Выбрать главу

«Nicht jetzt. Vielleicht später. Er ist so glücklich.«

«Wir werden ein Kind haben, Mutter. Um des Kindes willen wird Erich.«

Frau Schwabe senkte den Kopf und schlug beide Hände vor das

Gesicht.»Ich weiß es nicht«, stöhnte sie.»Es ist so furchtbar. Auch ich habe mich falsch benommen. Ich habe ja auch Schuld. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.«

«Es gibt nur eine Möglichkeit: Karlheinz muß wegziehen!«

«Aber er wird nicht gehen.«

«Ich werde ihn zwingen.«

«Wie?«

«Ich werde ihm sagen, daß ich Erich alles beichten werde.«

«Darauf wartet er ja nur.«

«Dann werde ich ihn mit einem Stein erschlagen!«schrie Ursula.»Ich lasse mir mein Glück nicht nehmen. «Und plötzlich weinte sie und lehnte den Kopf an die feuchte Kellerwand.»Was habe ich denn getan?«schluchzte sie.»Es war doch nur aus Verzweiflung. Ich wußte ja gar nicht, was ich tat. Ich wollte nur etwas Wärme haben, das Gefühl, nicht allein zu sein — und du, du bist schuld daran!«

«Ich?«Frau Schwabe sprang auf.

«Ja, du! Warum hast du mich nicht mit nach Bernegg genommen? Kein Vertrauen hattest du zu mir. Allein wolltest du zu Weihnachten mit Erich sein! Egoistisch warst du — nur dich und deinen Sohn hast du gesehen, und ich war ein Nichts in diesem Augenblick. Ein in die Ecke gekehrter Dreck. Ich habe das gefühlt, und ich hatte Angst — vor den Nächten, vor den Tagen, vor der Zukunft und vor euch. Und da ist es geschehen!«

Sie warf sich auf das Bett und vergrub das Gesicht in das Kissen. Hochaufgerichtet, steif, stand Hedwig Schwabe im Keller. Die Anklage Ursulas war ihr geheimes, nun laut gewordenes Schuldbekenntnis. Es gab keine Erwiderung mehr darauf.

«Es ist gut«, sagte Frau Schwabe mit fester Stimme.»Ich werde gehen. Ich werde Platz machen. Eine alte Frau mehr oder weniger — was spielt das für eine Rolle? Aber ihr seid jung, ihr habt das Leben noch vor euch, und das Kind braucht euch, so wie Erich einmal mich gebraucht hat. Ich gehe gleich.«

«Das ist doch Dummheit, Mutter.«

«Nein, nein. Wenn es Erich einmal erfährt — ich nehme die Schuld auf mich. Ich bin eine alte Frau, mir wird man verzeihen. Und wenn nicht — was kümmert's mich? Ich habe das Leben hinter mir. Auf mich kommt es nicht an. Die Hauptsache ist, daß ihr glücklich werdet.«

Frau Schwabe packte ihren Koffer, als Erich von Karlheinz Petsch zurückkam.

«Was ist denn das?«fragte er und sah hinüber zu Ursula, die mit verquollenen, roten Augen kläglich auf dem Bett saß.

«Ich ziehe um«, sagte Frau Schwabe.

«Bist du verrückt?«Erich Schwabe nahm den halb gepackten Koffer und warf ihn zwischen Kleiderspind und Bett.»Was soll der Unsinn? Habt ihr Krach gehabt?«

«Nein. Aber der Keller ist zu klein. «Frau Schwabe drehte ihrem Sohn den Rücken zu.»Und wenn das Kind kommt. Ich kann bei einer Freundin wohnen, ganz in der Nähe. Glaub mir, es ist besser so.«

«Wir reden nicht mehr darüber, Mutter, verstanden?«Erich Schwabe legte sein Paket mit den zwei Pfund Speck auf den Tisch.»Und wegen des Platzes — auch das ist geregelt. Wir werden tauschen.«

«Tauschen?«

«Karlheinz hat sich seinen Keller fabelhaft ausgebaut. Drei Räume hat der Lümmel, fast komfortabel. Er ist bereit, mit uns zu tauschen und in unseren Raum zu ziehen.«

«Unmöglich!«rief Ursula entsetzt.

«Aber warum denn? Ein solches Angebot, Uschi! Karlheinz ist ein wirklicher Freund.«

«Es geht nicht«, sagte Ursula.»Es geht einfach nicht.«

«Nur vorübergehend. Bis wir oben unsere Wohnung stehen haben. Im Frühjahr ziehen wir alles hoch. Und für Petsch bauen wir eine Wohnung mit. Ehrensache!«

Frau Schwabe hob beide Arme.»Es muß wohl so sein«, sagte sie starr.»Es ist ein Teufelskreis.«

«Wieso ein Teufelskreis?«fragte Erich Schwabe verblüfft.

