Dann waren sie wieder allein, nur der stumme Posten stand an der Tür, unbeweglich, mit starrem Gesicht, wie hingemalt. Er störte nicht, er war ein Teil des Zimmers wie das ausgespannte Sternenbanner an der Wand.
Aufmerksam las Rusch die einzelnen Krankengeschichten und hob die Röntgenplatten gegen das Licht, das fahl durch das schmale Fenster drang. Nach der vierten Platte lächelte er leicht vor sich hin. Er erkannte sie wieder, auch wenn die Namen weggewischt und durch neue ersetzt worden waren. Sein bewundertes Gedächtnis hatte nicht gelitten. Dies war der Mann aus Dresden, dachte er, als er eine neue Platte hochhielt. Ich habe ihm ein neues Schläfenbein gemacht. Und das hier ist ein Unteroffizier aus Wuppertal gewesen. Ein schwerer Fall. Neben dem Unterkiefer war der Oberkiefer gespalten, als habe ein Beil ihn durchhackt. Der ganze Nasenraum hatte offen gelegen.
Liebe, liebe Lisa — es ist ein herrlicher, ein das Herz weitender Betrug. Ich danke dir dafür.
«Wann eingeliefert?«fragte er und spielte die Komödie mit.
«Vor neun Wochen. Aus einem anderen Lazarett.«
«Ein schwerer Fall, Lisa.«
«Darum komme ich ja zu dir, Walter. Nur du kannst hier raten, was ich tun soll.«
Er nickte, legte die Röntgenplatte vorsichtig auf den Tisch zu den anderen zurück und küßte Lisa mit einer zitternden, fast vergehenden Innigkeit.
«Du bist alles, was ich jetzt noch habe«, sagte er leise.»Und doch fühle ich mich reicher als je zuvor. Und stärker, Lisa. Viel, viel stärker.«
Erich Schwabe besuchte drei Tage nach seiner Heimkehr Karlheinz Petsch in dessen Kellerwohnung. Petsch hatte sich seit diesem Abend nicht wieder bei den Schwabes sehen lassen. Da der Frost gekommen war, ruhte auch die Bauarbeit an der Schwabe-Wohnung. Petsch verputzte in Köln warme Innenräume gegen Brotmarken, Raucherkarten und Speck. Er fuhr mit einem eingetauschten Fahrrad bis ins Vorgebirge und reparierte die Ställe der von der Kriegswelle überrollten Bauern. Abends kam er mit prallem Rucksack auf dem Gepäckständer zurück und bestellte die Baustofflieferanten zu sich. Es war ein reges und fruchtbares Geschäft.
«Wir sollten uns zusammentun«, sagte Erich Schwabe, nachdem er von Petsch einen Schluck echten französischen Cognac bekommen hatte.»Maurer und Glaser, das paßt zusammen. Ich habe mit Uschi über alles gesprochen. Du hast dich gut benommen, Kumpel. Es wird mal die Zeit kommen, wo ich dir das danken kann.«
«Halt's Maul und sprich nicht solchen Blödsinn. «Karlheinz Petsch scharrte mit den Füßen. Alles wird sie ihm nicht erzählt haben, dachte er. Warum auch? Und es wird sich noch manches ändern in den nächsten Monaten. Bei aller Liebe kann Uschi mit solch einem Gesicht nicht zusammenleben. Es wird genau so kommen, wie ich's gesagt habe. Dafür werden schon die anderen sorgen.
«Wie ist's denn mit Glas?«fragte er.
Schwabe hob die Schultern.»Ich will sehen, ob die alten Lieferanten — «
«Die blasen dir quer durch den Hintern, Kumpel. Ohne Kompensation ist nichts mehr auf der deutschen Welt. Komm her! Hier sind zwei Pfund Speck. Ich pump' sie dir als Anfangskapital. Damit gehste zu deinen Scheichen und winkst ihnen damit unter der Nase. Und sagst: Ich brauche soundsoviel Glas. Oder ich fress' das Zeug allein! Du sollst sehen wie die in die Ecken kriechen und dir das Glas hinhauen. Und übermorgen fährste mit nach Pfeffern. Ein Bauer will da ein Hühnerhaus gebaut haben. Hühnerhaus — hörste die Glocken läuten? Mensch, Erich — das wäre gelacht, wenn wir nicht auf alle vier Beine fallen, was?«
Mit zwei Pfund Speck in der Hand kroch Erich Schwabe wieder aus dem Keller.
Es gibt noch Kameraden, dachte er froh.
Kapitel 16
Ursula hatte die Zeit von Erich Schwabes Besuch bei Karlheinz
Petsch genützt, um mit Erichs Mutter die unmögliche Situation durchzusprechen. In den vergangenen drei Tagen hatten sie keine Gelegenheit dazu gehabt. Erich war immer um sie gewesen. Nach den Monaten der Trennung war es, als wolle er keine Minute mehr verschenken, in der er Ursula oder seine Mutter nicht sah.
