»Ich bin keine Hexe«, flüsterte die Hakennasige, die sich das Gesicht immer noch mit den Händen bedeckte. »Das ist ein grauenvoller Irrtum … Ich schwöre bei meinem Leben, dass ich keine Hexe bin, dass ich …«
»Ich weiß«, versicherte Klawdi seufzend.
Die Frau verstummte. Sie löste die tränenfeuchten Finger von den Wangen und richtete die Augen auf Klawdi. Sie waren vom Weinen geschwollen. »Sie … Ich bin keine … Weshalb?!«
»Die Oberste Inquisition entbietet Ihnen ihre aufrichtige Entschuldigung«, sagte er mit offizieller, monotoner Stimme. »Die für diesen Fehler Verantwortlichen werden aufs Schärfste bestraft werden.«
»Mich …«, schluchzte sie, »… wie eine … zusammen mit … denen … wie soll ich jetzt … leben … was soll ich sagen …«
Die Wächter, selbst nahezu fassungslos, geleiteten sie bereits auf den Gang hinaus. Klawdi senkte den Kopf und ließ sich nicht in die Augen blicken.
Die quietschende Tür schloss sich. Wütend riss sich der Großinquisitor die Kapuze vom Kopf, streifte den Seidenumhang von den Schultern und tastete in der Brusttasche nach dem heißersehnten Päckchen Zigaretten.
Er hatte nicht die geringste Absicht, seine Zeit mit dem Kurator von Rjanka zu verplempern. Deshalb unterschrieb er einfach nur den Suspendierungsbefehl und beauftragte Hljur, den Kollegen entsprechend in Kenntnis zu setzen.
Die nächsten anderthalb Stunden verschlangen Berichte und Dossiers. Der Epidemie in Rjanka war Einhalt geboten worden, allerdings setzte nun in Bernst, am anderen Ende des Landes, ein massenhaftes Viehsterben ein. Draußen vor dem Palast der Inquisition ertranken aufgebrachte Demonstranten fast im Regen. Klawdi warf einen flüchtigen Blick auf ein noch warmes Foto, aus dem ihn undurchdringliche Gesichter und ausnehmend beleidigende Plakate ansprangen. Warum, wusste er zwar nicht, aber er war davon überzeugt, dass dem Herzog genau in dieser Minute ebenfalls ein solches Bild auf den Schreibtisch gelegt wurde.
Gleichsam als Antwort auf diesen Gedanken blinkte das rote Lämpchen des Regierungstelefons auf.
»Es ist nicht leicht, Sie zu erreichen, Herr Großinquisitor.«
»Die Arbeit im Namen der staatlichen Sicherheit verlangt eine gewisse Mobilität, Eure Durchlaucht«, entgegnete Klawdi trocken.
»Dann will ich nur hoffen«, schnaubte der Herzog, »dass Sie sich in den nächsten Stunden etwas mobiler zeigen als im letzten halben Jahr — selbstverständlich nur, falls es diesbezüglich tatsächlich eine gewisse Dependenz gibt. Ich meine, zwischen Ihrer Mobilität und der Zahl der Toten in Rjanka. Oder zwischen Ihrer Mobilität und dem Schaden, den die Wirtschaft in Bernst erlitten hat. Haben Sie schon gehört, dass die Kühe dort verrecken? Sie wissen wohl nicht auch zufällig, warum?«
»Um der Reinheit des Experiments willen«, entgegnete Klawdi bedächtig, »sollte ich vielleicht Urlaub nehmen … den ich am liebsten in Odnyza verbringen würde. Dann würden wir ja sehen, ob die Dinge wieder ins Lot kämen. Vielleicht werden die Kühe ja wieder lebendig?«
»Eine schöne Zeit für Ihre Scherze haben Sie sich da ausgesucht.« Die Stimme des Herzogs wechselte von einer kalt-spöttischen Tonlage in die gänzlich kalte.
»Und Sie haben eine nicht minder schöne für Ihre Gardinenpredigt gefunden«, parierte Klawdi. »Ich kenne einen Witz, da verprügelt ein besonders schlauer Bauer seinen Zuchthengst, nun … sozusagen … mitten im Geschehen. Um die Qualität der Nachkommen zu verbessern. Na, kommt Ihnen das vage bekannt vor?«
Der Herzog legte eine Pause ein. Jeder andere Beamte hätte es in dieser Zeit geschafft, sich vor Angst gewaltig in die Hose zu pinkeln. Es war eine bedeutsame, eine schöne Pause.
»Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Klaw«, fuhr der Herzog mit tiefer Stimme fort. »Aber mir gefällt nicht, was da vor sich geht.«
»Wir tun alles, um das Ganze im Zaum zu halten«, erklärte Starsh einlenkend.
Damit konnten sich beide zufrieden geben.
