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Carter beendete seine Rede mit den Worten, dass er Bills Gegenwart im Labor der Fakultät immer vermissen würde, und »ohne Bill, der mich stets auf dem Laufenden hielt, werde ich nie wieder wissen, wer gerade an der Spitze der aktuellen Musikcharts steht«. Er sagte es mit einem traurigen, wehmütigen Lächeln, das von mehreren Leuten in den Bankreihen erwidert wurde. Dann faltete er seine Notizen zusammen und verließ das Podium. Dabei bemerkte er, dass der Typ ganz hinten aufstand und leise die Kapelle verließ. Vielleicht hatte er noch andere Pflichten, oder er musste eine andere Trauerfeier mit seiner tieftraurigen Anwesenheit beglücken. Carter nahm wieder Platz, und Beth nickte ihm verstohlen zu, um ihn wissen zu lassen, dass er seine Sache gut gemacht hatte.

Nachdem die Trauerfeierlichkeiten vorüber waren, begaben sich alle in das Vestibül, wo Kaffee und Kuchen bereitstanden. Carter fand sich Ellenbogen an Ellenbogen neben Stanley Mackie wieder, der seine Tasse unter den Zapfhahn einer silbernen Kaffeemaschine hielt. Während der Kaffee lief, sagte er: »Freundliche Worte, aber ein schwacher Trost.«

Carter wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er hatte bereits persönlich mit dem Fachbereichsleiter gesprochen, doch er hatte keine Ahnung, wie viele Scherereien ihm noch bevorstanden.

Mackie hob seine Tasse und starrte Carter über den Rand hinweg an. »Das Büro des Unipräsidenten hat mich gebeten, einen unterschriebenen schriftlichen Bericht des Unfalls einzureichen. Ich werde mich um das Begleitschreiben kümmern, aber ich möchte, dass Sie den Bericht schreiben und in allen Einzelheiten darlegen, was Sie eigentlich in Ihrem sogenannten Labor getrieben haben und was dabei schiefgegangen ist.«

Er hatte auch schon in früheren Diskussionen von Carters »sogenanntem Labor« gesprochen, und Carter merkte, dass Mackie sich von dem ganzen Projekt distanzierte. Auf einmal hatte Carter das vollkommen allein ausgebrütet, und er, der Leiter, hatte kaum etwas davon mitbekommen. Im Stillen fragte Carter sich, wie Mackie die Ausgaben aus dem Geldtopf des Fachbereichs erklären wollte, für die Scheinwerfer, den Transport des Lasers und so weiter. Doch die belastenden Dokumente waren vermutlich längst vergraben, geschreddert und gelöscht. In seinem Begleitbrief würde Mackie zweifelsohne jeden Rest von Verantwortung abstreiten oder verschleiern. Am Ende würde Carter derjenige sein, an dem alles hängenblieb.

»Ich will den Bericht bis nächsten Mittwoch in meinem Büro haben«, sagte Mackie und entfernte sich, als wollte er nicht dabei gesehen werden, dass er zu viel Zeit in Carters Gesellschaft verbrachte.

Obwohl er jetzt eigentlich einen ordentlichen Schluck aus der Bar hätte gebrauchen können, füllte Carter seine Tasse mit Kaffee aus der Kaffeemaschine.

»Sie haben eine gute Rede gehalten, Professor.«

Noch ehe er sich umgedreht hatte, wusste Carter, dass es Katie Coyne war, seine Musterschülerin. Er hatte sie in der Kapelle gesehen.

»Danke. Ich hoffe, ich muss so etwas nie wieder machen.«

Sie trug einen Jeansrock und ein sorgfältig gebügeltes Arbeitshemd. Vielleicht war es das ordentlichste Outfit, das sie zusammenbekam.

»Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie gekommen sind«, sagte er.

»Bill Mitchell war letztes Semester der Tutor in einem Seminar, das ich belegt hatte.«

Das hatte Carter nicht gewusst.

»Deshalb denke ich, dass ich ihn ziemlich gut kannte. Ich war sogar auf seiner Halloweenparty und habe mich dort mit Ihrem Freund, Professor Russo, unterhalten.« Sie blickte auf ihre Füße hinunter und sagte dann zögernd: »Wie geht es ihm? Ich habe gehört, dass er bei dem Feuer ziemlich schwer verletzt wurde.«

»Ja, das stimmt. Er liegt im St. Vincent’s Hospital, auf der Intensivstation.«

»Wird er wieder gesund?«

»Ja, er wird durchkommen. Aber es wird eine ganze Weile dauern.«

»Können Sie ihm Grüße von mir ausrichten? Ich meine, wenn er sich überhaupt an mich erinnert. Und wenn er wieder fit genug ist, glauben Sie, er würde sich freuen, wenn ich vorbeikäme und ihm einen Besuch abstattete?«

»Das wäre großartig. Ich weiß, dass er sich freuen würde.« Dass Katie seine klügste Studentin war, hatte er schon immer gewusst, aber jetzt ahnte er, dass sie auch die netteste war.

