Выбрать главу

«Erich«, sagte sie schwach und schlang die Arme um seinen Hals.»Wie freue ich mich.«

«Tut dir was weh?«fragte er besorgt.»Hast du Schmerzen? Spürst du etwas durch den Fall?«

Sie schüttelte den Kopf.»Nichts«, sagte sie schwach.»Nun ist alles gut. Du bist da. Du bist endlich da.«

Sie küßte ihn, indem sie seinen Kopf zu sich herabzog.

Als sich Schwabe aufrichtete und sich nach Karlheinz Petsch umsah, war der nicht mehr im Keller. Er war gegangen, und keiner hatte ihn weggehen hören.

Erich Schwabe fragte nicht nach ihm. Es würden noch viele Tage der Fragen kommen. Zwischen seiner Mutter und seiner Frau saß er auf dem Bett, hielt beider Hände fest und erzählte von den letzten Stunden in Schloß Bernegg.

Bis gegen Morgen erzählte er. Und dann lag er neben Ursula im Bett, hatte den Arm um ihre Schulter gelegt, und ihr Kopf lag, müde, klein und leicht auf seiner Brust. Sie schlief mit einem kindlichen Lächeln und kuschelte sich im Schlaf zärtlich an ihn.

Ich bin zu Haus, dachte Schwabe wieder. Und er war so glücklich, daß er weinen konnte. Im Bett nebenan schlief mit rasselndem Atem die Mutter. Sie hatte die Hände über der Brust gefaltet, als bete sie im Traum.

Morgen beginnt ein neues Leben, dachte Schwabe, auch wenn sich nicht viel ändern wird. Er hörte auf die Atemzüge der beiden Frauen und konnte selbst nicht schlafen.

Um sieben Uhr morgens hörte er jemanden die Kellertreppe herabkommen. Er schob Ursulas Kopf vorsichtig von sich, drehte sich aus dem Bett und ging auf Zehenspitzen zur Tür. Ein Hilfspostbote schwenkte ein dünnes Kuvert durch die eiskalte Morgenluft, als er das Gesicht im Türspalt sah.

«Ein Telegramm«, sagte er.»Sind Sie Schwabe?«

«Ja.«

«Bitte.«

Erich Schwabe schloß die Tür wieder. Er sah das Telegramm an, dann zerriß er es langsam und streute die Schnipsel in den Kohlenkasten neben dem eisernen Ofen. Es war ihm, als käme diese Nachricht aus einer Welt, die ferner als die Sterne war.

Dann kroch er zurück ins Bett, zog Ursula an sich und spürte wohlig ihren warmen, glatten Körper nah und vertrauensvoll an seiner ausgekühlten Haut.

Zu Haus, dachte er wieder. Mein Gott, ist das schön.

Für den Gefreiten Christian Oster, den Zauberer von Schloß Bernegg, war die Heimkehr ein entscheidendes Experiment.

Seine kleine, pausbäckige, braungelockte Frau Susanne hatte nie die Gelegenheit gehabt, ihn auf Bernegg zu besuchen. Nach seiner Einlieferung hatte er sich wie fast alle Gesichtsverletzten geweigert, überhaupt jemanden zu sehen. Dann hatte er seine Mutter kommen lassen und seine ganze seelische Qual herausgeschrien. Aber Susanne Oster, die zweimal unangemeldet in Bernegg erschien, wurde von Dr. Lisa Mainetti abgefangen, bevor sie noch in den eigentlichen Lazarettbereich kommen konnte. Wie zu allen Frauen hatte Lisa auch ihr gesagt:»Geduld ist das größte Geschenk, das Sie Ihrem Mann machen können. Jeder Tag warten ist mehr als alles Gold.«

Das war alles, was die kleine, rundliche Susanne Oster von ihrem Mann erfuhr. Zwar gingen im Laufe der Monate viele Briefe hin und her, und immer hieß es:»Mir geht es gut. Es wird alles an mir getan, was möglich ist. Von Woche zu Woche wird es besser mit mir. «Ja, sogar ein Foto schickte Christian Oster an seine Frau, ein Foto schräg von hinten, so daß man nur die linke Gesichtspartie ein wenig erkennen konnte, und dieses Foto trug Susanne Oster immer mit sich und zeigte es jedem: Seht, so schlimm ist es ja gar nicht. Man sieht ja überhaupt nichts. Was sie nicht wußte, war die grau-same Verstümmelung von Nase, Mund und rechter Gesichtsseite, ein aufgerissenes, von einem glühenden Granatsplitter völlig zerfetztes Antlitz, bei dessen Einlieferung sogar Dr. Lisa Mainetti leise zu Professor Rusch gesagt hatte:»Mein Gott — wo sollen wir hier noch anfangen?«

Fünfundvierzig größere Operationen hatten Christian Oster nun wieder zu einem Menschen werden lassen. Lisa und Professor Rusch hatten an diesem Gesicht nicht nur Deckungen und Funktionsherstellungen durchgeführt, sondern sie hatten es regelrecht wie ein Bildhauer modelliert. Mit unendlicher Geduld wurde das Lippenrot millimeterweise rund um die Lippen verpflanzt, eine sogenannte Abbe-Plastik, die aus Fleischwülsten wieder Lippen werden ließ. Lippen, die einmal wieder eine Frau küssen sollten, ohne würgenden Ekel zu erzeugen.

