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Schritte näherten sich, die Tür ging auf, und grelles Licht von einem dreiarmigen Leuchter fiel auf Jeanne.

»Ah, die Frau Gräfin de La Motte«, sagte eine männliche Stimme.

»Herr de Cagliostro!« stammelte Jeanne entsetzt.

»Erlauben Sie, Madame, daß ich läute und meinen Pförtner bestrafe, weil er so ungezogen war, eine Dame Ihres Ranges nicht gebührlich ins Haus zu führen.«

»Ach, strafen Sie ihn nicht«, bat Jeanne, die die Falle nicht ahnte.

»Aber er war es doch, der Sie eingelassen hat, nicht wahr? Er neigt zum Trunk, der Flegel. Gewiß hat er nicht einmal gemerkt, daß er Sie einließ. Doch damit genug. Jetzt seien Sie so gütig, mir zu sagen, welchem Umstand ich die Ehre Ihres Besuches verdanke, Madame?«

Obgleich nun entschuldigt für ihr unerlaubtes Eindringen in dieses Haus, war Jeanne, die sonst so geistesgegenwärtige Jeanne, nicht in der Lage, dem Grafen einen plausiblen Grund zu nennen. Sie stotterte Unzusammenhängendes vom Kardinal Rohan, und Cagliostro war grausam genug, sie zappeln zu lassen wie einen armen kleinen Fisch an der Angel.

Schließlich beendete er ihre hilflosen Ausreden, indem er ihr auf den Kopf zu sagte, daß es in diesem Hause gar keinen Pförtner gab, daß sie einen Nachschlüssel benutzt hatte, den er ihr aus der

Tasche zog, und daß sie in Wahrheit die Frau suche, die er aus Güte hier verborgen habe.

»Und wenn dem so wäre?« entgegnete Jeanne leise. »Wäre das ein Verbrechen? Ist es einer Frau nicht erlaubt, eine andere zu besuchen? Rufen Sie sie doch, damit sie Ihnen bestätigen kann, daß unsere Freundschaft das Licht nicht zu scheuen braucht.«

»Madame, Sie sagen das, weil Sie genau wissen, daß sie nicht mehr hier ist«, erwiderte Cagliostro. »Wie? Sie ist nicht mehr hier?« »Sie selbst haben an ihrer Entführung mitgewirkt.« »Ich? An ihrer Entführung?«

Cagliostro nahm ein Blatt vom Tisch und zeigte es der Gräfin.

»Hier ist der Beweis«, sagte er. Und Jeanne las:

»Mein edler Herr Beschützer, verzeihen Sie mir, daß ich Sie verlasse. Ich liebe Beausire, wie Sie wissen. Er holt mich ab, und ich folge ihm. Leben Sie wohl und empfangen Sie meine große Dankbarkeit.«

»Beausire!« rief Jeanne verblüfft. »Er kannte doch ihre Adresse gar nicht!«

»Doch, Madame«, sagte Cagliostro, »dieses Papier fand ich auf der Treppe; es wird Herrn Beausire aus der Tasche gefallen sein.« Dieses Billett lautete:

»Herr Beausire findet Fräulein Oliva in der Rue Saint-Claude an der Ecke des Boulevards. Er möge sie sofort mit sich nehmen. Diesen Rat erteilt ihm eine aufrichtige Freundin. Es eilt!«

»Ja, und nun hat er sie mitgenommen«, sagte Cagliostro ruhig.

»Und wer hat diese Zeilen geschrieben?« fragte Jeanne. »Offenbar Sie, die aufrichtige Freundin.« Cagliostro lächelte undurchdringlich.

Jeanne gab sich durch eine Übermacht geschlagen und floh. Ihr fein gesponnenes Netz hatte den ersten Riß bekommen.

Der Brief und die Quittung

Unterdessen war der Tag heran, an dem die Zahlung fällig war, die das Schreiben der Königin den Juwelieren Boehmer & Bossange versprochen hatte. Da Ihre Majestät sich strengste Diskretion ausbedungen hatte, warteten die Kaufleute den ganzen Tag geduldig, daß man ihnen das Geld ins Haus brächte. Aber die Quittung über fünfhunderttausend Francs, die sie für diesen Fall bereithielten, blieb unbenutzt.

Die Morgenröte des folgenden Tages befreite Boehmer & Bossange von ihren schimärischen Hoffnungen. Sie fuhren nach Versailles; Bossange sollte Boehmer im Wagen erwarten. Es war kein leichtes, ohne Audienzbrief vorgelassen zu werden. Aber Boehmer kannte die Bräuche und verteilte in den Vorzimmern Kleinigkeiten, was ihm die Erlaubnis eintrug, um zwei Uhr vor der Königin zu erscheinen.

Marie-Antoinette konnte sich nicht erklären, was Boehmer von ihr wollte.

