Sulla schenkte uns ein säuerliches Lächeln und erhob sich zum Gehen; dann wurde sein Lächeln mit einemmal echt. Er blickte über unsere Köpfe in den Flur, zog die Brauen und neigte charmant den Kopf. »Rufus, mein lieber Junge«, säuselte er, »welch unerwartete Freude!«
Ich blickte mich um und sah Rufus auf der Schwelle stehen, ramponiert und außer Atem. »Lucius Sulla«, murmelte er mit einem Nicken und abgewandtem Blick; nachdem diese förmliche gegenseitige Begrüßung erledigt war, wandte er sich Cicero zu. »Tut mir leid«, sagte er. » Ich habe draußen sein Gefolge gesehen. Ich wußte, um wen es sich handeln mußte, und hätte auch sicher gewartet, aber die Neuigkeit... Ich bin den ganzen Weg hierher gerannt, um es dir zu erzählen, Cicero.«
Cicero runzelte die Stirn. »Um mir was zu erzählen?«
Rufus warf einen Blick zu Sulla und biß sich auf die Lippen. Sulla lachte laut los. »Mein lieber Rufus, in diesem Zimmer kannst du sagen, was immer du willst. Wir hatten bereits ein sehr offenes Gespräch, bevor du gekommen bist. Von den Anwesenden hat niemand Geheimnisse vor mir. Niemand in dieser Republik kann vor Sulla Geheimnisse haben. Nicht einmal dein guter Freund Cicero.«
Rufus klappte den Mund zu und starrte seinen Schwager an. Cicero trat zwischen die beiden. »Los, Rufus. Sag, was du uns zu sagen hast.«
Rufus atmete tief ein. »Sextus Roscius...« flüsterte er.
»Ja?«
»Sextus Roscius ist tot.«
32
Alle Blicke richteten sich auf Sulla, der jedoch genauso überrascht aussah wie wir alle.
»Aber wie?« fragte Cicero.
»Ein Sturz.« Rufus schüttelte konsterniert den Kopf. »Von einem Balkon an der Rückfront von Caecilias Haus. Man stürzt tief, weil der Hügel direkt hinter dem Haus steil abfällt. Eine schmale Treppe windet sich den Hang hinunter. Offenbar ist er auf die Stufen geschlagen und dann noch ein ganzes Stück weitergerollt. Der ganze Körper war zerschmettert -«
»Der Idiot!« ertönte Sullas Stimme wie ein Donnerkrachen. »Der verdammte Idiot! Wenn er so wild entschlossen war, sich selbst auszulöschen -«
»Selbstmord?« fragte Cicero leise. »Dafür gibt es keinen Beweis.« An seinem Blick erkannte ich, daß wir denselben Verdacht hegten. Ohne die Wachen vor Caecilias Haus konnte jemand in Sextus Roscius’ Quartier eingedrungen sein - ein Mörder, den die Roscier oder Chrysogonus oder Sulla selbst geschickt hatten. Der Diktator hatte einen Waffenstillstand erklärt, aber wie weit konnte man ihm trauen?
Aber Sullas Empörung schien Beweis seiner Unschuld zu sein. »Natürlich war es Selbstmord«, fuhr er Cicero an.« Wir wissen alle, in welchem Geisteszustand der Mann sich seit Monaten befunden hat. Ein Vatermörder, der langsam verrückt wird. So hat die Gerechtigkeit am Ende doch gesiegt, und Sextus Roscius war sein eigener Henker.« Sulla lachte wenig fröhlich und wurde dann aschfahl. »Aber wenn er entschlossen war, sich selbst zu richten, warum hat er dann bis nach dem Prozeß gewartet? Warum hat er sich nicht gestern oder vorgestern oder letzten Monat umgebracht und uns all den Ärger erspart?« Er schüttelte den Kopf. »Er wird freigesprochen - und bringt sich dann um. Seine Schuld holt ihn erst ein, nachdem das Gericht ihm die Absolution erteilt hat. Das ist absurd, geradezu lächerlich. Als Ergebnis bleibt nur, daß ich vor den Augen der ganzen Stadt gedemütigt worden bin!« Er ballte eine Faust, rollte die Augen himmelwärts und murmelte anklagend: »Fortuna!«
Ich begriff, daß ich Zeuge wurde, wie ein Mann mit seiner Schutzgöttin haderte wie mit einer Geliebten. Sein ganzes Leben lang war Sulla von Fortuna begünstigt gewesen; Ehre, Reichtum, Ruhm und Lustbarkeiten waren ihm in den Schoß gefallen, und nicht einmal die geringfügigsten Rückschläge hatten den triumphalen Fortgang seiner Karriere behindert, jetzt war er ein alter Mann, dessen Körper und Macht verfielen, und Fortuna zeigte sich auf einmal launenhaft wie eine gelangweilte Geliebte, die mit seinen Feinden flirtete und ihn mit kleinlichen Niederlagen und banalen Rückschlägen strafte, die einem so erfolgverwöhnten Mann tatsächlich abwegig Vorkommen mußten.
