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Christian Oster hockte am Abteilfenster und sah hinaus auf die näherkommende Menschengruppe. Dort ist sie, durchfuhr es ihn heiß. Dort, die kleine Frau in dem dicken Wollmantel und dem hochgeschlagenen Persianerkragen. Der Persianerkragen — er war ein Hochzeitsgeschenk ihrer Mutter, und er hatte ihr zu diesem Kragen zum ersten Weihnachtsfest in ihrer Ehe einen schwarzen Mantel gekauft. Susanne hatte den Kragen selbst daraufgenäht, und er hatte sich gefreut, wie stolz sie war, wenn die Frauen ihren Pelzkragen musterten und sie offen darum beneideten.

Der Zug hielt. Christian Oster sah, wie Susanne an der Wagenreihe entlangschaute, wie sie jeden musterte, der ausstieg, wie sie einem Soldaten entgegenlief, der mit dem Rücken zu ihr stand und wie sie enttäuscht umkehrte, als sie sah, daß es nicht ihr Christian war.

Oster stand im Gang, seitlich von der Tür, und wagte nicht, auszusteigen. Immer wieder strich er sich mit der Hand über das narbige, neue Gesicht. Als letzter kletterte er schließlich aus dem Wagen und sprang von der untersten Stufe in den Schnee. Er zog seinen schlaffen Rucksack nach, hängte ihn über den linken Arm und wandte sich Susanne zu, die noch immer den Zug entlangsah und suchte.

Einmal glitt ihr Blick auch über ihn, blieb kurz an ihm haften und irrte dann weiter.

In Oster stieg ein heißer Schrei empor, er brannte in der Kehle, trocknete den Gaumen aus und drückte wie eine stählerne Faust auf das Herz.

>Sie erkennt mich nicht<, schrie es in ihm. >Mein Gott, mein Gott — sie sieht mich an und erkennt mich nicht.<

Die Wagen waren leer. Die wenigen Menschen hatten den Bahnsteig verlassen. Zwei Schaffner liefen an den Wagen entlang und war-fen die Türen zu. Vom Zugende schrillte die Pfeife eines Rangierers. Nur Susanne Oster und Christian Oster standen noch im Schnee unter dem Eisengerippe der Bahnhofshalle und sahen sich stumm an.

Noch einmal blickte Susanne an dem Zug entlang. Sie wartete, bis er nach hinten zum Abstellgleis weggezogen wurde und hob dann frierend und resignierend die Schultern. Sie drückte den Persianerkragen gegen das Gesicht und kam zögernd die wenigen Schritte auf Christian Oster zu. In ihren verschreckten Augen glitzerten unterdrückte, in der scharfen Kälte beinahe kristallisierende Tränen.

«Verzeihen Sie«, sagte sie zu Christian Oster,»ist das der letzte Zug, der aus Würzburg kommt?«

In den Ohren Osters brauste und gellte es. Er starrte in Susannes Augen, und er sah, daß sie ihn bittend anblickten, doch ohne die geringste Regung des Erkennens. Ich bin es doch, wollte er schreien. Er wollte die Arme vorwerfen, Susanne an sich reißen, brüllen wollte er, bis das Herz aus der Kehle quolclass="underline" Ich bin es! Ich bin es! Ich bin es! Aber er blieb wie gelähmt stehen und schüttelte nur den Kopf.

«Keiner mehr?«sagte Susanne und wandte sich ab.»Danke schön. Dann wird er morgen kommen.«

Ein paar Schritte war sie langsam gegangen, als die Erstarrung von Christian Oster wich. Mit einem gurgelnden Schrei warf er den Rucksack in den Schnee und streckte beide Arme nach der kleinen, rundlichen Frau aus.

«Susanne — «, stammelte er.»Ich — ich — «

Er stürzte vor, ergriff seine Frau und riß sie an sich. Sie wehrte sich, als Christian sie küssen wollte.

«Susanne!«flehte er.»Susanne, erkenn mich doch! Meine Augen, die Haare — «Er riß die Mütze vom Kopf und stöhnte, als er die Frau wieder an sich preßte und ihre Brüste spürte und das Zittern ihres Leibes.»Susanne, ich — «

Susanne Oster krallte sich in die Schultern des Mannes. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in das fremde Gesicht. Sie begriff nun.

Sie sah Christians Augen, sie sah seine Haare, sie hörte seine Stimme. Und doch war es ihr, als hänge sie an einem unbekannten Mann, als wären es fremde, nicht gewollte Lippen, die über ihr Gesicht glitten und um ein bißchen Zärtlichkeit bettelten.

«Das — das bist du?«sagte sie leise.

Es war der furchtbarste Satz, der je gesprochen wurde. Sie merkte es, kaum, daß sie ihn gesagt hatte.

