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«Merry Christmas!«rief Major Braddock, als er Lisa Mainetti ein kunstvoll verschnürtes Päckchen überreichte. Es war mit Stanniolbändern umwickelt und mit einer großen, dicken Schleife verziert.

Sie saßen in einer Ecke des großen Gemeinschaftsraums, vier Verwundete schöpften aus großen amerikanischen Thermoskesseln ein Festessen aus — eine dickflüssige, rosa Rosinensuppe. Dazu gab es Kekse und eine Fruchtstange. Im Nebenraum wartete eine andere Überraschung, die man erst nach dem Auftragen des aus Preßtee hergestellten Tees verraten wollte: zehn Marzipantorten, die von der amerikanischen Unteroffiziersmesse aus Bernegg heraufgeschafft worden waren.

«Ich habe auch ein Geschenk für Sie, Miß Doktor«, sagte Major Braddock etwas stockend.

«Ich pack' es gleich aus.«

Braddock hielt Lisas Hand fest, die das Päckchen aufschnüren wollte.»Nicht das Paket, das ist unwichtig. Ich habe eine Nachricht für Sie, die Sie erfreuen wird: Ich werde in Kürze versetzt werden.«

Aus Dr. Mainettis Hand fiel das Päckchen auf den Tisch zurück.»Das — das nennen Sie eine Bescherung, Major?«

«Ich dachte, es würde Sie freuen, mich nicht mehr zu sehen.«

«Sie wissen genau, wie ich — wie sehr ich. «Dr. Mainetti schwieg. Braddock nickte wehmütig.

«Unsere herrliche Haßliebe, Miß Doktor. Was wird nun aus ihr? Ich gehe zurück in die Staaten. Dort habe ich eine nette kleine Farm, auf der ich mein Leben beenden werde. Mammi wartet schon auf mich, und sie wird mir jeden Morgen eine Pfanne voll Spiegeleier mit Speck braten, dazu Toast und Tomatensaft, eisgekühlt, eine Kanne Nescafe und hinterher eine lange Virginia. Und dann werde ich tagsüber über die Weiden reiten oder in den Ställen herumlungern, allen im Wege sein, und abends kommen die Nachbarn, die Bums und Welles, die Smiths und Fairwells, und wir spielen Bridge bis zum Umfallen, und ich erzähle von den Tagen in Old Germany. Ist das nicht ein herrliches, beschauliches Leben? Es ist die Sehnsucht von Millionen, die es nicht kennen: ein Häuschen, ein Frauchen, ein paar Enkelchen und viel, viel Zeit. Und meinen Whisky muß ich heimlich in einer Stallecke trinken. Die Flasche verstecke ich immer in der Futtertruhe unter den geschnitzelten Rüben.«

Dr. Mainetti lachte auf.»Das sollte man sich ansehen: Der starke Major Braddock schleicht sich heimlich in den Stall und trinkt zitternd seinen Whisky an der Schweinetruhe.«

«So hat jeder vom Leben seinen Teil mitbekommen. «James Brad-dock legte die Hand auf Lisas Arm. Es waren kalte, harte Finger.»Ich muß Ihnen etwas sagen, Miß Doktor.«

«So ernst, Major?«

«Man sollte Sinnlosigkeiten immer ernst nehmen, dann geschähe weniger Unglück auf der Welt. Vor allem ist es gut, wenn man rechtzeitig erkennt, daß es Sinnlosigkeiten sind.«

«Und Sie haben da etwas erkannt?«

Es sollte spöttisch klingen, aber Braddock spürte in diesen Worten dennoch so etwas wie Mitgefühl. Er nickte mehrmals.

«Eben weil es Sinnlosigkeiten sind, kann ich es Ihnen jetzt unbefangen sagen: Ich habe mich in Sie verliebt, Lisa.«

«Ich weiß es, Major«, sagte Dr. Mainetti schlicht.

«Sie haben es gewußt?«

«Man sollte es nicht glauben — aber ich bin eine Frau! Unausgesprochene Wünsche spüren wir, als seien sie laut gesagt. Ich habe Sie immer bewundert, Major, wie tapfer Sie alles hinunterschluckten, was Ihnen schon in der Kehle steckte.«

«Ich habe im stillen Professor Rusch immer schon gehaßt. Ihretwegen, Lisa.«

«Aber Sie waren klug genug, zu erkennen, daß Sie gegen Rusch nicht ankommen konnten.«

«Ich habe mich gezwungen, das zu ertragen. Zum letztenmal war es, als wir im Lager Darmstadt waren. Nicht Ihretwegen oder Ruschs wegen waren wir dort. Ich wollte mich von dem Wahn heilen, Sie jemals zu besitzen. «Braddock sah auf seine Hände.»Es war eine gute Therapie«, sagte er leise.»Ein radikaler chirurgischer Schnitt. Nun, da ich bald zurück in die Staaten fahre, kann ich Ihnen das alles sagen, ohne rot oder verlegen zu werden wie ein verliebter Schüler.«

Sie schwiegen und dachten beide an die Wochen und Monate, die hinter ihnen lagen. Das Erleben eines ganzen Menschenalters war in diese Monate zusammengepreßt worden, sie würden sie nie vergessen können.

