»Ich freue mich auf diesen Gang,« fügte Knecht hinzu, »und will Sie auch gleich um einen Gefallen bitten. Ich habe beim Betrachten Ihrer Pflanzensammlung sehen können, daß Sie von den Bergpflanzen weit mehr wissen als ich. Es ist ja unter andrem der Zweck unsres Zusammenlebens, daß wir unsere Kenntnisse austauschen und einander angleichen; beginnen wir damit, daß Sie mein geringes botanisches Wissen überprüfen und mir auf diesem Gebiet etwas vorwärtshelfen.«
Als sie einander gute Nacht gewünscht hatten, war Tito sehr zufrieden und faßte gute Vorsätze. Wieder hatte dieser Magister Knecht ihm sehr gefallen. Ohne daß er hohe Worte brauchte und von Wissenschaft, Tugend, Geistesadel und dergleichen sprach, wie es die Schulprofessoren gern taten, hatte dieser heitere, freundliche Mann etwas in seinem Wesen und in seiner Rede, was verpflichtete und die edlen, guten, ritterlichen, die höheren Strebungen und Kräfte anrief. Es konnte ein Vergnügen, ja ein Verdienst sein, einen beliebigen Schulmeister zu hintergehen und zu überlisten, aber vor diesem Manne konnte man auf solche Gedanken gar nicht kommen. Er war – ja, was und wie war er denn? Tito sann darüber nach, was es denn sei, das ihm an dem Fremden so gefalle und zugleich imponiere, und fand, daß es dessen Adel, seine Vornehmheit, sein Herrentum sei. Dies war es, was ihn vor allem anzog. Dieser Herr Knecht war vornehm, er war ein Herr, ein Edelmann, obwohl niemand seine Familie kannte und sein Vater möglicherweise ein Schuster gewesen war. Er war edler und vornehmer als die meisten Männer, welche Tito kannte, vornehmer auch als sein Vater. Der Jüngling, der die patrizischen Instinkte und Traditionen seines Hauses hochschätzte und es seinem Vater nicht verzieh, daß er von ihnen abgewichen war, begegnete hier zum erstenmal dem geistigen, dem erzogenen Adel, jener Macht, welche unter glücklichen Bedingungen gelegentlich das Wunder wirken kann, unter Überspringung einer langen Ahnen- und Generationenfolge innerhalb eines einzigen Menschenlebens aus einem Plebejerkind einen Hochadligen zu machen. Es regte sich in dem feurigen und stolzen Jüngling die Ahnung, daß dieser Art von Adel anzugehören und zu dienen ihm vielleicht zur Pflicht und Ehre werden könnte, daß vielleicht hier, erschienen und verkörpert in der Gestalt dieses Lehrers, der bei aller Sanftheit und Freundlichkeit doch durch und durch ein Herr war, sich ihm der Sinn seines Lebens nähere und ihm Ziele zu setzen bestimmt sei.
Knecht legte sich, nachdem er in sein Zimmer begleitet worden war, nicht sogleich nieder, obwohl ihn sehr danach verlangte. Der Abend hatte ihm Mühe gemacht, es war ihm schwergefallen und lästig gewesen, sich vor dem jungen Mann, der ihn ohne Zweifel gut beobachtete, in Ausdruck, Haltung und Stimme so zusammenzunehmen, daß dieser nichts von seiner eigentümlichen, inzwischen noch gewachsenen Müdigkeit oder Verstimmung oder Krankheit merke. Immerhin, es schien geglückt zu sein. Jetzt aber mußte er dieser Leere, diesem Unwohlsein, diesem bangen Schwindelgefühl, dieser Todesmüdigkeit, die zugleich auch Unruhe war, begegnen und Herr werden, zunächst indem er sie erkannte und verstehen lernte.
Dies nun gelang nicht allzuschwer, wenn auch erst nach einer geraumen Weile. Sein Kranksein hatte, wie er fand, keine andre Ursache als die heutige Reise, die ihn in so kurzer Zeit aus der Ebene in eine Höhe von wohl zweitausend Meter gebracht hatte. Er hatte, des Aufenthaltes in solchen Höhen seit einigen wenigen Ausflügen seiner frühen Jugend ungewohnt, diese rasche Steigung schlecht ertragen. Wahrscheinlich würde er mindestens noch einen Tag oder zwei an diesem Übel zu leiden haben, und sollte es dann wirklich nicht vergangen sein, nun so mußte er mit Tito und der Haushälterin heimkehren, dann war Plinios Plan mit diesem hübschen Belpunt eben mißlungen. Es wäre schade, aber kein großes Unglück.
