Das sind gewiß ernste Gedanken und triftige Entschuldigungen für eine Frau, die mehrere Stunden lang nicht den Kopf bewegt.
Hätte Nicole etwas von diesen schwerwiegenden Überlegungen geahnt, sie hätte sich nicht so enttäuscht und zornig mit ihren Blumen befaßt und hätte auch nicht aus Versehen einen Balsaminentopf vom Balkon gestoßen, der mit schrecklichem Getöse auf dem Pflaster der öden Straße zersprang. Doch eben dieses Ereignis weckte die fremde Dame aus ihrem Brüten. Ihr Blick suchte den Urheber des Lärms, und sie entdeckte oben auf der Gartenterrasse des Hauses Cagliostro Oliva, die sich erschrok-ken übers Geländer beugte. Die Augen der beiden Nachbarinnen begegneten einander, und Jeanne begriff, daß sie hier fand, was sie so verzehrend gesucht hatte.
Die schöne Nachbarin empfing von Jeanne zu ihrer Beglückung nun die freundlichsten Blicke, zärtliche Kußhände, man rief sich vorsichtig sogar Worte zu. Bald schoß Jeanne mittels einer Armbrust an ein Bleistück gebundene Briefchen zu Oliva hinüber. Oliva ließ einen Faden zur Straße hinab und band beschriebene Papierkügelchen daran. Und eines Abends, als Cagliostro sie besuchte, nahm sie von seinem Schlüssel heimlich einen Wachsabdruck. Einer nächtlichen Spazierfahrt der neuen Freundinnen stand nichts mehr im Wege.
Das Stelldichein
Kaum war Herr de Charny auf seinen Gütern eingetroffen, als ihn die Unruhe ergriff, nach Versailles zurückzukehren. Wenigstens in der Nähe der Königin wollte er sein, wenn er auch nicht vor sie hintreten durfte. Seine Wunde heilte schnell. Nach drei Tagen unternahm er Ausflüge auf einem sanften, raschen Pferd. Durch Vermittlung seines Kammerdieners hatte er am Rand des Parks von Versailles ein abgeschiedenes Haus mieten lassen, das der Königliche Oberjägermeister bewohnt hatte, ehe er sich die Kehle durchschnitt. Herrn Charny in seiner romantischen Verliebtheit behagte dieses Haus über die Maßen. Er suchte es auf, sooft er konnte.
Binnen vierzehn Tagen kannte er alle Gewohnheiten der Schloßbewohner und der Wachen, wußte die Stunde, da die Vögel am Teich zu trinken pflegten und die Damhirsche scheu zur Quelle kamen. Er wußte, wann die Königin mit ihren Damen spazierenging, er erkannte sie auf eine Viertelmeile an ihrer Haltung, ihrem Gang, er kannte alle ihre Kleider. Nachts beobachtete er die glänzenden Lichter in den Fenstern der Königin, sah ihren Schatten und zehrte liebestrunken und überspannt von seinen Erinnerungen und Hoffnungen.
Eines Nachts hörte er das Geräusch eines Schlüssels, der sich kreischend in einem Schloß bewegte. Er eilte an seinen Beobachtungsposten und lauschte. Vom Versailler Kirchturm schlug es zwölf. Jenes widerspenstige Schloß gehörte zu einer kleinen
Parkpforte, die etwa fünfundzwanzig Schritt von Charnys Haus entfernt war und nur an großen Jagdtagen geöffnet wurde, um Körbe mit dem erlegten Wildbret hinauszuschaffen.
Charny bemerkte, daß die Leute, die diese Pforte öffneten, nicht sprachen. Lautlos und rasch kamen zwei Frauen auf die Allee, die seinem Fenster gegenüberlag. Das Mondlicht beleuchtete sie, und Olivier de Charny hätte fast aufgeschrien, denn er erkannte Marie-Antoinette. Sie hielt eine Rose in der Hand.
Mit bebendem Herzen, hinter Gesträuch verborgen und auf dem Rasen laufend, um Geräusche zu vermeiden, folgte Olivier den Frauen.
Ach, warum war sie nicht allein? Er hätte sich ihr genähert und ihr auf Knien geschworen: Ich liebe Sie. Ach, warum war sie nicht in Gefahr? Er hätte sein Leben darangesetzt, sie zu retten!
Jetzt entfernte sich ihre Begleiterin, und die Königin lehnte sich an einen Baum, wobei sie sich dicht in ihren Mantel hüllte.
