Irgendwann begann ich zu träumen.
In meinem Traum ruhte mein Kopf im Schoß der Göttin, die mir sanft die Stirn streichelte. Ihre Haut war wie Alabaster, ihre Lippen wie Kirschen. Obwohl meine Augen geschlossen waren, wußte ich, daß sie lächelte, weil ich ihr Lächeln wie warmes Sonnenlicht auf meinem Gesicht spüren konnte.
Eine Tür ging auf, und der Raum wurde mit Licht durchflutet. Apollo von Ephesos trat ein wie ein Schauspieler, der eine Bühne betritt, nackt und golden und von blendender Schönheit. Er kniete neben mir und kam mit dem Mund so nah an mein Ohr, daß seine weichen Lippen meine Haut berührten. Sein Atem war warm wie das Lächeln der Göttin. Er murmelte süße Worte des Trostes, die dahinplätscherten wie ein Gebirgsbach.
Unsichtbare Hände zupften eine unsichtbare Lyra, während ein unsichtbarer Chor das schönste Lied sang, das ich je gehört hatte - Strophe für Strophe von Liebe und Lobpreis, alles zu meinen Ehren. Irgendwann irrte ein wilder Riese mit einem Messer durch den Raum, die Augen mit Blut verklebt, das aus einer Wunde an seinem Kopf sickerte; aber sonst geschah nichts, was die absolute Perfektion dieses Traumes hätte verderben können.
Ein Hahn krähte. Ich schreckte zusammen und fuhr hoch, weil ich glaubte, zurück in meinem Haus auf dem Esquilin zu sein, wo ich vermeintlich Fremde im Grau der Dämmerung herumtappen hörte. Aber es waren nur Ciceros Sklaven, die sich auf den kommenden Tag vorbereiteten. Neben mir schlief Bethesda wie ein Stein, ihr schwarzes Haar wie feine Zweige auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Ich legte mich wieder neben sie, fest überzeugt, unmöglich wieder einschlafen zu können.
*
Bevor ich die Augen geschlossen hatte, war ich schon fast wieder bewußtlos.
Um mich herum dehnte sich der Schlaf in alle Richtungen aus - formlos, traumlos, bar jeden Marksteins.
So ein Schlaf ist wie die Ewigkeit; nichts, was den Fortgang der Zeit mißt, nichts, um das Ausmaß des Raumes zu bezeichnen, ein Augenblick ist wie Äonen, ein Atom so groß wie das ganze Universum. Die ganze Vielfalt des
Lebens, Lust und Schmerz gleichermaßen, verschmilzt in eine Ureinheit, die selbst das Nichts in sich aufnimmt. Fühlt sich auch der Tod so an?
Und dann wachte ich plötzlich auf.
Bethesda saß in einer Ecke des Zimmers und flickte den Saum der Tunika, die ich am Vorabend getragen hatte. Irgendwann, vielleicht als ich gesprungen war, hatte ich ihn aufgerissen. Neben Bethesda lag ein halbes Stück Brot mit Honig.
»Wie spät?« fragte ich.
»Ungefähr Mittag.«
Ich rekelte mich. Meine Arme waren steif und schmerzten. Ich bemerkte einen großen violetten Bluterguß auf meiner rechten Schulter.
Ich stand auf. Meine Beine taten genauso weh wie meine Arme. Vom Atrium hörte ich Bienen summen und Cicero deklamieren.
»Fertig«, verkündete Bethesda. Sie hielt meine Tunika hoch und sah sehr zufrieden aus. » Ich habe sie heute morgen gewaschen. Ciceros Wäscherin hat mir eine neue Methode gezeigt. Sogar die Grasflecken sind rausgegangen. Die Luft ist so warm, daß sie schon wieder trocken ist.« Sie stellte sich hinter mich und hielt die Tunika über meinen Kopf, damit ich hineinschlüpfen konnte. Ich hob die Arme und stöhnte.
»Essen, Herr?«
Ich nickte. »Ich werde es im Peristylium im hinteren Teil des Hauses zu mir nehmen«, sagte ich. »So weit wie möglich entfernt von den Rhetorikübungen unseres Gastgebers.«
Bethesda hielt sich in meiner Nähe, bot mir an, dieses oder jenes zu holen, und las mir jeden meiner Wünsche von den Augen ab - eine Schriftrolle, etwas zu trinken, einen breitkrempigen Hut. Als sie mir einen Becher kaltes Wasser brachte, legte ich die Schriftrolle zur Seite, in der ich gelesen hatte, sah ihr in die Augen und strich mit den Fingern über ihre Hand. Sie zog ihre Hand zurück, als der alte Tiro direkt vor meinen Augen quer über den Hof ging, ohne sich an die Anstandsregeln zu halten, die Sklaven vorschrieb, sich still und unauffällig unter dem Säulengang zu bewegen. Er ging kopfschüttelnd und vor sich hin murmelnd vorbei und verschwand im Haus.
