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»Sonderbar, du bist nicht einmal hübsch, siehst vielmehr recht gewöhnlich aus.«

Wie ihr Vater hatte auch sie die Art, längere Pausen einzulegen, als erwartete sie eine Entgegnung. Ich spürte, dass mir das Gesicht rot anlief, und räusperte mich, um etwas zu sagen.

»Du sprichst erst, wenn ich es dir erlaube«, kam sie mir zuvor und ließ genügend Zeit verstreichen, um sicherzugehen, dass ich gehorchte. »Ja, wirklich sonderbar. Schau dich an.« Sie stand auf und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. »Du hast einen viel zu kurzen Hals, und deine Brust ist so mager wie die eines Knaben.« Sie zeigte mit dem Finger auf mich. »Und dieses Gesicht.« Sie schien sich zu ekeln. »Scheußlich. Meine Tänzerinnen sind ganz meiner Meinung. Selbst mein Vater stimmt mir zu.« Ihre hübschen roten Lippen teilten sich und zeigten strahlend weiße Zähne. So nahe hatte ich sie noch nie vor mir gesehen. Ich konnte ihren Duft wahrnehmen, der so süß war wie der einer Akanthusblüte. Aus der Nähe betrachtet, hatte das Schwarz ihrer Haare einen dunkelbraun schimmernden Stich.

»Und? Was sagst du dazu?« Sie stemmte die Hände in die Hüften.

»Du hast mir noch nicht erlaubt zu sprechen«, entgegnete ich.

Sie reagierte sichtlich verärgert. »Sei kein Narr«, blaffte sie mich an.

»Ich wollte nicht –«

Sie schlug mich. Ihre Hand war klein, aber überraschend kräftig. Mein Kopf flog zur Seite. Die Haut brannte, und die Oberlippe tat empfindlich weh, denn dort hatte sie mich mit ihrem Ring gestreift. Ich war seit meiner Kindheit nicht mehr so behandelt worden. Knaben wurden gewöhnlich nicht geschlagen, es sei denn, ein Vater wollte damit seine Verachtung zum Ausdruck bringen. So wie meiner früher. Ich war erschüttert und sprachlos.

Sie fletschte ihre Zähne, wie um mich davor zu warnen, ja nicht zurückzuschlagen. Als sie sah, dass ich sie nicht antasten würde, verzog sie das Gesicht zu einer Miene des Triumphes. »Feigling. Du bist so feige wie hässlich. Und ein Schwachkopf, wie man hört. Ich kann es nicht begreifen. Es ergibt keinen Sinn, dass er –« Sie brach abrupt ab, und ihr Mundwinkel hing herab, als hätte sich ein Fischerhaken darin verfangen. Sie kehrte mir den Rücken zu und war still. Das Schweigen zog sich hin. Ich hörte sie langsam ein- und ausatmen, um zu verbergen, dass sie weinte. Ich kannte den Trick, hatte ihn selbst häufig genug benutzt.

»Ich hasse dich«, sagte sie, doch ihre Stimme war belegt und ohne Kraft. Mich überkam Mitleid; es kühlte meine heißen Wangen. Ich erinnerte mich, wie schwer Gleichgültigkeit zu ertragen war.

Sie schluckte, fuhr mit der Hand ans Gesicht und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich werde morgen abreisen«, sagte sie. »Du wirst dich darüber wohl freuen. Mein Vater will, dass ich vor meiner Niederkunft nicht mehr gesehen werde, und bevor bekannt gegeben wird, dass ich vermählt bin.«

Ich hörte ihrer Stimme die Bitterkeit an, die sie zu empfinden schien. Sie würde irgendwo an der Landesgrenze ein kleines Haus beziehen, auf die Gesellschaft ihrer Freundinnen verzichten müssen und mit ihrem schwellenden Bauch und einer Sklavin allein sein.

»Es tut mir leid«, sagte ich.

Sie antwortete nicht. Ich sah ihre Schultern unter dem weißen Gewand sich seufzend heben und senken und war geneigt, auf sie zuzutreten und ihr tröstend mit der Hand über die Haare zu streichen. Doch meine Berührung wäre für sie kein Trost. Ich hielt mich zurück.

Wir standen eine Weile unschlüssig da. Ihre Atemgeräusche füllten die Kammer. Als sie sich zu mir umdrehte, war ihr Gesicht vom Weinen gerötet.

»Achill beachtet mich nicht.« Ihre Stimme zitterte ein wenig. »Obwohl ich sein Kind in mir trage und seine Frau bin. Kannst du dir das … erklären?«

So fragte eigentlich nur ein Kind, das wissen wollte, warum es regnete oder warum das Meer nie still stünde. Ich kam mir älter und reifer vor als sie, obwohl ich es nicht war.

»Nein«, antwortete ich.

