«Ich habe angefragt und eine Nachricht erhalten: Sie können vor Weihnachten Rusch besuchen und sprechen. Natürlich nur im Beisein von zwei GIs, aber immerhin — «
«Sie haben. «Dr. Mainetti ergriff Braddocks Hand, als er die Flasche wieder zurückstellen wollte.»Major — warum tun Sie das?«
«Verdammt — diese deutsche Gründlichkeit, immer alles analysieren zu wollen! Nehmen Sie es doch hin! Fahren wir nach Darmstadt.«
«Wann?«Es war fast ein Schrei. Ein Jubelschrei.
«Von mir aus schon morgen.«
«Morgen habe ich vier Operationen auf dem Plan. Übermorgen?«
«Auch gut. Übermorgen. Sie dürfen Eßbares mitbringen, was nicht in Büchsen ist.«
«Eßbares? Sie sind ein Zyniker, Major. «Dr. Mainetti war aufgesprungen.»Darf ich Krankengeschichten mitnehmen.?«
Braddock starrte zu Lisa empor. In seinem Gesicht spiegelte sich völlige Ratlosigkeit.»Krankengeschichten?«
«Ja. Und Röntgenplatten und Plastikzeichnungen und — «
«Sind Sie übergeschnappt, Miß Doktor?«
Lisa schüttelte wild den Kopf. Ihre langen, schwarzen Haare flo-gen über ihr schmales Gesicht wie ein schwarzer Schleier im wehenden Sturm.
«Das verstehen Sie nicht, Major. Walter Rusch ist Arzt, nichts als Arzt. Seine Welt ist der OP, sind seine Patienten, mehr als zehn Pfund Butter oder drei Brote — um es profan zu sagen —, wenn jemand in einer verzweifelten Lage zu ihm kommt und sagt: Hier sind Röntgenbilder. Was würden Sie jetzt tun, was sollen wir machen?«
Braddock schob die Unterlippe vor. Welch eine Frau, dachte er. Natürlich hat sie recht. Das richtet ihn auf, das zeigt ihm, daß er trotz allem gebraucht wird, das gibt ihm Lebensmut.»Versuchen wir es«, sagte er nachdenklich.»Ich werde mit dem Kommandanten sprechen. Röntgenplatten sind ja nichts Gefährliches. Allerdings werden sie genau überprüft werden. Wegen Geheimnachrichten, verabredeter Zeichen und was es da noch alles gibt.«
«Und wir fahren bestimmt übermorgen?«
«Hat James Braddock jemals sein Wort nicht gehalten, Miß Doktor?«
«Nein. «Lisa breitete die Arme aus.»Ich möchte Sie küssen, Major!«rief sie voller Glückseligkeit.
«Ich bitte darum. «Braddock schloß die Augen.»Ich mache die Augen zu, nicht aus Leidenschaft, sondern nur, um als Kommandant von Bernegg diese unerlaubte Fraternisation nicht sehen zu müssen.«
«Sie werden einmal an Ihrem Sarkasmus ersticken, Major«, lachte Lisa. Dann nahm sie Braddocks Kopf in beide Hände und küßte ihn erst auf die Stirn und dann auf die gespitzten Lippen. Braddock öffnete mit einem Lächeln die Augen.
«So hat mich meine Schwester auch immer geküßt, wenn der kleine James hingefallen war und sein Knie blutete. Aber immerhin — wenn ich im Kasino erzähle, Miß Doktor hat mich geküßt, werden die anderen platzen!«Er steckte die Whiskyflasche in seine Rocktasche und setzte seine Mütze auf.»Das sind die kleinen Freuden eines abseits abgestellten Mannes«, lachte er.»Eigentlich müßte man Professor Rusch schon deswegen bestrafen, weil er von Ihnen geliebt wird. Also denn — bis übermorgen. Ich komme Sie abholen.«
Der Rest des Tages war für Lisa Mainetti eine Qual. Sie wußte nicht, was sie mit ihrer Freude und ihrem Glück anfangen sollte. Sie rannte durch den kalten, verschneiten Schloßpark, umkreiste den Teich und starrte über das stille Land, bis der Frost von den Füßen her durch den Körper zog und Nase und Ohren zu jucken begannen. Da rannte sie zurück in den Block B und suchte im Zimmer Ruschs alle Röntgenplatten zusammen, die interessant waren, selbst Aufnahmen von Verwundeten, die längst entlassen worden waren. Fast die ganze Nacht hindurch schrieb sie alte Krankengeschichten ab, veränderte die Namen und schrieb nur die ersten Eingriffe hin. Alles andere, die ganze Weiterbehandlung, ließ sie offen. So schaffte sie fast >neue< Fälle, um die sie Professor Rusch um Rat fragen wollte. Gegen Morgen erst legte sie sich hin und schlief bleiern bis gegen 10 Uhr. Dora Graff weckte sie nach langem Zögern.
