»Ah, dann haben wir noch eine Stunde Zeit bis zu unserer Verabredung. Ist Rufus schon auf?«
»Rufus Messala ist schon seit Stunden auf dem Forum. Cicero hat ihm eine ganze Liste mit Aufträgen mitgegeben.«
»Und meine Sklavin?«
Tiro lächelte verhalten. Was hatte Bethesda getan - ihn auf die Wange geküßt, ihm geschmeichelt, ihn geneckt oder einfach nur mit den Augen geblitzt? »Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist. Cicero hat Anweisung gegeben, daß sie nichts weiter tun muß, als sich um deine Bedürfnisse zu kümmern, aber sie hat heute morgen freiwillig angeboten, in der Küche zu helfen. Bis die Köchin darauf bestanden hat, daß sie sie wieder verläßt.«
»Laut kreischend und ihr Töpfe nachwerfend, nehme ich doch an.«
»So in der Art.«
»Nun gut, wenn du den Verwalter siehst, kannst du ihm sagen, er kann sie in meine Kammer sperren, wenn er möchte. Soll sie doch hier sitzen und Cicero den ganzen Tag beim Deklamieren zuhören. Das sollte Bestrafung genug für alle zerbrochenen Schalen und Teller sein.«
Tiro runzelte die Stirn, um zu zeigen, daß ihm mein Sarkasmus mißfiel. Eine leichte Brise wehte durch die gelben Vorhänge und trug Ciceros Stimme mit sich: »Und eben wegen jener Schwere des Verbrechens des Vatermordes muß die Tat unwiderlegbar bewiesen werden, bevor ein vernünftiger Mann es glauben kann. Denn welcher Wahnsinnige, welcher zutiefst verdorbene Auswurf der Menschheit bringt über sich und sein Haus solchen Fluch nicht nur der Menschen, sondern auch der Götter? Ihr wißt, werte Römer, daß ich recht habe: Eine so große Kraft und Schicksalsgewalt besitzt das eigene Fleisch und Blut, daß jeder Fleck, den man sich davon zuzieht, sich nicht nur nicht abwaschen läßt, sondern so tief ins Herz des Vatermörders eindringt, daß Raserei und Wahnsinn die Macht über ihn ergreifen, der ohnehin schon von abgrundtiefer Verruchtheit ergriffen sein muß... O ja, das ist es, genau. Beim Herkules, das ist gut!«
»Wenn du dir das Gesicht waschen willst, ich habe dir eine Schüssel und ein Handtuch mitgebracht«, sagte Tiro und wies auf das Tischchen neben dem Diwan. »Und da du keine saubere Kleidung bei dir hast, habe ich im Haus nachgesehen und ein paar Teile gefunden, die dir passen müßten. Sie sind natürlich schon getragen, aber sauber.«
Er nahm eine Reihe von Tuniken zur Hand und breitete sie zur Begutachtung neben mir auf dem Diwan aus. Ciceros Kleidung konnte es nicht sein, weil sein Körper länger und schmaler als meiner war; ich vermutete, daß sie für Tiro gemacht worden waren. Selbst die einfachste Tunika war besser gearbeitet und aus einem feineren Stoff als meine beste Toga. Am Abend zuvor hatte Cicero mir ein weites ärmelloses Gewand gegeben, als er mir mein Bett zugewiesen hatte; daß man auch nackt schlafen konnte, überstieg offenbar seine Vorstellungskraft. Was die bei meiner und Bethesdas Flucht hastig übergeworfene, blutbefleckte Tunika anging, die ich auf dem Weg zu seinem Haus getragen hatte, so war sie augenscheinlich vom Boden meiner Schlafkammer aufgehoben und weggeworfen worden.
Während ich mich wusch und anzog, besorgte Tiro aus der Küche Brot und eine Schale mit Früchten. Ich aß alles auf und ließ ihn mehr holen. Ich war völlig ausgehungert, und weder die Hitze noch Ciceros fortwährende Litaneien oder seine Selbstbeweihräucherungen konnten mir den Appetit verderben.
Schließlich trat ich mit Tiro durch die Vorhänge ins helle Sonnenlicht des Gartens. Cicero blickte von seinem Text auf, aber bevor er etwas sagen konnte, tauchte Rufus hinter ihm auf.
»Cicero, Gordianus, hört euch das an. Ihr werdet es nicht glauben. Es ist ein absoluter Skandal.« Cicero drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch. »Es ist natürlich nur ein Gerücht, aber ich bin sicher, daß wir das irgendwie verifizieren können. Weißt du, was sämtliche Güter von Sextus Roscius zusammen wert sind?«
Cicero zuckte leicht mit den Schultern und gab die Frage an mich weiter.
