Am 30. Dezember 1942, bei 32 Grad Kälte und einem eiskalten Wind aus der Steppe von Kasachstan, stand Jewgenij Alexandrowitsch Kubowski, eingehüllt in einen dicken Schafspelz, auf dem Wolgaufer und kontrollierte die Marschpapiere einer Minenwerferabteilung. Er hatte schon den ganzen Tag über ein dummes Gefühl gehabt. Olgaschka hatte ihn angerufen und ihm gesagt, daß sie furchtbar geträumt habe.
«Ich träume sonst nie, Jewgi…«, sagte sie, und es war das erstemal, daß sie ihn Jewgi nannte. Kubowski hatte wie ein Truthahn geseufzt und verflucht, daß zwischen ihnen die Wolga lag und einige Kilometer Mondlandschaft.»Ich habe solche Angst um dich…«
Da hatte er gelacht und geantwortet:»Olgaschka, welche Gedanken! Bis auf den Ärger mit den Idioten — du glaubst nicht, wieviel Hirnlose in der Roten Armee dienen — fühle ich mich wohl. Die Wunde heilt gut, bald werde ich wieder bei dir sein.«
In Wahrheit hatte auch er schlecht geschlafen. Es war ihm ein paarmal, als müsse er ersticken. Erst gegen Morgen konnte er ruhig schlafen.
An diesem 30. Dezember, bei 32 Grad Kälte und einem Wind aus Kasachstan, hatte ein deutsches Aufklärungsflugzeug festgestellt, daß aus der Steppe neue Panzereinheiten zur Wolga rollten. Um die Mittagszeit mußten sie am Wolgaufer eintreffen und versuchen, in die Stadt überzusetzen.
Genau um 13 Uhr — Kubowski hatte einen Teller Kascha mit Salzfisch gegessen und verspürte einen schrecklichen Durst — brüllten in Stalingrad die letzten schweren Geschütze der deutschen Artillerie auf. Es waren drei massierte Feuerschläge, genau auf das Wolgaufer und auf das Eis.
Major Kubowski hörte es in der eiskalten Luft heransurren… es pfiff, orgelte und dröhnte, summte, jaulte und kreischte… Mit einem wilden Satz hetzte er zu seinem Deckungsloch. Das ist doch nicht möglich, dachte er. Warum schießen sie denn? Nichts steht am Ufer, nur eine armselige Minenwerferkompanie. Die Panzer warten dort im Hinterland, bis es Nacht ist. Warum schießen sie denn, die feldgrauen Verschwender?
Er kam nicht mehr bis zu seinem Loch. Vor und hinter ihm riß die Erde auf… das war das letzte, was er erkannte. Dann hob ihn eine Riesenfaust vom Boden weg und schleuderte ihn mitten hinein in die anderen Detonationen.
Dir Rotarmisten, die ihn später suchten, fanden von Major Kubowski nur seinen Kopf und einen Stiefel ohne Bein.
Ein Irrtum der deutschen Artilleriebeobachtung hatte ihn ausgelöscht. Olga Pannarewskaja stand starr, als Chefchirurg Sukow ihr die Mitteilung machte.»Er war sofort tot«, sagte er tröstend >Er hat nichts gespürt…«
Da erst lief ein Zittern durch ihren Körper. Mit der Wildheit einer Raubkatze sprang sie vor, hob die Fäuste, und während Su-kow erschrocken und fasziniert von dieser wilden Schönheit mit offenem Mund untätig dastand, hieb sie mit den Fäusten auf den Operationstisch, rannte im Zimmer von Wand zu Wand, hieb gegen die Bohlen und Steine und schrie mit sich überschlagender Stimme:
«Ich hasse sie… ich hasse die Deutschen! Der Himmel sei mein Zeuge… ich werde keinen Deutschen schonen! Keinen! Keinen! Ich hasse sie… ich hasse sie…«
Dann fiel sie über einem Toten, den man eben vom Tisch gehoben hatte, zusammen. Sukow ließ sie liegen und faßte sie nicht an. Es war besser so, dachte er… ein gereizter Tiger kennt weder Freund noch Feind.
Das Lebensbillett für den Sanitätsfeldwebel Horst Wallritz verschaffte sich Dr. Körner durch einen Trick.