Schon wollte Charny auf sie zueilen; aber er überlegte, daß ihn immerhin noch dreißig Schritte von ihr trennten. Sie würde ihn aus der Ferne nicht erkennen und aus Angst vielleicht um Hilfe rufen. Man würde den Park durchsuchen und den Eindringling, wohl gar seinen Zufluchtsort entdecken.
Er bezähmte sich also, und das war gut, denn gleich darauf kehrte die Gefährtin der Königin zurück und führte einen Mann von edler Haltung heran, der sich unter einem weiten Mantel und einem breiten Hut verbarg.
Der bloße Anblick dieses Herrn machte den eifersüchtigen Charny vor Haß und Erbitterung erzittern, doch wirkte der Mann nicht wie ein Triumphierender, vielmehr schien er zu taumeln, während er sich zögernd und ehrfürchtig der Königin näherte und sich tief vor ihr verbeugte.
Charny blickte verblüfft. Was tat die Königin hier zur Nachtzeit? War dieser geheimnisvolle Kavalier womöglich ein Kurier aus Potsdam oder Schönbrunn, ein Edelmann, der eine Geheim-botschaft überbrachte, einer jener Deutschen, die Ludwig XVI. in Versailles nicht mehr sehen wollte, seit Josef II. sich erlaubt hatte, seinem Schwager, dem allerchristlichsten König, philosophische Ratschläge zu erteilen?
Charnys heiße Stirn kühlte sich ab bei diesem Gedanken. Auch sah er befriedigt, daß der Kavalier bald verabschiedet wurde. Im Fortgehen aber verlor die Königin jene Rose, und der Herr hob sie auf und küßte sie mit fast wahnsinniger Leidenschaft.
Charny verlor beinahe den Verstand. War das die geheime Diplomatie der Königin? Waren das ihre Staatsgeheimnisse?
Noch ehe er weiter denken konnte, war der Spuk verschwunden.
»Kommen Sie, Monseigneur«, hatte er die begleitende Dame zu dem Herrn sagen hören.
Weib und Königin
Olivier de Charny war in der folgenden Nacht wieder auf der Lauer gewesen und hatte, vor Wut, Schmerz und Eifersucht berstend, ein neuerliches Stelldichein der gleichen Personen beobachtet. Diesmal war der Kavalier vor der Königin niedergesunken und hatte mit glühender Inbrunst ihre Hände geküßt, die sie ihm willig überlassen hatte. In der Nacht darauf aber war die Königin mit jenem Herrn sogar in den Apollobädern verschwunden. Charny hatte seinen Augen nicht trauen wollen, und unsägliche Qualen waren über ihn hereingebrochen. In seiner unschuldigen Geradheit hätte er nie zu glauben gewagt, daß das Verbrechen so weit gehen könnte.
In einem Anfall von blindwütiger Raserei hatte er sich auf die Begleiterin der Königin stürzen wollen, die vor den Bädern, an einer laubumrankten Säule lehnend, Wache hielt. Aber die Sinne waren ihm geschwunden, röchelnd war er ins Moos gesunken, und als er zu sich kam, hatte er nur mehr frische Fußspuren im Rasen und hinter der Parkmauer die Hufeindrücke eines Pferdes ausmachen können.
Entschlossen, seiner Qual ein rasches Ende zu bereiten, ließ er sich morgens in ein schwarzes Samtgewand kleiden und eilte nach dem Schloß Trianon.
Es war zehn Uhr. Die Königin trat gerade aus der Kapelle, wo sie die Messe gehört hatte. Überall, wo sie vorbeikam, neigten sich ehrfurchtsvoll die Köpfe und Degen. Schön war die Königin mit ihrem lächelnden Mund, ihren müden, aber von sanfter Klarheit strahlenden Augen.
Plötzlich bemerkte sie unter den Umstehenden Charny und errötete leicht.
Er hatte den Kopf nicht geneigt. Bleich wie ein Gestorbener und starr blickte er sie an, und sie las in seinen Augen neues Unheil.
»Ich glaubte Sie auf Ihren Gütern, Herr de Charny?« richtete sie das Wort an ihn.
»Ich bin wieder zurück, Madame«, entgegnete er knapp.
Erstaunt lauschte die Königin dem Unterton seiner Rede nach.
»Guten Morgen, Gräfin«, begrüßte sie Madame de La Motte und blinzelte ihr vertraulich zu. Charny zitterte. Aufmerksam betrachtete er diese Frau.