinab.
Schon nach den ersten Stufen wehte ihm Wärme entgegen und der Geruch gebratenen Fleisches. Und Stimmen hörte er. Sie waren laut und lachten.
Kapitel 15
Langsam stieg Erich Schwabe tiefer in den Keller hinab. Vor der neuen, dicken Tür blieb er stehen und legte das Ohr an das Holz. Sein Herz klopfte wild, und die Erregung schnürte ihm den Hals zu. In seinem Schädel brauste es, und es war ihm, als schlüge man mit einem Hammer gegen seine Trommelfelle. Da hielt er den Atem an und preßte die Ohrmuschel eng an die Bretter der Tür.
Mutters Stimme, dachte er. Und da — Ursulas Lachen, ein helles, herrliches Lachen. Und noch eine Stimme, eine Männerstimme, tief und etwas polternd, in Alkohol gebadet. Was sagen sie? Warum sitzen sie hier, anstatt auf dem Bahnhof zu sein und ihn abzuholen? Natürlich, das Telegramm ist nicht gekommen! Er war schneller als die Nachricht. Da, wieder das Lachen Ursulas. Dann ein deutlicher Satz, unter Lachen ausgerufen:»Du bist eine Type, Karlheinz!«
Wer ist Karlheinz? dachte Schwabe und atmete wieder. Ihm fiel der erste, kurze Eindruck ein, der ihn streifte, als er das zerstörte Haus sah. Ausgebrannt, mit zwei neuen Mauern. Wer hatte sie aufgebaut? Er legte die Hand auf die Klinke und wischte sich mit der anderen Hand über das kalte, schmutzige Leukoplastgesicht. Im Keller begann die tiefe Männerstimme zu singen.»Mädel, ich bin dir so gut. «Geschirr klapperte.
«Noch einen Grog, Karlheinz?«Die Stimme der Mutter. Auch sie
nannte den fremden Mann mit dem Vornamen.
«Nur immer 'ran, Mütterchen.«
Erich Schwabe legte den Kopf wieder gegen die Tür. Meine Heimkehr, dachte er kläglich. So kommt man nach Haus. Nach sechs Jahren Krieg, nach sieben Verwundungen, mit einem verlorenen Gesicht. Jahrelang hat man auf diesen Tag gewartet, hat für diese Stunde gelebt, hat an diesen Augenblick geglaubt, selbst als die Welt um einen herum unterging. Ich komme wieder, hatte man sich immer gesagt. Verdammt noch mal, einmal ist der Mist zu Ende, und dann steht man vor der Frau und der Mutter und breitet die Arme aus und ruft:»Hier bin ich wieder!«Was kann es Schöneres geben als diesen lang herbeigesehnten Augenblick?
Und so ist es nun wirklich. Man steht frierend vor der Tür und hat Angst, sie aufzustoßen. Angst hat man vor dem, was hinter der Tür ist. Es war ein Fehler, einfach heimzukommen. Man hätte anrufen sollen oder sonst irgend etwas tun. Schon vor zwei Stunden, als man allein auf dem Bahnsteig stand und keiner gekommen war, den Heimkehrer abzuholen.
Ob es dem Wastl auch so ergangen ist, dachte Schwabe plötzlich. Und dem Oster? Und was machte der Berliner? Was hatte Fritz Adam vorgefunden?
«Mein Mädel, mein Mädel vom Rhein.«, sang drinnen die dröhnende Stimme. Erich Schwabe warf den Kopf in den Nacken und drückte die Klinke herunter. Dann gab er der Tür einen Stoß und ließ sie gegen die Kellerwand schlagen. Der Gesang verstummte, ein Stuhl fiel um, Ursulas Stimme klang auf. Sie rief:»Wer ist denn da?«
An einer Porzellanschüssel stand Frau Hedwig Schwabe und spülte Gläser. Ihre Augen waren weit und starr. Sie erkannte nichts, weil sie geblendet aus dem hellen Licht in den dunklen Kellergang schaute.
«Wer ist da?«rief Ursula wieder. Ihre Stimme zitterte vor verhaltener Angst.
«Das hab'n wir gleich!«sagte die Männerstimme. Dann schob sich eine untersetzte, breite Gestalt in das Licht, ein kräftiger Bursche in einem weiten Maureranzug, ein Glas Grog dampfend in der Hand.
Erich Schwabe trat langsam einen Schritt vor. Es war, als stürze er aus der Dunkelheit in das Licht. Er stand im Türrahmen, in seinem alten Militärmantel. Er hatte einen Schal um das Gesicht mit den schmutzigen, rußigen Leukoplaststreifen gewickelt, es sah aus wie der zertrümmerte Kopf einer Puppe, den man notdürftig wieder geflickt hatte.
