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Ein Diener führte uns an unsere Tische. Der König und die Prinzessin blieben auf ihrem Thron auf der anderen Seite des Raumes sitzen. Das Essen wurde aufgetragen. Es war reichlich, doch ich hatte keinen Appetit und schielte immer wieder hinüber zur Prinzessin. Hatte sie mich vergessen? Sollte ich mich ihr in Erinnerung rufen?

Aber dann stand sie plötzlich auf und richtete den Blick auf unseren Tisch. »Fremder vom Pelion«, rief sie, »du wirst nie wieder sagen können, nichts von Deidameias Tänzerinnen gehört zu haben.« Mit ihrer reifgeschmückten Hand winkte sie eine Gruppe von Frauen herbei, zwölf an der Zahl. Sie hatten die Haare verhüllt und mit einem Tuch nach hinten zusammengebunden, tuschelten miteinander und nahmen in der Mitte des Raums Aufstellung, die, wie ich jetzt erkannte, als Tanzboden diente. Ein paar Männer holten Flöten, Trommeln und eine Leier hervor. Deidameia schien nicht darauf zu warten, dass ich antwortete; es kümmerte sie anscheinend nicht, ob ich sie überhaupt gehört hatte. Sie stieg von ihrem Podest herab, trat auf die Frauen zu und wählte eine der größeren von ihnen zur Tanzpartnerin.

Musik setzte ein. Der Tanz bestand aus einer verwirrenden Folge von Schritten, die die jungen Frauen mit Anmut beherrschten. Ich war wider Willen beeindruckt. Die Kleider flogen, der Schmuck an Hand- und Fußgelenken klirrte. Im Kreis wirbelnd, warfen sie wie feurige Pferde die Köpfe in den Nacken.

Deidameia war natürlich die schönste. Mit ihrem goldenen Reif, den offenen Haaren und zierlich winkenden Händen zog sie alle Blicke auf sich. Ihr Gesicht war gerötet vor Vergnügen, und ich hatte den Eindruck, als erstrahlte sie in hellem Licht. Sie lächelte ihrer Partnerin zu, schien ihr fast schöne Augen zu machen. Mal wich sie vor ihr zurück, mal glitt sie ganz nah an sie heran, als wollte sie sich an sie schmiegen. Neugierig geworden, versuchte ich die Frau, mit der sie tanzte, ins Auge zu fassen, doch die anderen versperrten mir den Blick.

Die Musik verstummte, der Tanz war zu Ende. Deidameia ließ die Frauen in einer Reihe Aufstellung nehmen, um Beifall zu empfangen. Ihre Partnerin stand mit gesenktem Haupt neben ihr, deutete wie die anderen einen Knicks an und hob schließlich den Kopf.

Unwillkürlich löste sich ein Laut aus meiner Kehle. Es war so still geworden, dass ihn alle hörten. Die jungen Frauen schauten mich an.

Im Folgenden geschahen mehrere Dinge auf einmal. Achill – es war tatsächlich Achill – ließ Deidameias Hand fallen, sprang freudig auf mich zu und warf sich mir mit solcher Wucht um den Hals, dass ich fast rücklings zu Boden gestürzt wäre. Deidameia schrie »Pyrrha!« und brach in Tränen aus. Lykomedes, der weniger altersschwach war, als es mir seine Tochter weiszumachen versucht hatte, stand auf.

»Pyrrha!«, schrie sie wieder. »Was hat das zu bedeuten?«

Ich hörte kaum hin. Achill und ich lagen uns in den Armen, schwindelnd vor Erleichterung.

»Meine Mutter«, flüsterte er, »sie –«

»Pyrrha!« Diesmal war es Lykomedes, dessen Stimme über das Schluchzen seiner Tochter hinweg durch den Raum schallte. Er rief Achill, wie ich erst jetzt bemerkte. Pyrrha. Feuerschopf.

Achill nahm keine Notiz von ihm. Deidameia klagte umso lauter, worauf der König alle Höflinge, Männer wie Frauen, aufforderte, die Halle zu verlassen. Widerwillig gehorchten sie und schauten im Hinausgehen immer wieder zurück.

Lykomedes kam auf uns zu. Ich sah ihm zum ersten Mal in die Augen, die überraschend scharf blitzten. Seine Haut war gelblich, und der graue Bart hing ihm wie ein schmutziges Vlies vom Gesicht. »Wer ist dieser Mann, Phyrrha?«

»Ein Niemand!«, fuhr Deidameia dazwischen. Sie hatte Achills Arm ergriffen und versuchte, ihn wegzuzerren.

Achill aber blieb ungerührt und antwortete gelassen: »Mein Mann.«

Ich schloss meine Lippen, um nicht auszusehen wie ein nach Luft schnappender Fisch.