Beth machte ihm von der anderen Seite des Raumes aus Zeichen, wo sie mit einem von Carters Kollegen aus der Fakultät sprach. Mit dem Mund formte sie die Worte Sollen wir gehen?, und Carter nickte. Er nahm einen letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf den Tisch. »Ich sehe Sie morgen«, sagte er zu Katie. Sie saß in seiner Frühvorlesung.

Doch auf dem halben Weg die Treppe hinunter lauerte ihm Bills Frau, oder besser gesagt Witwe, auf. »Ich hasse es, das zu fragen«, sagte sie, »aber hätten Sie vielleicht noch Zeit, mit zum Trauergottesdienst zu kommen?«

Carter war sich nicht sicher, wovon sie sprach – war er nicht gerade bei einer Trauerfeier?

»Die eigentliche Beerdigung«, sagte sie. »Sie findet in einer halben Stunde statt und wird nicht länger als fünfzehn Minuten dauern.«

Beth murmelte Carter zu: »Ich muss zurück zur Galerie, oder Raleigh bringt mich um.«

»Ich verstehe«, sagte Suzanne ernst zu ihr, »und vielen Dank, dass Sie gekommen sind.« Dann wandte sie sich erneut an Carter. »Aber Bills Familie war von Ihrer Rede so gerührt. Ich weiß, dass es ihnen eine Menge bedeuten würde, wenn Sie dabei wären. Sie könnten mit uns zum Friedhof fahren.«

Sie deutete auf eine Mietlimousine, die bereits am Straßenrand wartete.

Carter fühlte sich in der Falle. Wie sollte er so eine Bitte abschlagen?

Beth beantwortete die Frage für ihn. »Wir sehen uns dann zu Hause«, sagte sie. »Ich bin gegen halb acht wieder da.«

Während Beth die Straße überquerte, um ein Taxi heranzuwinken, das sie zur Galerie bringen würde, wurde Carter genötigt, zu Suzanne und Bills Eltern in die wartende Limousine zu steigen. Erst als er eingekeilt auf der Rückbank saß und der Wagen anfuhr, fragte er sich, wo der Friedhof sich wohl befand. Sein Herz sank, als Bills Dad davon erzählte, wie es war, als Bill in Forest Hill aufgewachsen war. Dort hatte er Autofahren gelernt, auf den ruhigen Straßen des örtlichen Friedhofs. Als der Fahrer der Limousine den Midtown Tunnel ansteuerte, fand Carter sich damit ab, dass er nach Queens, irgendwohin weit draußen unterwegs war.

Die Fahrt dauerte gar nicht so lange, aber Carter kam es vor wie eine Ewigkeit. Schließlich passierten sie das Tor des Greenlawn Friedhofs und fuhren zu einer offenen Grabstelle, die zwischen diversen anderen bereits belegten Gräbern eingezwängt war. Carter konnte es kaum abwarten, von der Rückbank zu kriechen, sich zu strecken und die frische Luft zu atmen. Obwohl er sich auf einem Friedhof befand.

Ein paar Wagen hielten hinter ihnen an, und Leute vom Bestattungsinstitut stiegen aus. Carter wusste nicht, wie viele dieser Beileidsbekundungen er noch ertrug, und entfernte sich ein paar Schritte, um Kopf und Lungen freizubekommen. Der Boden war festgestampft, und das Gras, das noch übrig war, war braun und verkümmert. Bei flüchtiger Musterung schienen die Grabsteine allesamt irische oder italienische Familiennamen zu tragen, manche hatten Sterbedaten vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Auf einer kleinen Anhöhe blieb er stehen und sah sich um. Kilometerweit erstreckte sich der Friedhof in alle Richtungen. Hier und dort standen verstreut ein paar schwarze Bäume, deren nackte Zweige verloren über marmornen Mausoleen hingen. Nicht weit von ihm entfernt legte eine ältere Frau einen Kranz auf einem Grabstein nieder. Im Licht der späten Nachmittagssonne hob sich in der Ferne eine hochgewachsene Gestalt mit rotem Mantel vom Horizont ab. Sie verschwand hinter einem massiven Grabstein, auf dem ein trompetender Engel stand. Der Wind seufzte, hob das tote Laub an und blies es gegen Carters Beine.