«Erich!«schrie Ursula gellend. Sie warf beide Arme nach vorn. Aber sie schaffte es nicht mehr, die drei Schritte bis zur Tür zu gehen. Sie fiel vornüber auf die Knie und rollte ohnmächtig auf den Kellerboden.
«Mensch, Kumpel, Erich«, sagte Karlheinz Petsch laut. Er bückte sich, griff Ursula unter die Arme und hob sie auf das Bett.»Kommt da 'rein wie 'n Geist im Theater. Die Weiber kriegen ja 'n Herzschlag.«
«Mein Junge«, stotterte Frau Schwabe. Dann fielen die Gläser hin, die Spülschüssel zerschellte auf dem Boden, und das Wasser spritzte an Erich Schwabe hoch und klatschte Karlheinz Petsch in die Schuhe.»Du bist da — du bist entlassen, Erich.«
Sie rannte auf ihn zu, umarmte ihn, drückte den starren Körper an sich. Aber dann verließen auch sie die Kräfte, sie weinte plötzlich und hing schlaff in den zupackenden Händen ihres Sohnes.
«Ihr — ihr habt mich nicht erwartet, was?«sagte Erich Schwabe über den Kopf seiner Mutter hinweg, zu Karlheinz Petsch gewandt.
«Aber nein, wieso denn?«
«Mein Telegramm — «
«Hier ist keins angekommen.«
Petsch schloß die Tür hinter Schwabe und wischte sich schnell über das Gesicht. Verdammt, dachte er, das ist eine Panne. So sollte es nun auch wieder nicht sein. Ganz langsam in die Situation hineinwachsen, so hab' ich mir das gedacht.
«Ich bin Karlheinz Petsch«, sagte er und ging um Schwabe herum.»War mal Feldwebel bei der Luftwaffe. Und Ihre Frau hat mir das Leben gerettet.«
«Ursula?«
«Genaugenommen, Ihr Keller. Ich kam in einen Luftangriff 'rein und flüchtete hier 'runter. Und da hab' ich mir gedacht: Das vergißt du nie. Und wenn's man anders kommt, baust du das Haus wieder auf. Tja, und nun bin ich da dran.«
Erich Schwabe nickte. Er führte seine Mutter zu einem Stuhl, zog den Mantel aus und band den Schal von seinem Kopf. Nun erst sah man die völlige Zerstörung des Gesichtes, den lippenlosen Mund, die notdürftig neugeformte Nase, die Narben der Hautplastiken, die durch die Kälte rotviolett angelaufen waren.
«Einen Grog, Kumpel?«fragte Petsch mit etwas belegter Stimme und hielt ihm ein Glas hin. Schwabe schüttelte den Kopf und setzte sich neben Ursula auf das Bett. Er starrte sie stumm an. Dann hob er zögernd die Hand und strich ganz leicht und mit einer hilflosen, zitternden Zärtlichkeit über ihre blonden Haare und das bleiche, schmale Gesicht. Jetzt erst bemerkte er, wie sich ihr Leib rund und mächtig vorwölbte, und seine Hand glitt über ihren Körper und blieb auf ihrem schweren Leib liegen.
Mein Kind, dachte Schwabe, und plötzlich wich alles von ihm, was ihn starr und stumm gemacht hatte. Die Einsamkeit, die er auf dem leeren Bahnsteig des Bahnhofes gespürt hatte, die wilde Verzweiflung, die ihn erfaßt hatte, als er den Kopf gegen die Kellertür lehnte, der eisige Schreck, als er den Mann so vertraut mit Mutter und Ursula fand. Alles, was ihn innerlich zerrissen hatte, verflüchtigte sich wie Morgennebel vor den ersten Sonnenstrahlen, als er die Hand auf Ursulas gesegneten Leib legte und unter seinen Fingern das Zuk-ken und die ruckartigen Bewegungen des Kindes spürte.
Mein Kind, dachte er wieder und schloß glücklich die Augen. Mein Gott, ich bin ja zu Haus, ich bin wirklich zu Haus. Es gibt keinen Krieg mehr, und wir werden von vorn anfangen, wirklich von vorn mit diesem Kind.
«Man sollte ihr 'was zu trinken geben«, sagte Petsch und zeigte auf Ursula.
Schwabe nickte. Er nahm aus Petschs Hand ein Glas mit Schnaps und flößte es Ursula langsam und vorsichtig ein. Sie schluckte krampf-haft, hustete wild und bäumte sich wie in Abwehr auf. Dann öffnete sie die Augen und starrte in Erichs schmutziges, verklebtes Gesicht, auf diesen formlosen Kopf, an dem nur die Augen das einzig Menschliche waren.