Noch in der Nacht seiner Rückkehr hatte Frau Schwabe ihren Sohn mit dem erfreut, was er sich über ein Jahr lang immer als >Heim-kehrmahlzeit< gewünscht hatte. Sie hatte Kartoffeln geschält und gerieben und ihm einige Pfannen voll Reibekuchen gebacken. Dazu gab es Apfelmus, aus den Äpfeln gekocht, die Petsch im Herbst aus dem Vorgebirge mitgebracht hatte.
«Es war vor Weihnachten«, sagte Frau Hedwig Schwabe und schob eine neue Pfanne Reibekuchen auf Erichs Teller,»ich war bei dir in Bernegg, da war ein neuer Angriff auf Köln, und dieser Petsch suchte Schutz hier im Keller. Damals war er noch Feldwebel und auf Urlaub. Tja, und seitdem kennt er uns. Er hat viel für Ursula und mich getan.«
Erich Schwabe nickte und legte den Arm um Uschis schmale Schulter.»Es war gut, daß ihr nicht allein wart«, sagte er glücklich.»Ich will in den nächsten Tagen mit ihm reden und ihm sagen, daß sich nichts geändert hat. Wir werden jetzt das Haus zusammen aufbauen.«
Das war es, was Ursula nun herausschrie, kaum daß Schwabe den Keller verlassen hatte.
«Es geht nicht, Mutter. Es geht einfach nicht. Einmal wird er es erfahren. Karlheinz muß in eine andere Gegend ziehen, es gibt doch soviel Möglichkeiten für ihn.«
«Wir können ihn nicht dazu zwingen.«
«Aber bitten! Anflehen! Erich darf es nie, nie erfahren!«
Frau Hedwig Schwabe sah starr auf ihre verarbeiteten, faltigen Hände, sie wußte, welchen Schock es auslösen würde, wenn die Wahrheit an den Tag käme. Und sie selbst hatte keine Entschuldigung für die Monate, in denen sie die Gegenwart Petschs ertragen hatte. Sie hatte zwar aufgepaßt, und sie wußte, daß zwischen Ursula und ihm nichts mehr gewesen war, nur noch die Erinnerung an das, was aus der Angst des Alleinseins geboren worden war. Aber verstand das ein Mann wie Erich? Als dann Petsch immer wieder kam, trotz viermaligen Hinauswurfs, und als er anfing, die Steine zu klopfen und die Trümmer zu planieren, als die erste neue Mauer stand — da hatte auch Hedwig Schwabe ihren Widerstand aufgegeben. Außerdem hatte sie Hunger, und Petsch brachte jeden Tag etwas in den Keller: Butter, Eier, Schinken, Schmalz, Kartoffeln, Brotmarken, Kuchen, frisches Gemüse, einmal einen Sack mit zehn Köpfen Blumenkohl, Sauerkraut, rote Rüben und einen Sack mit Rohzucker. Und jedesmal hatte Frau Schwabe gesagt:»Nehmen Sie es mit — wir sind nicht käuflich!«Und Petsch hatte ebenso regelmäßig die Dinge einfach im Keller liegen lassen und gewußt, daß Frau Schwabe nach zwei Stunden resignierend die Schultern heben und zu kochen und einzumachen beginnen würde.
Schließlich war es zur Gewohnheit geworden. Petsch sorgte für Ursula und Frau Schwabe wie ein Sohn und Ehemann, er aß mit ihnen, verbrachte seine Freizeit mit ihnen, wanderte sonntags mit ihnen in den Grüngürtel und war bei Schwabes das, was man >zu Haus< nennt.
Der Gedanke, was werden würde, wenn Erich Schwabe zurückkehrte, stand als große Frage vor ihnen in all den Monaten. Aber niemand sprach ihn aus. Nur einmal sagte Petsch zu Ursula:»Ich werde das Kind wie mein eigenes lieben. «Und Ursula hatte geantwortet:»Ich will davon nichts mehr hören. Ich liebe Erich. Nur Erich — damit du's weißt!«
Nun war Erich Schwabe zurückgekommen, ein Mensch ohne Gesicht, dessen Zukunft nur auf Liebe und Vertrauen baute, ein Mann, so voll kindlicher Freude, daß einem bei seinem Anblick das Herz stockte, wenn man darüber nachdachte, was man ihm verschwieg.
«Erich wird mit Karlheinz Freundschaft schließen«, sagte Hedwig Schwabe langsam.»Was gewesen ist — wir sollten es alle vergessen, Uschi. Man kann es nicht ungeschehen machen, aber man kann die Erinnerung daran in sich abtöten.«
«Nicht, wenn ich ihn täglich sehe!«rief Ursula verzweifelt.
Frau Schwabe hob hilflos die Hände.»Was sollen wir denn sonst anderes tun?«
«Wenn ich es ihm sage?«