«Ich kann diesen Petsch nicht sehen!«schrie Ursula grell.»Ich ekle mich vor ihm!«»Aber er ist doch ein fabelhafter Kamerad«, sagte Erich hilflos.»Schon morgen könnten wir umziehen. Wer macht uns heute schon noch so ein Angebot?«

«Laß uns hier wohnen bleiben«, flehte Ursula.»Der Keller ist groß genug. Auch wenn das Kind kommt.«

«Ich verstehe euch nicht!«Erich Schwabe zog seine Jacke aus und warf ein paar Kohlen in den blubbernden Eisenofen.»Karlheinz' Keller ist wärmer, er hat ihn sogar mit Platten isoliert. Und Mutter kann einen eigenen Raum haben. Und sogar heißes Wasser hat er. Irgendwo hat er einen elektrischen Boiler ausgebaut und sich damit eine Duschanlage gebaut. Das alles stellt er uns zur Verfügung. Und da soll ich nein sagen? Ursula kann das Kind baden, und das Kleine liegt dann wenigstens an keiner feuchten Kellerwand.«

«So ist es!«sagte Frau Schwabe laut. Sie winkte energisch ab, als Ursula etwas dazwischen rufen wollte.»Ganz gleich, was ist — wir ziehen morgen um! Es wird alles so kommen, wie es kommen muß.«

«Warum hilfst du mir nicht, Mutter?«schrie Ursula.

Ratlos starrte Erich Schwabe zwischen den beiden Frauen hin und her. Er verstand nichts und begriff nicht die glühende Erregung, die in Uschi brannte. Frau Schwabe schüttelte wild den Kopf.

«Können wir etwas ändern?«rief sie hart.»Es geht alles seinen Lauf aber wir haben drei warme, ausgebaute Räume.«

«Und sogar einen Kachelofen.«

«Na also. Morgen ziehen wir um!«

In der Nacht lag Ursula schlaflos neben ihrem Mann und starrte gegen die dunkle Kellerdecke. Angst lag wie lähmender Frost in ihrem Körper. Sie wußte, daß man heute eine langsam glimmende Zündschnur angesteckt hatte.

Bis kurz vor Weihnachten hatte sich die Stube B/14 wieder zusammengefunden. Zwar nur mit Kartengrüßen, aber über alle Entfernungen hinweg waren die Brücken geschlagen worden. Nur von Walter Hertz war keine Nachricht gekommen.»Det is klar«, schrieb der

Berliner aus dem Harz, wo er seine Mutter gesund wiedergefunden hatte.»Der futtert im siebten Himmel. Alleene mit det Mä'chen — habt Verständnis, Jungs!«

Kaspar Bloch und Fritz Adam hatten schon Verbindung mit den Universitäten aufgenommen. Sie konnten sofort studieren. Christian Oster schrieb eine kurze Karte:»Mir geht es gut. Das Wetter ist schrecklich. Wie geht es euch? Gruß Christian. «Weiter nichts, eine nichtssagende, dumme Nachricht, mit der niemand etwas anzufangen wußte. Am ausführlichsten, aber auch am unleserlichsten schrieb der Wastl Feininger. Mit Negern war nix, berichtete er. Die Resi war treu geblieben, was ihn sehr verwunderte, denn früher — Sakrament, da stand's Kammerfensterl bei der Resi immer offen. Im übrigen aber hatte die Sau geferkelt, das letzte, übriggebliebene Schwein, und man habe von dem Wurf nur sechs angegeben, aber neun waren's. Also würde es bald ein Spanferkelchen geben, heimlich im Stall gebraten, und wer kommen wolle, der solle nur anrücken. Beim Wastl brauchte keiner zu hungern, keiner aus Bernegg.

Auch an Dr. Lisa Mainetti hatten sie geschrieben. Als habe man es abgesprochen, kamen die Grüße und Weihnachtswünsche fast gleichzeitig auf Schloß Bernegg an. Der Wastl schickte sogar ein Päckchen mit zwei Würsten und einem tellergroßen Handkäse. Aber auch hier fehlte eine Nachricht von Walter Hertz. Lisa hatte alle Briefe und Karten sortiert und war sehr nachdenklich geworden. Sie glaubte nicht an alles in Vergessenheit tauchende Flitterwochen, sie empfand ein ungutes Gefühl, wenn sie an Walter Hertz dachte, an diesen großen Jungen mit der so zarten, zerbrechlichen Seele, den niederdrückenden Komplexen und der Angst vor der Zukunft, die vor ihm wie eine unerforschte Wüste lag.

Am Heiligen Abend kam James Braddock hinauf nach Schloß Bernegg. Er hatte die Offiziersmesse verlassen und war mit dem Jeep allein losgebraust, in einer halsbrecherischen Fahrt den glatten Bergweg hinauf. Er platzte in die einfache Weihnachtsfeier des Lazaretts hinein. Die Patienten saßen um einen geschmückten Baum und packten die Geschenkpakete aus, der Pfarrer von Bernegg hatte eine Andacht gehalten, und nun bimmelte die kleine Glocke auf der Schloßkapelle hinaus in die Heilige Nacht, eine winzige, helle Stimme, die hinunter bis in die kleine Stadt flog. Ein anderer Glöckner zog nun an dem alten Seil, der Mann mit dem halben Gesicht war auch entlassen worden und lebte irgendwo in Hessen.