Dr. Körner entzündete ein Hindenburglicht und stellte es auf einen Balken über den Kopf von Wallritz. Dann beugte er sich vor und rieb mit harten Händen die eiskalte Brust des Feldwebels warm.
«Ich werde Ihnen keine Anästhesie machen«, sagte er dabei.»Sie müssen den Schmerz aushalten. Und wenn Sie sich die Zähne abbrechen… beißen Sie sie zusammen…«
Wallritz nickte stumm.
«Ich täusche bei Ihnen einen Lungenschuß vor«, sagte Dr. Körner.
«Einen was?«
«Lungenschuß. Jeder Arzt, der Sie nur ansieht, wird Sie sofort weiterleiten. Und jetzt halten Sie still, Wallritz. Beißen Sie die Zähne zusammen.«
Den ersten Schnitt spürte Wallritz nicht sonderlich. Dr. Körners Skalpell machte in die rechte obere Brustwand einen 6 cm langen Schnitt durch Haut und Muskulatur. Erst als Dr. Körner daranging, mit einigen weiteren Schnitten Haut und Muskulatur mitzunehmen, die Wunde aufzufetzen, daß sie wie ein Schuß aussah, und dann wieder säuberte, jagte der Schmerz Wallritz bis ins Gehirn. Er stöhnte und warf den Kopf auf dem nassen Mantel hin und her.
«Es wäre gut, wenn Sie ohnmächtig würden«, sagte Dr. Körner ruhig.»Denn jetzt geht es erst los.«
Mit einem selbsthaltenden Haken spreizte er die Schnittwunde. Dann legte er zwischen zwei Rippen einen kleinen Schnitt an, entfernte etwas Haut, indem er eine Hautfalte mit der Pinzette aufhob und am Grunde der Falte das hochgezerrte Hautstück abschnitt.
Dieser Schnitt war kritisch. Er ging in die Tiefe des Brustkorbes. Dr. Körner hatte deshalb, bevor er die Hautfalte anschnitt, eine lose Naht um die künstliche Schußwunde gelegt… er zog diese Naht sofort zu, bevor er die Hautfalte herauspräparierte.
Wallritz lag kalkweiß und hatte die Augen geschlossen. Dr. Körner tastete nach seinen Lidern. Wallritz schüttelte den Kopf.
«Ich bin wach, Herr Assistenzarzt…«
«Die Schußwunde haben wir. Nun machen wir sie zu, und dann kommt der Trick.«
Dr. Körner vernähte die Wunde schichtweise und klebte ein Heftpflaster darüber.
Es begann heftig zu schneien. Zwischen die Balken des zerschossenen Geräteschuppens wirbelten die dicken Flocken und legten sich über die nackte Brust Wallritz'. Die armselige Kerze über seinem Kopf flackerte.
Draußen, auf der Straße zum Flugplatz, gab es einen Krach. Ein Munitionsschlepper war in einen vom Schnee zugeschütteten Bombentrichter gefahren und saß fest.
«So ein Hurending!«brüllte eine Stimme.»Alle Mann 'ran! Die Zuckerhüte müssen heute noch zur 14. Panzerdivision…«Es waren Granaten für die Tigerpanzer, die in der deckungslosen Steppe bei Nowo Alexejewskij lagen.
Dr. Körner zog seinen Mantel aus und hängte ihn zwischen die Balken über sich und Wallritz, ein nasses, triefendes Dach von einem Quadratmeter. Aber es hielt den Schnee ab, es schenkte das Gefühl von Geborgenheit.
Mit klammen Fingern, die er immer wieder gegen den Körper schlug, um die stockende Durchblutung anzuregen, operierte er weiter.
«Was nun?«fragte Wallritz mit klappernden Zähnen.
«Nun kommt der Pneumothorax, Ihr lebensgefährlicher Lungenschuß…«
Er nahm eine dicke Kanüle, drückte mit dem Finger noch einmal suchend auf die geplante Stelle und stieß dann neben und etwas unterhalb der Brustwarze, unter der vorher gelegten künstlichen Schußwunde, die Kanüle in die Brust.
Wallritz stöhnte auf. Seine Hände krallten sich in den nassen Mantel und die gefrorene Erde, seine Beine zuckten, der Mund riß auf… aber er schrie nicht, er rang nur nach Luft und verging in einer grenzenlosen Angst.
Dr. Körner hielt den Daumen auf den Ansatz der in der Brust sitzenden Kanüle. Noch war keine Außenluft in den Brustkorb gekommen, die Hohlnadel war durch den Daumen verschlossen. Er wartete, bis sich Wallritz wieder beruhigt hatte. Dann hob er den Daumen und ließ vorsichtig Luft in den Brustkorb eintreten.
