Blaue und lila Farben in allen möglichen Tönungen beherrschten überall das Bild der Landschaft. Selbst die Luft war durchdrungen von einem zarten hellblauen Leuchten, ähnlich dem Lumineszenzleuchten beim Durchgang des elektrischen Stromes durch Argongas in Gasentladungslampen. Aber der bläuliche Schimmer, der über der Welt des fremden Planeten lag, machte diese zugleich kalt und leidenschaftslos, sie lag da wie eine Erscheinung in einem Kristalclass="underline" klar, verlockend und doch unfaßbar. Es war eine Welt, der die Wärme fehlte, die erquickende Wärme der Erde, hervorgerufen durch die Vielfalt der belebenden Farben, der roten, der orangefarbenen, der gelben.
Lange Reihen von Städten waren sowohl auf der „nördlichen“ als auch auf der „südlichen“ Halbkugel zu erkennen. Sie befanden sich in Gebieten, die den polaren und den gemäßigten Zonen der Erde entsprachen. Die Berge wurden nach dem Äquator zu immer spitzer und dunkler. Scharfzackige Bergspitzen ragten hoch heraus aus dem Dunst, der von der Oberfläche des Meeres aufstieg und einen dichten Schleier über die heiße Zone breitete. Umsäumt wurden die tropischen Gebiete durch die Grate großer Gebirgszüge, die sich parallel zum Äquator ausdehnten.
Dort, in Äquatornähe, ballten sich die blauen Dämpfe zu dichten Massen zusammen: Der unter der Einwirkung der intensiven Strahlung des blauvioletten Sterns verdunstete Fluorwasserstoff sättigte die Atmosphäre, drang dann in riesigen Wolkenwänden nach den gemäßigten Zonen vor, kühlte sich dabei ab und ging in flüssiger Form wieder zur Oberfläche des Planeten nieder. In breiten Strömen kehrte er dann in die heiße äquatoriale Zone zurück. Staudämme von so gewaltigen Ausmaßen, wie sie auf der Erde noch nicht gebaut worden waren, bändigten die urwüchsige Kraft dieser dahinflutenden Fluorwasserstoffmassen und zwangen sie, der Menschheit des Fluorplaneten als ergiebige Energiequellen wertvolle Dienste zu leisten.
Ausgedehnte Felder ungeheurer Quarzkristalle glitzerten so stark, daß die Augen den funkelnden Glanz kaum ertragen konnten. Anscheinend nahm das Silizium in den Fluorwasserstoffmeeren die Stelle des Salzes im Meerwasser der Erde ein.
Die Städte und Siedlungen auf dem Gerät rückten jetzt näher heran. Scharf zeichneten sich ihre Umrisse in dem kalten blauen Licht ab. überall, wohin auch das Auge blickte, war innerhalb der bewohnbaren Gebiete des Planeten jeder noch so kleine Fleck durch der Hände Arbeit und die schöpferische Kraft des Denkens bebaut, umgestaltet oder verschönert worden. Nur die geheimnisvollen Gebiete am Äquator, die eingehüllt waren in die brodelnden Massen blauer, milchiger Dämpfe, trugen keine Spuren menschlicher Tätigkeit. Aber hiervon abgesehen, war die Umgestaltung des Planeten durch seine Bewohner offenbar viel durchgreifender erfolgt, als dies auf der Erde geschehen war, wo die Ursprünglichkeit an vielen Stellen erhalten geblieben war, so in den weitreichenden Naturschutzparks, in altertümlichen Ruinen und in nicht mehr benutzten früheren Erzabbaugebieten.
