In der >Lindenburg< waren es vor allem zwei französische Ärzte, die Schwabe betreuten. Sie waren als Kriegsgefangene in das Krankenhaus gekommen und nach der Kapitulation in Köln geblieben, weil sie sich eingearbeitet hatten und sich wohl fühlten. Sie weichten wie der Famulus Baumann in Bernegg mit größter Sorgfalt die Verbände durch, ehe sie sie ablösten, reinigten die noch nässenden wunden Stellen und verklebten dann wieder das ganze Gesicht mit breiten, rosa Hansaplaststreifen.
Drei Tage vor Weihnachten waren die Schwabes in Karlheinz Petschs Luxuskeller umgezogen. Um allen etwaigen Komplikationen aus dem Wege zu gehen, hatte Petsch dann die Einladung zum Weihnachtsfest und zu Silvester ausgeschlagen und war angeblich zu einem Vetter nach Düsseldorf gefahren. In Wahrheit saß er bei einem Bauern in Knapsack herum, trank selbstgebrauten Knollenschnaps, baute ein Dachgeschoß des alten Hauses aus und vergnügte sich mit einer Nichte des Bauern, die aus Krefeld gekommen war, um den Onkel um einen Neujahrsbraten zu bitten.
Nach den Feiertagen kam er schwer beladen zurück, und dann klapperten sie die Baustoffhändler und Glaslieferanten ab und feilschten um Material gegen Butter und Schinken, Zigaretten und amerikanische Stangenschokolade.
«Warum tust du das alles, Karlheinz?«fragte Schwabe einmal, als sie im Vorgebirge bei einem Bauern ein Gewächshaus bauten und in der Mittagspause Sauerkraut mit einem dicken Eisbein bekamen.
«Deine Frau hat mich einmal in großer Not nicht verlassen.«
«Das war doch selbstverständlich.«
«Na ja. Und ebenso selbstverständlich ist das, was ich mache. Wenn wir jetzt nicht zusammenhalten, Kumpel, eisern wie ein Büstenhalter, rutschen wir ab!«
Sie lachten, und es war alles gut. Unter Männern sind seelische Probleme schnell gelöst und geklärt. Erich Schwabe hob sich ein halbes Eisbein auf und wickelte es in Papier. Petsch zog die Augenbrauen hoch.
«Was gibt denn das?«
«Für Uschi. Sie ißt so gern Eisbein.«
«Quatsch! Iß es selbst, Erich. Für Uschi holen wir uns noch zwei Stück vom Bauern. Oder ich streu' ihm Salz in 'n Beton. Dann bricht dem die ganze Chose in zwei Jahren zusammen und keiner weiß, woher das kommt.«
Abends saßen sie oft zusammen in Schwabes neuer Wohnung und tranken den Habra, wie im Volksmund der >Hausbrand< hieß, der heimlich in den Kellern gebrannte Schnaps aus Kornmaische oder Kartoffeln. Geniale Konstruktionen aus alten Milchkannen und Einkochkesseln bruzzelten in Hunderten von Kellern auf rostigen Küchenherden, und vom Opa bis zum Enkel hockte des Nachts alles um das Brenngerät, filterte den Schnaps durch Tierkohle, verschnitt ihn auf 38 Prozent mit abgekochtem Wasser und füllte ihn in Weinflaschen ab. Fast ständig lag über den Trümmern ein leichter Schnapsgeruch. Niemand kümmerte sich mehr darum, selbst nicht die Polizei, die nur ab und zu eine Schwarzbrennerei aushob, um der Gesetzespflicht zu genügen.
Auch Karlheinz Petsch brannte schwarz. Er hatte Kupferrohre besorgt und lange Kühlschlangen daraus gebogen. Er brannte den Alkohol zweimal, ehe er ihn filterte.»So rein ist kein staatlich überwachter Sprit«, sagte er stolz, als er die ersten Flaschen zu Schwabes brachte.»Übermorgen kriege ich drei Zentner Korn. Das setzen wir alles an. Und dann wird gebrannt wie in den Wodkafabriken.«
«Und wo sollen wir hin mit den hundert Flaschen?«fragte Erich Schwabe.
