«Schnell, schnell!«rief der Soldat ungeduldig.
Professor Rusch hob noch mal resignierend die Schultern. Er zog seine Jacke über, schlug die Revers und den Kragen hoch, hielt sie mit beiden Händen vor der Brust zu und folgte dem GI durch die verschneiten Campgassen zur Kommandantur. Dort stand er in dem langen Flur, lehnte sich an die warme Holzwand und strich sich mit gespreizten Fingern mehrmals durch die Haare, um etwas Ordnung in das verwehte, nasse Gestrüpp zu bringen.
Aus einer Tür kam Major Braddock. Er stutzte, als er Rusch stehen sah, und kam dann überrascht mit schnellen Schritten auf ihn zu.
«Professor, Sie? Schon da?«
«Major Braddock! Sie hier? Hat man Sie versetzt?«
Braddock drückte Rusch beide Hände. Dabei fielen die Revers herunter, und der Major sah erstaunt die nackte Brust unter der Jacke.
«Was ist denn das?«
Rusch lächelte schwach.»Ich hatte mein Hemd gewaschen und zum Trocknen aufgehängt, als man mich holte.«
«Ich werde Ihnen sofort ein neues Hemd besorgen, Professor. «Brad-dock sah den jungen GI an, der starr geradeaus sah, als höre er nichts und sei aus Wachs.»Hatten Sie tatsächlich nur ein Hemd mit?«
«Vier, Major.«
«Und die drei anderen?«
Rusch senkte den Kopf.»Ich hatte Hunger«, sagte er leise.»Ich habe sie gegen Brot eingetauscht.«
Braddock schwieg. Er starrte Rusch einen kurzen Augenblick an, wandte sich dann ab und stampfte durch den langen Gang davon. Ein Leutnant kam aus einem der vielen Zimmer und winkte dem GI.»Professor Rusch?«rief der junge Offizier.
«Ja«, rief Rusch zurück.
«Okay! Zimmer sechs. Eine Stunde.«
Die Tür klappte wieder zu. Verwundert sah Rusch sich um.
«Was ist eine Stunde?«
Der GI winkte mit starrem Gesicht.»Go on. «Er ging bis zur Tür Nr. 6 und stieß sie auf. Rusch folgte ihm langsam, vorsichtig, wie ein sicherndes Wild. Ein neues Verhör, dachte er. Hat Urban wieder eine Lüge verbreitet? Will man mich auf >humane< Art weichmachen zu einem sinnlosen Geständnis? Soviel wurde in den Camps erzählt von erlaubten Methoden, die jeden an den Rand des Wahnsinns bringen. Gehirnwäsche nennen sie es.
Das erste, was Rusch in dem Zimmer sah, war eine ausgespannte Fahne an der Wand. Dann bemerkte er einen Tisch. Er war leer und ein wenig staubig. Was soll das alles, dachte er verblüfft. Er trat in das Zimmer, schnell, um zu zeigen, daß er die Angst überwunden hatte.
Vor ihm schnellte etwas hoch. Es geschah so plötzlich, daß er gar nicht wahrnahm, was es war. Aber einen Schrei hörte er, und er erkannte die Stimme, noch bevor seine Augen die Gestalt der Frau erkannt und er ihre Arme warm und zärtlich um seinen Nacken spürte.
«Lisa«, stammelte er.»Lisa. Ist das denn wahr, Lisa?«
Der junge GI hatte die Tür geschlossen und stand wie ein Pfahl an der Wand. Mit unbewegtem Gesicht sah er zu, wie sich der weiß-haarige Mann und die schöne, schwarzlockige Frau küßten, immer und immer wieder, er beobachtete, wie Rusch sie zurück zum Stuhl führte und die Frau kraftlos darauf niedersank und ihren Kopf in seine Hände legte.
