»Und wie soll das unsere Aussicht zu fliehen verbessern?« Unglücklich betrachtete Valretrade die eiserne Kette, die sie nun an den Handgelenken miteinander verband.
»Man wird uns durch die Stadt zum Fluss führen. Die Straßen sind eng.«
»Zumindest einige«, bestätigte die junge Nonne.
»Wir müssen zusehen, dass wir in die Mitte der Kolonne geraten. Vorn und hinten werden Wachposten gehen, und wir müssen möglichst weit weg von ihnen sein.«
»Ja, und dann?«
»Kennst du enge Gassen, die sich für einen Ausbruch besonders anbieten? Wir müssen rennen, was wir können, und so viel Vorsprung vor unseren Verfolgern gewinnen, dass Zeit zum Verstecken bleibt.«
Valretrade überlegte. »Das hängt davon ab, auf welcher Seite sie uns von der Villa wegführen. Ein paar günstige Gelegenheiten gibt es schon. Nur müsste es bald losgehen. Bei Tageslicht dürften wir kaum eine Chance haben.«
Wie auf ein Stichwort wurde die Tür aufgerissen, und Verbas von Peqini stand auf der Schwelle, breitbeinig, die Hände auf den Hüften. Sofort hatte Fidelma ihre Kapuze über den Kopf geworfen.
»Nun, wie weit seid ihr?«, rief er einem der Wärter auf Latein zu. »Ist alles fertig?«
»Alles bereit, Herr«, lautete die Antwort.
»Dann führt sie hinaus und stellt sie in einer Reihe auf. Vor Tagesanbruch will ich aus der Stadt sein.«
Die Wächter drängten die Frauen die Steinstufen hinauf und durch die Tür in den Seitengarten der Villa. Dreißig Frauen und sieben Kinder, eins davon noch ein Säugling, der auf dem Arm getragen wurde, waren jeweils zu zweit aneinandergekettet. Draußen wurden sie von weiteren Wächtern erwartet. »Die Kinder nach vorn, alle anderen dahinter. Beeilt euch!« Die Frauen begannen sich aufzustellen, und Fidelma und Valretrade schoben sich rasch in die Mitte der Kolonne, die sich bildete.
Man brachte Verbas ein Pferd. Er stieg auf und maß seine Untergebenen mit verächtlichen Blicken. »Jeder, der versucht zu fliehen, bekommt die Peitsche zu spüren«, rief er mit rauer Stimme. »Aufseher, falls eine nicht Latein versteht, sollen ihr die Mitgefangenen klarmachen, welche Strafe sie erwartet.
Dass mir das in Ordnung geht! Ihr werdet euch jetzt rasch und lautlos bewegen. Verstanden?«
»Verstanden, Herr«, rief der Oberaufseher.
Verbas gab das Zeichen zum Aufbruch und ritt langsam durch das Seitenportal der Villa. Die Frauen aber wurden über das Kopfsteinpflaster durch die Straßen getrieben. »Ich verlass mich auf dich«, flüsterte Fidelma ihrer Gefährtin zu. »Gib mir ein Zeichen, wenn wir uns der nächsten schmalen Gasse nähern. Dann müssen wir um unser Leben rennen.«
Valretrade nickte kaum merklich. Zwei Straßen hatten sie überquert und gerieten nun in ein Viertel mit vielen Seitenstraßen. »Weiter unten geht rechts ein schmaler Durchgang ab. Führt kreuz und quer durch ein Labyrinth, an manchen Stellen ist er so eng, dass kaum ein Mensch durchkommt.«
Fidelma ging dicht neben ihr und fasste sie bei der Hand. »Wir rennen beide los, wenn ich es sage«, flüsterte sie entschlossen.
»Beide zugleich!«, hauchte Valretrade.
Schon kamen sie im Halbdunkel dem Durchgang näher, zum Überlegen blieb keine Zeit. Sobald sie auf seiner Höhe waren, gab Fidelma das Signaclass="underline" »Los!« Die beiden Frauen sprangen mit einem Satz in die düstere Gasse. Sie hielten sich angefasst, damit die Handschellen sie möglichst wenig behinderten. Dann rannten sie über das Katzenkopfpflaster, so schnell sie nur konnten. Hinter sich hörten sie wütendes Gebrüll und schrille Schreie.
Mitternacht war längst vorüber, als Bruder Chilperic endlich von seinem Erkundungsgang zurückkam und berichtete, der major domus in Gräfin Beretrudes Villa hätte ihm bestätigt, dass niemand Schwester Fidelma zu Gesicht bekommen habe. Der Art seiner Auskunft war zu entnehmen, dass der Hüter des Hauses sich nicht die Mühe gemacht hatte, seine Herrin zu fragen, sondern Bruder Chil-peric am Tor der Villa kalt lächelnd abgefertigt hatte. Genau das hatte Eadulf befürchtet.