Nach diesen Erwägungen legte er sich zu Bett und brachte die Nacht, ohne viel Schlaf zu finden, teils mit einem Überblick über seine Reise seit dem Abschied von Waldzell, teils mit Versuchen zur Beruhigung des Herzschlages und der erregten Nerven hin. Auch an seinen Schüler dachte er viel, mit Wohlgefallen, aber ohne Pläne zu machen; es schien ihm besser, dies edle, aber ungebärdige Füllen lediglich durch Wohlwollen und Gewöhnung zu zähmen, hier durfte nichts übereilt und erzwungen werden. Er dachte den Jungen allmählich zum Bewußtsein seiner Gaben und Kräfte zu bringen und zugleich jene edle Neugierde, jenes adlige Ungenügen in ihm zu nähren, das der Liebe zu den Wissenschaften, zum Geist und zum Schönen die Kraft gibt. Die Aufgabe war schön, und sein Schüler war ja nicht nur ein beliebiges junges Talent, das man wecken und in Form bringen mußte; er war als einziger Sohn eines einflußreichen und begüterten Patriziers auch ein künftiger Herr, einer der gesellschaftlichen und politischen Mitgestalter von Land und Volk, zu Beispiel und Führung bestimmt. Kastalien war dieser alten Familie Designori etwas schuldig geblieben; es hatte den ihm einst anvertrauten Vater dieses Tito nicht gründlich genug erzogen, es hatte ihn für seine schwierige Stellung zwischen Welt und Geist nicht stark genug gemacht, und dadurch war nicht nur der begabte und liebenswerte junge Plinio ein unglücklicher Mensch mit einem unausgeglichenen und schlecht bewältigten Leben, es war auch sein einziger Sohn noch gefährdet und in die väterliche Problematik mit hineingezogen worden. Da war etwas zu heilen und wiedergutzumachen, etwas wie eine Schuld war abzutragen, und ihm machte es Freude und schien es sinnvoll, daß diese Aufgabe gerade ihm zufiel, dem Ungehorsamen und scheinbar Abtrünnigen.
Am Morgen, als er im Hause erwachendes Leben spürte, stand er auf, fand beim Bette einen Bademantel bereitgelegt, den er über seinem leichten Schlafkleide anzog, und trat, wie es ihm Tito am Vorabend gezeigt hatte, durch eine hintere Haustür in den halboffenen Gang, der das Haus mit der Badehütte und dem See verband.
Vor ihm lag der kleine See graugrün und unbewegt, jenseits ein steiler hoher Felsabhang, mit scharfem, schartigem Grat in den dünnen, grünlichen, kühlen Morgenhimmel schneidend, schroff und kalt im Schatten. Doch war hinter diesem Grat spürbar schon die Sonne aufgestiegen, ihr Licht blinkte da und dort in winzigen Splittern an einer scharfen Steinkante, es konnte nur noch Minuten dauern, so wurde über den Zacken des Berges die Sonne erscheinen und See und Hochtal mit Licht überfluten. Aufmerksam und ernst gestimmt betrachtete Knecht das Bild, dessen Stille, Ernst und Schönheit er als unvertraut und dennoch ihn angehend und mahnend empfand. Stärker noch als bei der gestrigen Fahrt spürte er die Wucht, die Kühle und würdevolle Fremdheit der Hochgebirgswelt, die dem Menschen nicht entgegenkommt, ihn nicht einlädt, ihn kaum duldet. Und es schien ihm sonderbar und bedeutungsvoll, daß sein erster Schritt in die neue Freiheit des Weltlebens ihn gerade hierher, in diese stille und kalte Größe geführt hatte.
Tito erschien, in der Badehose, er gab dem Magister die Hand und sagte, auf die Felsen gegenüber deutend: »Sie kommen im rechten Augenblick, gleich wird die Sonne aufgehen. Ach, es ist herrlich hier oben.« Freundlich nickte Knecht ihm zu. Er wußte längst, daß Tito ein Frühaufsteher, Läufer, Ringer und Wanderer sei, schon aus Protest gegen die läßliche, unsoldatisch bequeme Haltung und Lebensführung seines Vaters, wie er auch aus eben diesem Grunde den Wein verschmähte. Diese Gewohnheiten und Neigungen führten zwar gelegentlich zur Pose des Naturburschentums und der Geistverachtung – der Hang zum Übertreiben schien allen Designori angeboren –, Knecht aber hieß sie willkommen und war entschlossen, auch die Sportkameradschaft als eines der Mittel zur Gewinnung und Zähmung des feurigen Jünglings zu benützen. Es war ein Mittel unter mehreren, und keines der wichtigsten, die Musik zum Beispiel würde viel weiter führen. Auch dachte er natürlich nicht daran, dem jungen Manne sich in körperlichen Übungen gleichstellen, ihn gar übertreffen zu wollen. Ein harmloses Mittun würde genügen, um dem Jüngling zu zeigen, sein Erzieher sei weder ein Feigling noch ein Stubenhocker.