»Eine Reihe von Bauernhöfen«, überschlug ich, »einige von ihnen in bester Lage unweit der Mündung des Nar in den Tiber; eine wertvolle Villa auf dem Hauptgut bei Ameria, dann noch der Besitz in der Stadt - mindestens vier Millionen Sesterzen.«
Rufus schüttelte den Kopf. »Eher sechs Millionen. Und was, glaubst du, hat Chrysogonus - ja, der Goldengeborene höchstpersönlich, nicht Capito oder Magnus was glaubst du, hat er bei der Auktion für das gesamte Paket bezahlt? Zweitausend Sesterzen. Zweitausend!«
Cicero war sichtlich schockiert. »Unmöglich«, sagte er. »So gierig ist nicht einmal Crassus.«
»Oder so unverfroren«, sagte ich. »Wie hast du das herausgefunden?«
Rufus lief rot an. » Das ist das Problem. Und der Skandal! Einer der offiziellen Auktionatoren hat es mir erzählt. Er hat das Gebot selbst entgegengenommen.«
Cicero warf die Hände in die Luft. »Der Mann würde nie vor Gericht aussagen!«
Rufus schien verletzt. »Natürlich nicht. Aber er war immerhin bereit, mit mir zu reden. Und ich bin sicher, er hat nicht übertrieben.«
»Das spielt keine Rolle. Wir brauchen eine Verkaufsurkunde. Und natürlich den Namen Sextus Roscius auf den Proskriptionslisten.«
Rufus zuckte mit den Schultern. »Ich habe den ganzen Tag gesucht und nichts gefunden. Die offiziellen Unterlagen sind natürlich eine Katastrophe. Man kann erkennen, daß sie durchwühlt und nachträglich verändert worden sind, womöglich sogar teilweise entwendet. Die staatlichen Urkunden aus der Zeit zwischen den Bürgerkriegen und den Proskriptionen befinden sich in einem unmöglichen Zustand.«
Cicero strich sich nachdenklich über die Lippen. »Wenn wir feststellen, daß der Name Sextus Roscius auf die Proskriptionslisten gesetzt wurde, können wir sicher davon ausgehen, daß es sich um einen Betrug handelt. Und doch würde es seinen Sohn entlasten.«
»Und wenn nicht, wie können Capito und Chrysogonus dann rechtfertigen, daß sie den Besitz behalten?« fragte Rufus.
»Das«, unterbrach ich, »ist zweifellos der Grund, warum Chrysogonus und seine Kumpane Sextus am liebsten ganz aus dem Weg schaffen würden, wenn möglich mit legalen Mitteln. Wenn die Familie erst einmal ausgelöscht ist, wird es niemanden mehr geben, der sie herausfordern kann, und die Frage, ob es sich um eine Ächtung oder einen Mord gehandelt hat, wird ungeklärt bleiben. Der Skandal ist für jeden offenkundig, der auch nur beiläufig nach der Wahrheit fragt; deswegen reagieren sie so verzweifelt und so brutal. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als jeden zum Schweigen zu bringen, der etwas weiß oder sich dafür interessiert.«
»Dennoch«, sagte Cicero, »kommt es mir mehr und mehr so vor, als seien ihnen die öffentliche Meinung oder selbst die Entscheidungen des Gerichts völlig egal. Ihr Hauptanliegen ist es, den Skandal vor Sulla geheimzuhalten. Ich glaube ernsthaft, daß er nichts davon weiß, und sie sind verzweifelt bemüht, daß es dabei bleibt.«
»Durchaus möglich«, sagte ich. »Und sie verlassen sich auch ohne Zweifel darauf, daß dein Selbsterhaltungstrieb dich davon abhält, diesen häßlichen Skandal vor der Rostra zu enthüllen. Du kannst dich unmöglich bis zur Wahrheit Vorarbeiten, ohne Sullas Namen hineinzuziehen. Du müßtest ihn zumindest in eine peinliche Situation bringen, schlimmstenfalls sogar beschuldigen. Man kann den Ex-Sklaven nicht anklagen, ohne seinen Freund und früheren Herrn zu beleidigen.«
»Also wirklich, Gordianus, hältst du so wenig von meinen rhetorischen Fähigkeiten? Natürlich werde ich auf des Messers Schneide balancieren müssen. Aber Diodotus hat mich gelehrt, sowohl dem Takt wie der Wahrheit verpflichtet zu sein. In der Obhut eines klugen und ehrlichen Anwalts müssen nur die Schuldigen die Waffen der Redekunst fürchten, und ein wahrhaft weiser Redner wendet sie nie gegen sich selbst.« Er warf mir sein selbstbewußtestes Lächeln zu, aber ich dachte im stillen, daß das, was ich bisher von seiner Rede gehört hatte, den eigentlichen Skandal nur streifte. Das Publikum mit unerklärlichen Geschichten von nächtlings ermordeten Leichen zu schockieren und sie mit epischen Erzählungen einzulullen war eine Sache; den Namen Sullas fallen zu lassen war, beim Herkules, eine ganz andere.