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Der letzte Widerschein der untergehenden Sonne warf ein seltsam orangefarbenes Licht durch das hohe Fenster. Ein Diener zündete mit einer langen Kerze eine einzelne Lampe in einer Mauernische an, wurde jedoch, bevor er auch die anderen Lampen anzünden konnte, fortgerufen. Der Raum war so düster und der Dampf über dem Wasser so dick, daß die etwa zwanzig Männer, die sich um das Becken herum aufhielten, sich nur als vage Schatten abzeichneten wie Statuen im orangefarbenen Nebel. Ich ließ mich langsam ins Becken gleiten und hielt die Hitze kaum aus, als das Wasser schließlich an meinen Hals plätscherte. Um mich herum stöhnten Männer wie in Schmerz oder Ekstase. Ich stöhnte mit ihnen und ließ mich in das Vergessen aus Wärme und Dampf sinken. Das Licht vor dem Fenster erstarb unmerklich. Der Bedienstete kehrte auch nicht zurück, um die Lampen anzuzünden, aber niemand beschwerte sich oder rief nach mehr Licht, als ob Dunkelheit und Hitze zwei Liebende wären, die niemand zu trennen wagte.

Die Lampe flackerte. Die Flamme loderte kurz auf und wurde dann kleiner, so daß der Raum noch düsterer wurde als zuvor. Wasser schwappte leise gegen die Kacheln, Männer atmeten in Seufzern und leisem Stöhnen. Ich blickte mich um und sah nichts als Dampf, formlos und unendlich, mit Ausnahme des kleinen Lichtpunkts, den die Lampe in den Raum warf, wie der Schein eines Leuchtturms von einem entfernten Hügel. Weit weg bewegten sich Umrisse im Wasser wie schwimmende Inseln oder Tiefseeungeheuer, die seichte Gewässer abgrasten.

Ich ließ mich noch tiefer ins Becken gleiten, bis der Atem aus meinen Nasenlöchern kleine Kreise auf der Wasseroberfläche zog. Ich kniff die Augen zusammen und starrte durch die Nebelkluft auf das flackernde Licht. Eine Zeitlang war es, als würde ich träumen, ohne die Augen zu schließen. Ich dachte an niemanden und nichts. Ich war ein Träumer, eine treibende, moosbewachsene Insel in der feuchten See, ein Junge, der seine Phantasien auslebte, ein Kind im Mutterschoß.

Vor dem Hintergrund der Nebelbank näherte sich einer der Schatten - ein Kopf, der auf dem Wasser trieb. Er kam näher und blieb stehen, kam dann noch näher, bevor er erneut verharrte, jedesmal begleitet vom fast unüberhörbaren Geräusch eines sich durch das Wasser schiebenden Körpers und der Liebkosung winziger Wellen an meinen Wangen.

Er war jetzt so nah, daß ich sein Gesicht fast erkennen konnte, eingerahmt von langem, schwarzem Haar. Er tauchte ein wenig auf, und ich sah kurz seine breiten Schultern und seinen kräftigen Nacken. Er schien zu lächeln, aber in diesem Licht hätte ich mir alles mögliche einbilden können.

Dann tauchte er langsam unter, kleine Blasen stiegen auf, der Dunst über dem Wasser kräuselte sich - Atlantis versank im Meer. Die Oberfläche schloß sich über ihm, Wasser und Dampf verschmolzen aufs neue. Er war verschwunden.

Ich spürte etwas an meinem Schienbein entlangstreichen wie ein sich windender Aal, der durchs Wasser glitt.

Mein Herz begann heftig zu schlagen. Meine Brust zog sich zusammen. Ich war stundenlang so blind durch die Stadt gewandert, daß der tölpelhafteste Mörder mir hätte folgen können, ohne daß ich es bemerkte. Ich drehte mich um und griff nach dem unter dem Handtuch am Beckenrand verborgenen Messer. Als sich meine Hand gerade um den Knauf geschlossen hatte, spritzte und blubberte er hinter mir. Er berührte meine Schulter.

Ich fuhr blitzschnell im Wasser herum, wobei meine Füße auf dem Boden des Beckens kurz den Halt verloren. Ich griff blind nach seinem Haar und legte ihm die Klinge des Messers an die Kehle.

Er fluchte laut. Hinter mir hörte ich ein seltsames Gemurmel wie von einem versteckten Ungeheuer, das aus tiefem Schlaf geweckt wurde.

»Hände aus dem Wasser!« brüllte ich. Das Gemurmel schlug in helle Aufregung um. Links und rechts von mir tauchten ein Paar Hände aus dem Wasser wie schnappende Fische, leer und unschuldig. Ich nahm meine Klinge von seiner Kehle. Ich mußte ihn geschnitten haben; eine dünne, dunkle Linie markierte den Abdruck der Klinge, und darunter konnte man eine verschmierte Blutspur erkennen. Endlich hatte ich sein Gesicht so nah vor mir, daß ich es erkennen konnte - nicht Magnus, sondern nur ein harmloser, junger Mann mit entsetztem Blick und aufeinandergebissenen Zähnen.