«Haben Sie etwas Neues von Rusch erfahren?«fragte Dr. Mainetti in die Stille hinein. Braddocks Kopf zuckte hoch. Aus seinen Gedanken gerissen, starrte er Lisa verwirrt an.

«Von Rusch? Nein, nein — nichts!«

«Er hat nicht zu Weihnachten geschrieben.«

«Vielleicht kommt die Post zwischen Weihnachten und Neujahr.«

Er hielt wieder Lisas Hand fest, als sie erneut zu dem Päckchen griff und die Stanniolbänder lösen wollte.

«Bitte erst, wenn ich wieder fort bin«, sagte Braddock hart.

«So geheimnisvoll?«Sie wog das Päckchen in der Hand.»Es ist leicht. Darf ich raten?«

«Bitte.«

«Seife, Nylonstrümpfe, Wäsche?«

«Nein.«

«Eine Dose Pralinen oder Kekse?«

«Nein.«

«Kaffee oder Tee?«

«Nein.«

«Ich gebe es auf. «Lisa legte das Päckchen auf den Tisch zurück.»Alles andere ist schwerer.«

«Für mich ist der Inhalt schwer genug. Zu schwer.«

«Für Sie?«Dr. Mainetti betrachtete das Päckchen mit vorgeneigtem Kopf.»Ich platze vor Spannung, Major!«

Nach dem Essen und dem Tee mit den Marzipantorten fuhr Brad-dock wieder hinab nach Bernegg. Lisa Mainetti trug das geheimnisvolle Päckchen auf ihr Zimmer und wickelte sorgfältig das Papier ab. Vielleicht war es etwas Zerbrechliches; bei Major Braddock waren Überraschungen nie ausgeschlossen.

Ein länglicher Pappkarton kam zum Vorschein. Als Lisa den Deckel abhob, sah sie nichts als einen dünnen Brief auf einem Bett aus eng zusammengedrückten Tannenzweigen liegen. Verwundert hob sie das Kuvert an das Licht der Tischlampe und las zuerst die Anschrift:»James Braddock, Major.«

Lisa zögerte, ehe sie mit dem kleinen Finger in den engen Schlitz der Kuvertklappe fuhr und den Umschlag langsam aufriß. Sie sah, daß das Kuvert schon einmal geöffnet worden war und daß man es nachher kunstvoll mit Klebstoff wieder verschlossen hatte.

Ein einziger Bogen Papier lag in dem Umschlag. Ein Privatbrief, den sie daran erkannte, daß kein gedruckter Briefkopf vorhanden war.»Dear Sir«, begann die Anrede. Tatsächlich ein Brief an Braddock.

Dr. Mainetti rückte die Lampe näher und begann, das Schreiben zu übersetzen. Es lautete:

«Auf Ihre Anfrage teilen wir Ihnen mit, daß in Zusammenhang zwischen den militärischen und zivilen Ermittlungsbehörden, dem CIC und der deutschen Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Prof. Walter Rusch, z. Z. im Lager Darmstadt, abgeschlossen worden sind.

Die Verdachtsmomente haben sich als unbegründet erwiesen. Prof. Rusch wird an einem noch zu bestimmenden Tag nach dem 1. Januar aus Darmstadt entlassen werden.

Wir hoffen, Ihnen hiermit.«

Weiter las Lisa nicht. Der Brief flatterte aus ihren Händen. Mit dem Ellenbogen stieß sie die Lampe vom Tisch, sie zerschellte auf den Dielen, und völlige Dunkelheit hüllte Lisa Mainetti ein.

«Braddock«, stammelte sie.»James Braddock — das werde ich dir nie, nie vergessen.«

Sie rannte zum Telefon und rief die Kommandantur in Bernegg an. Ein Sergeant war am Apparat.»No, Major Braddock ist fort. No, nicht weiß, wohin. Fort mit Jeep«, sagte er.

Lisa Mainetti ließ den Hörer zurückfallen. Dann saß sie in der Dunkelheit am Fenster und sah hinaus in den verschneiten Schloßpark. Unten, im Gemeinschaftssaal, sangen die Verwundeten Weihnachtslieder. Von den Hügeln um Bernegg wehte der Wind einen Nebel von Pulverschnee ins Tal und über die weiten Wälder.