Er wickelte sich in seine Toga und schritt Richtung Tür, den Kopf wie den Schnabel eines angreifenden Schiffes gesenkt. Als Cicero und Rufus zur Seite gingen, trat ich vor und stellte mich ihm mit demütig gesenktem Kopf in den Weg.
»Lucius Sulla - guter Sulla -, ich darf doch annehmen, daß das nichts an den Bedingungen ändert, auf die wir uns heute abend hier geeinigt haben?«
Ich war nah genug, um zu hören, wie er scharf die Luft einzog, und spürte auch die Wärme auf meiner Stirn, als er wieder ausatmete. Mir kam es so vor, als würde er sich für die Antwort sehr lange Zeit lassen - lange genug, um mich unter heftigem Pochen meines Herzen zu fragen, welcher verrückte Impuls mich getrieben hatte, ihm in den Weg zu treten. Aber ungeachtet der Kälte in seiner Stimme, antwortete er ruhig: »Es hat sich nichts geändert.«
»Dann sind Cicero und seine Verbündeten nach wie vor immun und vor der Rache der Roscier sicher -«
»Selbstverständlich.«
»- und die Familie von Sextus Roscius wird trotz seines Todes eine Entschädigung von Chrysogonus erhalten?«
Sulla hielt inne. Ich hielt meinen Blick zu Boden gewandt. »Natürlich«, sagte er. »Für seine Frau und seine Töchter wird gesorgt werden, trotz des Selbstmordes.«
»Du bist gnädig und gerecht, Lucius Sulla«, sagte ich und machte ihm den Weg frei. Er ging, ohne sich umzusehen, wartete nicht einmal, bis ihn ein Sklave nach draußen begleitete. Wenig später hörten wir, wie die Tür geöffnet und wieder zugeschlagen wurde, bevor die Straße vom Lärm seines abziehenden Gefolges widerhallte. Dann war alles wieder still.
Während des nachfolgenden Schweigens kam erneut eine Sklavin ins Zimmer, um die Trümmer zu beseitigen, die Sulla zurückgelassen hatte. Während sie die Scherben zusammensuchte, starrte Cicero abwesend auf den Haferbrei, den Sulla gegen die Wand geschleudert hatte. » Laß die Rollen einfach liegen, Athalena. Sie sind bestimmt alle durcheinander. Tiro wird sie später aufräumen.« Sie nickte gehorsam, und Cicero begann, auf und ab zu gehen.
»Welche Ironie«, sagte er schließlich. »So viele Anstrengungen auf allen Seiten, und am Ende ist sogar Sulla enttäuscht. Cui bono, fürwahr?«
»Zunächst mal zu deinem, Cicero.«
Er sah mich schelmisch an und konnte das Lächeln, das über seine Lippen huschte, nicht verbergen. Auf der anderen Seite des Raums sah Tiro verwirrter und niedergeschlagener aus denn je.
Rufus schüttelte den Kopf. »Sextus Roscius, ein Selbstmörder. Was meinte Sulla eben damit, die Gerechtigkeit hätte gesiegt und Roscius sei sein eigener Henker gewesen?«
»Auf dem Weg zu Caecilias Haus werde ich dir alles erzählen«, sagte ich. »Wenn Cicero es dir nicht lieber selbst erklären will.« Ich sah Cicero direkt an, der an der Vorstellung offenkundig wenig Gefallen fand. »Dann kann er mir auch gleich erklären, wieviel er schon von der Wahrheit wußte, als er mich engagiert hat. Aber inzwischen sehe ich wenig Grund zu glauben, daß Sextus Roscius’ Sturz ein Selbstmord war, bis ich die Beweise nicht mit eigenen Augen gesehen habe.«
Rufus zuckte die Schultern. »Wie ließe es sich sonst erklären? Es sei denn, es war schlicht ein Unfall - der Balkon ist tückisch, und er hat den ganzen Abend getrunken; er könnte also durchaus ausgerutscht und gestürzt sein. Außerdem gibt es im Haus keinen, der seinen Tod wünscht.«