Wallritz wurde wieder unruhig. Er riß die Augen auf und starrte Dr. Körner flehend an. Sein Atem wurde schneller und stoßend, eine unbeschreibliche Beklemmung auf der Brust jagte Todesangst durch ihn… in diesem Augenblick stülpte Dr. Körner den abgeschnittenen Finger seines Gummihandschuhs über den Nadelansatz und befestigte ihn mit einer Schlinge aus Catgut.
Die Todesnot hörte auf, nur das schnelle, stoßweise Atmen blieb. Die letzten Handgriffe waren nur noch eine Verfeinerung und schmerzten nicht mehr. Dr. Körner schnitt in die Fingerkuppe des abgeschnittenen Gummihandschuhfingers einen kleinen Schlitz.
Die Folge war verblüffend. Beim Einatmen ließ der Fingerling jetzt die in den Brustraum eingetretene Luft ausblasen, bei der Ausatmung dagegen ließ er keine Luft mehr eintreten. Der abgeschnittene Finger des Gummihandschuhs war zu einem Ventil geworden.
Dr. Körner beobachtete den künstlichen Pneumothorax. Wenn Wallritz einatmete, blähte sich der Fingerling hoch auf, atmete er aus, fiel er zusammen wie ein angestochener Luftballon. Es sah sehr eindrucksvoll und vor allem überzeugend aus. Wallritz hob etwas den Kopf. Die eisige Kälte, die er bisher nicht gespürt hatte, zerfraß ihn fast.
«Was… was ist, Herr Assistenzarzt«, stammelte er.
«Alles in Ordnung. Sie haben jetzt einen so kompletten Lungenschuß, daß jeder Arzt Sie auf Händen tragen wird. Noch fünf Minuten, dann ist's vorbei.«
Dr. Körner befestigte die Pneumothoraxkanüle mit Heftpflaster an der Brustwand, legte einen Querverband um die Brust an und konstruierte aus Sicherheitsnadeln und Heftpflaster eine Stütze für die Hohlnadel, damit sie außen aus dem Verband heraus möglichst senkrecht hervorstand. Dann half er Wallritz auf, zog ihm die Uniformjacke wieder an und hängte ihm den Mantel um die Schultern. Wallritz starrte auf den kleinen Luftballon in seiner Brust, der auf und ab quoll.
«Natürlich sind Sie nur liegend transportfähig, vergessen Sie das nicht, Wallritz. Wenn Sie mit diesem Pneu fröhlich herumtraben, glaubt Ihnen das keiner.«
Er schob die Kerze näher zu sich, zog die Knie an, legte seine Meldetasche darauf und füllte den Begleitzettel aus, das Lebensbillett. Er schrieb:
Lungensteckschuß. Geschoß entfernt. Chirurgische Versorgung der Wunde und Naht. Ableitung des Pneumothorax mittels Gummiventil. Verlegung in Etappenlazarett zwecks weiterer Behandlung. Tetanusserum. Sulfonamid.
Unterschrift: Dr. Hammer, Stabsarzt.
Er hängte das Schild Wallritz um den Hals und klopfte ihm dann auf die Schulter. Wallritz standen die Tränen in den Augen.
«Ich werde Ihnen das nie danken können, Herr Assistenzarzt…«
Dr. Körner kroch aus dem rauchgeschwärzten Gebälk des Geräteschuppens. Der Munischlepper saß noch immer im Trichter.
Ein Feldwebel brüllte, als wären seine Worte ein hydraulischer Wagenheber, der den Wagen aus dem Loch schieben könnte. Dr. Körner sah auf seine Uhr. 23.27 Uhr. Die Operation hatte kaum eine halbe Stunde gedauert. Wallritz kroch hinter ihm her, die Hand schützend über seinem kleinen Luftballon in der Brust.
Nach Mitternacht waren sie auf der Straße zum Flugplatz Gumrak. An einem dicken Strick zog Dr. Körner eine Trage wie einen Schlitten durch den Schnee. Auf ihr lag Wallritz, mit den Mänteln von drei Toten zugedeckt und eingewickelt. An ihnen vorbei ratterten LKW und Panzer, Motorräder und Pferdewagen. Sie wurden mit Schnee und Eis bespritzt, zur Seite in die Verwehungen gedrückt und mit Flüchen überschüttet. Aber niemand hielt an, niemand nahm den Mann auf der Trage mit, den ein junger Arzt durch den Schnee zog, umheult vom Steppenwind, mit vereistem Gesicht und gefühllosen Beinen. Hunderte, Tausende marschierten, schwankten, krochen und wälzten sich über die Straße zum Flugplatz, hangelten an haltenden Autos hoch und sprangen die nach rückwärts fahrenden Panzer an wie Raubkatzen. Nur zurück… zurück… nach Westen… weg aus der Stadt, weg aus dem Ring, der sich immer enger zog… zum Flugplatz… zum Flugplatz… zur letzten Hoffnung…