Abt Segdae konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, selber zur Villa zu gehen. »Damit hilfst du keinem. Wenn es so ist, wie du vermutest, dass der major domus lügt und dass sogar Gräfin Beretrude ihre Hand im Spiele hat, dann bringst du nicht nur dich, sondern auch Fidelma in Gefahr.«
»Aber was können wir sonst tun?«, fragte Eadulf verzweifelt.
»Warten wir, bis der Tag anbricht. Im Licht der Morgensonne klärt sich vieles. Du brauchst ein paar Stunden Ruhe.«
»Wie soll ich jetzt Ruhe finden?«, murmelte Eadulf. »Entspanne dich und meditiere. Nach der Morgenandacht teilen wir Bischof Leodegar mit, dass wir zur Villa gehen und darauf bestehen werden, Beretrude persönlich zu sprechen.«
Erst nach längerem Zureden, und selbst auch dann noch widerstrebend, willigte Eadulf ein, sich ins Gästequartier zu begeben. Ruhe finden konnte er sobald nicht, doch schließlich übermannte ihn der Schlaf. Als er erwachte, war es bereits hell, und eine Glocke läutete zur Morgenandacht.
Kaum waren Fidelma und Valretrade in die dunkle Gasse gerannt, drängten sich die anderen Frauen vor dem Durchgang zusammen, versperrten ihn mit ihren Leibern und hinderten die Wachposten, den Flüchtigen nachzusetzen. Blindwütig schlugen die Wächter mit ihren Peitschen auf die Menge ein. Verbas von Peqini brüllte sinnlose Befehle, und zwei von den Kerlen gelang es endlich, die Frauen beiseite zu stoßen und den beiden hinterherzujagen.
Fidelma und Valretrade liefen so rasch, wie es ihnen in der Dunkelheit und in dem engen Gang möglich war. »Weißt du, wo diese Gasse hinführt?«, keuchte Fidelma, als sie in ein Gewirr kleiner Quergänge gerieten.
»Ja. Es ist nicht mehr weit. Ich weiß, wo wir uns verstecken können.« Zielsicher trabte Valretrade durch die verschlungenen Pfade und engen Durchfahrten, bis Fidelma total die Orientierung verloren hatte und sich voll und ganz auf ihre junge Gefährtin verlassen musste. Plötzlich blieb sie vor einem Holztor in einer schwarzen Steinwand stehen, hauchte atemlos: »Geschafft!« und griff nach der Klinke. Knarrend ging das Tor auf. Valretrade glitt hinein und zog Fidelma hinter sich her. Sobald sie drinnen waren, legte sie den Sperrbalken vor.
Sie befanden sich auf einem kleinen Hof; ein paar Hühner gackerten aufgeschreckt, blieben aber sitzen, eine angepflockte Ziege jedoch schien ihnen die Ruhestörung zu verübeln.
»Da hinten ist ein Heuhaufen, lass uns dort erst mal verschnaufen«, flüsterte Valretrade.
Sie kauerten sich in die dunkelste Ecke, die vom Tor nicht einzusehen war. Das hätten sie keinen Augenblick später tun dürfen, denn schon hörten sie schwere Schritte und das Schnauben der Wächter, die hinter ihnen her waren. Sie lauschten bang, doch die Geräusche verklangen in der Ferne. Nun aber meckerte die Ziege, und die Hühner flatterten aufgeregt. Gleich darauf ging eine Tür auf, und ein kräftiger Mann trat in den Hof, in der einen Hand hielt er eine Laterne, in der anderen einen großen Schmiedehammer.
»Los, kommt raus, ihr Diebsgesindel«, rief er. »Nehmt euch in Acht, ich bin bewaffnet.«
Der Schein seiner Laterne streifte die Frauen in der Ecke, und er rief noch einmaclass="underline" »Kommt raus, macht schon!« Valretrade rührte sich als Erste. »Ageric - ich bin’s«, sagte sie leise.
Der Mann kam auf sie zu und hob die Laterne. »Bei allen Heiligen! Valretrade?«
Im Nu packte sie ihn am Arm. »Schnell, lass uns ins Haus und lösch das Licht. Unsere Verfolger sind in der Nähe. Ich bringe eine Freundin mit«, flüsterte sie gehetzt.
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging hinein, Valretrade und Fidelma folgten ihm, und er verriegelte die Tür.