«Dr. Vohrer und Dr. Stenton operieren schon«, sagte sie, als Lisa endlich aufwachte und sich betroffen umsah.»Sie wollten nicht, daß ich Sie weckte. Aber ich dachte — «
«Ich komme sofort!«
Lisa Mainetti sprang auf und rannte in das Badezimmer. Unter dem heißen Wasserstrahl der Brause drehte sie sich wohlig und ließ die Hitze in ihren Körper dringen.
Noch einen Tag, dachte sie, dann sehe ich Walter wieder.
Ob er sich sehr verändert hat?
Sie reckte den Kopf in die dampfenden Strahlen und prustete und ließ sich von dem heißen Wasser streicheln.
Zum erstenmal gab sie vor sich selbst zu, daß sie Sehnsucht nach seiner Umarmung hatte, und es war ein herrliches Gefühl, darauf zu hoffen.
In der Kommandantur des Lagers Darmstadt saß Dr. Lisa Mainetti einsam und mit gefalteten Händen in einem kahlen Zimmer, dessen einziger Schmuck eine an der Rückwand aufgespannte amerikanische Fahne war. Das Sternenbanner. Davor stand ein Tisch. Auf
dem einzigen Stuhl saß Lisa. Sonst war der Raum leer.
Major Braddock hatte sie allein gelassen und war mit dem dicken Paket aus Röntgenplatten und Krankengeschichten irgendwo in den weitverzweigten Zimmern verschwunden. Dort saßen jetzt voraussichtlich einige Abwehrexperten und studierten die Papiere, sekundiert von Major James Braddock, der die Gefahrlosigkeit der Schriftstücke und Röntgenfilme immer wieder beteuerte.
Von dem großen Lager hatte Lisa auf der Hinfahrt kaum etwas gesehen. Ein Wall von hohem Stacheldraht, einige Wachtürme, viele Baracken, ein Gewimmel von braunen amerikanischen Uniformen und riesige Wagenkolonnen, die meistens von Negern gefahren wurden. Sie mußten drei Kontrollen passieren, bis sie vor dem Stellvertreter des Kommandanten standen. Es war ein sehr wortkarger, zugeknöpfter, jüngerer Offizier, der Lisa Mainetti ohne viel Worte in den kahlen Raum führen ließ und sie dort allein in eine Qual von Hoffnung und Angst stieß.
Auch Professor Rusch in Camp III erfuhr nichts von diesem Besuch. Er hatte dienstfrei und brauchte heute nicht in das Lagerlazarett. Dort arbeitete auch Dr. Fred Urban, ein bißchen weniger arrogant, aber immer noch eingepreßt in seinen unverlierbaren Charakter: Was auch immer im Lazarett geschah — er meldete es gewissenhaft weiter an die Lagerleitung. Zwar stand eines Morgens an sein Bett mit Schuhkrem gemalt: >Du Schwein<, aber darum kümmerte man sich weniger als um die Frage: Wie kommt die Schuhkrem in das Lager?
Für Professor Rusch hatte man sich eine besondere, >weichma-chende< Arbeit gedacht: Er mußte in dem Team Urbans arbeiten, nicht als Chef, sondern als Assistent. Der Teamchef war Dr. Urban. Zwar vermied es Urban immer, mit Rusch zusammenzustoßen. Er gab ihm weder Anweisungen, noch wehrte er sich, wenn Rusch ihn einfach zur Seite schob und an seiner Stelle operierte — aber allein die Gegenwart Urbans war Rusch eine Qual, und Urban spürte es und beobachtete Rusch wie eine Katze die Maus.
An diesem Tag saß Rusch vor einer Waschschüssel und wusch sein altes Hemd. Er hatte einen Seifenrest aus dem Lazarett mitgebracht — und dieses winzige Stückchen Seife wanderte nun von Hand zu Hand und erzeugte herrlichen Schaum, in dem Hemden, Unterhosen, Taschentücher und Strümpfe gewaschen wurden. Das gebrauchte Waschwasser wurde dann weiterverkauft, für ein paar Zigaretten, für ein paar Kekse, bis die Lauge schwarz war und in die Latrine gegossen wurde.
«Mitkommen zum Kommandanten!«sagte ein junger GI zu Professor Rusch, als er gerade sein Hemd zum Trocknen aufhängen wollte. Rusch hob die Schultern und zeigte auf das nasse, tropfende Wäschestück.
«Wie?«fragte er.»Ich habe nur das eine Hemd! Ich kann doch nicht.«
«Let's go«, sagte der junge Soldat und winkte energisch.
«Aber ich kann doch nicht mit nacktem Oberkörper zum Kommandanten!«