Sie verzog das Gesicht. »Lügner! Du bist der Grund. Er wird mit dir gehen und mich verlassen.«

Ich wusste, wie es sich anfühlte, allein zu sein, kannte den bohrenden Schmerz, den einem das Glück anderer versetzte, wenn man selbst Kummer litt. Doch es gab nichts, was ich für sie hätte tun können.

»Ich sollte besser gehen«, sagte ich leise und möglichst schonend.

»Nein!« Sie sprang zur Tür und verstellte mir den Weg. »Du gehst nicht«, platzte es aus ihr heraus. »Falls du es wagst, rufe ich die Wachen. Ich … ich werde behaupten, du wärst über mich hergefallen.«

Mein Mitgefühl mit ihr drückte mich nieder. Selbst wenn sie die Wachen riefe, selbst wenn sie ihr glauben würden, wäre ihr nicht geholfen. Ich war Achills Gefährte und somit unverwundbar.

Anscheinend zeigte sich in meiner Miene, was ich dachte. Sie schreckte zurück wie von einer Wespe gestochen und geriet wieder in Aufruhr.

»Es hat dich verletzt, dass er mich zur Frau genommen und mir beigewohnt hat. Du warst eifersüchtig, und das zu Recht.« Sie hob ihr Kinn, wie es ihre Art war. »Er hat mir mehr als einmal beigewohnt.«

Zweimal. Achill hatte es mir gesagt. Sie glaubte, einen Keil zwischen uns treiben zu können, doch das würde ihr nie gelingen.

»Es tut mir leid«, wiederholte ich, weil ich nichts anderes zu sagen wusste. Er liebte sie nicht, würde sie nie lieben.

Sie verzerrte das Gesicht, als hätte sie meine Gedanken gehört. Tränen tropften zu Boden und färbten die grauen Steinplatten schwarz.

»Lass mich deinen Vater holen«, sagte ich. »Oder eine deiner Freundinnen.«

Sie blickte zu mir auf. »Bitte –«, flüsterte sie. »Bitte, bleib, geh nicht.«

Sie zitterte wie ein gerade erst geborenes Lebewesen. Bislang hatte sie ihren Kummer verbergen können, zumal immer jemand in der Nähe gewesen war, der ihr Trost spendete. Aber jetzt und hier, zwischen den kahlen Wänden, kannte ihr Schmerz keine Grenzen.

Unwillkürlich trat ich auf sie zu. Sie seufzte wie ein schlafendes Kind und ließ sich dankbar in meine ausgestreckten Arme fallen. Ihre Tränen sickerten durch mein Kleid. Ich umfasste ihre Taille und fühlte die warme, weiche Haut ihrer Arme. Vielleicht hatte er sie genauso gehalten. Doch in diesem Moment schien Achill weit weg zu sein; sein Glanz hatte in dieser grauen, tristen Kammer keinen Platz. Ihr Gesicht drückte sich fiebrig heiß auf meine Brust. Ich sah nur den Wust ihrer vollen dunklen Haare und die bleiche Kopfhaut darunter.

Ihr Schluchzen wurde weniger, und sie schmiegte sich näher an mich. Ich spürte ihre Hand über meinen Rücken streicheln, ihren an mich gepressten Körper. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Dann aber verstand ich.

»Du möchtest das nicht«, sagte ich und versuchte, von ihr abzurücken. Doch sie hielt mich fest.

»Doch, ich möchte es.« Ihr Blick machte mir fast Angst.

»Deidameia.« Ich versuchte, jenen Tonfall anzuschlagen, mit dem ich Peleus zum Einlenken bewegt hatte. »Draußen stehen die Wachen. Du darfst jetzt nicht –«

Sie hatte sich beruhigt und sagte mit fester Stimme: »Sie werden uns nicht stören.«

Ich schluckte. Mein Hals war wie ausgetrocknet. »Achill wird nach mir suchen.«

Sie lächelte traurig. »Hier wird er nicht nachsehen.« Sie ergriff meine Hand. »Komm«, sagte sie und zog mich zur Tür ihrer Schlafkammer.

Auf meine Bitte hin hatte mir Achill von den gemeinsamen Nächten mit Deidameia erzählt, ganz freimütig, denn es gab keine Geheimnisse zwischen uns. Ihr Körper, hatte er gesagt, sei so klein und zart wie der eines Kindes. In Begleitung seiner Mutter war sie eines Nachts zu ihm in die Kammer gekommen und hatte sich zu ihm ins Bett gelegt. Es sei, so Achill, alles sehr schnell gegangen und keiner von ihnen habe ein Wort gesagt. Er zögerte ein wenig, als er ihren Schoß beschrieb. »Er war ganz feucht und glitschig wie Öl.« Als ich ihn drängte, ausführlicher zu werden, schüttelte er den Kopf. »Ich kann mich wirklich nicht gut erinnern. Es war dunkel. Ich konnte nichts sehen und wollte nur, dass es bald vorüber sein würde.« Er streichelte mir über die Wange. »Du hast mir so gefehlt.«