Выбрать главу

Gelegentlich versuchte Rufus, zu vermitteln und die Rolle des alles verstehenden und vergebenden Patriziers zu spielen.

Die Rolle stand ihm schlecht. »Aber, Cicero, so etwas kommt ständig vor. Außerdem braucht Caecilia nichts davon zu erfahren.« Er streckte den Arm aus, um Ciceros Hand zu greifen, aber Cicero riß sich wütend los, blind für Rufus’ schmerzerfüllte Reaktion.

»Während sich ihr gesamter Haushalt heimlich über sie lustig macht? Nein, nein, Caecilia mag genau wie ich getäuscht worden sein, aber du glaubst doch nicht etwa, daß ihre Sklaven nichts davon mitbekommen haben? Es gibt nichts, absolut nichts Schlimmeres als einen Skandal, der sich direkt vor der Nase einer römischen Matrone abspielt, während ihre Sklaven sich hinter ihrem Rücken darüber amüsieren. Der Gedanke, daß ich solche Schande über ihr Haus gebracht habe! Ich kann ihr nie wieder offen in die Augen sehen.«

Tiro schniefte und schreckte zusammen, als Cicero an ihm vorbeikam. Ich kratzte das Blut von meinen Fingernägeln und stöhnte innerlich über die ersten Anzeichen eines heftigen Kopfschmerzes. Im Atrium konnte man das erste Licht der Dämmerung ausmachen.

»Laß ihn auspeitschen, wenn es sein muß, Cicero. Oder laß ihn erhängen«, sagte ich. »Es ist schließlich dein gutes Recht, und niemand würde etwas dagegen einwenden. Aber schone deine Stimme für den Prozeß. Indem du hier rumschreist, bestrafst du nur Rufus und mich.«

Cicero erstarrte und sah mich wütend an. Zumindest hatte ich seinem unaufhörlichen Hin- und Herrennen ein Ende gemacht.

»Tiro hat möglicherweise wirklich dumm und verwerflich gehandelt«, fuhr ich fort. »Vielleicht hat er sich auch nur verhalten wie jeder junge Mann, der sich nach Liebe sehnt. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, daß er dich oder uns verraten hat, zumindest nicht wissentlich. Er ist getäuscht worden, eine uralte Geschichte.«

Einen Moment lang sah es so aus, als hätte Cicero sich endlich beruhigt. Er atmete tief ein und starrte zu Boden. Dann explodierte er erneut. »Wie oft?« wollte er wissen und warf wieder die Hände in die Luft. »Wie oft?« Wir waren das alles schon einmal durchgegangen, aber die genaue Zahl schien ihn besonders zu irritieren.

»Fünfmal, glaube ich. Vielleicht sechsmal«, erwiderte Tiro schüchtern, wie jedesmal, wenn Cicero ihm diese Frage gestellt hatte.

»Angefangen hat es bei meinem ersten, dem allerersten Besuch in Caecilia Metellas Haus. Wie konntest du dich nur zu so etwas hinreißen lassen? Und es dann auch noch heimlich zu tun, hinter meinem Rücken, hinter dem Rücken ihres Vaters und seiner Patronin, direkt in ihrem Haus! Wo war dein Sinn für Anstand? Oder Schicklichkeit? Was, wenn man dich entdeckt hätte? Ich hätte keine andere Wahl gehabt, als über dich an Ort und Stelle die schwerste Strafe zu verhängen! Und man hätte mich dafür verantwortlich gemacht. Ihr Vater hätte einen Prozeß gegen mich anstrengen und mich ruinieren können.« Seine Stimme war so heiser und kratzend geworden, daß ihr bloßer Klang mich zusammenfahren ließ.

»Höchst unwahrscheinlich«, sagte Rufus gähnend, »in Anbetracht seiner Lage.«

»Das spielt keine Rolle! Wirklich, Tiro. Ich sehe keinen Ausweg aus dieser Sache. Jede angemessene Strafe, die mir einfällt, ist so streng, daß sie mich schaudern läßt. Und trotzdem sehe ich keine Alternative.«

»Du könntest ihm natürlich einfach vergeben«, schlug ich vor und rieb mir meine schmerzenden Augen.

»Nein! Nein, nein, nein! Wenn Tiro bloß irgendein einfacher, ahnungsloser Arbeitssklave der untersten Kategorie wäre, ließe sich sein Verhalten vielleicht noch entschuldigen - er müßte natürlich gleichwohl bestraft werden, aber das Verbrechen wäre zumindest nachvollziehbar. Aber Tiro ist ein Sklave, der sich mit dem Gesetz besser auskennt als die meisten Bürger. Was er mit der jungen Roscia getan hat, war nicht der spontane Akt einer ahnungslosen Kreatur, sondern die bewußte Entscheidung eines gebildeten Sklaven, dessen Herr ganz offensichtlich viel zu nachgiebig und viel, viel zu vertrauensselig gewesen ist.«