Fleiß und Arbeit von Tausenden und aber Tausenden von Generationen hatten die Menschen des Fluorplaneten über sich selbst hinauswachsen lassen, hatten jedem Stückchen ihres Planeten den Stempel ihres ständigen Schaffens aufgedrückt. Das Leben hatte den Sieg errungen über die Naturkräfte der wilden Flüsse und über die Elemente der Luft, über eine Atmosphäre, die der überaus starken, gefährlichen Strahlung des blauen Sterns und gewaltigen elektrischen Entladungen ausgesetzt war. Die Menschen der Erde schauten und schauten und konnten nicht einen Augenblick lang die Augen abwenden, so faszinierend war für sie alles, was sie sahen und gleichsam miterlebten, als sei es Wirklichkeit. Aber in die so eigenartige, fremde Welt des fernen Fluorplaneten drängte sich, ihnen selbst kaum bewußt, die Erinnerung an den eigenen Planeten, dem sie entstammten. Und während die Augen die Fremdheit einer unendlichen fernen Welt verfolgten, zog vor ihrem geistigen Blick die eigene Welt an ihnen vorüber. Hier fiel ihr Blick auf weite Flächen friedlich daliegender Felder, untermischt mit bodenfeuchten Wäldern, dort auf kahle Bergkuppen und gezackte Felsen mit viel Geröll und dürftiger Vegetation und wieder an anderer Stelle auf die heiteren, von strahlendem Sonnenschein übergossenen Gestade herrlicher Meere mit klarblauem, bis zum Grund durchsichtigem Wasser. Und sie erkannten die klimatisch so ganz verschiedenen Zonen der Erde: die kalten polaren, die gemäßigten und die heißen tropischen Gebiete. Wie eigenartig schön waren auch die weiten Steppengegenden, die im Glast des auf ihnen liegenden Sonnenscheins silbrig schimmerten und flimmerten und über denen entweder fächelnde Winde ihr heiter-anmutiges Spiel trieben oder brausende Stürme, den wilden Jägern gleich, dahinzogen. Umfangreiche, altehrwürdige Wälder von dunklen Tannen und Zedern wechselten mit freundlichen Wäldchen weißer Birken und mit südländischen Hainen schlanker Palmen und gigantischer, immergrüner Eukalypten. Düstere, neblige Küsten und Fjorde des Nordens mit moosbedeckten Uferfelsen wurden abgelöst von dem blendenden Weiß der Korallenriffe in blauleuchtenden südlichen Meeren. Majestätisch erhaben war die kalte Pracht ewig schneebedeckter Berggipfel — hin und her wogten zarte Schleier heißer Luft über weitausgedehnten Wüstengebieten und zauberten trügerische Spukbilder hervor. Und wie verschiedenartig waren die Flußläufe: Da gab es breit und wuchtig in gemächlichem Tempo dahinflutende Ströme — und andererseits wild und ungestüm, wie eine Herde ungezähmter Pferde, mit Schaum und Gischt über die großen Geröllblöcke ihres Flußbettes dahintosende Gebirgsbäche und — flüsse. Wie schön und abwechslungsreich war das alles: die Farbenpracht, die Mannigfaltigkeit der Blumen, das herrliche Blau des Himmels, der sich wie ein Dom über die Erde spannte, mit seinen Wolken und Wölkchen wie zierlichen weißen Vögeln, das sommerliche Leuchten der Landschaft im gleißenden Sonnenlicht, aber auch das besinnliche, zum Nachdenken anregende Dunkel trüber, regnerischer Herbsttage, und schließlich der ewig sich wiederholende und doch von innerlich veranlagten Menschen jedesmal wieder tief empfundene Wechsel der Jahreszeiten. Über all diesem Reichtum der Natur aber erhob sich der Mensch mit seiner noch weit größeren Vielseitigkeit, seiner Schönheit, seinem Tun und Trachten, seinen Träumereien und Überlieferungen, seinem Kummer und seiner Freude, seinen Liedern und seinen Tänzen, seinen Tränen und seiner Sehnsucht…
Welche Macht durchdachter Arbeit, welche zweckmäßige Schönheit, welche Erfindungsgabe und welcher Kunstsinn zeigte sich bei den Bauwerken, den großen Fabrikanlagen, den Maschinen, den Schiffen auf unserer Erde!
Sollten etwa die Fremden mit ihren übergroßen schrägen Augen einen viel größeren Formenund Farbenreichtum auf ihrem eigenen Planeten aufnehmen können, als es die Erdmenschen unter dem Eindruck des kalten Blaulichts vermochten? Sollten sie in der Umgestaltung ihrer so eintönig wirkenden Landschaft in Wirklichkeit weitergehende Fortschritte erzielt haben als die Kinder der Erde auf ihrem Planeten? Diese Fragen stellten sich die Raumfahrer unwillkürlich, nachdem sie sich bewußt geworden waren, wie schön ihnen ihr eigner Planet im Vergleich zu dem fremden vorkam. Und eine Vermutung tauchte auf: Waren die Lebensbedingungen für sie als Geschöpfe eines Sauerstoffplaneten bisher nicht hunderttausendmal günstiger gewesen als für Wesen von Planeten mit anders zusammengesetzter Atmosphäre? Würde das nicht auch in Zukunft so bleiben, und wären nicht ebenfalls die Aussichten, Menschen von anderen Sternen, Brüdern und Schwestern aus fernen Gebieten des Alls, ausfindig zu machen, ungleich günstiger? Wie aber sah dies bei den Fremden aus? Waren sie nicht Geschöpfe des seltenen Fluors mit Fluoreiweiß und Fluorknochen? Enthielt ihr Blut nicht blaue, mit Fluor durchsetzte Blutkörperchen, so wie das der Erdmenschen rote, den Sauerstoff bindende Blutkörperchen enthielt?
Sicherlich lebten diese Menschen eng zusammengedrängt auf ihrem Planeten. Man ging wohl nicht fehl in der Annahme, daß sie schon seit langem den Kosmos nach ihresgleichen oder wenigstens nach einem Planeten mit einer der ihren entsprechenden Fluoratmosphäre durchforschten. Wie aber sollten sie bei der Seltenheit solcher Planeten Erfolg haben, und wie sollten sie über Entfernungen von vielleicht Tausenden von Lichtjahren hinweg diese Planeten erreichen können? Wie verständlich war da ihre Verzweiflung, die große Enttäuschung, die sich ihrer bemächtigt hatte, als sie den Sauerstoffmenschen, wahrscheinlich nicht zum erstenmal, begegnet waren.