«Auch dafür hat Holzauge gesorgt!«Karlheinz Petsch lachte und schlug Schwabe auf die Schulter.»Für dreihundert Pullen Habra kann ich ein Auto bekommen, einen alten Opel P4. Aber der Karren läuft noch wie eine Jungfrau zum Rendezvous. Mensch, Erich — einen eigenen Wagen! Was das bedeutet! Schneller Material herbei, weitere Kundenkreise, kleine Spritztouren nach Bayern — wir werden die Firma Schwabe und Petsch schon schaukeln, was?«
Eine Woche lang brannten Erich Schwabe und Karlheinz Petsch in einem leerstehenden Keller von Schwabes Haus dreihundertneununddreißig Weinflaschen voll Kornschnaps. Als sie aus dem Keller krochen, rochen sie nach Schnaps, als hätten sie darin gebadet.»Unser Auto steht«, sagte Erich Schwabe.»Wohin geht die erste Tour?«
«Wohin unsere Uschi will!«schrie Petsch.
Ursula wandte sich wortlos ab und ging in den Nebenraum zu Hedwig Schwabe. Erich hob die Schultern.
«Trotz allem, Karlheinz — bist eben nicht ihr Typ.«
Petsch putzte sich geräuschvoll die Nase. Verdammt, dachte er. Er ist ein so feiner Kumpel. Es wäre schade, wenn das in die Brüche ginge — wegen damals. Aber ich komme von Uschi, diesem blonden Biest, nicht los. Was kann ich dafür.
Am Sonntag fuhren sie alle mit dem ratternden und hüpfenden P4 in den Königsforst. Die Straßen waren noch verschneit, und der Wald sah mit seinen verharschten Schneehauben aus wie in einem Märchenbuch.
In einem Thermoskessel, den Petsch von einer amerikanischen Küche auf unerklärte Weise erhalten hatte, nahm man eine Suppe mit, die eine Spezialanfertigung Frau Hedwig Schwabes war. Es hatte vor einigen Tagen eine Sonderzuteilung von frisch geräucherten Bücklingen — auf zwei Abschnitte der Eierkarte — gegeben. Der fleischige Teil der Fische war bald aufgegessen, aber Frau Schwabe tat es weh, die goldglänzenden Bücklingshäute wegzuwerfen.»Kinder, dieses ungenutzte Fett«, sagte sie sinnend.»Damit muß man doch etwas machen können. «Und sie versuchte es: Sie kochte die Bücklingshäute aus, seihte sie durch ein grobes Tuch und erhielt eine wunderbare, fettglänzende Brühe, die nach Rauch schmeckte, als sei sie aus geräuchertem Speck entstanden. Dahinein kochte sie Graupen, mit viel getrocknetem Porree, den sie im Sommer zwischen den Trümmern des Hauses angepflanzt hatte. Es schmeckte köstlich.
«Unser Mütterchen ist ein Genie«, sagte Karlheinz Petsch ehrlich.»Aus nichts macht sie ein komplettes Essen. Wie oft merke ich jetzt, daß mir meine Mutter fehlt.«
Es klang ein wenig sentimental, und niemand achtete darauf, daß Ursula in stummem Zorn die Lippen zusammenpreßte und die Fäuste ballte.
Der Ausflug mit dem neuen Wagen endete mit einem kurzen Wortwechsel zwischen Uschi und Petsch. Erich Schwabe und seine Mutter waren schon in die Wohnung hinabgestiegen, Ursula blieb zurück, um das Gepäck mit Petsch aus dem Wagen zu holen. Sie faßte den Thermoskessel, aber von der anderen Seite hielt ihn Petsch fest.
«Willst du bei ihm bleiben, wenn das Kind da ist?«fragte er leise. Ursula riß ihm den Kessel aus den Fingern.
«Ja«, zischte sie.
«Er wird nie ein anderes Gesicht haben. Du kannst doch nicht ewig.«
«Ich liebe ihn.«
«Aber nur, wenn du die Augen zumachst. Wenn du ihn dabei ansehen mußt.«
«Wenn du mich nicht in Ruhe läßt, sage ich Erich alles!«»Darauf warte ich ja nur.«
«Du erbärmlicher Lump du!«Ursula drückte den Kessel an ihre Brust.»Du wirst mich nie, nie wieder kriegen — und wenn du Millionär wirst. Mich kannst du nicht kaufen!«
«Abwarten!«Karlheinz Petsch setzte sich hinter das Steuer.»Steter Tropfen höhlt den Stein. Oder abgewandelt: Steter Anblick tötet die Moral.«
Ursula duckte sich unter seinen Worten wie unter einem heftigen Schlag. Dann hob sie beide Arme und schleuderte Petsch den Ther-moskessel an den Kopf. Er duckte sich zu spät und die metallene Kante schlug gegen seine Stirn. Die Haut platzte, und Blut rann ihm über die Augen und in den stumm aufgerissenen Mund.
«Ich bring' dich um«, keuchte Ursula.»Bei Gott, ich bring' dich um.«