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»Steh auf«, sagte er leise.

Die Wächter mussten die Hexe stützen. Willenlos hing sie in ihren Armen. Ihre Abwehrkräfte reichten nur, um das Bewusstsein nicht zu verlieren.

»Lass uns das Kriegsbeil begraben«, schlug Klawdi vor, während er die Kapuze zurechtrückte und die Sehschlitze neu ausrichtete. »Du bist zu schwach für einen Kampf, und mir steht nicht der Sinn danach … Was ist in Rjanka los? Holt ihr zum Schlag aus? Oder spannt ihr ein Netz?«

»Ich weiß es nicht«, krächzte die Hexe voller Hass. Um diese Lüge zu bestrafen, bohrte er sich in ihren Blick und maß ihren Brunnen aus.

Die Hexe schrie auf, denn der Schmerz war mehr, als sie ertragen konnte. Klawdi biss die Zähne aufeinander. Vierundsiebzig. Bei einer unauffälligen, durchschnittlichen Arbeitshexe! Ein ähnliches Gefühl musste einen Gemüsegärtner beschleichen, der in seinen Beeten einen Bären von der Größe eines Königspudels einfing.

Die Frau verlor das Bewusstsein und tauchte in eine tiefe Ohnmacht ab. Klawdi schielte zum Protokoll über das Vorverhör hinüber. Xana Utopka, von Beruf Grundschullehrerin.

Mit geschlossenen Augen stellte er sich den Kurator aus Rjanka in allen Einzelheiten vor, packte ihn insgeheim beim Revers, schüttelte ihn …

Er würde nach Rjanka fahren müssen. Über kurz oder lang würden die Scheiterhaufen der Lynchjustiz dort lodern. Grillen würde man jedoch weder Schild- noch Kampfhexen, ja, nicht einmal einfache Arbeitshexen, sondern ganz gewöhnliche, dumme, nicht initiierte Mädchen, solche wie jene Rothaarige, die ihn an eine Füchsin erinnerte.

»Xana Utopka«, sagte er in die Dunkelheit hinein. »Registrierungsnummer 709, normale Haftbedingungen … Und holt sofort einen Arzt!«

Die quietschende Tür öffnete und schloss sich.

Die nächste Hexe betrat mit stolz erhobenem Kopf den Raum. Sofort erkannte Klawdi sie wieder. »Das ist bloß der Anfang! Das ist bloß der Anfang! Wartet’s nur ab!«

»Hallo, Schreihals«, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Das Mädchen war höchstens fünfzehn. Klawdis Anwesenheit irritierte sie, mehr aber auch nicht. Um ihre innere Abwehr hätte sie ein schwerer Panzer beneiden können.

»Hallo, Henker«, erwiderte sie ungerührt. »Hast du für den Scheiterhaufen genug Brennholz auf Vorrat?«

»Keine Sorge, das hab ich«, beruhigte sie Klawdi. »Warum hast du gesagt, dies sei nur der Anfang?«

»Das wirst du schon noch sehen«, erklärte die junge Frau mit gebleckten Zähnen. Bei ihr handelte es sich um eine Bannerhexe. Dieser Typ war fanatisch bis zum Wahnsinn und verfügte, was die Sache besonders unangenehm machte, ansatzweise über das zweite Gesicht. Sie spielten die hysterischen Wahrsagerinnen, tarnten ihren nüchtern kalkulierenden Verstand dabei jedoch bloß hinter Raserei.

»Bist du schon volljährig?«, fragte Klawdi nachdenklich.

»Nein«, teilte das Mädchen sorglos mit. »Ich bin noch keine achtzehn … Laut Hexenrecht dürfen Minderjährige beim Verhör nicht gefoltert werden, ebenso wie bei ihnen von allen anderen Arten der Bestrafung abzusehen ist. Stimmt doch, oder?«

»Hmm«, meinte Klawdi nickend, während er nach ihrem Blick schnappte.

Eine sekundenkurze Pause. Die Hexe erbleichte, ließ sich ihren Schmerz jedoch nicht anmerken. Klawdi gab sie wieder frei und sank erschöpft gegen die Lehne.

Der Brunnen rangierte auf der Skala bei fünf- oder sechsundsiebzig. Entweder musste dem Kurator aus Rjanka eine Prämie für die Festnahme der drei stärksten Hexen im Land ausgezahlt werden, oder …

… oder in Rjanka schossen seit Kurzem Hexenmonster wie Pilze aus dem Boden.

Klawdi senkte die Lider. Er gierte nach einer Zigarette.