Noch ein paar Minuten behielt Klaw den stummen Hörer nachdenklich in der Hand. Dann drückte er auf die Gabel und wählte die Nummer seines Stellvertreters. »Hljur, ich fahre nach Odnyza.«
Für den Nachhauseweg brauchte er eine halbe Stunde. Wieder betrachtete er den Inhalt des Kühlschranks, den seine umsichtige Haushälterin aufgefüllt hatte. Nachdem er etwas kaltes Wasser getrunken, das Hemd gewechselt und den überquellenden Aschenbecher angeekelt zur Kenntnis genommen hatte, warf er sich aufs Sofa, um sich einem fünfzehn Minuten langen An-nichts-Denken hinzugeben. Seine heilige Viertelstunde.
Aus diesem entspannenden Halbschlaf riss ihn das Telefon. Ganz von selbst tastete seine Hand nach dem Hörer. »Ja, hallo.«
Es knisterte leise in dem unsichtbaren Gang, der zwischen ihm und jenem, der am anderen Ende schwieg, entstanden war.
»Hallo …«, wiederholte er mechanisch.
Jemand atmete in den Hörer. Unterdrückt und ungleichmäßig. Noch immer benommen setzte sich Klawdi auf dem Sofa hoch. »Wer ist denn da?«
Niemand. Stille. Keine falsche Verbindung, sondern einfach Schweigen. Ein Hörer, den eine Hand fast zu Tode quetschte. Durch die Wände der Telefonzelle drang der ferne Krach der Stadt. Am anderen Ende versuchte gerade jemand, den Atem anzuhalten. Dieser Jemand konnte nicht sehr groß sein, dazu war das Brustvolumen zu klein.
»Ywha, bist du das?«
Verschreckt tuteten die kurzen Freizeichen los.
Klawdi schaute auf die Uhr. Unten wartete bereits ein Wagen auf ihn.
Mist.
Er hämmerte auf die Tasten. Glücklicherweise ging Mytez junior an den Apparat. Heiser und offenbar verschlafen. »Nasar?« Klawdi versuchte, seine Stimme möglichst natürlich und sorglos klingen zu lassen. »Hier ist Klaw. Wie geht’s dir?«
»Danke«, brachte der junge Mann tapfer hervor. »Gut … Ich … Soll ich Papa rufen?«
»Nasaruschka«, sagte Klawdi, »ich muss jetzt gleich wegfahren … Ich wollte dich nur fragen, ob … Ywha ist nicht zufällig aufgetaucht?«
Eine Pause. O ja, hier hätte der Herzog seinen Meister gefunden. Von ihm könnte er noch lernen. Von diesem Nasar Mytez, zwanzigeinhalb Jahre alt.
»Nein«, stieß Nasar schließlich aus. »Soll ich Papa jetzt rufen?«
»Richte ihm einen Gruß von mir aus«, sagte Klawdi rasch. »Also dann, tschüs.«
»Tschüs …«
Wieder erklangen die vielsagenden Freizeichen. Was für ein Tag, dachte Klawdi müde. Ein wahrer Festtag des Telefonsignals!
Er wählte erneut. Der Wachhabende im Gefängnistrakt meldete sich prompt.
»Guten Abend, Kul, hier ist Starsh … Magda Rewer, Registrierungsnummer 712, will sie immer noch nichts sagen?«
Schweigen. Wirklich ein erstaunlicher Tag, dachte Klaw.
»Kul, die Fähigkeit, Gedanken zu lesen, ist mir nicht gegeben. Sie sollten sie schon in Worte kleiden.«
»Herr Großinquisitor … Ich habe bereits vor zehn Minuten Herrn Hljur darüber informiert, dass …«
»Was?!«
»Magda Rewer, Nummer 712, hat sich das Leben genommen. Mit dem Zeichen des Spiegels … Ich bin bereit, jede Strafe auf mich zu nehmen, Herr Großinquisitor, aber …«
»Verstehe. Setzen Sie Ihren Dienst fort, Kul. Was ich zu diesem Vorfall zu sagen habe, werde ich Ihnen persönlich mitteilen.«
Diesmal unterblieben die Freizeichen — der Wachhabende Kul wartete beflissen, bis Klawdi den Hörer aufgelegt hatte. Zeremonien!
Magda Rewer wäre so oder so zum Tod verdammt gewesen. Trotzdem gehörte einiges dazu, den grausamen und widerwärtigen Tod mit dem Zeichen des Spiegels zu wählen, bei dem man in der eigenen Scheiße ertrank. Gefesselt hatte die Hexe dagesessen, in dieser kleinen quadratischen Zelle, und all ihren Hass und ihre Niedertracht heraufbeschworen. Gespiegelt an der Wand mit dem Zeichen, brachte ihre eigene Teufelei sie ganz langsam um.