»Wollen Sie mir wieder Juwelen anbieten?« fragte sie lächelnd den Kaufmann. »Sie wissen doch, ich habe kein Geld.«

Boehmer schwitzte. Er glaubte, es sei jemand hinter den Vorhängen verborgen und Ihre Majestät wage deshalb nicht, offen zu sprechen. Betreten blickte er sich nach allen Seiten um.

»Was suchen Sie denn nur?« fragte ihn die Königin verwundert. »Gibt es schon wieder Geheimnisse? Schon wieder irgen-dein unvergleichliches Stück? Fürchten Sie sich doch nicht, niemand kann uns hören, mein lieber Herr Boehmer.«

»Wenn dem so ist«, hob Boehmer ermutigt an, »dann möchte ich mir zu bemerken erlauben, daß Eure Majestät uns gestern vergessen haben.«

»Vergessen? Wieso denn?«

»Insofern, als gestern der Termin ...«

»Was für ein Termin?«

»Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich . Ich weiß wohl, daß es eine Unbescheidenheit ist, und vielleicht ist die Königin nicht vorbereitet. Das wäre ein großes Unglück, aber schließlich .«

»Boehmer, ich begreife von alledem kein Wort. Erklären Sie sich deutlicher.«

»Nun, Eure Majestät haben vergessen, daß gestern die erste Rate für das Halsband fällig war«, kam Boehmer endlich schüchtern heraus.

Marie-Antoinette begriff noch immer nicht, Boehmer erklärte den Fall; Marie-Antoinette geriet außer sich, und Boehmer schlotterte, blieb aber fest bei seiner Behauptung. Marie-Antoinette wies ihren Empfangsschein vor, Boehmer leugnete, diese Quittung ausgestellt und unterzeichnet zu haben. Er präsentierte seinerseits das Schriftstück Ihrer Majestät. Marie-Antoinette las es.

»Das ist nicht meine Schrift!« sagte sie.

»Es ist unterzeichnet«, stöhnte Boehmer.

»Marie-Antoinette von Frankreich ... Sie sind wohl verrückt? Darf ich >von Frankreich< unterschreiben? Ich bin Erzherzogin von Österreich, mein Herr. Die Falle ist zu plump, sagen Sie das Ihren Fälschern.«

»Meinen Fälschern?« stammelte der Juwelier, einer Ohnmacht nahe. »Eure Majestät verdächtigen mich, Boehmer?«

»Und Sie verdächtigen mich, Marie-Antoinette?«

Die Königin und der Juwelier blickten einander an, und beide zwangen sich zu klarer Überlegung. Boehmer holte Bossange zur Verstärkung. Die Königin befragte die Herren, wann und durch wen sie ihr Schriftstück erhalten hatten, und schloß, daß sie sowohl als die Juweliere hintergangen worden waren. Sie läutete und verlangte, ungesäumt die Gräfin de La Motte zu sehen, aber die Gräfin war bei Hofe nicht erschienen. Noch wollte die Königin ihre Vertraute in dieser Sache nicht offen verdächtigen, aber sie versprach den Juwelieren, sie der Person zu konfrontieren, der sie das Halsband zur Rückgabe überantwortet hatte. Inzwischen sollten die Herren zum Kardinal Rohan gehen. Er werde sicherlich in allem Klarheit schaffen, sagte sie ruhig, doch war ihre Ruhe vorgetäuscht, und sie sandte Bote auf Bote zu Madame de La Motte.

Der Kardinal fiel ebenso aus den Wolken wie die Königin, als Boehmer & Bossange ihm den Fall darstellten. Auch er erkannte das vorgebliche Schriftstück Ihrer Majestät sofort für eine Fälschung, als er die Unterschrift Marie-Antoinette von Frankreich las. Doch verbot er den Juwelieren streng, seine Freundin, Madame de La Motte, mit einem Verdacht zu belasten. Sein ganzer Zorn richtete sich gegen die Königin, denn ihre Antworten auf seine leidenschaftlichen Briefe waren mit jedem Mal kühler, strenger und zuletzt gänzlich abweisend ausgefallen. Marie-Antoinette erschien dem tief beleidigten Mann wortbrüchig, ehrlos und frivol. Selbstverständlich verbarg der Fürst seine Gefühle vor den Kaufleuten, aber sein Bescheid lautete, er werde morgen, bevor er um elf Uhr in der Kapelle von Versailles das Hochamt halte, die Königin fragen, ob sie das Halsband besitze. Die Juweliere möchten sich dann in der Nähe halten.

»Sie werden ja sehen, was sie antwortet«, sagte er. »Wenn sie vor mir leugnet . Nun, meine Herren, ich bin ein Rohan, dann bezahle ich.«

Diese Worte hatte er mit einer Grandezza gesprochen, die sich in schlichter Prosa gar nicht wiedergeben läßt. Ihr Sinn war Zweifel an der Königin.