Tatsache war, dass er es nicht konnte, nicht jetzt, nicht mit ihr, und wahrscheinlich überhaupt niemals und mit keinem anderen Menschen. Wie konnte er von jenem schrecklichen Ort erzählen, an dem er gewesen war? Wie sollte er in Worte fassen, wofür es keine Worte gab? Und wie sollte er ihnen berichten, was ihm diese entsetzliche Stimme erzählt hatte, ohne ihnen alle Hoffnung zu nehmen?
Er schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht«, sagte er ernst. »Bitte frage nicht weiter, Animah. Ich … könnte es nicht einckmal, wenn ich es wollte.«
»Damit wird sich Gwenderon nicht zufrieden geben«, sagte Animah.
»Gwenderon.« Resnec seufzte, versuchte sich weiter aufzurichten und nickte dankbar, als Animah ihm dabei half. Obwohl seine Schulter so dick bandagiert war, dass er sich wie ein Buckeliger vorkam, spürte er kaum Schmerzen; allenfalls einen leichten Schwindel, der aber wohl eher auf die sechs Tage und Nächte zurückzuführen war, die er reglos dagelegen hatte. Überhaupt fühlte er sich erstaunlich kräftig, bedachte er, was geschehen war. »Es wird nicht leicht sein, sein Vertrauen zu gewinnen«, sagte er. »Dabei wäre es so wichtig. Ich fürchte, er weiß noch immer nicht, wie gefährlich Lassar wirklich ist.«
»Oh doch«, widersprach Animah. »Er weiß es, Resnec, glauckbe mir. Und er weiß wohl auch, auf welcher Seite du wirklich stehst. Gib ihm ein wenig Zeit, sich zu bedenken, ohne das Gesicht dabei zu verlieren. Er ist ein sturer alter Dickschädel, aber ein guter Mann.«
Zeit, dachte Resnec. Zeit war vermutlich das Einzige, was sie nicht hatten. Aber er sprach es nicht aus. Es hätte nichts genutzt.
»Du siehst müde aus«, sagte er stattdessen. »Geh und ruh dich aus. Ich komme allein zurecht. Und ich werde bestimmt nicht fortlaufen«, fügte er mit einer Geste auf seine bandagierte Schulter hinzu.
Animah lächelte pflichtschuldig. Die Sorge in ihrem Blick war nicht kleiner geworden, aber ihre Müdigkeit erwies sich als stärker. Sie nickte, stand sehr langsam und mit den umständlichen Bewegungen eines Menschen auf, der die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit längst überschritten hatte, und deutete zur Tür. »Wenn du irgendetwas brauchst, dann rufe einfach«, sagte sie. »Vor der Tür steht eine Wache. Es war Gwenderons Befehl«, fügte sie in entschuldigendem Tonfall hinzu. »Sobald die Sonne aufgeht, komme ich zurück. Mit Gwenderon. Und dann werde ich dafür sorgen, dass er dir zuhört.«
15
In dieser Nacht träumte er wieder. Erst spät am Abend des nächsten Tages hatte sich Cavin in sein Gemach zurückgezogen, nicht einmal aus Einsicht oder Müdigkeit, sondern nur, weil seine Diener in ihn drangen und auch Lassar zu bedenken gab, dass er jetzt schließlich König und somit für mehr als sein eigenes Wohlbefinden verantwortlich sei; und überdies, so fügckte er hinzu, würden die nächsten Tage anstrengend werden und sein kühles Überlegen fordern. Nachdem er sich einmal zurückgezogen und auf seinem Bett ausgestreckt hatte, begann sein Körper einfach zu fordern, was ihm Cavin vorenthalten hatte; er schlief ein, kaum dass sein Kopf die Kissen berührt hatte – und er träumte wieder. Es war der übliche Traum, der ihn seit Monatsfrist peinigte, die wogende Schwärze, von der er nun wusste, dass es die Megidda war, von der irgendetwas in ihm gewusst hatte, lange ehe er sie jemals zu Gesicht bekam, und die Furcht, die ihm noch immer so unerklärlich war wie zuvor. Aber dann änderte sich der Traum doch und er sah den Baum, aber es war kein Baum mehr, sondern eine gigantische, vielfingrige Klaue, die sich in den Himmel gekrallt hatte. Ströme von Blut liefen aus der Wunde, die sie in das Firmackment riss, tropften als roter, klebriger Regen zu Boden und durchtränkten die Männer, die an seinem Fuße durcheinander liefen. Erst kam es Cavin wie ein sinnloses Hin und Her vor, dann erkannte er, dass sie kämpften: Er sah sich selbst, er sah Lassar und seine Krieger, er sah Mannon und eine Anzahl Raetts in schwarzen Lederrüstungen, und Gwenderon, Gwenderon mit einem blutigen Schwert in der Hand, Gwenderon mit Kleidern und Haaren, die rot und schwer von Blut waren, Gwenderon mit dem abgeschlagenen Kopf seines Vaters in der Hand, Gwenderon mit einem Speer, mit dem er auf ihn eindrang – immer wieder Gwenderon, den Mann, den er wie nichts auf der Welt hasste.
