Mit einem verächtlichen Schnauben registrierte er die Uhrzeit, starrte mich erneut unwillig an und eilte dann weiter. Es war überhaupt nicht derselbe Mann gewesen, und in Wahrheit bestand kaum mehr als eine flüchtige Ähnlichkeit.
Ich ging die enge Straße zum Haus der Schwäne hinunter, an den fensterlosen Mauern mit den Wandleuchtern vorbei, den heruntergebrannten Fackeln und den Schmierereien, die entweder politisch oder obszön oder auch beides waren. (P. CORNELIUS SCIPIO ZUM QUAESTOR, EIN MANN, DEM MAN VERTRAUEN KANN, lautete einer der Sprüche, der mit eleganter Hand an die Mauer geschrieben war, und daneben hastig hingeschmiert: P. CORNELIUS SCIPIO WÜRDE NOCH EINE BLINDE HURE BETRÜGEN UND IHR EIN HÄSSLICHES KIND ANDREHEN.)
Ich kam an der Sackgasse vorbei, in der Magnus und seine beiden Kumpane auf der Lauer gelegen hatten. Ich mied den blassen Blutfleck, der die Stelle markierte, an der der alte Sextus Roscius gestorben war. Es war noch düsterer als bei meinem ersten Besuch, aber der Fleck war unschwer auszumachen, weil das Pflaster drumherum erkennbar sauberer war als die übrige Straße. Jemand hatte die Stelle gesäubert, nach Leibeskräften geschrubbt, um das Blutmal ein für allemal zu tilgen. Es mußte Stunden in Anspruch genommen haben, und das alles vergeblich - denn jetzt war der Fleck noch auffälliger als vorher, und alle vorbeikommenden Füße und rußgeschwängerten Winde mußten ihn nun mit einem neuen Schmutzfilm überziehen, um ihn wieder in der Straße verschwinden zu lassen. Wer hatte hier stundenlang auf Händen und Knien mit Scheuerlappen und Eimer geschuftet, bei dem verzweifelten Versuch, die Vergangenheit auszulöschen?
Die Frau des Ladenbesitzers? Die verwitwete Mutter des stummen Jungen? Ich stellte mir vor, wie Magnus sich persönlich darum kümmerte und konnte mir bei dem Gedanken an den finsteren Mörder, der wie eine Putzfrau auf allen vieren hockte, ein Lächeln nicht verkneifen.
Ich machte ein paar Schritte nach vorn, bis ich einen Blick in den düsteren Laden werfen konnte. Der alte Mann saß hinter dem Tresen, den Kopf auf die Ellenbogen gestützt und die Augen geschlossen. Die Frau staubte die spärlich gefüllten Regale und Tische ab. Der Laden atmete einen moderigen, kühlen Gestank aus mit einem Hauch von fauliger Süße und Moschus.
Ich betrat das Mietshaus gegenüber. Der Wächter fürs Erdgeschoß war nirgends zu sehen. Sein kleiner Kollege im ersten Stock war mit weit offenem, sabberndem Mund und einem halbvollen Becher Wein in der Hand eingeschlafen, den er so schräg hielt, daß er mit jedem Schnarcher ein paar Tropfen verschüttete.
Unter meiner Tunika tastete ich nach dem Knauf des Messers, das der Junge mir gegeben hatte. Ich blieb lange stehen und fragte mich, was ich einem von beiden sagen könnte. Der Witwe Polia, daß ich die Namen der Männer kannte, die sie vergewaltigt hatten? Daß einer von ihnen, Rotbart, tot war? Dem kleinen Eco, daß er sein Messer zurückhaben konnte, weil ich nicht die Absicht hatte, Magnus oder Mallius Glaucia für ihn zu töten?
Ich schritt den langen, dunklen Flur entlang. Die Dielen ächzten und stöhnten lauter als die gedämpften Stimmen, die aus den Kammern nach draußen drangen. Wer würde sich an einem solchen Tag drinnen im Dunkeln verkriechen? Die Kranken, die Alten, die Gebrechlichen und Verkrüppelten, die Schwachen, die Verhungernden und Lahmen. Die Uralten, die zu nichts mehr zu gebrauchen waren, und die Säuglinge, die noch nicht laufen konnten. Es gab keinen Grund, warum Polia und ihr Sohn überhaupt zu Hause sein sollten, und doch pochte mir das Herz im Hals, als ich an der Tür klopfte.
Ein junges Mädchen riß die Tür weit auf, so daß ich den ganzen Raum einsehen konnte. Ein altes Weib saß in Decken gehüllt in einer Ecke. Ein kleiner Junge kniete am offenen Fenster. Er blickte sich über die Schulter nach mir um und beobachtete dann weiter die Straße. Abgesehen von Größe und Form sah das Zimmer völlig verändert aus.