Was an Christian Osters Gesicht geleistet wurde, war das Musterbeispiel eines >neuen< Gesichtes. Nach den fünfundvierzig größeren Operationen — die vielen kleinen Eingriffe wurden gar nicht mehr gezählt — sah sich Oster in einem Spiegel verblüfft und nachdenklich an. Dann nahm er ein Paßbild aus der Brieftasche und verglich es mit dem Antlitz, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute. Er erkannte sich nicht mehr. Der alte Christian Oster war von dem glühenden Granatsplitter weggewischt worden. Nur die Haarfarbe war geblieben und der Ausdruck der blauen Augen. Das Gesicht aber war ein fremdes Gesicht. Christian Oster lächelte gequält.

«Es ist, als müßte ich jetzt Sie zu mir sagen«, sagte er leise.

Dr. Mainetti legte ihm die Hand auf die Schulter.

«Denken Sie, das ist mein Friedensgesicht. Das alte hat der Krieg genommen. Es war der unvermeidbare Kaufpreis für das Weiterleben.«

«Ich könnte mich schon daran gewöhnen — aber meine Frau?«Christian Oster drehte sich vom Spiegel weg.»Sie hat doch — wenn man es genau bedenkt — einen anderen Mann geheiratet als den, der jetzt zurückkommt, nicht wahr?«

«Man heiratet nicht nur ein Gesicht, Oster.«

«Aber eine große Rolle spielt's doch, Frau Doktor. «Er drehte sich wieder zum Spiegel. Sein Blick tastete über die neue Wange, die neue Nase, den neuen Mund. Alles war fremd, wie eine Maske, hinter der man das wirkliche Gesicht, das alte vertraute, erwartete.»Was wird sie bloß sagen, meine Susanne? Ich bin doch ein völlig fremder Mann.«

«Wir werden es ihr vorher schreiben, Oster.«

Aber es waren Worte, weiter nichts, was Dr. Mainetti an Frau Oster schreiben konnte. Susanne Oster las sie und nickte. Natürlich wird Christian anders aussehen, dachte sie. Er wird Narben haben oder vielleicht ein schiefes Gesicht. Aber daran gewöhnt man sich, und man kann es auch im Lauf der Zeit immer wieder ändern und verbessern. Auch als Christian selbst schrieb:»Erschrick nicht, wenn ich einmal nach Hause komme. Ich sehe ganz anders aus, aber ich bin's wirklich.«, da hatte sie nur vor sich hingelacht und sich gesagt: Sieh an, jetzt macht er schon wieder dumme Witze. Als ob ich meinen Christian nicht erkennen würde.

Das war schon vor Monaten gewesen. Und nun war der Tag gekommen, ganz plötzlich, an dem Christian Oster zurückkehren sollte aus einem Schloß, hinter dessen Mauern sich das schauerlichste Erbe des Kriegs verbarg.

Auch Oster hatte von Würzburg, wie alle der Stube B/14, ein Telegramm nach Hause geschickt.»Ankomme heute 11.23 Hauptbahnhof. Christian. «Dann saß er in dem überfüllten Zug und ratterte durch die Schneelandschaft nach Norden. Und je näher er seiner Heimatstadt kam, um so mehr schnürte die Angst sein Herz ein. Über zwei Jahre ist es her, seit ich Susanne gesehen habe, dachte er. Zwei Jahre, in denen man aus mir einen anderen Menschen gemacht hat. Einen Menschen, dessen Vater das Skalpell und dessen Mutter Rollappen und Stiellappen aus Brust, Stirn und Oberschenkel waren.

Mit einer Stunde Verspätung rollte der Zug fauchend in die zerstörte Bahnhofshalle ein. Die verbogenen und zerrissenen Stahlträger wirkten gegen den Nachthimmel wie das Skelett eines zerfetzten Brustkorbes. Wenige trübe Lampen brannten auf dem Bahnsteig, über die Schneehaufen und die verharschten, ausgetretenen Pfade zum Ausgang. Ein paar Menschen standen frierend und mit zusammengezogenen Körpern in der Kälte und starrten dem Zug entgegen.