Bevor der Bademeister alarmiert und die Lampen angezündet wurden, damit alle Welt sehen konnte, was für ein Narr ich war, ließ ich ihn los und zog mich aus dem Becken. Während ich zur Tür eilte, trocknete ich mich hastig ab und achtete darauf, das Messer zu verbergen, bevor ich ins Licht trat und meine Kleidung zurückverlangte. Cicero hatte recht. Ich war völlig verstört und gemeingefährlich. Man durfte mich nicht frei herumlaufen lassen.

Tiro öffnete mir die Tür. Er sah erschöpft, aber euphorisch aus, so durch und durch zufrieden mit sich und seiner Existenz im Allgemeinen, daß es ihn einige Anstrengung kostete, eine mißbilligende Miene aufzusetzen. Im Hintergrund tönte noch immer Ciceros Stimme, setzte ab und erhob sich von neuem, eingepaßt in die Umgebung wie das Zirpen der Zikaden.

»Cicero ist wütend auf dich«, flüsterte Tiro. »Wo hast du den ganzen Tag über gesteckt?«

»Ich hab mit den Freunden großer Männer gesprochen«, sagte ich. »Gespenster und alte Bekannte besucht. Bei Huren gelegen, Verzeihung, bei Huren gelogen. Das Messer gezückt gegen Fremde, die Annäherungsversuche gemacht haben... «

Tiro verzog das Gesicht. »Ich hab nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst.«

»Nicht? Ich dachte, Cicero hätte dir alles beigebracht, was man über Worte wissen muß. Und trotzdem kannst du mir nicht folgen.«

»Bist du betrunken?«

»Nein, aber du. Ja, schau dich an - aufgekratzt wie ein Junge nach seinem ersten Becher Wein. Berauscht von der Rhetorik deines Herrn, wie ich sehe. Du bist jetzt seit acht Stunden ununterbrochen dabei, wahrscheinlich mit leerem Magen. Ein Wunder, daß du überhaupt den Weg zur Tür gefunden hast.«

»Du redest wirr.«

»Ich war nie klarer. Du bist so narkotisiert von diesem Kauderwelsch, daß ein wenig gesunder Menschenverstand dir so fade Vorkommen muß wie frisches Quellwasser einem Quartalsäufer. Hör ihn dir an - wie ein Messer, das über eine Schieferplatte kratzt, wenn du mich fragst. Doch du führst dich auf, als wäre es der Gesang einer Sirene.«

Es war mir endlich gelungen, die Fröhlichkeit aus Tiros Gesicht zu vertreiben und durch Fassungslosigkeit zu ersetzen. In diesem Moment sah Rufus vorsichtig um die Ecke und kam dann lächelnd in die Halle stolziert, mit geröteten Wangen und schweren, flatternden Lidern. Er wirkte völlig erschöpft, was ihn in seinem Alter nur noch charmanter aussehen ließ, vor allem weil er in einem fort strahlte.

»Wir haben den zweiten Entwurf fertig«, verkündete er.

Das Lamento aus Ciceros Arbeitszimmer hatte abrupt aufgehört. Auf Rufus’ Gesicht lag ein Ausdruck schierer Verzückung wie bei einem Kind, dem im Wald vielleicht gerade ein wundersames Wesen begegnet war und das hoffnungslos um Worte verlegen war, es zu beschreiben. »Brillant«, sagte er schließlich. » Aber was weiß ich schon von Rhetorik? Nur was Lehrer wie Diodotus und Mob mir beigebracht haben und was ich seit Kindesbeinen mit eigenen Ohren gehört habe, wenn ich in Senatssitzungen und Gerichtsverhandlungen dabeigesessen habe. Aber ich schwöre dir, er wird dich morgen beim Prozeß zu Tränen rühren. Männer werden mit geballten Fäusten aufspringen und Sextus Roscius’ Freiheit fordern. Das ist natürlich noch nicht die endgültige Version; wir müssen auf allerlei Unwägbarkeiten gefaßt sein, je nachdem, mit was für Tricks Erucius ankommt. Aber Cicero hat sein Möglichstes getan, jede Eventualität vorauszuahnen, und im Kern steht ein Schlußplädoyer, ausgefeilt und perfekt, wie Säulen eines Tempels, die nur auf die Kuppel warten. Es ist brillant, es gibt kein anderes Wort dafür.«

»Du glaubst nicht, daß es gefährlich ist?« fragte Tiro leise. Er machte einen Schritt auf Rufus zu und flüsterte, um seine Zweifel vor Cicero in seinem Arbeitszimmer zu verbergen.