Aus den Decken musterten mich zwei wäßrige Augen. »Wer ist da, Kind?«
»Ich weiß nicht, Großmutter.« Das kleine Mädchen starrte mich argwöhnisch an.
»Was wollen Sie?«
Das kleine Mädchen setzte ein ärgerliches Gesicht auf. »Meine Großmutter möchte wissen, was du hier willst?«
»Polia«, sagte ich.
»Nicht da«, sagte der Junge vom Fenster.
»Dann muß ich mich in der Tür geirrt haben.«
»Nein«, sagte das kleine Mädchen verärgert. »Die richtige Tür. Aber sie ist nicht mehr hier.«
»Ich meine die junge Witwe und ihren Sohn, den kleinen, stummen Jungen.«
»Ich weiß«, sagte sie und sah mich an, als ob ich beschränkt wäre. »Aber Polia und Eco wohnen hier nicht mehr. Zuerst ist sie verschwunden, dann er.«
»Weg«, ergänzte die Alte. »So haben wir endlich dieses Zimmer gekriegt. Vorher haben wir gegenüber gewohnt, aber hier ist mehr Platz. Genug für uns alle fünf - meinen Sohn, seine Frau und die beiden Kleinen.«
»Mir gefällt es besser, wenn Mama und Papa nicht da sind und wir nur zu dritt sind«, sagte der Junge.
»Halt den Mund, Appius«, fuhr ihn das Mädchen an. »Eines Tages werden Mama und Papa ausgehen und nie wiederkommen, genau wie bei dem kleinen Eco. Sie verschwinden einfach, wie Polia. Du wirst sie mit deinem dauernden Geschrei noch vertreiben. Dann werden wir ja sehen, wie dir das gefällt.«
Der kleine Junge fing an zu weinen. Die alte Frau schnalzte mit der Zunge. »Was soll das heißen?« sagte ich. »Polia ist verschwunden, ohne den Jungen mitzunehmen?«
»Ja, sie hat ihn verlassen«, sagte die alte Frau gleichgültig.
»Das glaube ich nicht.«
Sie zuckte die Schultern. »Konnte die Miete nicht bezahlen. Der Vermieter hat ihr zwei Tage zum Ausziehen gegeben. Am nächsten Morgen war sie weg. Hat alles mitgenommen, was sie tragen konnte, und hat den Jungen sich selbst überlassen. Am nächsten Tag kam der Vermieter, sammelte die wenigen Habseligkeiten ein und setzte den Jungen auf die Straße. Eco hat danach noch ein paar Tage hier herumgelungert. Er hat den Leuten leid getan, und sie haben ihm ein paar Brocken zu essen gegeben. Schließlich haben ihn die Wächter endgültig verscheucht. Bist du ein Verwandter von ihnen?«
»Nein.«
»Naja, wenn Polia dir noch Geld geschuldet hat, vergißt du das wohl besser.«
»Wir konnten sie sowieso nicht leiden«, sagte das kleine Mädchen. »Eco war dumm. Konnte kein Wort reden, selbst wenn Appius ihn festgehalten und sich auf ihn gesetzt hat, damit ich ihn kitzeln konnte, bis er blau anlief. Er hat nur gequiekt wie ein Schwein.«
»Wie ein Schwein, das gepiekst wird«, sagte der kleine Junge, der jetzt nicht mehr weinte, sondern auf einmal fröhlich lachte. »Hat mein Papa gesagt.«
»Seid still«, knurrte die alte Frau, »alle beide.«
*
Im Haus der Schwäne herrschte für die mittägliche Stunde lebhafter Betrieb. Der Besitzer machte die leichte Wetterveränderung dafür verantwortlich. »Die Hitze stachelt sie alle an, bringt das Blut in Wallung - aber zuviel Hitze läßt selbst den kräftigsten Mann erschlaffen. Jetzt, wo das Wetter zumindest wieder erträglich ist, kommen sie scharenweise zurück. All die angestauten Säfte. Und du bist sicher, daß du kein Interesse an der Nubierin hast? Sie ist neu, mußt du wissen. Ah!« Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ein großer, gutgekleideter Mann aus dem inneren Flur in die Halle kam. Der Seufzer bedeutete, daß Elektra nicht länger belegt war und mich jetzt empfangen konnte, was hieß, daß der Fremde ihr letzter Kunde gewesen sein mußte. Er war ein gutaussehender Mann mittleren Alters mit graumelierten Schläfen. Er nickte unserem gemeinsamen Gastgeber kurz zu und schenkte ihm ein mattes, gezwungenes Lächeln der Befriedigung. Ich empfand ein törichtes Zucken der Eifersucht und sagte mir, daß er wahrscheinlich mit geschlossenem Mund lächelte, weil er schlechte Zähne hatte.