In unseren Geschichten heißt es, dass Götter die Macht haben, den Mond in seinem Lauf aufzuhalten und eine Nacht beliebig lang sein zu lassen, wenn sie es wünschen. Es musste eine solcher Nächte gewesen sein, denn sie schien nicht enden zu wollen. Wir holten nach, was wir in den Wochen der Trennung hatten missen müssen, und erst als schon der Morgen graute, erinnerte ich mich wieder an das, was Achill zu Lykomedes gesagt hatte. Es war über Deidameias Schwangerschaft und die Freude über unser Wiedersehen in Vergessenheit geraten.
»Deine Mutter hat dich versteckt, weil sie dir den Krieg ersparen will?«
Er nickte. »Sie will nicht, dass ich nach Troja ziehe.«
»Warum nicht?« Ich hatte immer geglaubt, sie wollte ihn als kämpfenden Helden sehen.
»Ich weiß es nicht. Sie sagt, ich sei zu jung. Noch nicht, sagt sie.«
»Und es war ihre Idee –« Ich deutete auf sein Kleid.
»Natürlich. Freiwillig hätte ich es nicht getragen.« Er verzog das Gesicht und zerrte an den Haaren, die zu Locken gewickelt waren. Er schien sich ein wenig dafür zu schämen, obwohl ihm eigentlich auch solche Gefühle fremd waren. »Sobald das Heer in Marsch gesetzt ist, bin ich wieder frei.«
Ich hatte Mühe, seinen Gedanken zu folgen.
»Es ist also nicht wegen mir? Dass sie dich entführt hat?«
»Ich glaube, wegen dir hat sie die Sache mit Deidameia eingefädelt.« Er starrte auf seine Hände. »Aber alles andere hat mit diesem Krieg zu tun.«
Dreizehntes Kapitel
Die nächsten Tage verliefen ruhig. Wir frühstückten in unserer Kammer, erkundeten die Insel und suchten den Schatten der wenigen schütteren Bäume. Wir mussten vorsichtig sein. Achill durfte nicht allzu schnell laufen, nicht zu geschickt klettern oder einen Speer halten. Aber zum Glück folgte uns niemand, und wir fanden geschützte Stellen, an denen er seine Verkleidung ablegen konnte.
Am äußeren Rand der Insel gab es einen verlassenen Strand, der zwar voller Geröll, aber doppelt so lang wie unsere gewohnte Laufstrecke in Phthia war. Achill stieß einen Freudenschrei aus, als wir ihn entdeckten, und riss sich sein Gewand vom Leib. Ich sah ihn laufen, so schnell wie auf ebenem Boden. »Zähl mit«, rief er mir über die Schulter hinweg zu, und ich tippte im Takt mit dem Fuß in den Sand.
»Wie viel?«, rief er, am Ende der Strecke angelangt.
»Dreizehn«, antwortete ich.
»Ich habe mich bloß aufgewärmt«, erwiderte er.
Beim nächsten Mal waren es elf und bei seinem letzten Versuch schließlich neun. Er nahm neben mir Platz und schien kaum außer Atem zu sein. Seine Wangen waren vor Freude gerötet. Er hatte mir von seinen Tagen als Frau erzählt, den langen Stunden erzwungener Langeweile, unterbrochen nur von Tänzen. Endlich frei, reckte er sich nun wie die Bergkatzen des Pelion, voller Spannkraft und Lebenslust.
Abends mussten wir zurück in die große Halle. Widerwillig zog er sich dann das Kleid an und glättete die Haare. Meist wickelte er ein Tuch um den Kopf, denn mit seinen goldenen Haaren wäre er unweigerlich den Seeleuten und Händlern aufgefallen, die den Hafen erreichten. Wenn deren Berichte Leute erreichten, die zwei und zwei zusammenzuzählen wussten – ich mochte mir die Folgen nicht ausmalen.
In der Nähe der Throne stand unser Tisch. Dort nahmen wir bei den Mahlzeiten zu viert Platz: Lykomedes, Deidameia, Achill und ich. Manchmal gesellten sich auch ein oder zwei Berater zu uns. Wir aßen meist schweigend und wahrten die Form, wonach Achill als meine Frau und Mündel des Königs auftrat. Deidameia suchte immer wieder seine Blicke, doch er sah sie nicht an. »Guten Abend«, sagte er immer mit mädchenhafter Stimme, wenn wir uns an den Tisch setzten, mehr nicht. Seine Gleichgültigkeit ihr gegenüber war greifbar, und ich sah, wie sich in ihrem hübschen Gesicht Scham, Verletztheit und Wut spiegelten. Häufig warf sie einen Blick auf ihren Vater in der Hoffnung, er möge ein Wort für sie einlegen. Doch Lykomedes aß schweigend weiter und tat nichts dergleichen.