»Nein, das kann nicht wahr sein!«, schrie Deidameia und schreckte mit ihrer Stimme die im Gebälk nistenden Vögel auf. Federn schwebten von der Decke herab. Vielleicht hätte sie noch mehr gesagt, sie weinte jedoch so heftig, dass sie nicht mehr sprechen konnte.

Lykomedes wandte sich mir zu, als suchte er Zuflucht im Gespräch von Mann zu Mann. »Ist das wahr?«

Achill drückte meine Hand.

»Ja«, antwortete ich.

»Nein!«, kreischte die Prinzessin.

Achill achtete nicht darauf, dass sie an seinem Arm zerrte, und verneigte sich höflich vor Lykomedes. »Mein Mann ist gekommen, um mich abzuholen. Wir werden deinen Hof nun verlassen. Danke für deine Gastlichkeit.« Achill deutete einen Knicks an. Mir fiel auf, dass er diese Bewegung sehr anmutig vollführte.

Lykomedes hob wie zur Abwehr die Hand. »Wir werden zuerst deine Mutter fragen müssen, ob sie einverstanden ist. Sie hat dich mir anvertraut. Weiß sie, dass du einen Gatten hast?«

»Nein!«, kreischte Deidameia wieder.

»Tochter!« Lykomedes verzog die Miene auf ganz ähnliche Weise wie sie. »Benimm dich und lass endlich Pyrrha los!«

Ihr Gesicht war fleckig und tränennass. Ihre Brust ging keuchend auf und ab. Sie wandte sich an Achill. »Lügner! Du hast mich betrogen. Monstrum! Apathes!« Herzloser.

Lykomedes erstarrte. Achills Finger schlossen sich noch fester um meine Hand. Ihre Wortwahl musste nun auch für den König Pyrrhas wahres Geschlecht enthüllen.

»Was soll das heißen?«, fragte Lykomedes bedrohlich langsam.

Deidameia war plötzlich kreidebleich geworden. Doch trotzig hob sie ihr Kinn, und ihre Stimme zitterte nicht.

»Er ist ein Mann«, sagte sie. Und dann: »Wir sind verheiratet.«

»Was?« Lykomedes griff sich an den Hals.

In mir krampfte sich alles zusammen. Achills Hand war das Einzige, was mir noch Halt gab.

»Tu das nicht«, sagte Achill zu ihr. »Bitte.«

Sie schien noch mehr in Wut zu geraten. »Oh doch!« Und an ihren Vater gerichtet: »Du bist ein Narr. Ich bin die Einzige, die es wusste, von Anfang an.« Sie schlug sich vor die Brust. »Und jetzt werde ich es allen sagen. Achill!« Sie schrie, als wollte sie den Namen durch die steinernen Mauern schleudern, bis hin zu den Göttern. »Achill! Ich sage es allen!«

»Das wirst du nicht tun.« Die Worte waren kalt und messerscharf und durchschnitten die Schreie der Prinzessin mit Leichtigkeit.

Ich kenne diese Stimme. Ich drehte mich um.

Auf der Schwelle stand Thetis. Ihr Gesicht glühte weiß-blau wie eine Flamme über dem Docht einer Kerze und ließ die Augen umso schwärzer erscheinen. Sie war größer, als ich sie je gesehen hatte. Die Haare glänzten wie immer. Sie trug ein wunderschönes Gewand, wirkte aber dennoch so wild, als tobte ein unsichtbarer Sturm um sie herum. Sie sah aus wie eine jener Erinnyen, jener Rachegöttinnen, die die Menschen mit Vergeltung strafen. Ich hatte den Eindruck, als würde sich mir die Kopfhaut vom Schädel lösen, und sogar Deidameia verstummte.

Wir standen da und starrten sie an. Plötzlich hob Achill die Hand und lüftete den Schleier von den Haaren. Dann riss er sein Gewand auf und entblößte seine Brust. Sie schimmerte golden im flackernden Feuerschein.

»Es reicht, Mutter«, sagte er.

Ihre Miene zuckte wie unter Krämpfen. Ich fürchtete schon, sie würde über ihn herfallen. Stattdessen aber fixierte sie ihn nur aus diesen kalten schwarzen Augen.

Achill wandte sich an Lykomedes. »Meine Mutter und ich haben dich getäuscht. Ich bitte dich dafür um Entschuldigung. Ich bin Prinz Achill, Sohn des Peleus. Sie wollte verhindern, dass ich in den Krieg ziehe, und hat mich hier als eine deiner Pflegetöchter versteckt.«

Lykomedes schluckte und schwieg.

»Wir werden jetzt aufbrechen«, erklärte Achill.