«Christian«, sagte sie deshalb mühsam.»Christian, wie schön, daß du gekommen bist. Ich — ich habe so auf dich gewartet. Komm nach Haus.«

Und sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich fort aus dem Bahnhof. Er folgte ihr wie ein Blinder, tappend und mit leblosen Augen. Der Rucksack blieb im Schnee liegen.

Sie gingen durch die verwüstete, ausgestorbene Stadt, über Straßen, die durch Mondlandschaften zu führen schienen, durch Trümmerwüsten und ein Gebirge zerfetzter Mauern. Über eine Stunde gingen sie stumm, Hand in Hand, durch die Stadt, bis aus der Dunkelheit am Rande eines Grünstreifens das kleine Haus auftauchte. Sein Haus. Der Vater hatte mit dem Bau begonnen, und als er verunglückte, hatte er es zu Ende gebaut. An der Gartentür blieb er stehen und sah hinüber zu dem spitzen, schlanken Dach.

«Ich — ich bin es wirklich«, sagte er mühsam.»Gleich hinter der Tür hängt an der Wand ein Geweih. Vater hat es geschossen, als er einmal eingeladen war. Und über dem Bogen im Flur hängt ein Schild in Brandmalerei: Gott schütze dieses Haus. Stimmt es?«

«Komm 'rein«, sagte Susanne kaum hörbar. Sie wagte nicht, Christian anzusehen.

«Ich — ich bin es wirklich«, wiederholte er heiser.»Ich habe doch geschrieben — «

Susanne drückte ihr Gesicht an seine schneebedeckte, eissteife Brust.

«Komm doch!«schrie sie gegen den Stoff.»Komm — ich spüre doch, daß du es bist.«

Sie spürt es, dachte Oster, und wieder ergriff ihn ein heißer Schwindel. Sie spürte es, aber sie sieht es nicht mehr. O Gott — das hal-ten wir nicht aus!

Wie ein Tanzbär, den man an einem Nasenring hinter sich herzieht, tappte er an der Hand seiner Frau durch den Vorgarten zum Haus. In der Diele sah er sich um. Das Geweih hing nicht mehr hinter der Tür, und der Spruch >Gott schütze dieses Haus< war abgenommen worden.

«Auch das ist nicht mehr da«, sagte Oster laut.

Dann brach er zusammen, sank auf eine alte Truhe und weinte. Und Susanne stand vor ihm, starrte ihn an und dachte, so stark sie sich dagegen wehrte: Da sitzt er nun und weint — ein fremder Mann. Was sollte man tun?

Kurz vor Weihnachten kam Major Braddock wieder hinauf aufs Schloß und brachte eine Flasche Whisky mit. Er verband diesen Besuch mit einer Inspektion des Lazaretts und ließ sich von Dr. Sten-ton und Leutnant Potkins durch die halbleeren Zimmer und Säle führen.

«Langweilig, was?«fragte er Lisa Mainetti nach diesem Rundgang und goß den Whisky zwei Finger hoch in die Gläser.»Auch meine Jungs gähnen. Es scheint, als habe diese verfluchte Stube 14 so etwas wie die Funktion eines Motors gehabt. Nun ist er ausgebaut, und der Karren liegt verrostend herum.«

«Ich habe immerhin noch vierunddreißig Gesichtsverletzte, die täglich versorgt und nachoperiert werden müssen. «Lisa nippte an dem Whisky und sah über den Glasrand hinweg Major Braddock an. Was will er, dachte sie. Hat er Neuigkeiten von Walter Rusch? Ist etwas geschehen? Sie unterdrückte ihre aufkommende Angst und setzte das Glas ruhig zurück auf die Tischplatte.»Wird unser Lazarett eigentlich aufgelöst?«

«Vorläufig nicht. Sie werden sogar noch Zugänge bekommen. Aus anderen Lazaretten wird man Gesichtsverletzte nach Bernegg verlegen. Es spricht sich rund, welch zärtliche Hand hier Narben wegstreichelt.«

«Reden Sie nicht solchen Blödsinn, Major!«sagte Lisa grob.»Ich hatte gedacht.«

James Braddock nickte mehrmals. Er trank mit Genuß sein Whiskyglas leer und schnalzte mit der Zunge, als wolle er ein Pferd antreiben.

«Ich weiß, daß man Ihnen nichts vormachen kann, Miß Doktor. Also gut — wir könnten eine kleine Reise machen.«

«Wir?«

«Nach Darmstadt.«

«Nach.«

«Zu Professor Rusch, richtig. «Braddock goß sich wieder Whisky ein. Er vermied es, Lisa ansehen zu müssen. Er ahnte, daß ihre Sicherheit sich auflöste, daß ihr Gesicht alle Strenge und Härte verlor, und es war diese plötzliche Nacktheit ihres Wesens, die er nicht sehen wollte.