Tito blickte gespannt nach dem finsteren Felsgrat hinüber, hinter dem der Himmel im Morgenlicht wogte. Jetzt blitzte ein Stückchen des Steinrückens heftig auf wie glühendes und eben im Schmelzen begriffenes Metall, der Grat wurde unscharf und schien plötzlich niedriger geworden, schien schmelzend hinabzusinken, und aus der glühenden Lücke trat blendend das Gestirn des Tages. Zugleich wurden Erdboden, Haus, Badehütte und diesseitiges Seeufer beschienen, und die beiden Gestalten, in der starken Strahlung stehend, empfanden alsbald die wohlige Wärme dieses Lichtes. Der Knabe, erfüllt von der feierlichen Schönheit des Augenblicks und dem beglückenden Gefühl seiner Jugend und Kraft, reckte die Glieder mit rhythmischen Bewegungen der Arme, welchen bald der ganze Körper folgte, um in einem enthusiastischen Tanz den Tagesanbruch zu feiern und sein inniges Einverständnis mit den um ihn wogenden und strahlenden Elementen auszudrücken. Seine Schritte flogen der siegreichen Sonne freudig huldigend entgegen, wichen ehrfürchtig vor ihr zurück, die ausgebreiteten Arme zogen Berg, See und Himmel an sein Herz, niederkniend schien er der Erdmutter, händebreitend den Wassern des Sees zu huldigen und sich, seine Jugend, seine Freiheit, sein innig aufflammendes Lebensgefühl wie eine festliche Opfergabe den Mächten anzubieten. Auf seinen braunen Schultern spiegelte das Sonnenlicht, seine Augen waren gegen die Blendung halb geschlossen, das junge Gesicht starrte maskenhaft in einem Ausdruck von begeistertem, beinahe fanatischem Ernst.
Der Magister war, auch er, vom feierlichen Schauspiel des anbrechenden Tages in dieser felsig schweigenden Einsamkeit ergriffen und bewegt. Mehr aber als dieser Anblick ergriff und fesselte ihn der menschliche Vorgang vor seinen Augen, der festliche Morgen- und Sonnenbegrüßungstanz seines Schülers, der den halbfertigen, von Launen beherrschten Jüngling in einen wie gottesdienstlichen Ernst hinanhob und ihm, dem Zuschauer, seine tiefsten und edelsten Neigungen, Begabungen und Bestimmungen in einem Augenblick ebenso plötzlich, strahlend und enthüllend eröffnete, wie das Erschemen der Sonne dies kalte finstere Bergseetal erschlossen und durchleuchtet hatte. Stärker noch und bedeutender erschien ihm der junge Mensch, als er ihn sich bisher gedacht hatte, aber auch härter, unzugänglicher, geistferner, heidnischer. Dieser Fest- und Opfertanz des panisch Begeisterten war mehr, als die Reden und Verse des jungen Plinio einst gewesen waren, er rückte ihn um manche Stufe höher, ließ ihn aber auch fremder, ungreifbarer, dem Anruf unerreichbarer erscheinen.
Der Knabe selbst war von diesem Enthusiasmus ergriffen worden, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Es war nicht etwa ein ihm schon bekannter, von ihm schon getanzter oder versuchter Tanz, den er ausführte; es war kein ihm schon geläufiger, von ihm erfundener Ritus der Sonnen- und Morgenfeier, und es hatte, wie er erst etwas später erkennen sollte, an seinem Tanz und seiner magischen Besessenheit nicht nur Gebirgsluft, Sonne, Morgen und Freiheitsgefühl teil, sondern nicht minder die auf ihn wartende Wandlung und Stufe seines jungen Lebens, erschienen in der so freundlichen wie ehrfurchtfordernden Gestalt des Magisters. Vieles traf in dieser Morgenstunde im Schicksal des jungen Tito und in seiner Seele zusammen, um die Stunde vor tausend andern als eine hohe, festliche, geweihte auszuzeichnen. Ohne zu wissen, was er tue, ohne Kritik und ohne Argwohn, tat er, was der selige Augenblick von ihm verlangte, tanzte seine Andacht, betete zur Sonne, bekannte in hingegebenen Bewegungen und Gebärden seine Freude, seinen Lebensglauben, seine Frömmigkeit und Ehrfurcht, brachte stolz zugleich und ergeben der Sonne und den Göttern im Tanz seine fromme Seele zum Opfer dar und nicht minder dem Bewunderten und auch Gefürchteten, dem Weisen und Musiker, dem aus geheimnisvollen Bezirken kommenden Meister des magischen Spieles, seinem künftigen Erzieher und Freunde.