Eine Bannerhexe also. Vorgefühle, Vorhersagen, geheime Hoffnungen und Ängste …

»Kein Verhör mit Folter«, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Seine rechte Hand streckte sich in Richtung der Hexe aus, bis die Spitzen der angespannten Finger auf Höhe ihrer gemeinen grünen Augen schwebten. Bannerhexen hatten eine fatale Schwäche: Sie orakelten allzu gern.

»Neh…men … Sie … die weg!«, jammerte das Mädchen. Klawdis Finger pressten sich zusammen.

Auch unter der Folter hätte sie vermutlich kaum etwas preisgegeben. Prophezeiungen krochen jedoch ganz von selbst aus ihr heraus. Sie konnte diesen kruden Strom nicht eindämmen — und vermutlich wollte sie es auch gar nicht. Die grünen Augen loderten entrückt.

»Sie … kommt! Sie ist schon auf dem Weg, sie …« Es folgte zusammenhangloses Gemurmel. »Sie schart uns um sich und …« Wilde Schreie, ein seliges Lächeln.

Klawdi schielte in die Schublade des Tisches. Alles in Ordnung, das Aufnahmegerät war eingeschaltet. Er würde sich den Text einprägen. Das eine oder andere dürfte von Interesse sein, selbst wenn vorerst nur ein einziger Hinweis relevant war: »Odnyza!«, schrie das Mädchen, während es den Kopf zurückwarf. »Im Kreis Odnyza. Ja, ja, ja!«

Odnyza, das klang für die meisten Menschen wie Musik. Ein Ferienort, Magnet für Touristen aus aller Welt, endlose Strände, la dolce vita, ein heiliger Traum, ausgebrütet in den langen Monaten des Winters und Herbstes, Geld, das eigens »für Odnyza« abgezweigt und gespart wurde, für Odnyza und in seinem Namen.

Der Kreis Odnyza grenzte an Rjanka. Der zwischenzeitlich eingesetzte Kurator war ein Mann Klawdis, ein treuer und zuverlässiger Kollege. Und da es längst zu spät war, nach Rjanka zu fahren, blieb ihm nur Odnyza, der Kreis Odnyza.

Zehn Sekunden nachdem er den Druck aufgegeben und die Hand weggenommen hatte, stellte das Mädchen das Prophezeien wieder ein. Mit einem schiefen Grinsen versuchte die junge Hexe, die eingebüßte Würde zurückzugewinnen. Denn vormachen konnte sie sich da nichts: Sie hatte sich der Gewalt gefügt und getan, was er von ihr verlangt hatte.

Die Rache ließ nicht lange auf sich warten. »Du wirst dein Leben auch noch in unserem Feuer aushauchen.«

»Ach ja?« Klawdi zog die Augenbrauen hoch. »Verwechselst du mich da nicht mit jemandem?«

»Du stirbst im Feuer«, wiederholte das Mädchen nachdrücklich. »Schade, dass ich nicht dabei sein werde.«

»Fürwahr ein würdiger Anlass zur Wehklage«, bemerkte er.

Die Hexe beruhigte sich jedoch nicht, sondern fuhr mit ihrem lautstarken Lamento auch dann noch fort, als man sie bereits den Gang entlangführte. »Ins Feuer! Der Großinquisitor teilt das Schicksal der Hexen, ins Feuer, ins Fe…«

Die quietschende Tür schloss sich und würgte damit das Ende des Satzes ab. Für eine Zigarettenpause reichte die Zeit nicht.

Die vierte Inhaftierte war mager und hatte eine Hakennase. Der dunkle Mantel hing an ihr wie an einem Kleiderständer. Sobald sie Klawdi erblickte — eine schwarze Figur, beleuchtet von einer Fackel, die schwarze Kapuze, die starren Augen in den Sehschlitzen –, fing die Frau an zu zittern und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Eine Weile lang starrte er sie verwundert an. Es bereitete ihm Mühe, so wie sonst seinem professionellen sechsten — oder siebten? — Sinn zu vertrauen. »Dyara Luz«, informierte ihn das Protokoll über das Vorverhör. »Leiterin eines Tanzensembles. Vermutlich eine Kampfhexe, deren Klassifizierung schwierig ist, da …«

Klawdi huschte mit den Augen über den Text, bis er ans Ende gelangte, zur Unterschrift. Als er sie las, empfand er eine gewisse Erleichterung. Damit, mein lieber Kurator aus Rjanka, hast du dir dein eigenes Grab geschaufelt. Nun kann ich dich problemlos und ohne jedes Zögern eliminieren, denn einen solchen Lapsus sehen dir selbst deine engsten Freunde nicht nach. Kampfhexe, pah!