Kurz nach dem alten Freigelassenen tauchte sein Enkel auf. Tiro kam quer über den Hof gewankt, er stütze sich auf eine Holzkrücke und hielt den fest verbundenen Knöchel in die Höhe. Er lächelte dümmlich, stolz auf seine Behinderung wie ein Soldat auf seine erste Verwundung. Bethesda holte einen Stuhl und half ihm, Platz zu nehmen.
»Die ersten Narben und Wunden der Männlichkeit sind wie Abzeichen der Reife«, sagte ich. »Aber mit der Wiederholung werden sie mühsam und dann deprimierend. Die Jugend verschenkt stolz ihre Beweglichkeit, Kraft und Schönheit wie Opfer auf dem Altar des Erwachsenwerdens und bereut erst viel später.«
Der Denkspruch ließ ihn offenbar kalt. Tiro runzelte, noch immer lächelnd, die Stirn und musterte in dem Glauben, ich würde Epigramme zitieren, die Schriftrolle, die ich zur Seite gelegt hatte. »Wer hat das gesagt?«
»Jemand, der auch einmal jung war. Ja, so jung wie du jetzt bist, und genauso unverwüstlich. Du scheinst gutgelaunt zu sein.«
»Ich denke, ja.«
»Keine Schmerzen?«
»Ein wenig, aber was soll’s. Es ist alles so aufregend.«
»Ja?«
»Mit Cicero, meine ich. Die ganzen Papiere, die fertiggestellt werden müssen, die Leute, die vorbeikommen -Freunde der Verteidigung, gute Männer wie Marcus Metellus und Publius Scipio. Von seiner Rede ganz zu schweigen, der Versuch, die Argumente der Anklage vorauszuahnen -eigentlich bleibt gar nicht genug Zeit für alles. Es ist ein einziges Gehetze. Rufus sagt, daß das immer so geht, selbst bei einem erfahrenen Anwalt wie Hortensius.«
»Dann hast du Rufus heute schon gesehen?«
»Am Morgen, als du noch geschlafen hast. Cicero hat mit ihm geschimpft, weil er Sulla auf der Feier eine Szene gemacht hat und rausgestürmt ist. Er meinte, Rufus sei zu unbesonnen und dünnhäutig - genauso wie er dich gestern nacht getadelt hat.«
»Mit dem Unterschied, daß Cicero insgeheim stolz auf das ist, was Rufus getan hat, da bin ich mir sicher, während er über mich ernsthaft empört war. Wo ist Rufus jetzt?«
»Unten auf dem Forum. Cicero hat ihn losgeschickt wegen irgendeines Schriftsatzes, der Chrysogonus zugestellt werden soll, damit er seine
Erlaubnis zur Vorführung und Vereidigung der beiden Sklaven Felix und Chrestus erteilt. Das wird Chrysogonus natürlich nicht tun, aber damit macht er sich verdächtig, verstehst du, und Cicero kann das in seine Rede einbauen. An diesem Teil haben wir den ganzen Vormittag gearbeitet. Er will Chrysogonus tatsächlich beim Namen nennen. Das erwarten sie natürlich am wenigsten, weil sie glauben, daß jeder viel zuviel Angst hat, die Wahrheit auszusprechen. Er wird sich sogar Sulla vornehmen. Du solltest ein paar von den Sachen hören, die er gestern abend geschrieben hat, während wir unterwegs waren, über die freie Hand, die Sulla Verbrechern gegeben und wie er zu Korruption und offenem Mord ermutigt hat. Das kann Cicero natürlich nicht alles verwenden; das wäre Selbstmord. Das muß er noch irgendwie abmildern, aber trotzdem, wer sonst hätte den Mut, auf dem Forum für die Wahrheit einzutreten?«
Er lächelte erneut und zog sich an der Krücke hoch, bis er auf einem Bein stand. Bethesda eilte ihm zur Hilfe, und er ließ sie errötend gewähren. » Ich muß jetzt gehen. Ich kann nicht bleiben. Cicero wird mich brauchen. Er wird Rufus noch mit einem Dutzend Aufträgen zum Forum schicken, und wir drei werden wahrscheinlich die ganze Nacht wach bleiben.«
»Während ich meinen Schlaf nachhole. Aber warum bleibst du nicht noch ein wenig? Ruh dich aus, du wirst deine Kraft heute abend noch brauchen. Außerdem, mit wem sollte ich mich sonst unterhalten?«
Tiro wackelte mit seiner Krücke. »Nein, ich muß jetzt wirklich zurück.«