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«An einem Tag nach dem 1. Januar«, sagte Lisa leise und legte die heiße Stirn an die eisige Fensterscheibe.»Ich werde dasein, Walter.«

Am Neujahrsmorgen fuhr sie nach Darmstadt. Braddock hatte ihr 14 Tage Urlaub gegeben und einen amerikanischen Arzt aus dem Hauptlazarett in Würzburg als Vertreter während ihrer Abwesenheit geschickt.

Am Nachmittag stand sie vor dem Lagerausgang, im tiefen Schnee seitlich der von Bulldozern freigeschaufelten Straße, und wartete. In der Kommandantur, wo sie den Brief von Braddock vorzeigte, zuckte man die Schultern.

«Kommt vom CIC, Miß«, sagte ein junger Leutnant, an den sie verwiesen wurde.

«Und wann wird er entlassen?«

«Ganz unbestimmt. Morgen, übermorgen, jeden Tag werden welche entlassen.«

«Und wann werden sie entlassen?«

«Meistens morgens.«

«Dann werde ich warten.«

Der Leutnant zog die Schultern hoch und grüßte lässig, als Dr. Mai-netti das Zimmer verließ.

Vier Tage lang stand Lisa jeden Morgen vor dem Lagerausgang. Die ausrückenden Arbeitskolonnen grüßten sie schon wie eine alte Bekannte, und die Posten riefen:»Hello! How do you do?«Sie stand an der Straßenseite im Schnee, in hohen Stiefeln und mit hochgeschlagenem Mantelkragen, und sie lief den dunklen Kolonnen entgegen, die als Freigelassene die doppelten Wachketten passierten und dann auf der Straße standen, in der Freiheit, etwas unsicher und fast verwundert, daß kein GI mehr rief» Go on!«und kein Plakatanschlag mehr verkündete: >Es ist bei Strafe verboten, Regenwürmer zu essen.<

Am fünften Tag schritt Professor Rusch durch die Posten, zeigte seinen Entlassungsschein und machte einen großen Schritt aus dem Bereich des Stacheldrahtes hinaus auf die schlammige, von dicken Rädern zermahlene Straße.

Mit einem lauten Aufschrei rannte ihm Lisa Mainetti mit weit ausgebreiteten Armen entgegen.

Christian Oster hatte sich zu Hause wieder eingelebt. Alles war so wie früher, sogar der Brandfleck an der Tapete hinter dem Bett war noch da. Dort hatte er einmal fast ein Feuer entfacht; mit einer Zigarette in der Hand war er eingeschlafen, und die Tapete hatte zu schwelen begonnen.

Auch Susanne Oster gab sich Mühe, in dem fremden Gesicht Christian zu erkennen. Zitternd war sie nach der Ankunft und nach dem zusammengesparten Abendessen zu Bett gegangen. Wie vor einem Fremden hatte sie sich nebenan ausgezogen und war schnell unter die Steppdecke geschlüpft, bevor Christian Oster von seinem Rundgang durch das Haus zurück ins Schlafzimmer kam. Diesen Rundgang hatte er immer gemacht, um zu kontrollieren, ob auch alle Türen geschlossen waren — die Haustür, die Terrassentür, die Kellertür, die Waschküchentür, die Tür von der Küche zum Gemüsegarten und die Tür zur Garage. Erst am Abend merkt man, wieviel Türen ein Haus hat.

Susannes Angst war umsonst. Ihr Mann mit dem fremden Gesicht duschte sich und legte sich dann hin. Er tastete mit der Hand nach ihr, drückte ihren Oberarm, streichelte über ihr Haar und sagte leise, stockend:»Gute Nacht, Susi.«

Dann machte er das Licht aus und tat so, als ob er einschliefe.

In Wahrheit lagen sie beide wach und lauschten auf den Atem des anderen. Sie rührten sich nicht, und jeder wartete, daß der andere sich regte, daß er ein Wort sagte, nur einen Seufzer, der eine Brücke zwischen ihren Seelen sein konnte. Aber sie schwiegen und starr-ten gegen die Wände und schliefen endlich so ein, in der Hoffnung, daß ein neuer Tag vielleicht alles noch klären würde.

Am nächsten Tag kamen die Nachbarn und die Freunde. Sie brachten zur Begrüßung Geschenke mit, die meisten etwas Eßbares, das man für andere Dinge eingetauscht hatte. Und in allen Augen sah Christian Oster ein Erschrecken, eine völlige Ungläubigkeit, eine Ratlosigkeit, die sich erst legte, wenn er sprach und man erkannte, daß es wirklich Christian Oster war.

«Alle Achtung vor der Kunst der Ärzte!«sagte Onkel Ferdinand und trank von dem Wein, den er mitgebracht hatte.»Wenn einem sein Gesicht nicht gefällt — schwupp —, bekommt man ein anderes. Wißt ihr übrigens, daß mit diesem Trick der Bormann entkommen sein soll? Ein anderes Gesicht — und weg ist er, ehe man es merkt.«

Man unterhielt sich nicht weiter darüber. Onkel Ferdinand war immer ein ungehobelter Klotz gewesen. Er ging schnell, nachdem er den mitgebrachten Wein selbst ausgetrunken hatte.