Der Gedanke war ihm plötzlich gekommen, und wie so oft im Leben sind die anscheinend kompliziertesten Dinge die einfachsten. Er beobachtete das Raus und Rein in den Operationszelten und Baracken der Verwundetenstadt am Bahnhof von Gumrak. Vor ein paar Wochen hatte er hier selbst mit Dr. Portner eine der >Auslesestationen< gehabt, die schreckliche Macht über Leben und Tod. Wenn auch nur ein Bruchteil der Verwundeten mit dem Transportzettel um den Hals einen Platz in einem der ausfliegenden Flugzeuge erhielt, denn Tausende warteten seit Tag und Wochen, zu grauen Klumpen geballt und wie Riesenmaden durch den Schnee kriechend, am Rand der Rollfelder, so war doch immer noch eine Chance drin, die Heimat wiederzusehen. Wer keinen Zettel bekam, wußte, daß er im Kessel von Stalingrad blieb. Endgültig. Geopfert für den Führer und Großdeutschland.
In dem blauen Zelt operierten vier Ärzte und drei Unterärzte. Es war Fließbandarbeit, Demontage von Leibern. Die Träger, die die versorgten Verwundeten wieder hinaustrugen, achteten gar nicht mehr darauf, ob der Oberfeldwebel am Schreibtisch ihnen einen Zettel umgehängt hatte oder nicht… sie rannten in die Baracken oder Eisenbahnwaggons, kippten die Verwundeten in das Stroh, so wie man einen Karren Kompost wegschüttet, und trabten schnell zurück.
Dr. Körner wartete fast. eine Stunde und beobachtete den Betrieb. Er sah, wie fremde Ärzte in das Zelt gingen und es wieder verließen, zwei Lastwagen mit neuen aufgerissenen Leibern fuhren vor, jemand brüllte:»Weiterfahren! Weiterfahren! Zu Lazarett VI! Unsere Müllkippe ist voll!«, ein einsamer Tigerpanzer mit halbem Turm ratterte yor und lud einen kopfverletzten Leutnant aus, es war nicht mehr zu kontrollieren, wer nun zum Lazarett gehörte und wer nicht.
Das nutzte Dr. Körner aus. Er rannte in das Zelt, geradewegs auf den Oberfeldwebel am Schreibtisch zu und streckte die Hand aus.
«Los, geben Sie mir so 'nen Wisch! Da hat ein Kerl den Zettel vollgekotzt!«
Der Oberfeldwebel sah gar nicht auf. Er reichte Dr. Körner den Transportzettel, aber er malte gewissenhaft einen Strich auf ein Stück Papier. Für heute hundert Lebensbilletts, mehr gab es nicht. Man kontingentiert das Leben. Aber auch diese hundert waren sinnlos. Die Flugplatzkommandanten von Gumrak und Pitomnik schrien und brüllten, weil das Heer der Verwundeten die Startbahnen blockierte und die Maschinen stürmte, sobald sie ausgerollt waren.
«Ich… ich tue es nicht«, sagte Wallritz, als Dr. Körner mit dem Lebensbillett zurückkam.»Vielleicht waren es von Rottmann nur leere Drohungen.«
«Wollen Sie darauf warten? Los! Sie haben Ihre Mutter, für die Sie weiterleben müssen. Das ist ein Ziel! Ich habe keines mehr, auf mich wartet niemand… Kommen Sie…«
Was nun folgte, war gespenstig.
Zwischen den niedergebrochenen Balken eines Geräteschuppens kniete Dr. Körner vor. Wallritz. Der Feldwebel lag auf seinem Mantel, die Brust entblößt, zitternd vor Kälte und Erregung. Dr. Körner hatte sein chirurgisches Notbesteck neben sich auf einer Lage Zellstoff ausgebreitet und schnitt einen Finger seiner Gummihandschuhe ab.
«Wird es nicht auffallen?«keuchte Wallritz.
«Nicht, bis Sie jenseits des Kessels sind. Dort müssen Sie sich weiterhelfen. Melden Sie sich als Versprengter… Was man auch mit Ihnen macht, eines ist sicher: Sie kommen nie mehr nach Stalingrad zurück! Man wird Sie in irgendeinem Lazarett einsetzen und froh sein, einen Fachmann mehr zu haben.«