Manchmal bemerkte sie, dass ich sie beobachtete. Dann wurde ihre Miene hart, und ihre Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch, als wollte sie Böses abwehren, das ich ihr, so schien sie zu glauben, wünschte. Vielleicht vermutete sie auch, ich würde mich über sie lustig machen und meinen Triumph auskosten. Oder sie dachte, ich würde sie hassen. Sie ahnte nicht, wie oft ich geneigt war, Achill zu bitten, ihr gegenüber ein bisschen freundlicher zu sein. Du solltest sie nicht so demütigen, dachte ich. Doch es mangelte ihm nicht an Freundlichkeit, sondern an Interesse. Seine Augen gingen über sie hinweg, als wäre sie gar nicht anwesend.
Einmal versuchte sie ihn anzusprechen, wobei ihre Stimme voller Hoffnung zitterte.
»Geht es dir gut, Pyrrha?«
Er aß weiter, manierlich wie immer. Wir hatten uns vorgenommen, nach dem Essen hinauszugehen und beim Mondlicht mit Speeren zu fischen. Es drängte ihn, aufzubrechen. Ich stieß ihn unter der Tischplatte an.
»Was ist?«, fragte er mich.
»Die Prinzessin fragt, ob es dir gut geht.«
»Oh.« Er sah sie flüchtig an, richtete dann den Blick zurück auf mich und sagte: »Ja, es geht mir gut.«
Die Tage vergingen. Achill stand früh auf, um noch vor Sonnenaufgang in einem entlegenen Hain, wo wir Waffen versteckt hatten, mit seinen Übungen zu beginnen. Anschließend kehrte er als Frau zur Burg zurück. Manchmal besuchte er auch seine Mutter. Dann saß er wartend auf einem Felsvorsprung am Meer und ließ die Füße ins Wasser baumeln.
Eines Morgens – Achill war schon fort – klopfte es laut an der Kammertür.
»Ja?«, rief ich, worauf zwei Wachen eintraten. Sie trugen Speere und nahmen Haltung an. Ich fand es fast seltsam, sie ohne ihre Würfel zu sehen.
»Du kommst mit uns«, sagte einer der beiden.
»Warum?« Ich lag noch im Bett und war benommen vom Schlaf.
»Die Prinzessin will es so.« Sie nahmen mich zwischen sich und zogen mich an den Armen zur Tür. Als ich zu protestieren versuchte, rückte mir einer der beiden ganz nah ans Gesicht heran und sagte: »Es wäre besser, du verhältst dich ruhig.« Und als wollte er mir Angst machen, strich er mit dem Daumen über die Spitze seines Speers.
Dass sie mir Gewalt antun würden, war nicht zu befürchten, aber ich wollte nicht, dass sie mich durch die Flure schleiften. »Na schön«, sagte ich und ging freiwillig mit.
Sie führten mich durch schmale Gänge, die ich nie zuvor betreten hatte. Wir befanden uns im Quartier der Frauen, einem Bienenstock aus engen Zellen, in denen Deidameias Pflegeschwestern untergebracht waren. Hinter verschlossenen Türen hörte ich Gelächter und das endlose Hin und Her von Weberschiffchen. Von Achill wusste ich, dass die Sonne hier nicht in die Fenster schien und auch kein Lüftchen in den Kammern wehte. Er hatte über einen Monat in ihnen zugebracht, was ich mir kaum vorstellen konnte.
Wir gelangten zu einer großen Tür, die aus edlerem Holz war als die anderen. Eine der Wachen klopfte an, öffnete sie und schob mich über die Schwelle. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss.
Deidameia saß in züchtiger Haltung auf einem lederbezogenen Stuhl und musterte mich. Neben ihr stand ein Tisch, ein kleiner Schemel zu ihren Füßen. Ansonsten war der Raum leer.
Anscheinend wusste sie, dass Achill nicht im Haus war. Sie hat es geplant, dachte ich.
Weil es keine Sitzmöglichkeit für mich gab, blieb ich stehen. Der Steinboden war kalt unter meinen bloßen Füßen. Ich sah eine zweite, kleinere Tür, die, wie ich vermutete, zu ihrer Schlafkammer führte.
Sie beobachtete mich mit wachem Blick. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Du wolltest mich sprechen.«
Sie ließ ein kleines, verächtliches Schnauben verlauten. »Ja, Patroklos, so ist es.«
Ich wartete, doch sie schwieg, musterte mich bloß und tippte mit einem Finger auf die Armlehne. Ihr Kleid saß lockerer als sonst und war, im Unterschied zu den Kleidern, in denen ich sie üblicherweise sah, in der Mitte nicht gerafft. Ihre Haare fielen frei herab und wurden nur von zwei elfenbeinernen Kämmen an den Schläfen zurückgehalten. Sie neigte ihren Kopf zur Seite und lächelte mich an.