Kurz nach Neujahr fuhr Christian Oster mit seinem alten Fahrrad in die Stadt, um sich bei seiner alten Firma vorzustellen. Die Personalabteilung hatte ihm nach Bernegg geschrieben, daß es selbstverständlich sei, ihn wieder einzustellen. Er möge nach seiner Entlassung aus dem Lazarett vorsprechen.

Das Werk war kaum zerstört worden, aber statt Schlafzimmer und schwerer Renaissanceschreibtische wurden einfache Türen und spindähnliche Schränke hergestellt, und in der großen Furnierhalle, wo früher die besten ausländischen Hölzer verarbeitet wurden, hatte sich eine Autowerkstatt der US Army eingerichtet.

Herr Berger, der Möbelfabrikant, ließ es sich nicht nehmen, den Heimkehrer Christian Oster selbst zu begrüßen. Emanuel Berger hatte Glück gehabt. Er war nur zahlendes Parteimitglied gewesen, und daß man ihm eine Plakette >NS-Musterbetrieb< an die Tür gehängt hatte, war nur eine Laune der Arbeitsfront gewesen, sagte er. Man wollte eben nach Berlin große Prozentzahlen melden. Darum die Plakette an einem Betrieb, der schon immer >dagegen< war. Beweis: Statt Luftschutzbetten hatte die Firma Berger Küchenstühle hergestellt. Wenn das kein Beweis von Pazifismus war.

Auf jeden Fall — Emanuel Berger hatte seinen Betrieb behalten dürfen, war in kein Nazilager gekommen und hatte sogar neue große Aufträge für den Wiederaufbau erhalten. Auch von amerikanischer Seite. Möbel für Kasernen und Baracken.

Herr Berger sah mißbilligend auf den Mann, der in sein Büro kam.»Wo kommen Sie denn her?«fragte er ziemlich grob.»Ich erwarte Besuch. Wer hat Sie denn 'reingelassen?«

«Ich bin der Besuch«, sagte Christian Oster.

«Wer sind Sie?«bellte Berger.

«Christian Oster.«

Berger sprang um seinen Schreibtisch herum. Er war rot vor Erregung und spreizte beim Sprechen die Finger wie ein springender Frosch.

«Hören Sie mal, Herrn Oster kenne ich seit Jahren! Er war Leiter meines Lohnbüros! Und wenn Sie nicht.«

«Aber ich bin doch Christian Oster, Herr Berger. «Er schluckte mehrmals, sein Hals schnürte sich wieder zu.»Meine Augen, meine Haare — die sind geblieben. Das andere liegt in Rußland. Ich war doch gesichtsverletzt. Ich habe ein anderes Gesicht bekommen.«

Herr Berger fuhr sich mit der rechten Hand über die Augen und blinzelte erschrocken.»Das — das ist doch nicht möglich.«

«Leider ja. Man kann es nicht mehr ändern.«

«Und was — was sagt Ihre Frau dazu?«

«Sie wird sich damit abfinden. Ich bin doch kein anderer Mensch geworden. Ich bin doch immer noch der Christian Oster. Nur anders sehe ich aus.«

«Eben. Eben! Das ist verwirrend. Verdammt — ich muß einen Cognac trinken! Trinken Sie einen mit, Herr — Herr Oster?«

«Schönen Dank, Herr Berger.«

Nach zwei Stunden fuhr Oster mit seinem alten Rad wieder nach Hause. Er hatte seine Stelle wieder. Er war wieder Leiter des Lohnbüros. Der bisherige Leiter wurde zum Chef des Einkaufs befördert. Schon am nächsten Tag konnte er anfangen. Sein Schreibtisch stand aufgeräumt und kahl zu seiner Verfügung. Der gleiche Tisch wie vor seiner Einberufung zur Wehrmacht. Er erkannte ihn an einem Tintenfleck auf der Platte. Damals war ihm der Füllfederhalter ausgelaufen.

Herr Emanuel Berger stand am Fenster seines Büros, als Christian Oster wieder abfuhr.»So was«, sagte Berger und biß die Spitze einer langen Zigarre ab.»Nee, so was! Ein ganz anderes Gesicht. Wenn das mal gut geht!«

Jeden dritten Tag ging Erich Schwabe in das große Kölner Krankenhaus >Lindenburg< zum Verbinden. Aber selbst in dieser Stadt der Kranken fiel er auf. Man zeigte es ihm nicht, aber er merkte es daran, daß bei jedem Verbandswechsel andere Ärzte zugegen waren, oftmals würdige Herren, die mit Herr Professor angeredet wurden und die stumm sein Gesicht abtasteten, die neueingesetzte Nase und die von Lisa Mainetti mit großer Geduld neugeformten Lippen. Zwar waren sie noch in der Rohform, aber man erkannte als Fachmann, wie es einmal werden würde.