»Oh, in Jupiters Namen, hör endlich auf, Cicero!« Rufus war mit seiner Geduld am Ende. Ich schloß die Augen und stieß ein stilles Dankgebet an die unsichtbaren Götter aus, daß es Rufus gewesen war, der schließlich seine Stimme erhoben hatte und nicht ich, denn ich hatte mir schon so lange auf die Zunge gebissen, daß sie fast blutete. »Siehst du denn nicht, daß das sinnlos ist? Welches Verbrechen Tiro auch immer begangen haben mag, außer uns in diesem Raum weiß niemand davon, jedenfalls niemand, den es kümmert, zumindest so lange das Mädchen den Mund hält. Es ist eine Angelegenheit, die zwischen dir und deinem Sklaven geregelt werden muß. Schlaf eine Nacht darüber und vergiß das Ganze, bis der Prozeß vorbei ist. In der Zwischenzeit mußt du nur dafür sorgen, daß er von dem Mädchen ferngehalten wird. Wie Gordianus sagt, schone deine Stimme und spar dir deine Wut für Wichtigeres, zum Beispiel die Rettung von Sextus Roscius. Worauf es jetzt ankommt, ist herauszufinden, was Tiro ihr erzählt hat und wie die Informationen in die Hände unserer Feinde gelangt sind.«

»Und warum das Mädchen seinen eigenen Vater verraten sollte.« Ich sah Tiro sorgenvoll an. »Vielleicht hast du dazu eine Idee.«

Tiro warf Cicero einen unterwürfigen Blick zu, als wolle er sich erst vergewissern, ob er die Erlaubnis zum Sprechen oder auch nur zum Atmen hatte. Einen Moment lang sah es so aus, als stünde Cicero vor einem erneuten Ausbruch. Statt dessen fluchte er nur, wandte sich dem schwacherhellten Atrium zu und verschränkte die Arme, als wolle er seine Wut zurückhalten.

»Nun, Tiro?«

»Es kommt mir noch immer unfaßbar vor«, sagte er leise und schüttelte den Kopf. »Vielleicht irre ich mich ja. Als du behauptet hast, daß dich jemand aus diesem Raum verraten haben muß, habe ich bei mir gedacht, ich nicht, ich habe es niemandem gesagt, bis mir auf einmal bewußt wurde, daß ich es Roscia erzählt habe...«

»Genauso wie du ihr an jenem Tag alles über mich erzählt hast, als ich Sextus Roscius zum ersten Mal befragt habe«, sagte ich.

»Ja.«

»Und am nächsten Tag tauchten Mallius Glaucia und ein weiterer von Magnus’ Schlägern bei mir auf, töteten meine Katze und hinterließen ihre blutige Botschaft, damit ich den Fall nicht weiterverfolge. Ja, es scheint mir sehr wahrscheinlich, daß Roscia das Leck in unserem Schiff ist.«

»Aber wieso? Sie liebt ihren Vater. Sie würde alles tun, um ihm zu helfen.«

»Hat sie das gesagt?«

»Ja. Deswegen hat sie mich doch ständig mit Fragen über die Ermittlung bedrängt und sich erkundigt, was Cicero unternimmt, um ihrem Vater zu helfen. Sextus Roscius hat sie stets aus dem Zimmer geschickt, wenn er über geschäftliche Dinge sprach, und er hat ihr oder ihrer Mutter nie etwas darüber erzählt. Sie konnte es nicht ertragen, so völlig im dunkeln zu tappen.«

»Also hat sie dich während oder nach euren flüchtigen Zusammenkünften mit detaillierten Fragen über die Verteidigung ihres Vaters ausgehorcht.«

»Ja. Aber so wie du es formulierst, klingt es so intrigant, plump und künstlich.«

»O nein. Ich bin sicher, sie ist so glatt und makellos wie poliertes Gold.«

»Du sagst das, als wäre sie eine Schauspielerin.« Er senkte die Stimme und warf einen Blick zu Cicero, der uns den Rücken zugedreht hatte und in das Atrium getreten war. »Oder eine Hure.«

Ich lachte. »Keine Hure, Tiro. Das solltest du doch besser wissen.« Ich sah, wie er errötete und sich erneut nach Cicero umsah, als ob er erwartete, daß ich nun die Episode mit Elektra erwähnen und ihn in den Augen seines Herren weiter heruntermachen würde. »Nein«, sagte ich, »die Beweggründe einer Hure sind immer durchsichtig und nachvollziehbar, eben weil sie suspekt sind, und nur ein echter Narr würde sich von ihr bezirzen lassen oder ein Mann, der sich unbedingt zum Narren machen will.« Ich erhob mich von meinem Stuhl, ging steif durch das Zimmer und legte meine Hand auf seine Schulter. »Aber selbst weise Männer lassen sich von denen, die jung, unschuldig und aufrichtig zu sein scheinen, hinters Licht führen. Vor allem, wenn sie selbst jung und unschuldig sind.«