«Du bist gekommen«, sagte Rusch stockend.»Wie schön ist das, wie schön.«
«Wie — wie dünn du geworden bist. «Lisa strich mit den Fingern über seine nackte Brust und tastete über die aus der Haut stechenden Rippen.»Wie geht es dir, Walter? Hast du großen Hunger? Behandelt man dich gut? Du hast doch keinem etwas getan, du hast doch nur allen Menschen geholfen.«
«Darauf kommt es jetzt nicht an, Lisa. «Er setzte sich auf den Tisch und schlug Kragen und Revers der Jacke wieder hoch.»Wieso konntest du hierherkommen?«
«Braddock hat es möglich gemacht.«
«Ich glaube, er ist unser einziger Freund.«
«Er wird dich auch wieder herausholen aus diesem Lager.«
Rusch schüttelte den Kopf.»Ich glaube es nicht mehr, Lisa.«
«Aber du hast doch niemals.«
«Urban hat einen Eid geleistet.«
«Solch ein Lump!«Lisa sprang auf. Ihr Gesicht flammte auf, und sie ballte die Fäuste vor ohnmächtiger Wut.»Und was hast du getan?«
«Was sollte ich tun? Ich habe einen Gegeneid geleistet. Aber man glaubt anscheinend Urban. «Rusch senkte den Kopf.»Sie geben ihm in kleinen Dosen Morphium. Dafür sagt er alles, was gewünscht wird, und beschwört es auch. Natürlich wird sich alles als sinnlos herausstellen — aber wann, Lisa, wann? Es kann noch Monate dauern, bis man alle Listen durchgegangen ist, die sich mit KZ-Ärzten und Euthanasiebeauftragten beschäftigen. Und das ist es ja, was Urban beschworen hat: Ich soll bei einer dieser Euthanasiekommissionen mitgewirkt haben. «Rusch hob beide Arme und ließ sie resigniert wieder herabfallen.»Ich habe keine Gegenbeweise. Ich kann immer nur wiederholen: >Ich bin es wirklich nicht.<«
«Ich bin es nicht?«sagte Lisa atemlos.»Was heißt das?«
Rusch schluckte mehrmals, ehe er weitersprach.»Es gab einen Dr. Rusch bei diesen Kommissionen.«
«Walter!«rief Lisa Mainetti entsetzt.
«Man hat es mir gezeigt. Diagnosen und Empfehlungen, unterschrieben mit Rusch. Ich habe meine Unterschrift als Gegenbeweis gegeben. Man sagt, ich verstelle meine Schrift jetzt. Ich habe zu beweisen versucht, daß dieser Dr. Rusch neun Jahre jünger ist als ich. Man sagt: >Sie haben jetzt gefälschte Papiere. Alle Nazis haben falsche Papiere. Sie sind dieser Rusch. Sie haben Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Gestehen Sie!< Ich habe gerufen: >Dieser Rusch ist doch Psychiater — ich bin Chirurg!< Und man hat mir geantwortet: >Alles Tarnung. Nirgendwo steht, daß dieser Rusch Psychiater ist.< Und Urban, dieses Schwein, beschwört, daß ich dieser Dr. Rusch bin.«
Major Braddock kam ins Zimmer. Er hatte ein grünes amerikanisches Hemd über dem Arm und einen wütenden Ausdruck im Gesicht.
«Diese sturen Gehirne!«schrie er bei offener Tür.»Ich weiß, was man Ihnen vorwirft, Professor. Idioten sind das! Aber sie lassen nicht mit sich reden. Sie wollen für das Geld, das man ihnen zahlt, auch was tun. Also machen sie Mist. Nachher entschuldigen sie sich und werfen Sie auf die Straße. Sie werden sehen, so kommt es! Nur weil es zwei Ruschs gibt, spielen sie verrückt. Dabei stehen Sie auf der Liste jener Personen, denen wir ein Angebot für die USA machen wollen. Ein Freundesangebot! Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser andere Rusch in die Staaten fährt. Es ist zum Kotzen mit der Militärbürokratie!«
Er warf Rusch das olivenfarbene Hemd hin und nickte.»Ist ganz neu. Ziehen Sie es an, Professor!«
«Morgen wird man es mir wieder abnehmen.«
«Ich habe es gekauft.«
«Das weiß aber der Campleutnant nicht!«
«Dann lasse ich Ihnen mit Farbe auf den Rücken schreiben: Dieses Hemd kaufte Major James Braddock!«brüllte der Major.
Zwei junge Offiziere kamen ins Zimmer. Sie trugen einen Stapel Schriftsachen und warfen sie auf den Tisch.
«Okay!«sagte der eine.»Sie können fragen, Miß Doktor.«
Rusch starrte auf die Röntgenplatten, die neben seinen Händen lagen. Er erkannte die Formulare, auf denen man die Krankengeschichten schrieb, und seine Hand tastete langsam nach einem der großen entwickelten Filme.
«Was — was soll das, Lisa?«fragte er vor innerer Erregung.
«Die neuen Krankengeschichten, Walter«, sagte Dr. Mainetti fest.»Ich wollte sie dir zeigen und dich um Rat fragen. Manchmal komme ich nicht mehr weiter. Du fehlst uns überall.«
Major Braddock zog die Luft laut durch die Nase ein. Er sah, wie die Augen Ruschs sich belebten, wie er über die Zeilen der oberen Krankengeschichte las und wie sein Gesicht sich straffte und so etwas wie eine leichte Röte durch die bleiche Haut schimmerte. Wie gut sie ihn kennt, diese Frau, dachte er. Man muß ihn wirklich beneiden, ohne sich dafür zu schämen.
«Noch eine halbe Stunde habt ihr«, sagte Major Braddock.»Ich will sehen, ob ich diese sturen Hunde nicht doch zum Bellen bekomme.«