Er erwachte übergangslos.
Sein Herz jagte. Obwohl er in Schweiß gebadet war, fror er, und für Augenblicke glaubte er noch die schwarzen Schemen seines Traumes wie schreckliche, finstere Nachtbilder auf seickner Netzhaut zu sehen. Dann begriff er, dass der Schatten neckben seinem Bett echt war. Er fuhr auf.
»Lassar? Was … was tut Ihr in meinem Schlafgemach? Wer hat Euch hereingelassen?«
Es war das erste Mal, dass er einen Schatten lächeln sah. »Niemand, mein König«, antwortete Lassar. »Vergebt Euren Wachen. Es ist nicht ihre Schuld. Ich weiß Wege, auf denen sie mich nicht aufhalten können. Ihr habt im Schlaf geschrien. Ich war in Sorge um Euch.«
»Ein Alptraum«, antwortete Cavin unwillig. »Es war nichts.«
»Nichts?« Lassar sah ihn einen Moment scharf an, dann wandte er sich um, ging zum Kamin und tat etwas mit den Flammen, das sie höher auflodern ließ, sodass sich der Raum mit flackernd roter Helligkeit erfüllte. »Ihr träumt von der Megidda und Ihr glaubt, es wäre nichts?«
»Woher kennt Ihr diesen Namen?«, fragte Cavin erschrocken. »Ihr … ihr wisst, was –«
»Ihr scheint zu vergessen, mein König«, unterbrach ihn Lassar, sehr sanft, aber auch voller Spott, »dass die Träume und Visionen mein Reich sind.«
Er drehte sich herum, ohne sich aus der gebeugten Haltung aufzurichten, in der er sich vor den Kamin gehockt hatte, und lächelte verzeihend. Cavin sah, dass das flackernde Rot der Flammen durch seine Hände hindurchschien. »Ich weiß, dass Euer Vater glaubte, das Wissen um die Megidda und den Köcknig der Bäume wäre Eurer Familie vorbehalten. Aber habt keickne Sorge – Euer Geheimnis ist sicher aufgehoben bei mir.«
»Woher wisst Ihr davon?«, fragte Cavin scharf, ohne Lassars Worte auch nur zur Kenntnis zu nehmen.
»Ich weiß es«, antwortete Lassar, nun in einem Ton, der deutlich machte, dass dies für ihn Antwort genug sei. Er stand auf, kam näher und sah einen Moment lang auf Cavin herab; mit einem Blick, unter dem dieser sich beinahe sofort unwohl zu fühlen begann.
»Ihr solltet diesen Träumen nicht zu wenig Beachtung schenken, mein König«, sagte er, mit einem Male sehr ernst. »Träuckme sind mehr, als die meisten Menschen ahnen. Sie sind Botckschaften. Manchmal auch Warnungen. Es wäre ein Fehler, sie zu missachten. Erzählt mir, was Ihr geträumt habt.« Er lächelte, als Cavin ihn nur mit wachsendem Schrecken ansah ohne zu gehorchen. »Oh, ich verstehe – Euer Vater hat Euch verboten über die Megidda zu sprechen, nicht wahr? Nun, er tat recht daran. Aber erzählt mir von Eurem Traum. Lasst alles, was die schwarze Festung betrifft, einfach weg.«
»Ich sah … Männer«, sagte Cavin nach einer Weile. »Und Raetts. Sie … sie kämpften.«
»Um die Festung?«
»Und Gwenderon«, fuhr Cavin fort, als hätte er Lassars Frage gar nicht gehört.
Ein Schatten von Unmut huschte über Lassars Züge. Dann lächelte er wieder. »Gwenderon«, murmelte er. »Nun, es scheint mir normal, dass Ihr von Gwenderon träumt, mein Köcknig. Nach allem, was geschehen ist … Aber es gefällt mir nicht, dass Ihr es in diesem Zusammenhang tut. Gwenderon weiß von der schwarzen Festung. Er weiß, wo sie ist.«
Es war keine Frage, und obwohl Cavin mit jedem Moment mehr spürte, dass es einfach falsch war, Lassar gegenüber auch nur den Namen jener geheimnisvollen Stadt im Wald zu erckwähnen, nickte er. Er hatte Lassar zwar erzählt, dass Gwenderon ihm und seinem Vater im Wald aufgelauert hätte. Aber vielleicht war es sinnlos, den Herrn der Lügen belügen zu wollen.
»Es war dort, wo er meinen Vater erschlug«, antwortete er schließlich.
»Dann weiß er nicht nur um ihre Existenz, sondern hat sie auch entweiht«, murmelte Lassar besorgt. »Das gefällt mir nicht. Vielleicht war Euer Traum wirklich eine Warnung. Wenn es ihm gelingt, sich mit seinen Rebellen dorthin zurückzuziehen …«